Neueste Artikel

Fahrkarte

Bei Fernweh, Sehnsucht & Reisefieber: in der Nähe bleiben 2015; Teil 1

Als wir unseren Blog in der Nähe bleiben starteten, hatten wir eigentlich nur ein Jahr im Sinn. 12 Kurztrips in Norddeutschland in 12 Monaten; das war der Plan 2014. Inzwischen haben wir bereits das Doppelte erlebt. 2015 neigt sich dem Ende entgegen und wir leiden noch immer unter keinerlei Ermüdungserscheinungen. Ganz im Gegenteil. Das Jahr war so vielfältig und aufregend, dass es nicht in einen Post passt. Daher resümieren wir in zwei Teilen.

Meine Damen und Herren, wir kommen zum ersten Teil des Schnelldurchlaufs unserer nordischen Hitparade 2015 (bitte denken Sie daran, dass manche Orte, immer wieder gewählt werden können, auch wenn sie drei Mal dabei waren.)

Startnummer 1: Sylt im Januar

Immer an den selben Ort zu reisen, scheint ein bisschen aus der Mode gekommen. In Blogs und auch in unseren Kommentaren lesen wir häufig Sätze wie „da war ich früher immer mit meinen Eltern“. Aber so was macht mittlerweile wohl kaum jemand mehr. Oder kaum jemand, der bloggt.

Wir schon. Es hat nämlich durchaus was für sich, dort zu urlauben, wo man alles in- und auswendig kennt. Selbst wenn man nicht so der tradtionelle Typ ist.

An bekannten Orten darf man zum Beispiel mit gutem Gewissen, einfach nur abhängen. Man kennt die Hotspots der Gegend ja eh alle. Der Urlaub wird nicht mit heilsbringenden Erwartungen überfrachtet. Selbst wenn man drei Tage am Stück nicht vor Freude übersprudelt, ist das kein Drama.

 

 

Und wie das mit dem Glücklichsein eben so ist: Wenn man gar keinen Druck mehr spürt, kommt die Zufriedenheit von ganz allein.

Jedenfalls war Sylt im Januar 2015 mal wieder ein super Jahresauftakt. Und wird es hoffentlich auch 2016. Dann bloggen wir bereits zum dritten Mal von unserer Lieblingsinsel. Vielleicht – aber auch nur vielleicht – haben wir danach alle unsere Lieblingsplätze auf diesem Blog erwähnt. Und können uns an ein Best-of machen.

Februar: Es muss nicht immer Norddeutschland sein

Ich korrigiere: Es darf sogar nicht immer nur Norddeutschland sein. Der Blick über den Tellerrand bleibt wichtig, wenn man die eigene Position richtig einordnen möchte. Weil wir trotz Reiseblog auf dem Teppich bleiben wollten, orientierten wir uns an dem, was dem durchschnittlichen Deutschen auf Reisen möglich ist.

Das passt zu mir insofern, als man durchschnittlicher als ich gar nicht sein kann. Ich meine, ich heiße Stefanie, gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen und habe BWL studiert. Fehlte also nur noch die Durchschnittsreise. Die ist den Deutschen gute 12 Urlaubstage wert und etwas mehr als  € 1.000,–. Mit  Tendenz zu mehreren kurzen Reisen anstelle einer vierzehntägigen.

 

 

Und genauso haben wir es 2015 gemacht. Los gings mit einem Kurztrip nach Malmø, was praktischerweise immer gleich einen Aufenthalt in Kopenhagen inkludiert.

März: Der Norden im Westen

Weil wir noch ordentlich Luft im Budget hatten, arbeiteten wir im März gleich weiter an unserem Titel als Durchschnittsreisende. Dies geschah in Nordengland. Kurz vor der schottischen Grenze liegt der Lake District; landschaftlich das Harmonischste, was wir je gesehen haben.

 

 

Der Vollständigkeit halber: ein Freund von uns hat den Lake District ganz anders erlebt. Nämlich als Touristenhölle. Vor Saisonbeginn (Ostern) ist das aber nicht so. Zwar gehts lebendig zu in den Bilderbuch-Städtchen und Dörfern, aber in der Natur trifft man echt nicht oft jemanden. Der März ist in England übrigens viel, viel, viel milder als in Deutschland. (Außerdem bezahlbar). Ein Abstecher ans Meer, besonders nach Blackpool, lohnt unbedingt!

Alte Liebe Blackpool

Alte Liebe Blackpool

Übrigens hatten wir danach immer noch Zeit und Euros übrig. Dazu mehr im zweiten Teil des Jahresrückblicks.

April: Zurück in die Nähe

Eine Freundin machte uns neulich darauf aufmerksam, dass ziemlich viele unserer Reiseziele nur mit dem Auto zu erreichen sind. Stimmt. Dabei liebe ich das Wandern. Dennoch habe ich es 2015 nur auf 4 Wanderungen gebracht.

Im April lief ich (Volko setzt da meistens aus) von Wedel zu den Landungsbrücken, die 1. Etappe des Heidschnuckenwegs, von Timmendorf nach Travemünde und von Eppendorf nach Wellingsbüttel.

 

 

Von solchen wunderbaren Tagen hätte ich 2016 gern mehr. Erster guter Vorsatz fürs neue Jahr: Langsamer reisen. Bei guten Vorsätzen ist bekanntlich Verbindlichkeit der große Trick. Daher habe ich bereits eine feste Verabredung zum Wandern getroffen. 2016 (watt)wandere ich mit einer Freundin von Cuxhaven nach Neuwerk. Freu mich jetzt schon wie Bolle.

Mai: Heimaturlaub

Aus den handelsüblichen Gründen überkommen mich dort, wo ich herkomme, nicht nur leichte Gefühle. Aber natürlich bin ich längst in dem Alter, in dem man das Vergangene nicht mehr überbetonen sollte.

Meine Heimat – Angeln – ist nicht nur wunderschön, sondern auch voller witziger Kindheitserinnerungen und Teil meiner Identität. Urlaub, da wo man herkommt? Ich kanns nur empfehlen.

 

Wer noch zweifelt, den kann vielleicht ein Beispiel aus der Anleitung zum Unglücklichsein überzeugen. Dort beschreibt Watzlawick einen Mann, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Auf den Hinweis, es gebe hier doch gar keine Elefanten, antwortet der Mann: „Na, also! Sehen Sie?“ Damit wollte Watzlawick zeigen, dass der konsequente Versuch, ein Problem zu vermeiden – hier: die Konfrontation mit Elefanten – es in Wirklichkeit verewigt.

Was der Mai sonst noch brachte: Unseren meistgeklickten Artikel seit wir bloggen. Die Grashüpferinsel Lühesand. (Er wurde später übertroffen. Das dann im zweiten Teil.)

Transport Luehesand

 

Juni: Massenweise unterschätzte Schätze in der Nähe

Bleiben wir beim Thema Heimat. Enorm viele Reiseblogger schreiben, sie kämen aus einer Gegend, in der andere Urlaub machen. Denkt man eine Weile darüber nach, wird einem klar: Ist wirklich so. Beinahe ganz Deutschland ist Feriengebiet. Beinahe alles der Reise wert. So auch Heiligenhafen, das mich zwar nie gereizt, aber dafür umso mehr überrascht hat. Besonders die Halbinsel Graswarder ist fast zu schön um wahr zu sein.

 

 

Apropos überrascht: Die meisten Leute freuen sich ja wie verrückt, wenn man einen Ausflug für sie plant. Eine Tagestour oder -wanderung ist ein super Geschenk und auch für Leute mit ganz kleinem Portemonnaie erschwinglich. Dies nur als kleiner Tipp, falls jemand noch nicht alle Weihnachtsgeschenke beisammen hat.

Noch schöner als in der Nähe bleiben, ist nämlich zusammen in der Nähe zu bleiben. Und davon gibs dann im zweiten Teil unseres Jahresrückblicks noch viel mehr.

Museum Kunst der Westküste: Das Meer zwischen Bergen und Bergen

Wer auf eine Insel reist, will Meer. Wer auf eine nordfriesische Insel reist, will zudem Wetter. Will Sonne. Regen. Wind. Nebel. Niesel. Graupelschauer. Kaum eine Witterung kann Liebhaber der Nordsee von ihren ewig langen Spaziergängen abhalten.

Nur manchmal, wenn ein Orkan über das Wattenmeer braust, wenn die Wogen hochgehen und Sandkörner zu Geschossen werden, muss man sich eben doch geschlagen geben. Und das Meer sich selbst überlassen – ein Sturmlied lang.

 

 

Auf Amrum oder Sylt geht man dann fein essen oder zieht sich in sein Friesenhäuschen zurück. Auf Föhr hält man sich an die Kunst. Denn auf Föhr heißt es: Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur schlechte Museen.

 

Das Museum Kunst der Westküste

 

Obwohl wir Hamburger sind, mögen wir der Sache mit der schönsten Stadt der Welt nie so ganz zustimmen. Wir finden, Hamburg könnte vielleicht die schönste Stadt Norddeutschlands sein – wenn die Hansestädter ein bisschen mehr für die schönen Künste locker machen würden.

Aber so wie die Dinge liegen, ist der schönste Ort des Nordens Alkersum auf Föhr mit seinem ausgezeichneten Museum Kunst der Westküste.

 

Museum Kunst der Westkueste

 

Volkos erster Satz, als wir vom Foyer in den romantischen Innenhof schauen: Hier siehts aus wie in Lousiana (gemeint ist das Kunstmuseum Lousiana in Humblebæk – und ein höheres Lob hat Volko nicht zu vergeben.)

 

Der Alkersum-Effekt

 

Grethjens Gasthof

Im Grunde ist es natürlich seltsam, ein Kunstmuseum in einer 400-Seelen-Gemeinde zu eröffnen. Noch dazu auf einer Insel, die ausschließlich über den Seeweg zu erreichen ist. Aber Kunst hat in Alkersum Tradition.

Das war schon zu Margarethe „Grethjen“ Hansens Zeiten so. Bereits um die Jahrhundertwende trafen sich in ihrem Gasthof Insulaner und Künstler wie der Berliner Secessionsmaler Otto H. Engel

An diese Tradition knüpft das Team des Museum Kunst der Westküste seit einigen Jahren erfolgreich an. Grethjen zu Ehren wird die Musuemsgastronomie unter dem Namen Grethjens Gasthof betrieben. Sie ist das Herzstück des anspruchsvollen Gebäude-Ensembles. Die Besucherzahlen sind prima. Inzwischen kommen immer mehr Gäste extra für den Museumsbesuch auf die Insel (was eine sehr, sehr gute Idee ist).

Und dass auch die Föhrer das Haus als „ihr Museum“ angenommen haben, freut Direktorin Prof. Dr. Ulrike Wolf-Thomsen besonders.

 

 

Überhaupt kommt Ulrike Wolf-Thomsen ziemlich vergnügt daher, während sie uns durch die drei aktuellen Ausstellungen führt. Scheint kein schlechter Job zu sein, so ein Museum zu leiten.

Man ist den ganzen Tag von prächtigen Dingen umgeben. Und wenn einen irgendwo im Rest der Welt etwas schwer beeindruckt, holt man es sich einfach ins Haus. So geschehen mit den großformatigen Werken des Fotografen Denis Rouvre.

 

Low Tide

Achtung Hamburger: 2016 beehrt uns das MKdW mit der Art-Space-Show „Low Tide“ in der Staatsoper

Low Tide – Japan nach dem Tsunami

 

Die Idee zur Ausstellung Low Tide entwickelte Ulrike Wolf-Thomsen, als sie in einer Berliner Buchhandlung auf den Bildband des Fotografen Denis Rouvre stieß. Im Museum Kunst der Westküste wird die mit dem World Press Photo Award ausgezeichnete Serie erstmalig in Deutschland gezeigt.

„Das Meer bedeckt nun den Ort an dem ich lebte“

Es ist schon ein spezielles Gefühl ausgerechnet auf einer Insel in die Gesichter der Menschen zu blicken, deren Leben, Träume, Ziele durch den Tsunami zerstört wurden. Da kommt man ins Denken. Ins Mitfühlen. Und erkennt die Zerbrechlichkeit des Lebens am Meer.

Das passt zum Hauptanliegen des Museum Kunst der Westküste: Die (künstlerische) Auseinandersetzung mit dem Meer; mit seiner Schönheit aber auch Urgewalt.

Das Meer im Museum Kunst der Westküste

 

MKdW Alkersum

 

Zufällig trifft uns das Museum Kunst der Westküste mitten ins Herz. Oder wo immer der Sinn für Kunst auch liegt.

Die Gemäldesammlung folgt der nordischen Westküste von Bergen in Norwegen bis Bergen in den Niederlanden. Speziell dem Zeitraum von 1830 bis 1930 fühlt sich das Haus verpflichtet. Was nicht heißt, dass zeitgenössische Positionen zu kurz kämen.

Ulrike Wolf-Thomsen, schätzt die Irritationen, die manches moderne Werk auslöst. Ein Tisch als Meer, eine nackte Glühbirne als Sonne. Ja, ist das denn wirklich Kunst – oder vielleicht noch gar nicht fertig? Sie lacht.

Die Leute kommen ins Gespräch, erzählt sie, über kaum etwas wird so viel diskutiert wie über Volker Thiemanns Werke. Das ist doch gut.

Ist wirklich gut. Genau wie die gesamte Ausstellung „Das Meer“, in der man jede Menge alte Bekannte trifft.

Namedropping gefällig? Johan Christian Dahl, Max Beckmann, Peder Severin Krøyer und Michael Ancher, Otto Heinrich Engel, Emil Nolde. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

MKdW

 

Zu den bekannten Namen gesellen sich vertraute Motive. Morsum, Kampen, Föhr, Helgoland und natürlich die Skagen-Maler. Hier in Beziehung zu den Niederländern gesetzt. Als Ulrike Wolf-Thomsen uns auf den Unterschied in der Farbgebung aufmerksam macht, wird mir mal wieder so klar, warum ich den Norden liebe. Es ist das Licht. Seine Klarheit.

 

dasMeer

Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit (Thomas Mann)

 

Wie das Museum Kunst der Westküste auf die Insel kam

 

Ausgangspunkt ist die Gemäldesammlung des Musuemsstifters Prof. h.c. Frederik Paulsen, dessen Großeltern von Föhr stammen. Die Geschichte ist wirklich wahr, auch wenn sie wie der Plot eines Hollwood-Blockbusters klingt.

 

Große Woge von Volker Tiemann

Große Woge von Volker Tiemann

 

In den 1920er Jahren verließen die Eheleute Paulsen aus Alkersum die Insel Föhr, um ihren Kindern in Kiel eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Der jüngste Sohn, Frederik, wurde während seines Medizinstudiums aus politischen Gründen von den Nazis 18 Monate ins Gefängnis gesteckt.

Um dem KZ zu entgehen, emigrierte er nach Entlassung in die Schweiz, gründete später in Schweden das Pharmaunternehmen Ferring (abgeleitet von Föhr) und kehrte später – als Mann mit gewaltigem Vermögen – immer wieder nach Alkersum zurück; wo er Ende der 90er auch verstarb.

Genau wie Paulsen senior engagiert sich auch sein Sohn, Frederik Paulsen junior, für die Erhaltung der nordfriesischen Sprache und Kultur. 2009 gründete er das Museum Kunst der Westküste. Dass es sich bei dem gesamten Gebäude-Ensemble um Neubauten handelt, hält man kaum für möglich. (Das liegt auch daran, dass man einen mordsmäßigen Aufwand betrieb, um die Linden im Innenhof nicht zu beschädigen. So wirkt der romantische Garten von Grethjens hundert Jahre alt.)

 

Nan Hoover

Noch bis 10. Januar zu sehen: Die Arbeiten der Videopionierin Nan Hoover

 

Ganz offensichtlich ist Paulsen die Verbundenheit zu Föhr wichtiger als Laufkundschaft. Er hätte es auf dem Festland sicher leichter gehabt. Aber sie kommen ja auch so. Die Besucher. Die Ministerpräsidenten und Königinnen (von Dänmark und Buthan). Am wichtigsten aber: die Föhrer selbst (wie etwa Friede Springer, die ja auch von Föhr stammt und zu den Unterstützern des Museums gehört.)

Der spannendste Raum innerhalb der sechs Saalbauten – der Blau-Raum – ist übrigens ganz den Kindern vorbehalten. So gehört sich das in einem guten Museum. Und das Museum Kunst der Westküste ist wirklich ein extrem gutes Museum. Unserer Meinung nach das Beste in Norddeutschland.

 

Blau Raum

 

PS.: Die hier gezeigten Ausstellungen laufen noch bis zum 10. Januar 2016.

Danach geht das Museum in die Winterpause, um am 28. Febrar 2016 mit 4 Knallern (u.a. Liebermann) in die neue Saison zu starten.

Also, nix wie hin ins Museum Kunst der Westküste.

Die Farben von Föhr

Am dritten Tag auf Föhr wache ich auf – und irgendetwas ist anders. Ich brauche einen Moment, bis ich draufkomme: Es ist still. WINDstill. Das ist die Ruhe nach dem Sturm. Ich glaube, nur Nordseekenner wissen, wie friedlich sich das anfühlt. Als ob die Insel sich jetzt ausruht.

Also nix wie runter an den Strand. Der Morgen ist sowieso meine Lieblingszeit am Meer. Das Licht ist ganz zart, wenn Nordfriesland sich in Winterfarben kleidet. Das Wasser federgrau, seidenweich.

 

 

So ein Sonnenaufgang dauert immer genauso lang, bis man sich richtig auf das Frühstück freut. Wofür wir uns heute aber nicht allzu viel Zeit nehmen wollen. Der Tag ist wie gemacht, um den Strand von Föhr zu erkunden.

Föhr hat zwar nur einen einzigen Strand. Aber der ist 15 km lang! Feinsandig und weiß zieht er sich von Wyk nach Utersum. Selbst in der Hochsaison findet man Plätze, an denen man ganz für sich sein kann, haben uns Insulaner erzählt. Im Winter ist das ohnehin kein Problem.

 

Leuchtturm Wyk

 

Sogar Nieblum hat man im Winter beinahe für sich allein. Das Vorzeige-Friesendorf mit  den ausgesuchten Läden und guten Restaurants liegt 4 km von Wyk entfernt. Im Sommer müssen die Gärten der Kapitänshäuser der Wahnsinn sein. Einen kleinen Einblick findet Ihr hier: Klick.

Friesendorf Nieblum

Wir denken mal scharf nach, ob wir je ein hübscheres Dorf an der Nordsee gesehen haben!? Und kommen zu dem Schluß: Nö! (Wobei auch alle anderen Inseldörfer auf Föhr total charmant sind.)

 

 

Zu Nieblum gehört der Ortsteil Goting mit dem Goting Kliff. Das klingt gewaltiger als es ist. Zumindest wenn man die Kliffs anderer nordfriesischer Insel kennt. Aber der Strand ist super. Und statt Hallig Langeness hat man jetzt Amrum  im Blick.

Das Goting Kliff

Einer der unzähligen Vorzüge von Stränden ist ja, dass sie im Winter auch nicht anders aussehen als im Sommer. Höchstens schöner. Weil das Licht die Umgebung in genau die Nuancen taucht, die dem Auge so gut tun.

 

 

Etwa beim Goting Kliff beginnt die Traumstraße von Föhr. Die wirklich so heißt. Und wirklich so ist. Also traumhaft.

Der Strand von Utersum

Sie führt zu unserem Lieblingsspot auf der Insel; dem Strand von Utersum. Er ist unwirklich schön.

 

DreiInselblick

Drei-Inselblick Foehr: Vorn links liegt Amrum. Weiter vorn rechts Sylt.

 

Nach Amrum kann man zwar nicht ganz rüberspucken. Aber rüberlaufen. Die Wattwanderungen starten ein bisschen entfernt in Dunsum. Man sollte nicht ohne Wattführer losstiefeln. Denn es geht nicht nur durch seichte Prile sondern auch einen tieferen, dem sogenannten Mittelloch.

 

Amrum

Nordspitze von Amrum

 

Wir glauben, wir hören die Brandung von Amrum. Das ist sehr seltsam, weil auf unserer Seite alles so ruhig ist. Aber Föhr ist eben die Stille der drei nordfriesischen Schwestern. Die Unaufgeregte.

Die, auf der nicht Gunther Sachs Urlaub gemacht hat, sondern Hans Rosenthal. Ein Gedenkstein erinnert in Utersum an die freundliche und unkomplizierte Art des Föhrer Ehrenbürgers. Passt, denkt man da. Passt absolut.

 

 

Wobei die Nordsee natürlich auch auf Föhr Temperament hat.

 

Sturmfluten

 

Haben wir ja selbst erlebt in den vergangenen Tagen. Und während man in Süddeutschland Schnee schippt, schippt man auf Föhr Sand.

 

 

Das Restaurant Sehliebe befindet sich im einzigen Gebäude am Utersumer Strand. Ansonsten ist da weiter nichts.

 

Utersum Strand

 

Linker Hand gibts nur Strand und Dünen und Himmel und Meer. Und rechter Hand Meer und Himmel und Deich und Wiesen.

 

Deich

 

In Utersum endet der Strand von Föhr. Genau wie unser Kurzurlaub. Besser hätte man das Finale nicht inszenieren können. Unser Blick ist nämlich auf unser Januarziel gerichtet. Es ist erstaunlich wie nah Sylt scheint. Man kann nicht nur Hörnum ganz deutlich erkennen – sondern sogar die Skyline von Westerland. Und von Hörnum aus haben wir Föhr noch nie so klar gesehen.

 

Hoernum

Hoernum

 

Ich sage ungern „das oder dies musst Du unbedingt machen“. Ich sags lieber so: Wenn man Amrum oder Sylt liebt, wird man in Utersum vermutlich recht geflasht sein. Ist also keine schlechte Idee, da mal hinzufahren. Dann kann man auch gleich das letzte Zuckerchen mitnehmen, das wir noch in petto haben. Es ist etwas superdupertolles, das man bei schlechtem Wetter machen kann. Davon dann nächstes Mal mehr.

 

Fliegen

 

Mit Dank an die Föhr Tourismus GmbH, die uns eine ultrakuschelige Ferienwohnung in Wyk zur Verfügung gestellt hat. Wir haben uns pudelwohl gefühlt.

Advent auf Föhr

Föhr ist die größte deutsche Insel ohne Landverbindung. Sie liegt knapp 10 Km vor der Küste Nordnordfrieslands. Die Fähre braucht für die Strecke eine knappe Stunde. Das ist nur ein bisschen schneller als zu Fuß. Oder anders gesagt: Genau das richtige Tempo, um sein Ziel nicht nur physisch sondern auch innerlich zu erreichen. Schneckentempo ist auf Reisen immer empfehlenswert – in der Vorweihnachtszeit aber ganz besonders. Denn Advent bedeutet Ankunft.

 

Dagebuell

Dagebuell Mole. Das Tor zu den Inseln.

 

Um anzukommen muss man aufbrechen. Fast wäre uns das nicht gelungen. Ein Orkan mit anhaltenden Sturmböen fegte vergangenes Wochenende über Nordfriesland. Etwa 24 Stunden stand in Frage, ob unsere Fähre überhaupt in See stechen würde. Als wir von Hamburg Richtung Dagebüll starteten, wussten wir immer noch nicht bescheid. Ein ganz hervorragender Auftakt für unseren Kurztrip nach Föhr.

Mir gefällt es immer, ausnahmsweise etwas nicht im Griff zu haben. Nicht im Griff haben zu können. Dann braucht man es nämlich auch gar nicht krampfhaft zu versuchen. Und es hat auch keinen weiteren Zweck, sich über die Maßen aufzuregen. Sinnvoll ist nur: Loslassen. Eine hilfreiche Übung für gestresste Freiberufler. Besonders in der Hektik zum Jahresende.

 

Entspann Dich mal: Dezember auf Föhr

 

Letztlich klappte dann doch alles wie am Schnürchen. Und das ist ja meistens so. Jedenfalls was Fähren betrifft. Fähren sind sowieso was Wunderbares. Sie haben alle ihre Eigenarten. Spezifische Vorzüge.

 

WDR

 

Die Dagebüll-Föhr-Amrum-Linie etwa ist nicht abhängig von Ebbe und Flut. Ein Blick in den Tidekalender lohnt dennoch. Zumindest wenn man Robben sehen möchte. Das funktioniert eher bei Niedrigwasser, wenn die Sandbänke die Robben zum Rumaalen einladen.

Aber auch bei Hochwasser gibt zwei großartige Arten die Passage auf den Schiffen der Wyker-Dampfschiffs-Reederei zu erleben.

1.) Abenteuerlich: An Deck

Das ist eigentlich logisch. Aber trotzdem machen das gar nicht so viele Leute. Fällt mir immer wieder auf. (Aber vielleicht waren es ja auch alles Pendler oder solche, die nicht mehr zu beeindrucken sind.)

 

 

2.) Meditativ: In den Liegestühlen der allerersten Reihe

(Hier greife ich der Vollständigkeit halber vor auf unsere gestrige Rückreise zur blauen Stunde).

 

Liegestuhl

Liegen mit Blick aufs Meer

 

Langeness

In der Ferne: Die Warften der Hallig Langeness

 

Sandbank mit Robben

Sandbank mit Robben

 

Festland in Sicht

Festland in Sicht

 

Bei stürmischer See sieht es in der ersten Reihe übrigens so aus.

 

Schwere See

 

Und so war das ja bei unserer Anreise. Weshalb wir lieber an Deck blieben, während die Inselhauptstadt Wyk auf Föhr allmählich Gestalt annahm.

Wir waren angemessen aufgeregt. Nicht nur, dass wir noch nie zuvor auf Föhr waren. Wir kennen nicht einmal jemanden, der je auf Föhr gewesen wäre.

 

Wyk

 

Föhr liegt zwischen Amrum und Sylt. Etwas zurückgesetzt steht die Insel immer so ein bisschen unter dem Schutz aber auch im Schatten ihrer mondänen Schwestern. Und gerade das ist Föhrs Stärke.

 

Dinge, die es nur auf Föhr gibt

 

Die Insel hat nämlich ein paar Dinge zu bieten, die man auf Amrum und Sylt nicht findet: Zum Beispiel echte Insulaner. Und einen Hafen, der nicht nur Kulisse ist.

 

 

So fühlt man sich in Wyk wie in einer ganz normalen, realen (wenn auch besonders niedlichen) Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Ein Gefühl, das sich in Westerland beispielsweise nie einstellt. Föhr wirkt viel weniger inszeniert. Längst nicht so ausverkauft.

 

 

Wer die Nerven verliert, wenn nur zwei, drei Cafés geöffnet haben, ist von Mitte November bis kurz vor Weihnachten völlig falsch auf Föhr. Richtig ist, wem ein Platz mit Meerblick reicht.

 

Fotomoewe

 

Das sitzt man dann neben Einheimischen und lauscht Dialogen wie aus einem Werbespot für Flensburger.


„Dat weiht ganz scheun, wa?“
„Och, jo, egol, wie loten dat weihen.“

 

Alles klar. Wir ließens also wehen. Es wehte allerdings ganz schön. Der Sand fegte einem in die Ohren, Augen und durch jedes Kleidungsstück hindurch. So dass wir die 2,5 km lange Promenade von Wyk auf die Zukunft verschoben.

 

 

Statt uns über den Wind zu ärgern, freuten wir uns, dass es nicht wirklich kalt war. Grad mal ein paar Stunden auf der Insel waren wir also schon richtig schön gelassen.

Ankommen = Runterkommen. Das ist die Formel von Föhr.

Selbst Wyk – obwohl doch Hauptstadt – ist unheimlich ruhig. So ruhig, dass sich citynah freifliegende Störche niedergelassen haben. Im Garten einer alten Villa klappern, stolzieren und schnäbeln geschätzt 20 Tiere; gehegt vom gemeinnützigen Verein Elmeere.

 

 

Der Storchenpark befindet sich in der Feldstraße/ Ecke Museumstraße – und dort liegt (logischerweise) ein Museum. Das Friesenmuseum. Traditionell lädt das Haus am 2. Adventswochenende zum Adventsmarkt ein. Er ist bis zum Beginn der Wyker Festmeile am 18. Dezember der einzige Weihnachtsmarkt der Stadt. Und zieht demensprechend viele Besucher an.

 

Friesenmuseum

 

Es gibt keinen Tand, kein Glitzer, kein Remmidemmi. Stattdessen Handgemachtes an gut 40 Ständen, die sich über das Gelände und in den drei Ausstellungshäusern verteilen.

 

 

Volko und ich sind nicht gerade Herr und Frau Weihnachtsmann. Ich blende alle Rezepte, alle Basteleien und jeden Dekoschnickschnack aus, der ab Oktober in Supermärkten, Medien und sozialen Netzwerken über mich hereinbricht. Das ist mir alles viel zu viel und viel zu süß. Und dann noch die unsägliche Beschallung. Ich sag nur: Last Christmas.

Und doch ist es mir passiert, dass ich auf dem Adventsmarkt des Friesen-Musuems in Weihnachtsstimmung geriet. Ich glaube, es war als ein paar Kinder auf Blechblasinstrumenten „Ihr Kinderlein kommet“ spielten. (Das war kurz nachdem mich der Nikolaus angesprochen hatte. Vielleicht lags daran.)

Und da wir nun schon mal beim Thema waren, konnten wir uns auch gleich auf das Adventsritual der Insel einlassen.

 

Abends bei Fietis

 

In Wyk gibt es exakt EINEN Punschstand. Er öffnet für ca. 2 Stunden pro Tag. Punkt 16.00 Uhr gehts los.

 

Fietis

 

Zunächst sieht´s so aus, als könne Fieti in der komplett leergefegten Innenstadt auf seinem Punsch sitzenbleiben.

 

 

Dann allerdings…

 

 

Spätestens um 17.00 Uhr hat sich le-tout-Wyk bei Fietis eingefunden. Denn jetzt steigt die große Adventstombola. 500 Preise werden bis Weihnachten verlost; gestiftet von den Föhrer Geschäftsinhabern. Ein Riesenspektakel; mit anständigem Applaus für jeden Gewinner.

 

verlosung

 

Um 17.30 Uhr ist der Zauber vorbei. Dann nimmt man – je nach Laune – noch einen Absacker bei Fietis oder schlendert weiter zum lebendigen Adventskalender am Rosenbeet. Die Verwegensten aber zieht es an den Sandwall zur Milchbar. Ein, zwei Eisbrecher sind noch drin, bevor auch hier um 19.00 Uhr das Licht ausgeht.

 

 

Wenn man durch die stillen Straßen nachhause tappt, brennen vor manchen Geschäften noch Kerzen – obwohl doch längst Ladenschluß ist. Das habe ich so noch nirgends gesehen.

 

Deko

 

Es gibt sicher Menschen, denen auf Föhr im Dezember zu wenig los wäre. Aber wir sind die Anderen. Wir sind die, die Reduktion toll finden. Wir sind die, die auf Föhr etwas gefühlt haben, das wir schon beinahe vergessen hatten. Fast wie der Opa vom kleinen Lord. Wir sind im Advent angekommen. Und so soll das sein. Denn Advent bedeutet ja Ankunft.

 

Stern

 

PS.: Wir wurden auf die Insel von der Föhr Tourismus GmbH eingeladen. Dem gesamten Team – aber besonders Ann-Kathrin und Levke – unseren herzlichen Dank!

 

PPS.: Warum sich Föhr die „friesische Karibik“ nennt, erschließt sich aus diesem Beitrag natürlich nicht. Aber wir kommen im nächsten darauf zurück.

Der Süllberg ruft

Im Dezember macht es keinen großen Unterschied ob man in Hamburg lebt oder in Mordor. Im Mittel bringt es die (har har har) „schönste Stadt der Welt“ auf nur eine Sonnenstunde pro Tag. Dafür aber 18 Regentage pro Monat. Schnee gibts höchstens mal für Stunden. Und oft pfeift ein ziemlicher mieser Wind. Man möchte sich hinterm Ofen verkriechen.

 

Winter

 

Doch das ist keine gute Strategie. Weil es auf Dauer trübsinnig macht. Gerade jetzt muss man raus. Zum Beispiel auf den Berg. Den Süllberg, den man als das Minas Tirith Hamburgs beschreiben könnte. Denn höchstens in Gondor kann es mehr Treppen geben als im Treppenviertel von Blankenese.

 

HoHoHo

 

Im Dezember, das ist uns schon im vergangenen Jahr aufgefallen, ist das Beste am Norden das, was der Mensch daraus macht. Und in Blankenese hat er sich ja wirklich was einfallen lassen. Hamburgs siebthöchster Berg (75 Meter) ist dicht bebaut. So dicht, dass nur Platz für zwei Straßen blieb. Abseits davon bewegt man sich im architektonischen Wunderland zu Fuß. In verwinkelten Gassen, auf Trampelpfaden und natürlich Treppen, Treppen, Treppen.

 

 

4.864 Stufen führen durch ein Gewirr von Wahnsinns-Villen, Reetdachkaten und einfachen Backsteinbauten. Tiny Houses gab es in Blankenese übrigens schon, als noch niemand davon sprach. Manche kann man mieten. Zu quasi Hotelpreisen.

 

tinyhouse

 

Das Gute am Blankeneser Treppen-Workout ist, dass man schon nach 5 Minunten kein Stück mehr friert. Dank permanentem Elbblick, kann man dann immer so tun, als würde man wegen der grandiosen Aussicht stehenbleiben (und nicht etwa weil man aus der Puste gekommen wäre).

 

Treppe

 

Im Sommer fühlt man sich im Treppenviertel wie in Italien. Im Winter wie auf Sylt. Was ja mit Vielem versöhnen kann. Sogar mit dem Hamburger Wetter.

 

Treppenviertel

 

Hoch oben auf dem Gipfel des Süllbergs, wo früher mal eine Burg stand, befindet sich heute Karlheinz Hausers Gastronomieimperium. Den allerbesten Ausblick hat man vom Turm. Den Schlüssel kann man sich an der Rezeption des Hotels ausborgen (100 Stufen ohne Fahrstuhl).

 

Hotel Suellberg

 

Wer nicht so weit hinaus will, bleibt eine Etage tiefer auf den Elbterrassen. In Hausers Alm steigt täglich ab 16.00 Uhr der original Tiroler Hüttenzauber mit Elbblick. Am Wochenende gehts um 12.30 Uhr los. Bei Einbruch der Dunkelheit werden ringsgrum Fackeln angezündet.

 

Alm Suellberg

 

Da kann man dann so schön bei Glühwein von besseren Zeiten träumen. Denn das Wetter in Hamburg wird auch irgendwann wieder besser. Kann sich höchstens noch um 4 Monate handeln. (Oder 5).

 

20140415_092515

I´m dreaming of a mild springtime

 

Was ich noch zu sagen hätte: über Freie und Hafenstädter

Der November 2015 war ziemlich schwere See. Paris. Pegida. Und die Kleiderkammer unseres Vertrauens setzte über Wochen ganz oben auf ihre Spendenliste die Bitte um Baby-Flaschen, Baby-Puder, Baby-Schnuller.

Das kann einen dermaßen erschöpfen. Da möchte man sich am liebsten in die hinterste Koje verkrümeln. Aber das bringt ja nichts, wie jeder Seemann weiß. Unter Deck wirds einem besonders übel.

Wenn die Wogen hochgehen, muss man Haltung annehmen. Sich gerade machen. Den Horizont anvisieren. Und ich denke, dass wir das in Hamburg können.

 

St. Michaelis

 

Da ist etwas am Wesen der Hamburger, das ich sehr schätze. Ich spreche natürlich nicht von allen Hamburgern. Denn unter 1,76 Mio Menschen finden sich logischerweise auch ein paar Arschgeigen. (Oberflächliche, Radikale, Gewaltbereite oder solche, die in Luxus-Lofts sitzen und sagen, die Belastungsgrenze sei angesichts der vielen Flüchtlinge nun mal erreicht).

Von denen will ich aber gar nicht reden. Sondern von den anderen. Es ließ sich letzte Woche beim Abschied von Helmut Schmidt beobachten.

 

Abschied

 

Wir hatten uns gegenüber vom Michel postiert. Sooo weiträumig wie alle schrieben, war er nämlich gar nicht abgesperrt. Jedenfalls nicht für Fußgänger. Allerdings massiv geschützt. Geradezu be-schützt fühlte man sich nach den Eindrücken von Paris. Mag sein, dass ich romantisiere.

 

 

Der Himmel war ungewohnt blau. Die Straßen ungewohnt still. Ein bisschen wehmütig gings zwar zu. Weil die Zeit vergeht. Weil eine Stadt mit Helmut Schmidt nun mal größer scheint als eine ohne ihn. Aber von Gefühlsduselei war man weit entfernt.

Das war ein respektvoller und anmutiger Abschied. Er glich damit dem Bild, das man von Helmut Schmidt hat. Diesem Bild nach wäre Gemeinschaftserregung nicht seine Sache gewesen. Hamburger eben.

 

Es war uns eine Ehre, lieber Helmut Schmidt

Es war uns eine Ehre, lieber Helmut Schmidt

 

Niemand instrumentalisierte diesen Tag. Niemand schaute panisch nach dem bärtigen Mann mit dem Rucksack. Keiner schrie von Lügenpresse oder schwadronierte von den Dingen, die „Mutti“ nicht checkt. Es waren nur die gekommen, die leise Gedanken lauten Parolen vorziehen. Es war wie eine Atempause.

 

Himmel

Und ueber uns der Himmel

 

Es gibt da eine bestimmte Feinheit im Hamburger Gemüt. Sie wird manchmal für Arroganz oder mindestens Distanziertheit gehalten. Aber es geht um etwas anderes. Man möchte dem anderen nicht zu nahe treten. Und man beansprucht auch für sich selbst das Recht, so zu sein, wie man will.

St. Paulianer nennen das: Leben und leben lassen. Die Jungs aus Wilhelmsburg sagen: Weißt Du, Digger, ich mach mein Ding und Du Deins.

Mag sein, dass ich idealisiere. Doch es erscheint mir undenkbar, dass hier einer seinen Speckrücken mit  Auschwitz-Tätowierung im Spaßbad spazieren führt. Und es schnürt mir die Luft ab, dass es anderswo möglich ist.

 

Bismarck

Es weht der Wind von Norden. Er weht uns hin und her. Was ist uns geworden?

 

Terror. Fremdenhass. Flüchtlingselend. Wir werden uns an all das gewöhnen, sagen Psychologen. So tickt der Mensch. Das kann ich mir noch nicht vorstellen. Allerdings war mir nie so bewusst wie gerade jetzt, wie gut es mir geht.

Allein eine warme Wohnung zu haben. Allein morgens von Möwen geweckt zu werden. Allein den Menschen seiner Stadt zuzutrauen, alles Mögliche zu schaffen.

Natürlich, man kann sich nie ganz sicher sein. Und doch traue ich den Hamburgern eine bestimmte Haltung zu. Eine bestimmte Feinheit im Gemüt.

 

 

Wer am Hafen lebt, dessen Gedanken fliegen freier. Denk ich mir. Oder ist das Folklore?

Mittlerweile fürchten ja Viele, der gesamte Hamburger Hafen würde zur Kitschpostkarte mutieren.

Mir macht das aber nichts. Denn das war schon immer so. Die Filme von Hans Albers etwa wurde stets als schwülstig und pathetisch bezeichnet.

Also Kitsch hat hier a) Tradition und b) wirkt da was, selbst wenn es nur Pose ist.

 

 

Außerdem ist der Kitsch leicht wie Puderzucker. Man muss nur einmal pusten, wenn mans nicht so süß mag. Ulf Pape und Denys Karlinskyy haben das mit ihrem Film Anderland aus hervorragendem Winkel getan. Unter der Glasur bleibt Hamburg weiter wesentlich. Hamburger weiter kantig.

Das Wesen der Freien und Hafenstädter zeigt sich im ersten italienischen Restaurant Deutschlands, in der Kirche des sündigsten Stadtteils der Welt, in der Bar vom verrücktesten Horst, in Heikes Haartreff ums Eck sowie beim hanseatischsten aller Senatoren, der je in der Hamburger Bürgerschaft saß und aus Ceylon stammt.

 

Der Wind weht von allen Seiten

Logenplatz. Der Welt zugewandt.

 

Denn natürlich … diese bestimmte Feinheit der Hamburger, die generiert die Stadt ja nicht aus sich selbst heraus. Die importiert sie von Überall. Hamburg, das sind  1,76 Mio Menschen aus 183 Nationen. Deswegen spricht man auch vom Tor zur Welt. Und deswegen kriegen wir auch hin, was hingekriegt werden muss.

 

In diesem Sinne: einen schönen 1. Advent.

 

Kam ein Liebster geflogen

Wir haben wieder einen Liebster Award bekommen, der ja eigentlich kein Award ist sondern ein Kettenbrief. Einer der netten Sorte, wie ich finde. Denn während mir die Kettenbriefen meiner Kindertage  niemals die avisierte Belohnung bescherten (etwa 1.000 Tafel Schokoladen, X-Tausend DM oder Postkarten aus der ganzen Welt), ist der Liebster Award an sich schon die Auszeichnung.

Er sagt, dass Dich jemand gerne liest und mehr von Dir wissen möchte. In diesem Fall Ulrike von Watt & Meer. Dafür herzlichen Dank.

 

Am Strand

 

11 Fragen von Ulrike

1. Erinnerst Du Dich noch an den ersten Blog, dem Du gefolgt bist?

Den Blog gibts leider nicht mehr. Gitte Härter half mir mit ihren Tipps für Selbständige meinen ersten (beruflichen) Blog aufzusetzen. Einige lebenskluge Ratschläge für Freiberufler findet man noch auf Gittes anderen Blogs schreibnudel.de und himbeerwerft.de.

2. Worum ging es in Deinem ersten Blogbeitrag?

Um meinen Job. Das ist hier jetzt vielleicht nicht so interessant. Spannender: Dank Blog konnte ich das Thema Akquise aus meinem Arbeitsleben streichen. Etwas, wofür ich nie ein Händchen hatte. Ich kann das berufliche Bloggen nur jedem empfehlen, dem es ähnlich geht.

3. Hast Du ein Lieblingsgericht, das Dich an Deine Kindheit erinnert?

Erdbeeren mit Milch

4. Welches Buch hat Dir in letzter Zeit besonders gut gefallen?

2015 habe ich immer wieder zu einem Reiseführer über Wandern in Norwegen gegriffen. Wäre toll, wenn wir 2016 ein paar Etappen einer bestimmten Route laufen könnten.

5. Wenn Du frei wählen könntest, wo würdest Du gern einmal leben wollen?

Auf einer kleinen Insel. Irgendwo in Skandinavien. Einen Sommer lang.

6. Kennst Du einen Werbespot, der so nervig ist, dass Du schon allein deshalb das Produkt nie kaufen würdest?

Saitenbacher Müsli

7. Was macht Dich glücklich?

Sehr viel. Speziell im November: Ein freier Nachmittag, ein gutes Buch und auf dem Sofa zwei zusammengeringelte Katzen.

8. Wenn es Talent zu verschenken gäbe, welches würde ganz oben auf Deiner Wunschliste stehen?

Zeichnen.

9. Was verbindest Du mit Weihnachten?

Es ist seltsam: Es gibt Menschen, denen gelte ich als Grinch. Und doch bekochen & beschenken sie mich bis heute so liebevoll, als sei ich ein kleines Kind.

10. Du sitzt in einer Zeitmaschine. Wohin geht die Reise?

Nach Woodstock am 15. August 1969.

11. Hast Du eine Lebensweisheit, die Du mit uns teilen magst?

Alle anderen kochen auch nur mit Wasser (ich war weit über 30, als ich endlich verstand, daß die anderen auch keine Superheldenkräfte drauf haben).

 

Wanderin

 

Ich reiche den Liebster Award weiter in die Küstenländer

  • nach Schleswig-Holstein zu Julia von Meermalen
  • nach Niedersachsen zu Simone von HannoverblickOST
  • nach Mecklenburg-Vorpommern zu Netti und Steffi von SUP-MV

Ihr Lieben – nix muss, alles kann!

 

LiebsterAwardUnd so läuft das mit dem Liebster Award:

1. Danke der Person, die dich für den Liebster Award nominiert hat und verlinke den Blog in deinem Artikel.
2. Beantworte die 11 Fragen, die dir der Blogger, der dich nominiert hat, stellt.
3. Nominiere bis zu 11 weitere Blogger für den Liebster Award.
4. Stelle eine neue Liste mit 11 Fragen für deine nominierten Blogger zusammen.
6. Schreibe diese Regeln in deinen Liebster Award Blog-Artikel.
7. Informiere deine nominierten Blogger über den Blog-Artikel.

 

Moewenschritte

 

Was ich von Julia, Simone, Steffi & Netti gerne wissen würde

 

1.) Schnackst Du platt?
2.) Was muss man in (eigenes Bundesland einsetzen) unbedingt erlebt haben?
3.) Welche Tradition gibt es nur bei Euch?
4.) Wenn (eigenes Bundesland einsetzen) eine Farbe wäre, welche wäre das?
5.) Wenn (eigenes Bundesland einsetzen) ein Song wäre, welcher wäre das?
6.) Welches Vorurteil über (eigenes Bundesland einsetzen) ist Quatsch?
7.) Und welches Vorurteil stimmt?
8.) Was an Dir ist genau wie (eigenes Bundesland einsetzen)?
9.) Was darf ein Tourist in (eigenes Bundesland einsetzen) auf gar keinen Fall tun?
10.) Und welches Gericht sollte ein Tourist in (eigenes Bundesland einsetzen) auf jeden Fall mal versuchen?
11.) Was wünschst Du (eigenes Bundesland einsetzen) für die Zukunft?

 

IMG_20140419_122119

 

Ich bin gespannt! Ahoi und spezielle Grüße nach Wesselburenkoog.

Auf der Uferstraße im Wendland

Das Schönste im Wendland ist die Uferstraße an der Elbe. Subjektiv jetzt. Denn als Hamburger haben wir natürlich eine besondere Beziehung zum achtundsiebziglängsten Fluss der Welt.

(Auch wenn Wikipedia behauptet „die Elbe hat nie eine bedeutende bzw. herausgestellte Rezeption in der Kunst, Literatur oder der Volkskunst erfahren“, ist Hark Bohms Elbmovie Nordsee ist Mordsee für eine bestimmte Art von Leuten ebenso konstituierend wie Tom Sawyer für die Anwohner des Mississippi.)

 

elbtalauen

 

Wir sind knapp 30 km auf der Uferstraße gecruist. Wofür wir einen halben Tag brauchten. Aber Novembertage sind ja auch kurz. Und wir können echt lange irgendwo rumstehen oder schlendern, wenn es einsam, still und wunderschön ist.

 

Hitzacker

 

Los gings in Hitzacker. Das Inselstädtchen kennen viele ja zumindest aus Fernsehberichten, wenn es mal wieder überschwemmt wird. Hitzacker ist richtig niedlich. Aber wir hatten hauptsächlich Augen für die Elbe.

 

 

Bei niedrigem Wasserstand kann man sich kaum vorstellen, dass Hitzacker jemals in Bedrängnis geraten könnte. Zwischen den letzten Fachwerkhäusern und der Elbe liegen einige Hundert Meter Wiesen. Und der Fluss wirkt sanft – ganz anders als unsere mächtige und geschäftige Hamburger Version.

 

Elbstrand

 

Die Mittlere Elbe stellt eine der wenigen weitgehend unverbauten Flusslandschaften Mitteleuropas dar. Unter anderem weil sie hier innerdeutsche Grenze war. In weiten Schleifen darf sie sich durch ausgedehnte Auen und Weiden winden. Die Uferstraße schwingt mit ihr mit und bietet die tollsten Panoramablicke, so dass man ständig anhalten muss, um zu gucken. Und nur sehr, sehr langsam vorankommt.

 

Auenland Wendland

 

Wir hätten der Elbe sowieso lieber mit dem Fahrrad folgen sollen. Auf dem Deich. Denn erstens ist das schöner. Und zweitens macht es weniger Dreck. Immerhin gehört die Elbe zwischen Lauenburg und Schnackenburg zum Biosphärenreservat niedersächsische Elbtalaue.

Biosphärenreservate sind Modellregionen. In ihnen werden Konzepte für ein Miteinander von Mensch, Tier und Natur umgesetzt. Also Naturschutz, Entwicklung nachhaltiger Nutzungsformen sowie Umweltforschung- und –bildung.

(Ich schreibe es mir hinter die Löffel: Biosphärenreservate mit dem Auto erkunden, ist wie Bio-Obst in Plastik eingeschweißt.)

 

Urstromtal Elbe

 

Nachdem über Jahrzehnte sämtlicher Mist in der Elbe verklappt wurde, hat sie sich seit den 1990er Jahren wieder ganz gut erholt (jedenfalls in Deutschland). Weißstörche nisten in fast jedem Ort. Kraniche brüten in abgelegenen Feuchtwiesen. Bieber – vor Jahrzehnten beinahe ausgestorben – haben sich den Strom zurück erobert. Tausende Gänse und Schwäne nutzen die Auen im Winterhalbjahr zur Rast.

 

Eisenbahnbruecke

 

Kurz hinter Damnatz liegt mitten im Nirgendwo eine Brückenruine. Atmosphärisch fühlten wir uns an Irland erinnert. Was auch daran liegen mag, dass nichts und niemand in der Nähe war. Nur wir und das Kulturdenkmal Elbbrücke Dömitz.

 

 

Erbaut in den 1870er Jahren querte die einst längste Eisenbahnbrücke Deutschlands die Elbe und verband Niedersachsen mit Mecklenburg-Vorpommern. Fast 1.000 Meter überspannte sie mit 24 Brückenbögen den Fluss und sein weites Vorland.

 

Fluttore

 

Die Brücke wurde in den letzten Kriegstagen zerstört. Da die deutsch-deutsche Grenze hier direkt an der Elbe lag, wurde die Brücke nie wieder aufgebaut. Somit ist sie auch ein Symbol für die innerdeutsche Teilung.

 

Doemitz

 

Heute existiert nur noch der westliche Brückenkopf und das Teilstück des linken Elbufers.  Entlang der 16 Brückenpfeiler führt ein Plattenweg an den Fluss. Jedenfalls wenn die Elbe sich sanft gibt. Das kann hier nämlich auch ganz anders aussehen.  Zeitweise sind die Auen vollkommen überflutet. Man kann es sich nur schlecht vorstellen. Aber das sagte ich schon.

 

 

Genau wie ich schon sagte, dass die Uferstraße das Beste am Wendland ist. Subjektiv jetzt. Zumindest wenn man einen Schuss Elbwasser in den Adern hat.

 

Sonnenuntergang

 

Unser Aufenthalt im Wendland wurde vom Kartoffel-Hotel unterstützt. Herzlichen Dank!

Norddeutschland von oben

Die GEO hat angefragt, ob wir über das GEO EXTRA „Überirdisch“ berichten möchten. Und wir haben begeistert „Ja“ gerufen. Denn das Magazin mit dem knallgrünen Rücken mochten wir schon als Kinder – und haben seitdem nicht mehr damit aufgehört. Außerdem gibts im Moment ja Stunden, in denen man sich einfach nur weit wegwünscht. Und weiter weg als das neue GEO EXTRA „Überirdisch“ geht nicht.

Eine ganze Sonderausgabe widmet sich den Fotos und Gedanken des Astronauten Alexander Gerst. Als Bordingenieur der ISS verbrachte er im vergangenen Jahr 166 Tage im All. Unsere Erde nennt er bilanzierend: Einzigartig. Verletzlich. Wunderschön. Tausende Male hat er sie fotografiert.

Das Heft arrangiert eine Auswahl der besten Bilder zu grandiosen Fotostrecken. Unter Überschriften wie „Planet Heimat“, „Kunstwerk Erde“ oder „Die Spur des Menschen“ zeigen sie urzeitliche Landschaften, Flüsse aus Watte, Wüsteninseln, Felsenmuster, das absurd ästhetische Auge eines Taifuns oder auch das Nichts.

Auch Norddeutschland ist abgebildet. Denn „jeder von uns sucht im Fenster nach seiner Heimat“, so Gerst.

Und es ist erstaunlich. Zwar macht der Astronaut quasi das Gegenteil von dem, was wir hier auf unserem Blog machen. Aber er meint genau das Gleiche.

VerlosungGruner + Jahr hat uns netterweise 3 Hefte zur Verlosung überlassen. Wer sich unter seiner Leselampe ins All träumen möchte, schreibt einfach einen Kommentar unter diesen Beitrag. Bei mehr als drei Kommentaren notiere ich Eure Namen auf winzige Zettel und Volko spielt am 1. Advent (29.11.15) die Glücksfee.

 

Das GEO EXTRA „Überirdisch“ umfasst 132 Seiten in feinster Papierqualität und kostet 10 Euro.

Dass wir uns von einem kostenlosen Rezensionsexemplar nicht beeinflussen ließen, versteht sich hoffentlich von selbst.

Enough to base some movies on: Das Wendland

Das Wendland im Landkreis Lüchow-Dannenberg ist das Gegenteil von Mettmann. Mettmann nämlich gilt mit 1.170 Einwohnern pro Quadratkilometer als der am dichtesten besiedelte Landkreis Deutschlands. Lüchow-Dannenberg hingegen bringt es gerade mal auf 40 Einwohner pro Quadratkilometer und ist damit der am dünnsten besiedelte Landkreis der alten Bundesländer.

Solche Gegenden unterschätzt man leicht. Ging uns jedenfalls so, als wir neulich ins Wendland reisten. Dabei sollten wir es mittlerweile eigentlich besser wissen.

 

Überall ist Wunderland. Überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband. Wie irgendwo daneben. (Joachim Ringelnatz)

 

Spinnennetz

 

Wir erreichten das Wendland an einem Mittwochmorgen im November. Ein Tag,  an dem ich zum ersten Mal in diesem Jahr dachte, ich würde am liebsten für ewig im Auto sitzen bleiben. Feuchkaltes Wetter nehme ich kindischerweise persönlich. Und so war ich ein bisschen unleidlich (um es nett auszudrücken). Bis zu dem Moment, als ein Spukschloss aus dem Nebel auftauchte.

 

Marstall

Mitten in der Goehrde liegt ein verlassenes Jagdschloß. Hier der ehemalige Marstall.

 

Wir waren im größten Mischwaldgebiet Norddeutschlands angekommen: der Göhrde. Einst jagte Wilhelm der Zwote in den kaiserlichen Wäldern, durch die wir jetzt ein bisschen übermüdet tappten. Und tief, tief einatmeten, weil Wälder ja so wunderbar duften. Besonders im Herbst.

 

Lagerfeuer

Netterweise hatte jemand ein Feuer fuer uns angezuendet

 

Spätestens als in 20 Meter Entfernung eine Wildschweinrotte durchs Dickicht brach, waren wir hellwach. Ganz Städter wussten wir nicht so richtig, ob wir lachen oder in Panik verfallen sollten. Aber die Wildschweine interessierten sich nicht sonderlich für uns. Und so konnten wir uns ganz auf die Landschaft konzentrieren, die soeben von der Herbstsonne wachgeküsst wurde.

 

Indian Summer

Indian Summer im Wendland

 

Das Wendland liegt im Vierländereck von Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. War also während der deutschen Teilung ziemlich isoliert. Während allüberall in Westdeutschland Neubaugebiete aus dem Boden schossen wie Giftpilze, blieb im Wendland die dörfliche Struktur erhalten. Typisch für´s Wendland sind Rundlingsdörfer. Allen voran der Vorzeige-Rundling Lübeln.

 

Luebeln

Im Rundlingsdorf dreht sich alles um den Dorfplatz

 

Dort checkten wir im Kartoffel-Hotel ein, einem Land- und Wellnesshotel mit erstaunlicher Geschichte (Es begann mit einem gewaltigen Kartoffelberg).

In der weitläufigen Anlage verrichteten junge Work-&-Traveller Gartenarbeiten. Etwas, das mich zunächst überraschte. Was Quatsch ist. Denn es hat mich ja auch noch nie überrascht, dass junge Deutsche in Australien bei der Kiwi-Ernte aushelfen.

Und sowieso hat das Wendland schon immer überdurchschnittlich viele (Lebens-) Künstler angezogen.

 

Antiatomkraft

Das gelbe X: Symbol der Anti-Atom-Bewegung im Wendland

 

Ein guter Teil blieb in den 80ern hier hängen, als der Protest gegen das Atommüllendlager Gorleben begann. Sie gründeten sogar ihren eigenen Staat: Die Republik freies Wendland. Gegen eine Gebühr von 10 DM wurde ein sogenannter Wendenpass ausgestellt. Er war gültig „für das gesamte Universum […] so lange sein Inhaber noch lachen kann.“

 

 

Die besondere Bevölkerungsstruktur spiegelt sich in den Dörfern und Ortschaften. In Dannenberg etwa entdeckten wir so gut wie keine der üblichen Handelsketten. Dafür Fachgeschäfte wie es sie ansonsten nur in Szene-Quartieren gibt. Bioläden, Buchhandlungen, Antiquitätenhöker, Galerien und DIY-Schnick-Schnack-Läden.

 

Thielenburger See

 

Die korrekte Bezeichnung lautet übrigens Dannenberg (Elbe), obwohl die Stadt überhaupt nicht an der Elbe liegt. Sondern an der Jeetzel und dem Thielenburger See.

 

Rundweg

 

Der  Thielenburger See liegt direkt unterhalb der Innenstadt und lässt sich 1a umrunden; ist also sowas wie die Binnenalster Dannenbergs.

 

See in Dannenberg

 

Für Naturliebhaber ist das Wendland sowieso ein kleines Zauberland. Beinahe eine Utopie. Landschaftlich viel zu vielfältig, um es während eines Kurztrips zu erfassen.

Die Ostheide, der Höhenzug des Drawehn, das Urstromtal der Elbe. Das geht nicht in 3 Tagen. Schon gar nicht im November, wenn ab halb fünf die Nacht beginnt.

 

 

Auf einige Schönheiten werde ich in einem gesonderten Beitrag eingehen. Hier nur so viel: Selten haben wir die Dämmerung so bedauert wie im Wendland.

 

Daemmerung

 

Zurück im Kartoffel-Hotel stellten wir allerdings die Vorzüge des Novembers fest: In dunklen Monaten sitzt es sich so schön am offenen Kamin. Besonders wenn die Köchin sich ganz der regionalen Landküche hingibt. Für Low-Carb-Anhänger muss das Restaurant des Kartoffel-Hotels die Hölle sein. Ich stells mir jedenfalls schwierig vor, wenn Tabletts mit Bratkartoffeln, Pellkartoffeln, handgedrehten Kroketten oder Puffern an der Nase vorbei serviert werden.

 

 

Während wir da so behaglich saßen und die deutschesten aller Speisen schmausten, belauschten wir ein wenig die Work & Traveller. Sie hatten sich mit einem Flipchart in eine Sofa-Ecke zurückgezogen, um Deutsch zu lernen. Und ich dachte: Wenn irgendwann im Jenseits Jim Morrison die berühmte Frage stellt…

 

Did you have a good life when you died? Enough to base a movie on?

 

… dann werden sie wohl auch ein paar Worte über ihre exotischen Erlebnisse in Lübeln verlieren.

Man sollte eben Norddeutschland nicht unterschätzen. Besonders nicht das Wendland.

 

Dieser Beitrag wurde unterstützt vom 1. Deutschen Kartoffel-Hotel. Vielen Dank an Olaf Stehr uns sein Team. Es war superschön bei Euch.