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Die geschenkte Zeit, Teil 1: am Strand von Eckernförde

Eckernfoerde

Eckernförde gehört zu den Orten, an denen ich regelmäßig vorbeifahre. Oft denke ich kurz darüber nach anzuhalten. Jedes Mal verschiebe ich es auf´s nächste Mal.

Immer habe ich etwas vor, wenn ich an Eckernförde vorbeifahre. Immer bin ich auf dem Sprung. Immer habe ich das Gefühl,  gerade heute keine Zeit zu haben, um in Eckernförde eine Pause einzulegen.

Nicht mal ne halbe Stunde? Seit Jahrzehnten?

Dachte ich neulich.

Und hielt an.

Im selben Moment konnte ich nicht fassen, dass ich es noch nie zuvor getan hatte.

 

Strand

 

Nähert man sich Eckernförde von Kiel aus, wird man ungefähr beim Ortseingangsschild mit dem ersten Ostseeblick belohnt. Schon als Kind habe ich mich weit vor Eckernförde auf den Moment gefreut. Denn der erste Blick aufs Meer gehört für mich zu den besten Dingen überhaupt im Leben.

 

Ostsee

 

Wie kommt es nur, dass man die besten Dinge des Lebens nicht immer so behandelt?

Selbst wenn man im Allgemeinen ganz gut auf seine Bedürfnisse Acht gibt, ertappt man sich doch immer wieder dabei, die eigenen Wünsche einer Verpflichtung unterzuordnen. Einer Verpflichtung, die oft genug nicht mal real ist.

So läuft das jedenfalls bei mir. Selten auf so offensichtlich absurde Weise wie beim Vorbeifahren an Eckernförde. Aber doch in beträchtlicher Regelmäßigkeit.

 

Eckernförder Bucht

 

„Eine Minute hat 60 Sekunden. Eine Stunde hat 60 Minuten. Können Sie mir folgen?“

(aus Momo von Michael Ende)

 

Welle

 

Erinnert sich noch jemand so intensiv wie ich an Armin Müller-Stahl in der Rolle des Grauen Herrn von der Zeitsparkasse in Momo? Besonders sein Monolog im Salon des Friseurs Fusi ist mir nachdrücklich im Gedächtnis. Wie er Fusi dezidiert vorrechnet, was alles überflüssig ist in dessen Leben und derweil wie ein Ertrinkender an Zigarren aus vertrockneter Zeit saugt.

Das finde ich noch heute gruselig. Oder gerade heute. Denn so richtig wirkt Michael Endes Botschaft ja erst, wenn man spürt, dass sie einen selbst betrifft.

 

Steilküste

 

Ich bin Armin Müller-Stahl mal begegnet. An der Ostsee, in der Nähe seines Ferienhauses. Also eigentlich kam er uns nur entgegen und wünschte einen guten Morgen. Aber mein Lieblings-Ex-Freund und ich konnten uns den ganzen Tag nicht beruhigen, welche Ruhe und Zufriedenheit von diesem Mann an diesem Morgen ausging.

Von Armin Müller-Stahl habe ich also zwei ziemlich starke, gegensätzliche Bilder. Und die Frage ist: Wer will man sein?

 

Wald am Meer

 

Entscheidet man sich für die ruhige, zufriedene Variante, fängt die Arbeit an. Denn schon rein kulturell liegen da für uns einige Steine im Weg. Schließlich sind wir nicht zum Spaß geboren.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, ist so ein innerer Glaubenssatz, der tief in mir verwurzelt ist. Das geht ja Vielen so. Dabei weiß man sehr genau, dass „die Arbeit“ niemals getan sein wird. Da ist immer was zu tun (das keine Freude macht und einen selbst nicht sonderlich weiterbringt.)

Oder auch: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not. (Sehr witzig, sagte der brave Norddeutsche, als er den ersten Kontoauszug mit Negativzinsen erhielt.)

 

Friedwald

 

Die US-Amerikaner haben´s da viel leichter. Sie geben einfach jedem Tag die Chance, der schönste Tag des Lebens zu werden, denn sie wissen schon seit Scarlett O´Hara, dass man nichts auf morgen verschieben kann.  (Eine sehr stressige Position, der ich nicht folgen möchte.)

 

Verschieben wir´s auf morgen

 

(aus „Vom Winde verweht“)

 

Einem deutschen Sprichwort nach verschieben nur faule Leute die Dinge auf morgen. Doch ich glaube, das ist gar nicht der Fall. Es sind die Fleißigen, die gewisse Sachen auf morgen verschieben. Die Pflichtbewussten. Und zwar solche Sachen, die „nur“ für sie selbst wichtig sind. Erst mal alle Erwartungen von außen erfüllen. (Auch eine stressige Position, der ich nicht folgen möchte.)

 

Fernblick

 

Mir bleibt nur ewiges Austarieren.

Als ich den Strand von Eckernförde verließ, fühlte es sich an, als hätte ich´s für diesen Tag ganz gut hingekriegt.

Diese Zeit hatte ich mir geschenkt. Und keiner nahms mir übel. Ja, es hat noch nicht einmal jemand gemerkt.

 

Marine

 

Wie Ihr bei niwelu sehen könnt, kann bei Eckernförde natürlich auch noch viel weiter spazieren. Wenn man mehr Zeit hat.

25 Kommentare

  1. Liebe Stefanie, genau so ist es und ja, niemand nimmt es übel oder merkt es, wenn man mal was für sich tut. Aber man selbst merkt es, denn es tut gut! Gerade gestern stand ein passender Spruch auf meinem „Ein Jahr Gelassenheit“-Kalender:

    Lass uns faul zu allen Sachen,
    nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
    nur nicht faul zur Faulheit sein.

    Gotthold Ephraim Lessing

    • Hej Ulrike! Grad mal gegoogelt, wann er gelebt hat. 1729 – 1781. Wir denken ja oft, unsere Zeit wäre so schnell. Aber vermutlich war das schon immer so. Im Wesselburenerkoog aber zum Glück nicht ganz so hektisch. Hab ein schönes Wochenende da oben; Stefanie

  2. Wunderschön. Hattest Du denn auch noch Zeit für das tolle griechische Restaurant am Strand mit Blick aufs Meer? …. die Worte sind wunderbar getroffen über die Zeit und das Verschieben. Viel zu selten halten wir inne….für die wirklich schönen Dinge im Leben von denen wir dann zehren….in harten Zeiten.

    • Liebe Ilona, super Tipp! Ich kenne das Restaurant gar nicht; bin aber gerade nach ausgiebigen Strandspaziergängen voll gern beim Griechen. Das ist geistig notiert, bis ich mit Volko mal ganz Ecktown erkunde. Liebe Grüße, Stefanie

  3. für viele deiner texte ist mir ein sternchen eigentlich zu wenig… dieser hier zum Beispiel hat mindestens drei verdient 🙂

  4. Liebe Stefanie,

    du triffst – wie immer – genau ins Schwarze mit deinen Worten!
    Gut, dass du dir die Zeit genommen hast ….und wir so die herrlichen Fotos sehen können. 🙂

    Alles Liebe
    Eva

  5. Ja, ja, ja!!!!! Vielen Dank für die Erinnerung an die WICHTIGEN Dinge im Leben, und für die schönen Fotos aus der Gegend, wo ich Kind war (8 Jahre in Gettorf und komischerweise waren wir auch viel zu selten am Wasser!) <3

    • Wirklich Carmen, Du kommst aus Gettorf! Wahrscheinlich ward Ihr mehr im Tierpark als am Wasser. (Aber ich weiß, was Du meinst. Ich komme aus Kappeln und war nie mit meinen Eltern am Strand. Dafür aber mit meiner Oma. Was besser war: weil die erlaubte mehr :-))

  6. Tami sagt

    Hallo ! Mir geht es so ähnlich , komme oft nach Arbeit am Strand von Eckernförde vorbei ! Nur das ich mir manchmal die Zeit nehme , einmal die Füsse ins Wasser zu tauchen ! Herrlich – aller Stress des Tages fließt einfach davon ! Nur kenne ich viele Orte an denen ich schon immer Mal anhalten wollte – jetzt probier ich das auch 😉

    • Oh Tami, was für einen tollen Arbeitsweg Du hast! Da kann ich mir vorstellen, dass es einige Orte gibt, an denen Du schon mal anhalten wolltest. (Ich auch!)

  7. Liebe Stefanie,
    Dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Und das liegt nicht an Eckernförde ? , sondern am klugen Text.
    Viele Grüße, Marianne
    Alleinereisenjetzt.wordpress.com

  8. Wer hätte das gedacht… beim nächsten Mal mache ich auch einen Eckernförde-Stopp. Schön, dass du dich mit diesem Traum in Azur beschenkt hast – und uns gleich mit!

  9. hach, ein schöner Beitrag, vielen Dank, ich habe ihn sehr gerne gelesen. Das war offensichtlich ein guter und auch fotogener Tag, um mal anzuhalten und auszusteigen.
    Das Foto mit dem glasklaren und glitzerndem Wasser mag ich besonders gern. Das unter dem Zitat aus Momo. Die grauen Herren fand ich übrigens auch langanhaltend gruselig, hatte das aber inzwischen aus den Augen verloren. Die beschriebene Szene im Frisiersalon ist übrigens bei Youtube zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=3mtdZVsRv70
    Über die Einfahrt nach Eckernförde von Kiel kommend kann ich mich auch immer wieder freuen, wenn ich mal dort bin. Wie schön, den Blick öfter zu haben!

    • Du hast Recht: Der Tag (sein Licht) hat mich quasi gezwungen, endlich mal in Eckernförde zu halten.
      Was mich außerdem bewogen hat, warst Du 🙂 bzw. Dein Beiträge über Eckernförde. Ich meine, wenn eine Berliner Eckernförde viel, viel besser kennt als eine Hamburgerin, kann man schon mal ins Grübeln geraten. Ich wollte Dich verlinken; fand Deinen Blog aber nicht mehr – weshalb ich ganz besonders froh bin, dass Du hergefunden hast. (Und den Link hab ich jetzt noch mal nachträglich gesetzt.) Liebe Grüße und herzlichen Dank auch für den Youtube-Link. Schau ich mir nachher an!

  10. Pingback: Wanderung von Hohwacht nach Behrensdorf am Strand

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