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Was ich über Seepferdchen nicht wusste

Meeresmuseum Stralsund

Werbung | Was der mare Verlag Sachtitel nennt, kommt mir häufig märchenhafter vor als die verdrehtesten Fantasy-Romane. So ist das auch mit Till Heins Buch »crazy horse«, das in die erstaunliche Unterwasserwelt der Seepferdchen entführt.

Von Seepferdchen wusste ich im Grunde nur, dass ich sie schon immer ausgesprochen  niedlich fand. Der Wissenschaft geht es da gar nicht so viel anders. Vieles an diesen seltsamen Wesen bleibt unergründlich. Dabei beschäftigt sich die Menschheit schon seit Ewigkeiten mit den Rössern der Meere:

  • Seepferdchen werden als Hippocampi bezeichnet. Hippos bedeutet im Altgriechischen Pferd. Kampos steht für Seeungeheuer. Und genauso sehen sie ja auch aus.
  • Es heißt, der Meeresgott Poseidon ließ seine Kutsche von Seepferdchen ziehen.
  • Die schottische Mythologie berichtet Gleiches vom Meeresgott Manannan mac Lir, dem Namensgeber der Isle of Man. Sein Lieblingsross war Splendid Mane – es soll schneller als der Wind gewesen sein. Und bis heute schwören Fischer, dass es noch immer durch die Wellen galoppiert.
  • Eigentlich sind Seepferdchen aber Fische.

    Seepferdchen sind Fische

  • Zwergseepferdchen sind die langsamsten Fische der Welt. Sie bringen es auf maximal 0,054 Stundenkilometer. Schnecken sind doppelt so schnell.
  • Die größten Rösser der Meere sind Dickbauchseepferdchen. Sie können 35 Zentimeter groß werden. Das kleinste Pony der Welt wurde nur 0,5 Zentimeter größer.
  • Satomi-Seepferdchen sind die kleinste Art. Sie bringen es nur auf 1,4 Zentimeter. (Wer genau hinguckt, erkennt Stacheln, einen dunklen Fleck um die Augen, wie eine Kriegsbemalung und weiße Punkte über den ganzen Körper verteilt. Bei Gorgonien schweben nachtes ganze Herden der kleinen Krieger durchs Meer.)
  • Seepferdchen sind nicht stumm. Manche zirpen wie Grillen. Manche brummen, wenn sie gestresst sind. Andere erzeugen mit ihren Schädelknochen Klickgeräusche.
  • Abgesehen vom Ewigen Eis bevölkern Seepferdchen die ganze Welt – auch Nord- und Ostsee.
  • Seepferdchen sind Wappentiere von Hiddensee, Timmendorfer Strand, Zinnowitz und zahlreichen anderen Küstenorten in ganz Europa.
  • Dem Meeresmuseum in Stralsund gelang die Aufzucht von Seepferdchen erst, als ein gelernter Pferdezüchter aus Mecklenburg anheuerte.

    Die Traumtänzer:innen der Meere

  • Bei Seepferdchen werden die Hengste schwanger.
  • Der Unterwasserfilmer Jean Painlevé bannte 1934 das Liebesspiel der Seepferdchen erstmalig auf Zelluloid und wurde dafür der Pornographie bezichtigt. Das Werk löste heftige Debatten zu Geschlechterrollen aus und wurde zum Symbol der Emanzipation.
  • Painlevé widmete den Streifen L´hippocampe ou cheval marin »all jenen, die sich nach jemandem ohne den üblichen Egoismus sehen…« Denn in ihren Paarbeziehungen kennen Seepferdchen keine Dominanz.
  • Die meisten Seepferchchen führen Traumehen. Viele bleiben ihrem Partner ein Leben lang treu und kommen täglich zusammen, um eine Weile miteinander zu tanzen.

So war das auch mit Fritzchen aus Cuxhaven und Frieda aus Kiel. Fritzchen lebte im Sealife Aquarium, bis es nur fünf Monate nach der Eröffnung mangels Besuchern  schließen müsste. Obdach fand er in einer Zoohandlung in Visselhövede. Dort ringelte er sich um eine dunkelgrüne Plastikpflanze, die er gar nicht mehr loslassen mochte. Selbst wenn sie gereinigt werden sollte, konnte er sich nicht lösen. So ist das ja oft, wenn man alles verloren hat. Doch dann kam Frieda. Sie war ebenfalls Aquarianerin und sehr schüchtern. Denn sie hatte noch nie in ihrem Leben einen anderen Fisch als ihre Eltern und Geschiwster gesehen. Fritzchen entbrannte augenblicklich. Drei Tage lang umgarnte er Frieda nach allen Seepferdchenkünsten. Schließlich überwand sie ihre Zurückhaltung. Fortan ringelten sie sich zusammen in die Zweige der Plastikpflanze, kuschelten, dösten und tanzten täglich miteinander.

Das ist meine Lieblingsgeschichte in »crazy horse«. Till Hein hat noch etliche zu erzählen; nicht alle haben ein Happy End. Natürlich sehen sich Seepferdchen etlichen Bedrohungen ausgesetzt. Und selbstverständlich ist der Mensch wieder einmal die größte von allen. Doch finden Seepferdchen unter den Menschen auch ihre engagiertesten Unterstützer und ergebensten Bewunderer. Till Hein ist sicher einer. Wer sein Buch liest, wird es auch.

Seepferdchen

 

Till Hein

Crazy Horse 
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
240 Seiten, 22,- €
ISBN: 978-3-86648-643-0
mare Verlag

Offenlegung: dieser Beitrag ist mit Werbung überschrieben, weil mir das Buch kostenlos zur Rezension vom mare Verlag überlassen wurde.

2 Kommentare

  1. Och, wie süß! Aber Geschichte ohne Happy End machen mich immer … gerade jetzt besonders … ganz und gar traurig! Ob ich die Lektüre wagen kann? Liebe Grüße, Jutta

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