Die beiden Frauen um die 40 tragen Bademäntel über Flanellpyjamas und wirken, als hätten sie eine anstrengende Nacht hinter sich. Im Prinzip keine übergroße Sache. Es sei denn, man befindet sich im Frühstücksraum eines Mittelklassehotels.
Fasziniert beobachte ich, wie die Damen in Puschen zum Buffet schlurfen. Sich Eier, Speck, Würstchen, Bohnen und gegrillte Tomaten auf die Teller häufen. Das Glas der einen gerät in gefährliche Schieflage. Orangensaft schwappt auf den Boden. Sie merkts nicht. Oder vielleicht ist es ihr auch egal. Und was mich am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass niemand außer mir Bademäntel und Pyjamas im Frühstücksraum für ungewöhnlich hält.
Keine Frage: Ich bin in England, dem Land der unglaublichen Outfits. Konkret in Manchester, Wiege der Industrialisierung und verbauteste aller Städte. Es ist nicht leicht hier aufzufallen. Mancunians (wie die Einwohner Manchesters genannt werden) scheren sich nicht unbedingt um Moden, (Schönheits)-ideale oder Zeitgeist. In Manchester setzt man auf Individualität.
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In Manchesters Straßencafés könnte man den ganzen Tag sitzen, ohne sich eine Minute zu langweilen. So bunt ist Leben in dieser Stadt, die dreieinhalb in Hamburg reinpassen würde, aber viel großstädtischer wirkt. Nur regnet es heute. Straßencafés fallen aus.
Über den Stadtplan gebeugt frage ich mich, was wir an diesem eiskalten Sonntag unternehmen könnten? Städtetrips finde ich immer schwierig. Bei schlechtem Wetter besonders. Und Shopping ödet mich an. Unser Hotel ist auch nicht von der Art, die zu einem gemütlichen Nachmittag einlädt. Typisch englisch. Von außen herrlich viktorianisch. Von innen… äh … nicht so.

Wunderbares Hinterhof-Styling
Ganz ehrlich, es gibt nicht unendlich viele Gründe, um nach Manchester zu reisen. Eigentlich nur Fußball, Großbritanniens Rekordmeister Manchester United und das Stadion Old Trafford. Und genau deswegen sind wir hier. Für das Spiel der Saison. Manu gegen Leicester. Der Underdog Leceister steht kurz vorm Titelgewinn. Ganz England spricht von einem Wunder.
Laut britischen Wettbüros war es Anfang der Saison genauso wahrscheinlich, dass der Yeti oder das Monster von Loch Ness gefunden werden, der heißeste Tag des Jahres auf Weihnachten fällt – oder dass eine Frau ein Premier-League-Team trainiert.
Und doch kann Leicester heute Meister werden.

Der heilige Rasen von Old Trafford
Fußball-Tickets sind in England generell nicht billig. Für das heutige Spiel haben sie sich in geradezu absurde Höhe geschraubt. So was lohnt sich nur für fußballverrückte Wahnsinnskandidaten – also nicht für mich.
Daher sind wir zu viert angereist. 2 fußballverrückte Wahnsinnskandidaten und 2 vernünftige Frauen. So hat jeder einen zum Spielen; was prima ist. Nur was die Vernünftigen unserer Reisegruppe heute spielen könnten, will mir immer noch nicht einfallen.

Um an die Karten überhaupt ranzukommen, mussten wir (unbesehen) ein Hotel mitbuchen. Erst ganz kurz vor der Anreise bekamen wir Nachricht, wo man uns unterbringen würde. Freiwillig hätten wir das Hotel vermutlich nicht gebucht. Genau wie ich wohl niemals nach Manchester gekommen wäre, wenn Volko sich nicht schon ewig ein Manu-Spiel gewünscht hätte. Seit wir hier sind, springt er wie ein Welpe durch die Stadt. Findet alles suuuper. Und dafür hat es sich ja schon gelohnt.

Die Lage des Hotels ist immerhin unschlagbar. Zentraler als Picadilly Gardens gehts nicht. Allerdings: das Riesenrad von Picadilly Gardens, das auf quasi jeder Tourismusseite von Manchester abgebildet ist, wurde schon vor über einem Jahr abgebaut. Der sonntägliche Foodmarket von Picadilly startet erst im Juli. Die Hauptattraktionen, die mich interessiert hätten, haben geschlossen und Stadtrundfahrten finden nur einmal pro Woche statt (Sonnabend).

Dass es keine Stadtrundfahrten gibt, ist weiter nicht schlimm. Das Zentrum Manchesters ist so klein, dass ich schon alles vor dem Frühstück abgehakt habe. Ich war bereits im Northern Quarter, das so etwas die Schanze Manchesters ist. Schlenderte an kleinen schmutzigen Kanälen entlang. Durchquerte das Gay Village, Chinatown und Spinnigfields, den jüngsten und langweiligsten Stadtteil Manchesters. Viel mehr gibts nicht zu gucken.

Abgesehen von Spinningfields ist die Architektur Manchesters schon beeindruckend, weil total seltsam ineinander verschlungen. Fabrikgebäude aus rotem Backstein neben viktorianischen Palästen, gotischen Kathedralen, Bronx-artigen Feuerleitern und allem was die Moderne so hergibt.
Zur Zeit der Industriellen Revolution wuchs die Stadt ungebremst und ungeordnet. Mit dem völligen Niedergang der Textilindustrie in den 1970er Jahren gingen die Einwohnerzahlen von über 500.000 auf 400.000 zurück. In den Jahren dazwischen wurden ganze Stadtteile abgerissen, wieder aufgebaut und noch mal abgerissen.
Mittlerweile wächst Manchester wieder. Die Region Greater Manchester ist im Blick auf Wirtschaftskraft sogar die drittstärkste Großbritanniens. (Was man nicht unbedingt glauben kann).

Ein kleineres Tohuwabohu lässt mich vom Stadtplan aufblicken. Offenbar hat sich ein Obdachloser ans Buffet vorgearbeitet. Als er (durchaus höflich) gebeten wird, den Frühstückssaal zu verlassen, schleudert er einen Teller Baked Beans durch den Raum. Niemand dreht den Kopf. Wie gesagt: Es ist nicht leicht, in Manchester aufzufallen.

Manchester ist eine Gangsterbraut. Nachts glitzert und funkelt und feiert sie. Morgens hat sie etwas sehr Ernüchterndes. Zumal in einer Stadt, wo der Lack sowieso schadhaft wirkt. Die Frühstückslokale öffnen spät. Gefühlt jedes zweite bietet Hangover-Breakfast (Katerfrühstück) an.

Die Hotelmanagerin geht von Tisch zu Tisch und entschuldigt sich für die kleine „Entertainmenteinlage“. Dabei kann sie sich auch gleich noch für den versehentlichen Feueralarm um Verzeihung bitten, der eine Stunde zuvor nicht wenige Hotelgäste aus dem Schlaf gerissen hat. „Ich hoffe, Sie genießen Ihr Frühstück dennoch“, sagt sie.
Und was soll ich sagen: Das tue ich. Ich genieße das Frühstück genau wie die Stadt. Denn obwohl ich Hotel wie Manchester niemandem (außer Fußballverrückten) empfehlen würde, bin ich total zufrieden da zu sein.

PS.: Die Wahrscheinlichkeit für Leicesters Titelgewinn lag bei 5000 zu 1. Das entspricht in etwa der Wahrscheinlichkeit, dass man Manchester im Regen mag. Wahrscheinlicher ist, dass der Papst für die Glasgow Rangers aufläuft (4000 zu 1), Elvis lebt (2000 zu 1), die Queen zu Weihnachten an der Spitze der britischen Single-Charts steht (1000 zu 1), oder Obama die Verschwörungstheorie bestätigt, die Mondlandung habe nie stattgefunden (500 zu 1).

Vor den Fabriktoren von Manchester
Aber genau wie Leicester dann wirklich Meister geworden ist, haben wir uns prächtig in Manchester amüsiert. Und bei einem Ausflug aufs Land ist dann sogar noch die Sonne hervorgekommen. Mehr dazu, wenn ich die Fotos sortiert habe.

































































































































