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Nordstrand

Für Inselbegabte: Lauter gute Sachen auf Nordstrand

Im letzten Beitrag über Nordstrand schrieb ich, auf der Insel sei ganz und gar nichts los. Und wer hier öfter mitliest weiß wohl, dass ich kaum ein größeres Kompliment zu vergeben habe. Neue Leser wissen das natürlich nicht. Deswegen weise ich heute noch mal ausdrücklich auf die Dinge hin, die mich auf Nordstrand nachdrücklich beeindruckten. Über allem steht dabei: Je klarer und unverfälschter ein Ort, desto mehr Raum läßt er den eigenen Gedanken. Diesbezüglich ist Nordstrand ist ganz weit vorn. Beziehungsweise oben.

 

Oben Nordstrand

Auf Nordstrand finden sich selbst Orientierungslose zurecht

 

Klarer gehts nicht. Die Inselorte auf Nordstrand heißen Norden, Süden, Westen und Oben. Und England.

 

England Nordstrand

Quite nice: In England gibts ein Hundehotel

 

Mein erklärter Lieblingsplatz ist das Holmer Siel. Logisch. Denn es liegt im Norden von Nordstrand. Und den Norden mag ich immer am liebsten. Besonders das Licht.

 

Holmer Siel

 

Über das Holmer Siel  werden 32.500 ha Binnenland entwässert. Werden die Speicherbecken bei Niedrigwasser entleert, zischt und brodelt es wie verrückt. Könnte ich stundenlang drauf starren.

 

Holmer Siel

 

Bei bestimmtem Licht und gewisser Phantasie werden die Schaumkronen zu Eisschollen und das Holmer Siel zu einem entlegenem ostasiatischen Hafen.

 

Holmer Siel

 

Hinterrücks ist es lieblicher. (Sonnen)-baden kann man am Holmer Siel nämlich auch. Jedenfalls bei Flut. Und natürlich Radfahren.

 

Badestelle Holmer Siel

 

Nordstrand ist wie gemacht für´s Radfahren. Keine Erhebungen und viel Meerblick. Eine supergute Rundtour ist die Beltringharder Route. Sie umrundet das größte Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins und passt zum Land zwischen den Meeren wie das Fischbrötchen auf die Faust.

 

Holmer Siel

 

Links Nordsee, rechts Lagune – so geht es über Kilometer. Das ist nicht nur wunderschön sondern auch praktisch. Pfeift der Wind an der Nordseee zu heftig, wechselt man einfach auf die sanfte Laguneseite.

 

Beltringharder Koog

 

Die Rundtour ist 24 km lang und gut ausgeschildert. Wem die Strecke nicht reicht, dehnt sie bis zur Hamburger Hallig aus.

Nordstrand ist die einzige Insel der Welt, die alle fünf Möglichkeiten bietet, eine Hallig zu erreichen.

Neben der Radtour auf die Hamburger Hallig wären da noch die Lorenbahn nach Nordstrandischmoor

 

Nordstrandischmoor

Nordstrandischmoor: 18 Einwohner und eine Zwergschule

 

Schiffsreisen, z.B. nach Hallig Hooge

 

Hallig Hooge

Bis zu 5 Mal pro Jahr heisst es auf Hallig Hooge: Landunter

 

Kutschfahrten nach Südfall und natürlich Wattwanderungen (aber nur geführte!).

 

Hallig Suedfall

Far, far away leben zwei Menschen auf der winzigen Hallig Suedfall

 

Die Pferdekutschen brauchen von Fuhlehörn auf Nordstrand bis zur Hallig Südfall etwa eine Stunde; die Wattwanderer knapp 2. Wer auf dem Weg genau hinhört, vernimmt bei ruhigem Wetter die Kirchenglocken der untergangenen Stadt Rungholt.

 

 

Rungholt lag auf der Insel Strand, die im Jahr 1632 durch die Zweiten Marcellusflut zerstört wurde. Übrig blieben lediglich Pellworm, Nordstrandischmoor und Nordstrand. (Das ist nicht ganz richtig. In den Kommentaren klärt eine echte Insulanerin die Zeiten und Fluten!)

Da es den wenigen Überlebenden nicht gelang, die verlorenen Gebiete wieder einzudeichen, lockte Friedrich der III, Herzog von Gottorf, Ausländer mit zahlreichen Privilegien ins Land; u.a. dem Recht eine Kirche zu bauen. Und so errichteten Niederländische Katholiken den Theresiendom, die niedlichste aller Kirchen.

 

Theresiendom

 

Der Pfarrer sitzt gern im Strandkorb vom Theresiendom und löst Kreuzworträtsel. Genauso gern zeigt er aber auch seine Kirche. Leider habe ich kein Foto vom entzückenden Altar: Also hin und selber ein Bild machen.

Witzig: 1979 diente der Theresiendom als Kulisse für den Film „Der Pfarrer von St. Pauli“ mit Curd Jürgens. Genau wie das Strandcafé Halligblick.

 

Restaurant Halligblick

 

So will man an der Nordsee zu Abend essen: Im Strandkorb mit Blick aufs Meer gibts lecker Fisch & Bratkartoffeln und eisgekühlten „Bommelunder“ (wie die Bedienung sagte).

Wobei das mit dem Meerblick zur Zeit so eine Sache ist. In Norderhafen entsteht gerade der sicherste Deich von allen. Er ist an düstere Klimaprognosen angepasst und wird dementsprechend breit. Das prädestiniert ihn zur Flaniermeile.

Wenn Ende des Jahres alles fertig ist, lockt der Deich mit verglasten (also windgeschützten) Verweilzonen, Spielplätzen und Beleuchtung. Im Moment ist die Nordsee aber noch auf Kilometer abgesperrt.

 

Norderhafen

 

Mein Tipp: Trotzdem hinfahren. Bald. Ich hab auf Nordstrand dauernd an Volkos Lieblingszitat aus dem Film Blow up denken müssen:

What about all the buildings going up around the place? Already there are queers and poodles in the area. I saw some in the couple of minutes I was there. It’ll go like a bomb.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Insel ganz kurz vorm Boom steht. Also schnell los, bevor alle anderen da sind.

 

Für weitere Überzeugungsarbeit hier noch ein paar Links zu den üblichen Verdächtigen unter den Nordfriesland-LiebhaberInnen:

Nordstrand mit Hund: Elke und Julchen vom Meerblog schwärmen über das Hundeparadies.

Inselglück for a day gibt´s bei Ralph und Claudia von MeerArt.

Und für nicht ganz so Spontane erzählt Ulrike von Watt & Meer vom  Winter auf Nordstrand. (Bei Ihr könnt Ihr übrigens auch eine frischrenovierte Ferienwohnung auf der Insel mieten).

Festung Wilhelmstein

Dadrauf muss man erst mal kommen: Der Wilhelmstein im Steinhuder Meer

Eine Zwergenbastion für einen Kleinststaat inmitten eines Mini-Meeres: Das ist der Wihelmstein, die künstliche Festungsinsel im Steinhuder Meer und erklärtes Lieblingsausflugsziel für Leute, die nicht gern stundenlang spazieren gehen. Denn der Wilhelmstein misst nur 100 mal 100 Meter. Weiterlesen

Pellworm

Precious Little Diamond: Pellworm

Pellworm ist der meist unterschätzte Ort Schleswig-Holsteins (wenn nicht der Welt) zumindest aber der Nordfriesischen Inseln. Wenigstens in meiner Wahrnehmung ist es so: Alle waren schon mal auf Sylt. Wer noch nicht auf Amrum war, will  irgendwann hin. Und Föhr holt seit einigen Jahren gewaltig auf. Aber Pellworm? Pellworm vergisst man ja schon beim Aufzählen der Nordfriesischen Inseln. Ach ja, und Pellworm, schiebt man dann nach. Geschweige denn, dass man je auf der Insel gewesen wäre. Weiterlesen

Nordstrand

Zeit für ganz und gar nichts: Nordstrand

„Was willst Du DA denn?“, wurde meine Freundin Merle gefragt, als sie erzählte, sie würde mit mir übers Wochenende nach Nordstrand fahren. „Da ist ja GAR NICHTS los!“ Und was soll ich sagen; die Person hatte vollkommen Recht.

Vergangenen Freitag brach ich voller Erwartungen und gleichzeitig extra entspannt in Hamburg Richtung Nordstrand auf. Merle würde erst am Abend anreisen. Vor mir lag also ein Tag, an dem ich nur tun musste, was mir gerade in den Sinn kam.

Ich begann mit einem Zwischenstopp auf der Hochbrücke, die bei Hohenhörn den Nord-Ostsee-Kanal überspannt. Etwas, was ich schon ewig hatte tun wollen. Denn ich hab was übrig für Grenzgebiete. Und den Nord-Ostsee-Kanal kann man ja als die Grenze nach Garnichts bezeichnen.

 

Nord-Ostsee-Kanal

 

Auf dem kleinen Weg, der sich vom Parkplatz zu einem Aussichtspunkt unter dem Brückpfeiler schlängelt, erwischte mich eins der besten Gefühle: mit einem Kapuzenpulli war ich zu warm angezogen. Dabei war es noch nicht einmal 10. So was nennt man perfektes Nordseewetter.

In entsprechender Stimmung fuhr ich weiter. Nein, tuckerte ich weiter. Denn auf der Strecke von Hamburg nach Nordfriesland wird seit einigen Jahren auf verschiedenen Baustellen mit maximal 3 Bauarbeitern gearbeitet, so dass der Verkehr über weite Teile gedrosselt verläuft. Hat man erst einmal Husum erreicht, ist jeder Gedanke an Schnelligkeit nur noch irreale Erinnerung.

 

Deich

 

Direkt vor Husum liegt die Halbinsel Nordstrand. In Schleswig-Holstein nennt sich jede Ecke, die weiter als 50 cm ins Meer ragt, Halbinsel – aber Nordstrand ist wirklich eine, also fast vollständig von Wasser umgeben. Man erreicht sie über einen knapp 5 km langen Damm durch die Nordsee.

Nordstrand ist eine Marschinsel. D.h. sie liegt etwa in Höhe des Meeresspiegels und besitzt keine natürlichen Erhebungen. Man muss sich das vorstellen wie eine riesengroße Wiese durchzogen von Deichen und Gräben.

Um unsere Ferienwohnung in Norderhafen zu erreichen, durchquerte ich Nordstrand in Gänze. Abgesehen von „Zimmer frei“-Schildern an Privathäusern entdeckte ich keinerlei Hinweis auf touristische Einrichtungen.

 

Norderhafen

 

Norderhafen selbst ist eine kleinere Ansammlung von 60er-Jahre-Gebäuden. Es wirkt, als hätte man damals auf größere Touristenmengen gesetzt, die aber nie eintrafen.

Beim Blick vom Balkon stellte ich fest: Hier ist gar nichts los. Dabei liegt nur 1 km entfernt der Hafen von Strucklahnungshörn (laut Wikipedia ein Spot mit wichtiger touristischer Bedeutung).

 

Strucklahnungshörn

 

Tatsächlich gibt es in Strucklahnungshörn einen Fischbrötchenstand (der einzige, den ich auf Nordstrand entdeckt habe. Mag sein, es liegt an der Vorsaison.) Die Dame vom Fischbrötchenstand jedenfalls gab Wikipedia Recht. Für sie sei es daneben aber auch noch der schönste Platz der Insel. Sie käme sogar in der Freizeit oft an den Hafen. Vor allem am Abend.

 

Fischbrötchen

 

Außer dem Fischbrötchenstand gibt es in Strucklahnungshörn noch ein leerstehendes Gasthaus und ein Kassenhäuschen mit offenem Unterstand für wartende Passagiere. Ich geriet selbst ein bisschen aus dem Häuschen, weil mir das alles so unverfälscht vorkam. Geradezu unschuldig.

 

Op de Diek Nordstrand

 

Eine Ecke weiter befindet sich der wichtigste Strand von Nordstrand: Fuhlehörn. Wie bei allen Badestellen auf Nordstrand handelt es sich um einen Grünstrand. Bei Fuhlehörn ist er aber teilweise mit Sand aufgeschüttet. Ab 15.06. öffnet am Parkplatz ein Kiosk, las ich auf einem Zettel, der neben der Socke angebracht ist, in die man freundlicherweise die Strandkorbgebühr legen soll.

 

Fuhlehörn

 

Ich schlenderte ein wenig ins Watt hinaus. An der Wasserkante hatte die Nordsee etwa 25 Grad. Und ich glaube, das war der Moment in dem ich aufhörte in komplizierten Sätzen zu denken.

 

Watt

 

Als ich hungrig wurde, fuhr ich zum Süderhafen, um im Watt´n Grill einen Burger zu speisen (der lecker war). Im Hafenbecken wurde gebadet. Keine Ahnung, ob es offiziell erlaubt ist.

 

Süderhafen Nordstrand

 

Inzwischen war ich ausreichend auf Inseltempo heruntergefahren, um einen sehr langsamen Deichspaziergang anzutreten. Ich entschied mich aus keinem besonderen Grund für die Badestelle am Holmer Siel.

 

Nordstrandischmoor

 

Zur Seeseite blickte ich auf die Hallig Nordstrandischmoor. Landeinwärts sah ich die Lagune des Beltringharder Kooges.

 

Beltringharder Koog

 

Wie überall auf Nordstrand sind auch die Strandkörbe am Holmer Siel eingezäunt, um sie vor Schafen zu schützen. Oder vielleicht ist es auch anders herum. Die Schafe werden vor den Menschen geschützt.

 

Deichwiesen

 

Jedenfalls geben sich die Schafe auf Nordstrand angemessen selbstbewusst. Sie zeigen wenig Scheu und eigentlich ist es viel besser, die eingezäunten Bereiche hinter sich zu lassen und sich mitten zwischen die Schafe zu setzen.

 

Schafe

 

Schafe sind Nordstrandurlaubern gar nicht so unähnlich. Beide Spezies sitzen unheimlich gern auf dem Deich und machen gar nichts.

 

Schafe auf Deich

 

(Wobei Schafe die professionelleren Deich-Sitter sind. Man kann sich eine Menge von ihnen abgucken, was Entspannung betrifft.)

 

Deichsitting

 

Ich übte mich im Deichsitting und hörte diese Vögel singen, die man nur in Meeresnähe hört (ich wette, es liest jemand mit, der weiß welche ich meine) und ansonsten: GAR NICHTS.

 

Boote

 

Als es an der Zeit war, besuchte ich eines der insgesamt 2 Lebensmittelgeschäfte von Nordstrand. Und zwar das neben dem kleinen Theresiendom.

 

Theresiendom

 

Über dem reetgedeckten Gemeindehaus flatterte eine Flagge mit der Aufschrift: Eine Insel für die Seele.  Und so ist das, dachte ich, als ich wenig später nach Husum fuhr, um Merle vom Bahnhof abzuholen.

 

Husum

 

Und es war zu seltsam: Noch am Morgen hatte ich Husum als liebenswert verschlafen wahrgenommen.  Nach nur einigen Stunden auf Nordstrand kam es mir nun so vor, als wäre in Husum viel zu viel los. Ich atmete richtig auf, als wir mit einsetzender Dämmerung zurück auf Nordstrand waren.

 

Nordstrand Oben

 

Dem Rat der Fischbrötchendame folgend, setzten wir uns mit einer Flasche Wein an den Hafen von Stucklahnungshörn, wo GAR NICHTS los war. Und das war perfekt. Denn nichts hatte mir in der letzten Zeit so gefehlt wie GAR NICHTS. Und der Sommer. Aber der war ja auch da.

 

Sonnenuntergang

 

PS.: Dass auf Nordstrand gar nichts los ist, heißt nicht, dass man nicht jede Menge unternehmen könnte. Darüber gibts demnächst noch mal einen ausführlichen Beitrag mit ordentlich Tipps. Heute wollte ich bloß schon mal alle abschrecken, die nichts mit gar nichts anfangen könnnen. Ich weiß auch nicht … Nordstrand ist irgendwie so liebenswert, dass man der Insel nur Gäste wünscht, die das auch erkennen können.

 

Vanilla Manchester

Immer der Musik nach: Manchester

Der Rochdale Canal Tow Path ist ein Spazierweg im Souterrain von Manchester. Er führt unter Straßen, Gebäuden und uralten Brücken hindurch, windet sich um schummrige Ecken, passiert frisch gentrifizierte Luxusappartements und Bars, Bars, Bars, Bars, Clubs, Clubs und Bars. Nachts ist hier die Hölle los. Morgens braucht man keine Menschenseele zu erwarten. Höchstens vielleicht Jack the Ripper.

 

Rochdale Canal Tow Path

 

Ein gutes Jahrzehnt schlug am Rochdale Canal das musikalische Herz dieser ohnehin hochmusikalischen Stadt; der legendäre (inzwischen abgerissene) Club The Hacienda. Finanziert wurde er von einer Band, die bereits in den 1970er Jahren unter dem Namen Joy Divison den Ruf Manchesters als Musikmetropole maßgeblich beeinflusste. Nach dem Tod des Frontmannes Ian Curtis benannten sich die verbliebenen Bandmitglieder aus Respekt vor ihm in New Order um. 1982 eröffnet, entwickelte sich die Hacienda schnell zum Epi-Zentrum der Rave-Bewegung, die als Madchester die britische Musiklandschaft beherrschte.

 

 

Anfang der 1990er Jahre hatte der Madchester-Sound seinen kreativen Zenit überschritten. Etwa zur selben Zeit feuerte die Rockband Rain ihren Sänger und ersetzte ihn mit einem bisher eher erfolglosen Schulabbrecher und Gelegenheitsarbeiter. Liam Gallagher kam mit seinem älteren Bruder Noel im Schlepptau unter der Voraussetzung, die Band in Oasis umzubenennen. Und ich sag´s mal so: Wer musikalisch irgendwann zwischen Post-Punk und Britpop sozialisiert wurde, ist in Manchester absolut nicht falsch aufgehoben.

 

Rain Bar Manchester

 

Auch wer zuhause nicht (mehr) besonders viel ausgeht, wird in Manchester kaum drum rumkommen.  DJs gehören in den Bars und Restaurants zur festen Einrichtung. Aufgelegt wird kein Hintergrundgedudel sondern laut. Was unter die Beats gemixt wird, richtet sich nach dem Alter der Gäste. Im wunderbaren Caffé Grande Piccolino etwa Sachen aus den Achtzigern.

 

 

Wer beim Essen keine laute Musik mag, kommt zum Lunch oder Tea. Es lohnt sich wirklich: Wie viele Restaurants und Bars ist auch das Piccolino in einer Traumlocataion untergebracht. Viktorianisch-gotische Paläste ehemaliger Banken und Versicherungen aus der Zeit als Manchester noch das wichtigste industrielle Zentrum der Welt war.

 

John Rylands Library

Keine Bar sondern das beste Beispiel viktorianischer Gotik: die John Rylands Library

 

Wenn es dunkel wird, wacht Manchester erst so richtig auf. Es gibt unheimlich viel live Musik und man hat den Eindruck, die ganze Stadt sei auf dem Weg zum Tanzen. Mancs (kurz für Mancunians = Einwohner von Manchester) legen übrigens Wert auf ihre Garderobe. Sie sind extrem gut angezogen oder extrem unglaublich. Aber selten unauffällig.

 

unscharf

 

Am lebhaftesten ist es im Gay Village, wo man sich als St. Paulianer leicht provinziell vorkommen kann. Die schwule Community Manchesters existiert bereits seit den 1940er Jahren (damals noch illegal). Heute gilt die Canal Street mit ihren Showbühnen, Männerclubs, Frauenclubs, Transclubs, Normaloclubs als Englands bekanntestes Amüsierviertel nach Soho.

 

Gay Village Manchester

 

Die Canal Street liegt übrigens am Rochdale Canal, etwa dort, wo dieser Beitrag begann. Und wer nun so gar nichts fürs Nachtleben übrig hat und es lieber etwas stiller mag, folgt einfach dem Rochdale Canal Tow Path. Er führt durch die ganze Stadt, zu ihren Toren hinaus, 36 Meilen bis aufs platte Land bei Sowerby.

Nordsee-Krimis: Der Meister von Valandsiel

In Ferienappartments- und häusern stöbere ich zu gern in den Bücherregalen, deren Inhalt oft fifty-fifty von Besitzern wie ehemaligen Gästen stammt. So jedenfalls meine These. Denn häufig entspricht die Hälfte des Angebots einer bestimmten Vorliebe (die in etwa mit der Einrichtung korrespondiert) und der Rest ist wild durcheinander gewürfelt. Was niemals fehlt sind Nordsee-Krimis. Und Ostsee-Krimis. Je nachdem wo man sich gerade befindet.

 

In der Regel lege ich Nordsee-Krimis und Ostsee-Krimis aus Gründen der Fremdscham nach wenigen Seiten zur Seite. Denn ich sehe sie vor meinem inneren Auge bereits in einer ZDF-Verfilmung (mit Christine Neubauer oder Veronica Ferres in der Hauptrolle. Von meinen GEZ-Gebühren! Etwas worüber ich mich stundenlang aufregen kann. Weil es doch ganz wunderbare Schauspielerinnen in Deutschland gibt. Aber das ist ein anderes Thema.)

 

Und so ging ich eher skeptisch an den Krimi respektive Thriller heran, den uns der blanvalet Verlag freundlicher Weise zur Rezension überlassen hat. Da er in der Gegend spielt, die ich am Wochenende besuchen werde, dachte ich neulich, es könne nicht schaden, das Buch mal kurz anzulesen, ob es sich zur Kurzurlaubslektüre eignet.

 

Der Jungfrauenmacher von Derek Meister

 

Der Jungfrauenmacher ist der erste Teil einer Serie um den Valandsieler Polizeichef Knut Jensen und Homecomingqueen Helen Hennig. Die ehemalige Profilerin erkennt sofort die Handschrift eines Serienmörders, als der Sturm eine seltsam zugerichtete Fraueneiche an den Strand spült. Und während das Ermittlerduo die Fäden mühselig aufrollt, verschwinden wieder zwei Mädchen aus Valandsiel.

 

Sturm

Krimis sollten nicht „lustig“ sein und brauchen schlechtes Wetter

 

Dass Autor Derek Meister Film- und Fernsehdramaturgie studiert hat, merkt man. Seine Settings sind ungeheuer bildhaft. Auch wenn der fiktive Ort Valandsiel ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein. Dort gibts dort einen Sandstrand (wie sonst nur in St. Peter-Ording), Steilküsten und Klippen (wie sonst nur auf Helgoland) eine Seebrücke (wie sonst nur an der Ostsee), genau wie ausgedehnte Kiefernwälder, sogar eine Wanderdüne (wie sonst nur auf Sylt) und einen Leuchtturm auf dem Cover, den man glatt mit dem Leuchtturm von Westerhever verwechseln könnte.

 

Der JungfrauenmacherDoch das soll keine Kritik sein. Es gibt viel zu viele Nordsee-Krimis (und Ostsee-Krimis), in denen dünne Plots mit Originalschauplätzen aufgewertet werden sollen. Vermutlich damit jedenfalls alle, die schon mal an den enstprechenden Schauplätzen waren, die Bücher lesen. Derek Meister hat das aber nicht nötig. Der Jugenfrauenmacher ist richtig gut durchdacht, würde überall funktionieren und Valandsiel ist eine Art nette Dreingabe. Es ist ein Fall, bei dem man hinterher denkt, man hätte auch von selbst auf den Mörder kommen können. Aber man ist eben nicht draufgekommen. (Ich zumindest nicht). Insofern wäre meine einzige Kritik, dass ich das Buch nicht mehr zur Seite legen konnte. Und weit vor meinem Kurztrip nach Nordfriesland durchgelesen hatte.

 

Der Jungfrauenmacher
Preis: 9,99 €
Seitenanzahl: 413

Lieber hätte ich den Jungfrauenmacher ja an der Nordsee gelesen. Und da traf es sich prima, das vor zwei Wochen der zweite Teil der Reihe erschien.

 

Die Sandwitwe von Derek Meister

 

Der Sommer ist fast vorbei, als eine erneute Mordserie über Valandsiel hereinbricht. Innerhalb weniger Tage tauchen mehrere Tote auf, bizarr inszeniert und offenbar an fein gesiebtem Sand erstickt.

Als Leser erlebt man den zweiten Fall aus verschiedenen Perspektiven. Zum einen aus der Sicht von Knut Jensen und Helene Hennig, die neben der Ermittlungsarbeit mit eigenen Geschichten klarkommen müssen (was ab und zu nervt). Und aus der Sicht eines mutmaßlichen Opfers. Eine Frau wird einem Haus gefangen gehalten, das mehr und mehr von Sand geflutet wird. Auf einer dritten Ebene wird die Motivation des Mörders beleuchtet. Sie reicht weit in die Vergangenheit und der Grund für den resultierenden Rachefeldzug  ist für mein Gemüt fast ein bisschen zu schrecklich.

 

Wanderduene List

 

Auch im zweiten Teil schreibt Derek Meister so schnell, dass sich die Seiten quasi von selbst umblättern. Wieder vermag er zu überraschen, ohne dabei die innere Logik der handelnden Personen zu vergessen. Die Spannung hält Meister auch dadurch, dass in Valandsiel jeder jederzeit über die Klinge springen kann.

 

Die SandwitweNicht ganz so prima sind die Protagonisten gelungen. Sie sind alle ein bisschen over the top und wirken daher konstruiert. Genau wie das Hickhack zwischen Knut und Helen, das mir schon im ersten Teil eher albern vorkam. Aber egal. Allzu viel Raum nimmt das nicht ein.

Und Krimis sind ja sowieso die Chips der Literatur. Sie sind gut, wenn man nicht mehr aufhören kann.

Auch die Sandwitwe habe ich in einem Rutsch durchgelesen. Und nehme mir für den dritten Teil  (der sich bereits in den beiden ersten Büchern ankündigt) vor: Den besorge ich mir erst, wenn ich an der Nordsee bin.

 

Die Sandwitwe
Preis: 9,99 €
Seitenanzahl: ich bin nicht sicher (wir erhielten vom Verlag eine „unkorrrigiertes Leseexemplar“. Es hat 383 Seiten; sieht aber ganz anders aus als das „echte“ Taschenbuch.)

 

Juni in Norddeutschland: 6 Sachen, die Du einplanen solltest

Juni in Norddeutschland ist großartig; beinahe so schön wie der September, bei dem es sich um meinen Lieblingsmonat handelt. Dafür liegt im Juni keine Melancholie in der Luft, denn kein Schwein denkt jetzt an den Herbst. Doch auch wenn der Sommer gerade erst beginnt, gibt´s Sachen, die ich nicht auf die lange Bank schieben möchte, weil sie am besten (oder ausschließlich) im Juni funktionieren.

Nachdem ich im Mai mal wieder in die gute, alte Zeitfalle getappt bin und viel zu wenig von den Dingen da draußen mitbekam, hab ich im Juni vorgesorgt. Freizeit geplant, was ja einigermaßen absurd klingt, aber bei uns offenbar nicht anders läuft (schon gar nicht spontan).

Es ist einfach so: Wenn ich das Beste eines Monats nicht verpassen will, muss ich den Terminkalender zücken und mir selbst gegenüber verbindlich werden. Falls es Dir ebenso geht, kommen hier (gerade noch rechtzeitig zum Planen) …

 

6 Sachen, die Du vielleicht im Juni in Norddeutschland erleben möchtest

 

Nordsee im Juni

Der Juni ist ein Nordseemonat

 

1. Der Moment, wenn Du das erste Mal kopfüber ins Meer tauchst

 

Im Juni wird angebadet. Sehr junge Menschen, sehr alte Menschen und Wikinger wagen sich in die Ostsee. Der Rest springt in die Nordsee. Die ist gnädiger. Bei Ebbe (und gleichzeitigem Sonnenschein) heizt sich das Watt auf und funktioniert bei einsetzender Flut quasi als Fußbodenheizung. Die von oben wie unten erwärmte Nordsee ist meistens Mitte Juni für normale Menschen erträglich.

Mit Glück verschlucke ich mich schon am ersten Juni-Wochenende an Salzwasser. Ich verbringe es mit einer Freundin auf einer ehemaligen Nordseeinsel. Falls das Wetter nicht mitspielt, ist es egal, denn wir sind a) beide nicht aus Zucker. Und b) ist ja schon allein die Tatsache, mit einer Freundin an der Nordsee zu sein, prächtig genug. (Wir planen es seit November. So viel zur Spontanität.)

 

Salzwiesen

Durch Salzwiesen kann man auch bei Regen (Gummi)-stiefeln

 

2. Ein Gefühl wie Große Ferien

 

Der Duft von frisch gemähtem Gras, von Erdbeeren, Regen auf Asphalt,  Sonne auf der Haut, Holzkohle, Pommes am Strand, Sonnencreme – und schwupps: fühlt man sich wieder wie ein Kind.

Marcel Proust hat das Phänomen in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschrieben. Gerüche können stärkere Erinnerungen auslösen als alle anderen Sinnesempfindungen.

Als gebürtige Landeier beamen uns aber auch stille Tage oder Stunden in der Provinz verlässlich zurück in die Zeiten, als Sommer und Ferien noch endlos schienen.

 

Was man verloren glaubte, kann man in Norddeutschland noch finden

Was man verloren glaubte, kann man in Norddeutschland noch finden. Hier: Schulhof von Gelting.

 

Umso mehr freuen Volko und ich uns über die Einladung vom Reiseland Niedersachsen.  Denn im Flächenland gibts ja bekanntlich besonders viel Provinz.

In der zweiten Juniwoche werden wir in Niedersachsen ein Meer umrunden. Den ganzen Tag Radfahren auf unbekannten Wegen – das ist noch so was, das sich wie Große Ferien anfühlt und perfekt in den Juni passt.

 

3. Und in der EM-Bar Deines Vertrauens alle so: Yeah!

 

Täusche ich mich oder ist das allgemeine Interesse an der EM dieses Mal denkbar gering? Kann trotzdem nicht schaden, sich schon mal nach einer geeigneten Location umzugucken. Denn manche Leute wird man ab 10. Juni wieder mal nur treffen können, wenn man bereit ist, mit ihnen Fußball zu gucken.

 

WM 2014

 

Dann braucht der (nicht ganz so fußballverrückte) Mensch einen Ort mit guten Drinks, freundlichem Service, ordentlicher Sicht und Shots bei jedem Tor der deutschen Mannschaft. Gibt’s z.B. alles in der Möwe Sturzflug auf St. Pauli.

 

4. Einsame sommerliche Ostseestrände

 

Einsame, sommerliche Ostseestrände gibt’s in Deutschland nicht gerade wie Sand am Meer. Im Grunde findet man sie nur wochentags, wenn kein Bundesland Schulferien hat. Dieses Jahr ist es bis zum 22. Juni möglich – und dann erst wieder ab 13. September.

Wo´s einsam ist, läßt sich mit Google Maps in Erfahrung bringen. Oder hier auf dem Blog. Vielleicht kommt im Laufe des Junis noch ein Lieblingsstrand dazu. Aber das müssen wir spontan gucken (ist also unwahrscheinlich).

 

Strandzugang

 

Wer´s gar nicht besonders einsam braucht, sondern auch mit erträglicher Belebung leben kann, ist im Juni beinahe überall an der Ostsee richtig. Das Beste: Noch sind die Einheimischen nicht gestresst von den Touristen. Noch vermieten sie ohne zu meckern für ein oder zwei Nächte. (Im Juli und August ist das längst nicht immer der Fall. Und die Preise ziehen auch ganz schön an.)

Das Wetter kann im Juni richtig schön sein an der Ostsee. Richtig heiß. Und falls man dann irgendwie doch in die Ostsee will, obwohl sie einem eigentlich viel zu kalt ist, hilft der gute, alte Beachball-Trick. Beachball muss man ambitoniert und mit den Füßen im Wasser spielen. Dann hat man sich spätestens nach 30 Minuten an das eisige Grauen gewöhnt. Und läßt sich (vielleicht mit einem gewagten Hechtsprung) reinplumpsen.

 

DuenenvorGraswarder

 

5. Die hellsten aller hellen Tage

 

Am 21. Juni scheint die Sonne in Flensburg 86 Minuten länger als in München. Leider, leider feiert man bei uns ja nicht Mittsommer wie in Schweden. Dafür aber in Dänemark. Ein sehr guter Grund um mal wieder bei den Nachbarn vorbei zu schauen.

Zu St. Hans am 23. Juni lodern an allen Stränden des Königreichs gewaltige Feuer. In manchen Orten finden Fackelumzüge statt. Restaurants bieten spezielle Buffets an. Was man nicht findet sind Tanzveranstaltungen mit Eurobeats oder Bratwurststände.

 

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Wer (wie ich) zu St. Hans (im Süden) arbeiten muss, findet hoffentlich (wie ich) noch eine Lücke im Terminkalender zum Ausgleich und Trost. Und sei es nur für einen Feier-Abend an der Nordsee.

 

6. Wenn in Ording die rote Sonne im Meer versinkt

 

Ende Juni geht die Sonne in St. Peter-Ording um 22.04 Uhr unter. Für Hamburger (Schleswig-Holsteiner und manche Niedersachsen) lohnt sich das sogar, wenn man erst nachmittags aufbricht. Ich werde allerdings früh losfahren und dafür länger bleiben. Eine kleine Frauenreise setzt den Schlusspunkt im Juni 2016. Von langer Hand geplant versteht sich. Denn die anderen 3 sind genauso unspontan wie ich. (Kann es vielleicht sogar sein, dass Spontanität vollkommen überbewertet ist?)

 

Sankt Peter Ording

Sankt Peter Ording

 

Die Strandkörbe werden am Strand von Bad (bei den anderen weiß ich es nicht) netterweise abends nicht verschlossen. Und wenn man da mit seinen Lieblingsleuten ein, zwei Sundowner nimmt, dann gibt es eigentlich keinen besseren Gedanken als diesen: Der Sommer fängt gerade erst an.

Und falls es regnet – denkt man sich eben das Gleiche.

 

Wenn die Sonne versinkt in St. Peter Ording

 

Der Pilgerweg im Hamburger Stadtpark

Vor 2 Jahren, als der Hamburger Stadtpark 100 wurde, schenkten ihm die umliegenden Kirchengemeinden einen Pilgerweg. Das Geschenk ist in erster Linie ideeller Natur, denn es wurden weder extra Wege angelegt noch die vorhandenen ausgeschildert. Materiell ist lediglich das kleine Begleitheft.

 

Pilgern im Stadtpark

 

Die Broschüre liegt u.a. in den Kirchen rund um den Stadtpark aus und in der Hauptkirche St. Jacobi in der Innenstadt, denn das ist Hamburgs Pilgerkirche – mit Pilgerbüro, Pilgerkapelle und Pilgerpastor Bernd Lohse. (NDR-Zuschauer haben vielleicht schon mal was von ihm gesehen – er ist derjenige, der regelmäßig auf dem Olavsweg nach Trondheim pilgert und mit Franz Alt ein Buch übers Pilgern herausbrachte).

Man bekommt das Heft auch an der 1. Station des Pilgerweges im Hamburger Stadtpark, der Trinkhalle, wo ich meine Pilgertour vorgestern begann und gleich wieder abbrach.

 

Station 1: Die Trinkhalle am Borgweg

Station 1: Die Trinkhalle am Borgweg

 

Der Pilgerweg führt über 22 Stationen auf 5,7 km rund um den Hamburger Stadtpark. Ist also mehr ein Pilgerwegchen, gerade richtig für zwischendurch.

Einige Station sind im Winter nicht begehbar, andere nur zu gewissen (Öffnungs)-Zeiten und dann gibts es auch solche, die derzeit der Allgemeinheit verschlossen sind. Wie das Planetarium, das noch bis Dezember 2016 renoviert wird.

 

Planetarium Hamburg

Station 4: Wenn das Planetarium nicht renoviert wird, nimmt der Pilger den Fahrstuhl aufs Dach

 

Der Ausblick vom Planetarium wäre beim gestrigen Wetter super gewesen. Aber 1. kann man eben nicht alles haben im Leben. Und 2. habe ich – wie viele Hamburger – eine gehaltvolle Stadtparkbiographie, kenne ihn also ganz gut, inkl. Wahnsinnsausblick vom Planetarium.

 

Ententeich

Station 7: Den Ententeich kannte ich nicht (obwohl ich glaubte, den Stadtpark in- und auswendig zu kennen)

 

Von den 22 Stationen waren mir 21 gut bekannt. Ich hab sie mit dem Pilgerheft in der Hand jedoch anders wahrgenommen. Mag auch sein, dass ich anders bin. Meine Stadtparkjahre liegen schon eine Weile zurück. Damals interessierte ich mich (im Grunde ausschließlich) für Jungs, Musik und meine Freundinnen. Ganz bestimmt aber nicht für Bäume. Und wenn das möglich ist, kam mir der Stadtpark gestern gleichermaßen größer wie kleiner vor.

 

 

Wer den Hamburger Stadtpark nicht kennt, hat nach dem Pilgerweg einen umfassenden Überblick und auf sicher seine Lieblingsecke gefunden. Exkurse sind meiner Meinung nach nur zwischen Station 9 und 10 nötig. Einen ersten Abstecher ist das Lesecafé wert.

 

Lesecafe

Kurz vor Station 10: Das Lesecafe ist so winzig, dass man nur draußen sitzen kann. Gut so.

 

Der zweite Exkurs führt gleich neben dem Lesecafé auf den Rhododendronpfad, der kurz vor der Farbexplosion steht (und nur im Mai und Juni Sinn macht).

 

 

Für Menschen, die den Stadtpark kennen, öffnet der Pilgerweg vielleicht den Blick für neue Dinge. Bei mir waren das vor allem die Skulpturen, von denen viele aus den Anfangsjahren des Stadtparks stammen.

 

Pinguin-Brunnen

Station 15: Der Pinguin-Brunnen von August Gaul 1912

 

Das Begleitheft widmet jeder Station eine Doppelseite. Manchmal mit Hintergrundinfos, manchmal mit Texten zum Nachdenken und manchmal fordert es auch auf, etwas zu tun. Z.B. sich auf die eigene Bewegung zu konzentrieren, einen Herzenswunsch zu versenden oder auch Fragen zu beantworten.

 

Liebesinsel

Station 18: Die Liebesinsel (im Geiste notiert – unbedingt Kanu ausleihen diesen Sommer)

 

Auf der Liebesinsel etwa wird gefragt:

 

Was hast Du wirklich aus Liebe getan?

Wer hat Dich geliebt und wen liebst Du wirklich?

Was hast Du alles „Liebe“ genannt, doch es war nicht Liebe?

 

Landhaus Walter

Station 21: Weiblicher Akt vorm Landhaus Walter

 

Natürlich ist das Heft zum Pilgerweg in gewisser Hinsicht religiös, womit bekanntlich nicht jeder was anfangen kann. Es ist aber nicht doktrinär sondern weist mehrfach darauf hin, dass das Pilgern eine uralte geistliche Übung aller Religionen ist.

Außerdem ist Pilgerpastor Lohse nicht von gestern. Ihm ist schon klar, dass manchen der Glaube an einen persönlichen Gott fremd ist und unwirklich vorkommt. Und das kann er offenbar ganz gut so stehenlassen, ist also tolerant.

Mit eben dieser Toleranz kann auch ein nichtgläubiger Mensch vom Pilgerweg im Stadtpark profitieren. Und sei´s nur, weil´s ein toller Spaziergang ist.

 

Hamburger Stadtpark

Endstation: O´Swaldscher Pavillon am Borgweg

 

Fazit: Auf dem Jakobsweg habe ich mich mehr wie eine Pilgerin gefühlt. Dafür ist es auf dem Pilgerweg im Hamburger Stadtpark (vormittags, unter der Woche) nicht so voll wie auf den letzten 100 km vor Santiago. Ehrlich wahr.

Hamburg

Pilgern in Hamburg (hier: für Anfänger)

Ich gehe so gern. Ich gehe mir den Kopf frei, denke ich manchmal. Doch immer wenn ich das Gehen ganz besonders nötig habe, nämlich in Phasen größten Arbeitsaufkommens, tue ich mich unheimlich schwer loszugehen.

 

Statt einfach loszugehen, führe ich ellenlange Dialoge mit mir selbst. Ob ich wirklich losgehen sollte, wann ich wirklich losgehen sollte und wohin ich losgehen sollte. Oder eben auch nicht.

 

Zur Zeit habe ich wieder so eine Phase am Wickel. 2 Monate hatte ich viel zu viel zu tun, aber nun wird es langsam entspannter. Noch 2 Wochen – dann ist das Drama vorbei. Ich könnte also den Fuß ein bisschen vom Gas nehmen. Und auch mal ein paar Stunden planlos durch die Gegend schlendern. Aber wie gesagt: Ich tue mich schwer. Wie ein Vogel, der zunächst im Käfig sitzenbleibt, wenn die Tür geöffnet wird.

 

Da traf es sich ganz gut, dass ich vor einigen Tagen von einem Pilgerweg erfuhr, der durch den Hamburger Stadtpark führt. Pilgerwege haben klare Bedingungen; eine bestimmte Länge, eine Wegführung, erfordern als keine große Freigeisterei.

 

Trinkhalle Hamburg

Bei der Trinkhalle beginnt der Pilgerweg durch den Hamburger Stadtpark

 

Das werde ich ja wohl noch hinkriegen, dachte ich heute morgen. Zumal der Pilgerweg in der Trinkhalle beginnt, die ich schon ewig mal testen wollte (seit ich sie bei Maren gesehen habe). Dort würde ich mein Frühstück einnehmen, nahm ich mir vor; was dem Ganzen auch noch einen effizienten Anstrich verlieh.

 

Kurz vor zehn saß ich in der Bahn. Ich hatte eigentlich früher losgehen wollen. Aber dann waren mir wieder etliche hyperwichtige Dinge eingefallen, die ich noch vorher erledigen musste (die ehrlich gesagt gar nicht besonders dringlich waren).

 

Kaum fuhr die Bahn los, durchzuckte mich die Frage, ob meine Fenster etwa noch „auf Kipp“ standen. Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, sie geschlossen zu haben. Etwas, das mir so gut wie nie passiert, weil ich eine crazy Katzenlady bin (von der permanenten Angst beherrscht, meine Katzen könnten aus dem Fenster fallen oder sich sonstwie verletzen.)

 

Dass ich mich nicht erinnern konnte, machte mir noch mal ganz deutlich, wie unbewusst ich derzeit agiere. Umso wichtiger mein heutiges Pilgern. Aber erst musste ich mit der Unsicherheit aufräumen.

 

Also stieg ich an der nächsten Station stieg aus und fuhr zurück, um mich von den geschlossenen Fenstern zu überzeugen (selbstverständlich waren sie geschlossen).

Dann ging ich wieder zur Bahn und hielt die Fahrt bis zum Borgweg 1a durch.

 

Stadtpark Hamburg

 

Weil ich im Moment aber nicht nur unbewusst sondern auch unkonzentriert bin, hatte ich was die Öffnungszeiten der Trinkhalle betrifft nicht richtig nachgeschaut. Das Café öffnet in der Woche erst um 11.00 Uhr. Frühstück fiel also aus. Aber immerhin war schon jemand da, der mir den Pilgerplan aushändigte.

 

Station 2 bereits im Blick saß ich fünf Minuten in der Sonne und freute mich. Bis ein rotes Lämpchen an der Kamera mir zeigte, dass mein Akku nahezu leer war. Ich hätte natürlich trotzdem losgehen können. Pilgern und fotografieren gehören ja nicht zwingend zusammen. Doch ich wollte nicht. Ich hatte mir das anders vorgestellt.

 

Unbewusst, unkonzentriert, unachtsam und unflexibel, wie ich war, brach ich ab und setzte  mich zum vierten Mal innerhalb einer Stunde in die U3.

 

Pilgern in Hamburg

 

Als ich zuhause eintraf, war ich ein bisschen genervt, aber nicht übermäßig. In der Bahn hatte ich in der kleinen Pilgerbroschüre ein Zitat vom Kirchgelehrten und Philosophen Aurelius Augustinus entdeckt.

 

Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt die Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das Andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen. Seine Sehnsucht ist größer.

 

Und da sieht man mal, dass auch Philosophen irren. Bei mir ist es nämlich genau umgekehrt. Ich brauche nicht unbedingt das Andere, das Fremde, das Neue. Im Gegenteil. Mein Herz ist unruhig, wenn ich nicht im Norden bin. Gerade jetzt im Frühling würde ich am liebsten nur hier sein.

 

 

Ich kann durchaus andere Gegenden schön finden. Ich sehe sehr genau, wenn Städte nicht so glattgebügelt sind wie Hamburg; ich schätze ihre spannenden Ecken. (Wie in Magdeburg. Bilder oben.) Und ich sehe auch wenn etwas aufregender ist als Hamburg und größer und irgendwie wesentlicher (Wie Berlin. Bilder unten). Aber ich sehne mich immer nordwärts.

 

 

Aurelius irrt, wenn er meint, ein Ort könne einen nicht erfüllen. (Er meint, wir suchen nicht nach einem Ort sondern nach Gott.) Doch ich kenne ganz viele Orte, die mich erfüllen. Massenweise davon liegen in meiner allernächsten Nähe. An einem lebe ich sogar.

 

Das alles notierte ich, während mein Akku auflud. Und dann ging ich raus. Denn wenn gar nichts anderes geht, gehen immer noch die Landungsbrücken. Ihre schwankenden Pontons sind mein fester Boden.

 

Hafen Hamburg

 

Als ich später sehr konzentriert, bewusst und achtsam meinen Großen Rickmer Rickmers Salat verspeiste, dachte ich, dass Pilgern doch eine feine Sache ist. Schon 100 Meter reichen aus, damit man sich wieder bewusst wird. Zum Beispiel darüber wie froh man über sein Zuhause ist .

 

PS.: Falls jemand ganz enttäuscht ist, weil ich kaum was über den Pilgerweg geschrieben habe, keine Angst, das mache ich morgen. Ganz sicher.

 

Gabi Glitscher

Peak District

Hey Duke: Chatsworth House im Peak District

Im Anflug auf Manchester erblickt man England in Gestalt des Peak District; einem Hochland-Gebiet, das aus der Luft einer kargen Mondlandschaft gleicht; von unten betrachtet aber so lieblich erscheint wie das Auenland.

Kurz hinter den Toren von Manchester City liegt Englands ältester Nationalpark mit hügeligen Weiden und Feldern durchzogen von Steinmauern, Schafen, Schafen, Schafen, Flüssen und Bächen, Bilderbuchdörfern, stillen Wälder.

 

Steinmauer

 

Auf den baumlosen Gipfeln des Peak District lag bei unserem Besuch am 1. Mai noch Schnee. Ich denke, das ist ungewöhnlich. Denn höher als 600 Meter sind die eigentlich nicht und bei unseren bisherigen Besuchen auf den Inseln haben wir „den Norden im Westen“ immer viel wärmer wahrgenommen als „den Norden im Norden“. Doch dieses Mal war´s wirklich genau so, wie man sich England vorstellt: extrem wechselhaft und sobald die Sonne verschwand richtig kalt.

 

Fasan

 

Kälte und Regen allerdings können keinen englischen Spaziergänger dazu verleiten, eine Jacke zu tragen. Offenbar kleiden sich Engländer nicht nach Witterung sondern nach Datum. Zum Spring Bank Holiday also frühlingshaft wenig Stoff und unter Röcken auf gar keinen Fall Strümpfe. Wir wären in solchen Outfits wohl erforen. Dank dicker Jacken zogen wir uns lediglich eine miese Erkältung zu. U.a. weil es zeitweise in Strömen goss. Murphys Law entsprechend befanden wir uns da gerade in einer Ecke, die keine Möglichkeit zum Unterstand bot.

 

Leider nicht verwackelt oder diesig sondern eine Regenwand

Leider nicht verwackelt sondern verregnet

 

Es erwischte uns im ultra-weitläufigen Park von Chatsworth House; dem Sitz der Familie Cavendish. Die Cavendishs bewohnen das Schloss im englischen Barock seit dem 16. Jahrhundert. Um 175 Zimmer und die Gartenanalgen zu unterhalten, öffneten der Duke und die Duchess von Devonshire ihr Anwesen vor einigen Jahrzehnten der Allgemeinheit (das aber nicht in Devonshire liegt sondern in Derbyshire.)

 

Chatsworth House

 

Chatsworth House ist eines der bekanntesten Herrenhäuser Englands und ein beliebtes Ausflugsziel. Es ist ratsam, den Besuch auf einen Wochentag zu legen, da es ansonsten recht voll werden kann. Es sei denn, man kommt bei Regen (was aber aus anderen Gründen mittelmäßig ist).

 

Chatsworth House

 

Der Eintritt ist mit 23 Pfund (gute 29 Euro) nicht gerade günstig. Wer nur den Park besucht, zahlt 12 Pfund, was ich immer noch einen ziemlich stolzen Preis finde. Und apropos Stolz. Chatsworth House diente in der Verfilmung von Jane Austens Stolz und Vorurteil als Schloss des Mr. Darcy. Logisch, dass beinahe jede romantisch veranlagte Person das mal sehen will.

 

Parkweg

 

Falls man ein bisschen Ahnung vom Gärtnern hat, kann man sich denken, was im Mai eigentlich blühen sollte (dieses Jahr aber aufgrund der außergewöhnlichen Kälte noch nicht so weit war.) Jedenfalls konnte Verena, die sich diesen Ausflug gewünscht hatte, das alles ziemlich gut erklären. Mir gefällt am Reisen mit anderen, dass man mal ganz andere Dinge sieht. Wären Volko und ich allein im Peak District gewesen, wären wir wohl nur so durch die Gegend gestromert. Aber ehrlich: da hätten wir was verpasst.

 

 

Selbst Leute, die überhaupt keine Gartenfreaks sind (Volko und ich) fühlen sich in der Anlage mit ihren Gewächshäusern, Barockgarten, Irrgarten, Tunnelsystem, Aboretum, romantischen Landschaftgärten, Kaskaden, Teichen, Springbrunnen, Skulpturen und weiteren seltsamen Sachen wie Alice im Wunderland. Und wenn es nicht durchgehend geregnet hätte, hätten wir ganz besimmt die Cheshire Cat getroffen und wären auf sicher noch Stunden geblieben.

 

wonderland

 

So wie die Dinge lagen (der Regen fiel) gaben wir irgendwann auf. Waren aber trotzdem alle vier der Meinung, Eintritt und Besuch hätten sich absolut gelohnt.  Trotz Regen. Nicht auszudenken, wie schön das alles bei Sonnenschein sein muss.

 

Fasan

 

Und wie das in England eben so ist: Als wir Chatsworth House verließen, hörte es auf zu regnen. Es führte dazu, dass wir uns schlecht losreissen konnten. Da muss man sich dann einreden, dass man irgendwann wiederkommen wird.

 

Chatsworth House Mai

 

Am liebsten hätte ich mal drei, vier Tage, um mich in Ruhe im Peak District umzusehen. Ich würde gern die höchsten Gipfel erstürmen, die zu den südlichen Ausläufern der Pennines gehören. Ich würde gern durch die Wälder und Moore streifen und an Flußufern sitzen. Stundenlang. Und Chatsworth House würde ich gern noch einmal besuchen. Bei Sonne versteht sich. Vielleicht wählte ich dann als Standort Pilsley.

 

Pilsley

 

Das 152-Einwohner Dorf Pilsely besteht komplett aus Wackerstein-Cottages und einer Seelenruhe. Ein Großteil der Cottages gehört zum Chatsworth Estate. Manche werden an Feriengäste vermietet.

 

 

Muss wunderbar sein so ein Ferienaufenthalt in Pilsley. Man lebt in aller Stille und kauft ein wie in London. Oberhalb des Dorfes befindet sich ein Olymp für Küchengötter: der Chatsworth Estate Farm Shop. Er wurde mehrfach als bester Farm Shop des Landes ausgezeichnet, hat ordentlich Bio-Ware im Angebot und eine eigene (ebenfalls ausgezeichnete) Metzgerei.

 

 

Wer sein Essen nicht selbst zubereiten möchte, besucht den Pub von Pilsley, das Devonshire Arms, das vom Guide Michelin Großbritannien empfohlen wird. Wir können zu den Speisen leider nichts sagen, weil wir erst kurz nach mittäglichem Küchenschluss eintrafen (15.00 Uhr). Aber die Karte las sich ländlich-lecker. Das Devonshire Arms hat übrigens auch Gästezimmer, die regelrecht märchenhaft aussehen.

 

Devonshire Arms

 

Über das Bier können wir sagen: Es schmeckt wie Lagerbier eben schmeckt. Eigentlich nicht so richtig. Aber genau so muss das eben sein, wenn man vor einem Pub sitzt und die Sonne scheint. Aufeinmal war es richtig warm. Und ein zweites Pint geht immer.

 

Pub Peak District

 

Wie wir da so saßen, vier ziemlich unterschiedliche Personen, waren wir alle ganz und gar zufrieden. Ich kenne viele Leute, die sagen, sie wollten irgendwann auch mal was anderes von England sehen als immer nur London. Ihr Vorhaben aber über Jahre und Jahre verschieben. Ich kann denen echt nur empfehlen, das Ganze bald in die Tat umzusetzen. Es gibt günstige Flüge, z.b. nach Manchester oder Liverpool, das Pfund steht gerade ganz angenehm und das Wetter ist auch viel besser als sein Ruf. Ehrlich. Eigentlich.