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Nordstrand Herbst

Herbst und noch mehr gute Sachen auf Nordstrand

Der Plan lautete, dem Sommer auf Nordstrand Tschüß zu sagen. Nur stürmte uns stattdessen der Herbst entgegen. Euphorisch wie ein Rudel junger Höllenhunde. Die Wiedersehensfreude war so einseitig wie überwältigend. Widerstand vollkommen zwecklos.

 

 

Und so ließen wir uns also mitreißen. Strichen ausgedehnte Wanderungen, Radtouren und eine Halligfahrt von unserer Liste und konzentrierten uns auf das, was ging. Viel war es nicht. Auf Nordstrand kann man schon bei Heldenwetter fast gar nichts machen. Eben das hatte ich im Sommer vor drei Jahren hochschätzen gelernt (und hier festgehalten).

 

Was man im Herbst auf Nordstrand machen kann

 

Herbst auf Nordstrand ist nicht für jede/n was. Man muss etwas dafür übrig haben, einen Bollerofen einzuheizen oder eine Kerze anzuzünden. Lange auszuschlafen und endlich mal wieder eine Zeitung von vorn bis hinten zu lesen. Man muss den Wind ums´Haus pfeifen hören mögen und hingerissen sein von Vogelschwärmen, die sich auf den Feldern sammeln. Und man muss sich bereithalten wollen. Um in der nächsten Regenpause, frische Luft zu schnappen.

 

 

Man darf nichts dagegen haben, beim Spazierengehen mit einer Hand die Mütze festzuhalten. Denn die fliegt einem sonst vom Kopf. Und wenn es gleichzeitig regnet und stürmt, muss man es faszinierend finden, von einer bestimmten Stelle auf dem Deich aus dem Auto heraus die tobende Nordsee zu betrachten. So wie es auch viele Nordstrander machen. (Die übrigens ganz normale Autos fahren. Und keine SUVs. Was sehr bezeichnend für die Insel ist.)

 

Nordstrand ist Fahrradland. Aber nicht im Herbst.

 

Eine Sache, die wir auf unseren nächsten Besuch verschieben mussten, ist die klassische Radtour um den Beltringharder Koog. Ein guter Teil der Strecke führt völlig ungeschützt über einen Damm zwischen Nordsee und Seen. Das größte Naturschutzgebiet auf dem Festland Schleswig-Holsteins entstand durch die Eindeichung der Nordstrander Bucht und machte die ehemalige Insel 1987 faktisch zur Halbinsel (gefühlt ist Nordstrand aber eine Insel geblieben).

 

 

Die Entstehung des neuen Naturschutzgebietes ist dem unermüdlichen Einsatz von Naturschützern zu verdanken. Weil es sich um echten (und nicht nur vorgegebenen) Schutz für Tiere und Pflanzen handelt, darf das Land  weitgehend nicht betreten werden. So ist es auch für Wanderer weitgehend nicht besonders spannend. Drumrum führen nämlich nur Asphaltpisten. Eine Ausnahme befindet sich jedoch an der Arlauer Schleuse – der fabelhafte Naturlehrpfad des NABU.

 

 

Der Deich an der Arlauer Schleuse ist einer der ältesten Deiche Nordfrieslands. Er hat ein deutlich steileres Profil als man es inzwischen gewohnt ist. Dadurch war er angreifbarer als die heutigen sanft abfallenden Deiche. Eben das brachte ja den sagenhaften Deichgrafen Hauke Haien auf die Idee des modernen Deichbaus – und Theodor Storm Weltruhm.

„Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran; ich hörte nichts, aber immer deutlicher, wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ, glaubte ich, eine dunkle Gestalt zu erkennen und bald, da sie näher kam, sah ich es, sie saß auf einem Pferde, auf einem hochbeinigen, hageren Schimmel: ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an. Wer war das? Was wollte der? Und jetzt fiel mir bei, ich hatte keinen Hufschlag, kein Keuchen des Pferdes vernommen; und Roß und Reiter waren doch hart an mir vorbeigefahren!

Der Reisende, der diese mysteriöse Begegnung erzählt, suchte in Storms Schimmelreiter einige hundert Meter südlich Zuflucht in einem Gasthaus. Besucher des Naturlehrpfads können heute ganz bequem im Hotel Arlauer Schleuse einkehren. Das Restaurant befindet sich im ehemaligen Schleusenwärterhaus. Und wer weiß, vielleicht entwickelt sich das Wetter während des Essens ja in eine Richtung, die Lust auf den nächsten Hotspot macht.

 

Hotel Arlauer Schleuse

Bekannt ist das Restaurant Deichgraf im Hotel Arlauer Schleuse für Wildschweinbratwurst. Und die Lage im absoluten Nirgendwo.

 

Von der Arlau-Schleuse sind es bis zum nächsten Tipp zu Fuß 5 mit Rad oder Auto 6 km. Kann also sein, dass es sich bis zur Ankunft wieder eingetrübt hat. Nordfriesland ist ja wetterwenderisch. Zumal im Herbst. Egal. Dem vielleicht seltsamsten aller Bahnhöfe steht jeder Look. In Lüttmoor Siel startet die Lorenbahn auf die Hallig Nordstrandischmoor. Einen Kiosk/Imbiss gibt es auch. Ein paar Strandkörbe. Und Schafe. Ansonsten aber nichts. Herrliche Sache das.

 

 

Wer Lüttmoorsiel für unspektakulär hält, wird staunen: Nordstrand ist abseits des Beltringharder Koogs landwirtschaftlich stark genutzt und in der Fläche noch viel, viel unspektakulärer. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten sieht die Sache ja immer anders aus.

 

Dike for future – der Klimadeich

 

Am Norderhafen wurde der Deich auf einer Länge von 2,5 km an den zu erwartenden Klimawandel angepasst. 32 Mio hat das gekostet. (Interessanterweise hat die AfD angesichts der Kosten nicht interveniert. Glauben sie am Ende doch an seriöse Wissenschaftler?) Jedenfalls ist das Bauwerk nicht nur als verlässlicher Schutz vor Sturmfluten gedacht, sondern dient auch als Promenade mit Badestellen und interessanten Sitzgelegenheiten.

 

 

Das Spaziergang funktioniert als Rundweg. Hin auf der Deichkrone. Pause im Hafen. Zurück am Meeresrand. Infotafeln erläutern dabei den Klimadeich und die Gegend. Einige Infotafeln sind mit Reliefs für blinde Menschen ausgestattet. Hier können sie ertasten, was andere direkt vor sich sehen: den immer wieder faszinierenden Blick auf die Halligen und die Insel Pellworm.

 

 

„Es lag eine imponirende Einsamkeit auf der Landschaft, namentlich, wo es durch den öden neuen Koog geht. Aber schon schimmerte durch den Nebel das Licht der Hafenhalle, eines schönen, auf hoher Werfte neu erbauten Wirthhauses dicht an dem ebenfalls neu ausgegrabenen Hafen. … Behaglich saßen wir nun noch bei einem Butterbrod u. Gläschen Grog…

 

Auch diese Zeilen stammen von Theordor Storm. Er war in richterlicher Funktion auf die Insel gekommen war. Ein junges Dienstmädchen hatte den Pfarrer beschuldigt, er habe sich ihr wiederholt unsittlich genähert. Es war eben jener Pfarrer, der dem Nationalgetränk „Pharisäer“ seinen Namen gab. Die Geschichte kennt in Nordfriesland jedes Kind. Und sie ist wirklich wahr.

 

Feine Sachen auf Nordstrand

 

Zugetragen hat sie sich zu einer Zeit, als es sich noch nicht gehörte, in Anwesenheit von Geistlichen Alkohol zu trinken. Nachdem Bauer Johannsen sechs, sieben oder neun darob öde Tauffeiern hinter sich gebracht hatte, war er die erzwungene Abstinenz endgültig leid:

 

Er wies die Mamsell Sophie an, die Kaffeetassen fortan nicht mehr ganz voll zu gießen und stattdessen einen ordentlichen Schuss Rum hineinzugeben. Damit dieser jedoch nicht zu riechen sei, sollte sie obendrauf eine Schicht Sahne setzen. Und zwar für alle Tassen – nur die für Pastor Bleyer ohne Rum. Ein paar Runden soll das Ganze dann auch gut ge­gangen sein, bis ein Unglück es wollte, dass mein Ur­urgroßvater eine Rum geschwängerte Tasse erwischte, kostete und das Spiel durchschaute. Daraufhin erhob er sich und rief in die Runde: „Oh, ihr Phari­säer!“

 

So erzählt es Jule Bleyer, die Ur-Ur-Enkelin des Pastors Bleyer in einem Zeitungsartikel. Sie erzählt dort auch die wahren Hintergründe und die Geschichte mit Storm. Das Ganze ist natürlich etwas differenzierter zu betrachten. Trotzdem: Herbstspaziergänge verdienen eine Belohnung.

 

  • Einen Pharisäer bekommt man auf Nordstrand überall. Sogar im ehemaligen Hof seines Erfinders – der Pharisäer-Hof ist seit den 1980ern ein (Hund)hotel.
  • Inzwischen haben die Nordstrander ihr Erfolgsrezept auch auf Krabbensuppe übertragen. Sie wird in Kolle´s Fisch-Bistro am Norderhafen mit einem Fläschchen Sherry serviert, so dass die Gäste selbst wissen müssen, wann sie genug haben… Erfahrungswert: 1 EL ist zu viel.
  • Zum Patent angemeldet hat der Wirt des Restaurants England seine goldgelb gebratenen Sandschollen. Die Speisekarte empfiehlt ausdrücklich die mittlere Portion. Uns hätte auch die kleine Portion gereicht.

 

Auf Nordstrand wird übrigens zeitig zu Abend gegessen. Also früh kommen. Oder vorher reservieren.

Wobei es auch kein Beinbruch ist, mit einem Bier auf der Bank vorm „England“ auf den nächsten freien Tisch zu warten und dabei den Sonnenuntergang zu betrachten. Dann geht kein Gast an einem vorüber, ohne einen kleinen Schnack zu halten und man fühlt sich wie der Star einer Flenswerbung. Aber das gilt natürlich nur bei schönem Wetter.

Apropos: falls sich jemand für Sonnenscheintipps auf der Insel interessiert, gibt´s hier lauter gute Sachen auf Nordstrand im Sommer.

Und wer mehr über die Geschichte von Nordfriesland wissen will, findet einen spannenden Beitrag auf Weites.Land.

 

 

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