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My private Bullerbü

Nissum Fjord

Der schnellste Weg zum Nissum Fjord führt aus Deutschland kommend am nördlichen Ufer des Ringkøbing Fjords entlang an die unendliche Nordseeküste von Jütland. Dort erwartete mich vorvergangene Woche statt Dünen und dem Badeort Søndervig ein Schock. 

Ich sagte (mehrmals! Im Wechsel!) »oh Gott, oh Gott« und »ach, Du meine Güte«, ganz die ältere Dame, die ich nie zu werden glaubte. Aber vermutlich bin ich sie längst. Denn es fällt mir immer schwerer, wenn Dinge sich ändern. Bisher hatte es mich nur auf leise Weise melancholisch gemacht, dass Søndervig sich über die Jahrzehnte in einen Badeort verwandelt hat, wie ich sie so gar nicht schätze. Ich sah einfach über das Heute hinweg. Aber das geht jetzt nicht mehr.

 

Das Ende des Ringkøbing Fjords: Søndervig

 

Hält man auf Søndervig zu, hockt dort, wo bei meinem letzten Besuch noch gar nichts gewesen war, Lalandia – ein gewaltiges, spitzzackiges Betonmonster, umgeben von hunderten und aberhunderten Fertighäuschen im Lager-Look. Mit Eröffnung 2022 soll das »größte Badeparadies Nordeuropas« 1 Mio Gäste pro Jahr anlocken. Wo die überhaupt Platz finden sollen auf Holmsland Klit,  dem schmalen Dünengürtel zwischen Ringkøbing Fjord und Nordsee, ist mir ein Rätsel. Das Land misst an der breitesten Stelle gerade mal zwei Kilometer.

 

Hvide Sande

Hvide Sande auf dem Nehrungsstreifen Holmsland Klit – für mich unvorstellbar, dass die kleine Hafenstadt in Zukunft 1 Mio Menschen mehr pro Jahr fassen soll.

 

Ich brauchte zwanzig Kilometer, um meine Fassung wieder zu erlangen. Und ich war heilfroh, dass sie uns nach Norden führten. Der Trubel, der in Søndervig auch ganz ohne das größte Badeparadies Nordeuropas längst erheblich ist, endete mit dem Ortsschild abrupt. Als wir Vedersø Klit erreichten, war mir, als wäre ich gleichsam durch die Zeit gereist.

 

Vester Husby

Mein privates Bullerbue: ueberall dort, wo die Duenen gewaltig und der Strand einsam ist.

 

Anders als andere Ferienhausgebiete wurde Vedersø Klit nie massiv nachverdichtet. Dort liegen die Häuser noch immer weit gestreut in der offenen Heide oder heimelig geschützt im urwaldartigen Vester Husby gleich daneben. Dort rollt Nordsee unbeeindruckt an die Küste wie damals, als ich die ersten Erinnerungen an Dänemark sammelte. Die ersten Male gewaltige Dünen herunterkugelte. Kurz, die große Liebe zu diesem kleinen Land entwickelte, das ich lange, lange Zeit idealisierte.

 

Sommerhaus

Wahrer Luxus: Selbst die einfachsten und guenstigsten Ferienhaeuser liegen in Vedersoe Klit auf Grundstuecken von mindestens 5.000 qm – die meisten sind viel, viel groesser.

 

Bis heute lüfte ich in Dänemark nur widerstrebend meine rosarote, vielmehr himmelblaue, Sonnenbrille. So sanft gehe ich mit keinem anderen Land auf der Welt ins Gericht. Bevor ich Dänen kritisiere, gucke ich lieber weg. Das fällt mir leichter. Entwickeln sich beschauliche Badeorte in Richtung Ballermann, genieße ich sie umso mehr in den stillen Zeiten (etwa Henne Strand). Kennen sie keine stillen Zeiten mehr (wie zum Beispiel Søndervig), meide ich sie ganz und gar. Das ist in Jütland kein Problem. Wer das Lalandia am Ringkøbing Fjord ausblenden möchte, wendet sich von Vedersø Klit einfach nordwärts – zum Nissum Fjord.

 

Same, same but different: der Nissum Fjord

 

Der Nissum Fjord ist der kleine Bruder des Ringkøbing Fjords. Sie sind beide keine Fjorde, sondern Strandseen; einst Lagunen, heute durch Dünenketten von der Nordsee getrennt. Dabei scheint der Nissum Fjord die Landschaften und sogar Orte des Ringkøbing Fjords im Miniaturformat zu wiederholen. In Kombination mit der geradezu irreal schönen Landschaft ist es wie ein Traum, den man noch einmal und noch einmal träumt.

 

Nissum Fjord

Der Nissum Fjord ist kein Fjord sondern ein Strandsee

 

Dieses surreale Gefühl wurde noch durch die Einsamkeit verstärkt. Während am Ringkøbing Fjord beinahe schon wieder ganz normaler Ferienverkehr herrschte, kam uns am Nissum Fjord auf Kilometern und Kilometern kein Auto entgegen. Anfangs feierte ich die Leere. Aber über die Tage kam ich ins Überlegen.

 

Nordsee

Der Nissum Fjord ist nur durch eine schmale Duenenkette vor der Nordsee geschuetzt.

 

Waren da nicht deutlich mehr „Til Salg“-Schilder am Wegrand aufgestellt als normalerweise? Warteten die Betreiber der geschlossenen Geschäfte und Pølser-Buden nur noch ein wenig, bevor sie wieder öffnen würden oder hatten sie aufgegeben? Und wie lange würden die Pubs und Kros durchhalten, deren Stühle leer blieben?

 

Nissum Fjord

Fast waeren die weiten Schilfwiesen des Nissum Fjords im 19. Jahrhundert kultiviert – also zerstoert – worden. Starke Stuerme verhinderten die Trockenlegung.

 

Nördlich und östlich des Nissum Fjords empfing uns beinahe überall das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. Allmählich dämmerte mir: Davon dass ich einsame Strandspaziergänge unternehme, haben die Dänen nicht viel. Dass ich mich um sie sorgte, war ein ganz neues Gefühl.

 

Thorsminde Mole

Die Schleusenstadt Thorsminde – quasi das Hvide Sande vom Nissum Fjord

 

Emotional bin ich vielleicht gar nicht die betuliche Dame, als die ich mich in Søndervig empfand. Die Verklärung der Dänen als sorgenfreies Niedlichkeitsvolk ist  kindlich-naiv. Kindisch-egozentriert mein Beharren, es möge sich am besten überhaupt nichts in Jütland ändern. Doch ich bin ein bisschen erwachsener geworden in diesem Urlaub. Meine Beziehung zu Dänemark ein bisschen partnerschaftlicher.

 

Rammendinge

Mehr als Hygge: Rammendinge noerdlich des Nissum Fjordes vermittelt einen kleinen Eindruck von der durchaus kriegerischen Vergangenheit Daenemarks.

 

So bin ich jetzt gefühlt im Teenageralter, was Dänemark betrifft. Etwa an dem Punkt, an dem man begreift, dass die Eltern nicht nur Großes leisten und an manchen Dingen auch scheitern. Ich sehe auf einmal ganz klar, dass Dänemarks Nordseeküste für Menschen mit meinen Vorlieben längst ein Flickenteppich geworden ist. Eigentlich weiß ich das schon eine ganze Weile. Immer länger ist die Liste der Orte geworden, die ich meide. Ich habs bloß echt verdrängt.

 

Gunnars Bank

Gunnar, wer immer Du bist: vielen Dank für diese Bank

 

Und doch … so lange ich noch eine versteckte Bank mit Blick auf den Nissum Fjord im Hafen von Helm Klink finde…. ein Tau, mit dem ich mich am Kjaergaard Strand von der höchsten Dünen abseilen kann … die Möglichkeit habe, in einem zwar einfachen aber perfekt gelegenen Ferienhaus zu logieren, das nicht die Welt kostet… fühlt Dänemark sich in gewissen Momenten noch immer so an wie mein privates Bullerbü. Für den Moment. Und das ist ja ganz wunderbar.

 

My private Bullerbue

 

PS.: Lust auf Dänemark? Bei Chris vom Blog Klitly findet man quasi alles, was es über einen Urlaub speziell in Jütland zu wissen gibt.

21 Kommentare

  1. Ich fahre seit über 50 Jahren nach Dänemark, schon als ganz kleines Mädchen habe ich mich unsterblich verliebt in die Freiheit und die Weite. Inzwischen habe ich vier bücher über mein Lieblingsland geschrieben. Und ich war fast überall in Dänemark und ich kann so nachempfinden, was Du schreibst. Dänemark hat längst seine Unschuld verloren und der Massentourismus hält Einzug. Was früher Geheimtip war, und wo man noch sozusagen „unter sich war“ ist längst übervölkert von Menschen, die genau das, was man so liebt, „verwursten“. Und leider haben die Dänen auch erkannt, das sich damit Geld verdienen lässt. Ich bin traurig darüber, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Trotzdem gibt es noch Gegenden, wo man für sich ist und wo man sein persönliches Bullerbü leben kann. Aber gerade dort, die Westküste hoch bis Söndervig, leider nicht mehr so. Liebe Grüße

    • Moin Kiki, „Dänemark hat längst seine Unschuld verloren und der Massentourismus hält Einzug.“, dass ist natürlich nicht so schön zu lesen.

      vg aus Hamburg, kv

    • Liebe Kiki, Du bist also Fanoe-Expertin (wie ich beim Klick auf Deinen Namen gesehen habe). Die Insel kenne ich nur im Winter. Fand sie traumhaft. Vielleicht schipper ich im Spätsommer noch mal rüber; das wäre schön. Danke für Deinen Kommentar und Grüße, liebe Grüße, Stefanie

  2. Vielen Dank für den etwas wehmütigen Beitrag, der aufzeigt wohin auch in diesem schönen Land die Reise geht. Im Vergleich zu den 1970er-Jahren hat sich in Dänemark – nicht nur in Jütland – vieles gewandelt und ist inzwischen zu einem Flickenteppich in Punkto Ruhe und Einsamkeit geworden.

    • Stimmt, Fred, man wird ein bisschen nostalgisch, wenn man das alte Jütland noch kennt. Andererseits – dann kennt man sich halt auch gut genug aus, um die Stellen zu finden, die noch immer wahre Schätze sind. Ahoi, über die Elbe und ein schönes Wochenende, Stefanie

  3. Dank Deinem Bericht weiß ich nun,wo ich garantiert nicht hinfahren werde:
    Söndervig mit seinen vielen Neubauten.
    Und habe ich schon mal erwähnt,daß ich den „Ballermann“ hasse ?
    Nein ? – Dann wißt ihr es jetzt.
    Genau solch ein Massen-Tourismus widerspricht meiner Philosophie von erholsamen Urlaub.
    Der Rest hat mir hingegen sehr gut gefallen,besonders die Stellen,wo sich kaum Menschen aufhalten.
    Grüße aus Duisburg
    Ralf

    • Das hab ich schon geahnt, lieber Ralf. (Ich ahne auch, welche dänische Insel Dir besonders gefallen würde… demnächst hier nachzulesen). Grüße in den Pott, Stefanie

  4. Ach, jetzt habe ich auch einen Schrecken bekommen und den Atem angehalten. Ja, so ist das wohl. Me(e)hr fällt mir dazu gar nicht ein … Liebe Grüße, Jutta

  5. Ihr Lieben.
    Schöner Bericht. Und ja, es gibt sie, die ruhigen Orte n Dänemark. Oft unterschätzt und deswegen gut so- an der Ostsee. Müsst Ihr mal hin. Und kommt bei uns vorbei:-)

    Lieber Gruß aus Kollund

    • Ja, Kollund, toll – mich erinnert das erste kleine Stück immer an die Elbchaussee (und früher war das ja mal eine Art Flensburger Pendant). Insgesamt kenne ich die dänische Ostsee viel zu wenig. Muss sich ändern! Habt eine gute Zeit, Stefanie

  6. Hej Stefanie und Volko, vielen Dank für den Link zu meinem kleinen Dänemark-Blog. Ich freue mich sehr darüber. Euren Bericht finde ich sehr spannend, denn ihr verpackt hier ein Gefühl, dass viele langjährige Urlauber haben, die regelmäßig nach Holmsland Klit fahren. Ich hatte auch schon lange vor, einmal etwas darüber zu schreiben. Ich nehme es mir nun umso fester vor. Liebe Grüße, Chris

    • Gern, Chris – ich liebe Deine Rubrik »Hvad er det?«. Vielleicht kannst Du ja mal irgendwann die dänischen Dosenöffner erklären. Mir sind sie bis heute ein Rätsel geblieben. Liebe Grüße zurück, Stefanie

  7. Ellen Jensen sagt

    Liebe Stefanie, auch ich musste früher nur die dänische Grenze überqueren, um im SOMMER
    anzukommen! Es reichten Sonne, Meer, die vielen blühenden Straßenränder(!) und Mohnblumenfelder…die Weite an den Stränden der Nordsee machte mir Kopf und Herz frei…
    Ja, Dänemark hat sich verändert, aber vor allem haben sich die Urlauber verändert. Ich bin
    immer wieder erschüttert, wie viele Kinder der „Ökos“ mit ihrem Nachwuchs Urlaub in Centerparks und Badeparadiesen machen, Hauptsache „action“…Und ich sehe kopfschüttelnd zu, wie sie mit dem Smartphone den riesigen SUV vor dem Luxus-Ferienhaus fotografieren…(posten…?!)
    Man könnte jeden Tag darüber jaulen – aber danke, dass Du auch in diesem Beitrag zeigst, dass man noch wunderschöne Plätze findet, wo man ganz bei sich und in der Natur sein kann.
    Abseits vom Rudel. Sooo wertvoll, Deine Texte und die schönen Fotos von Volko! Machen Lust, einen weiten Bogen um Søndervig zu machen…

    Einen entspannten Sommer!
    Ellen

    P.S. In Habernis tut sich was, Stefanie…das Strandcafe ist im Umbau, Holz und viel Glas…
    wir sind gespannt!

    • Liebe Ellen – ich hab schon Fotos von Habernis gesehen 🙂 (Und einen super-symphatischen Clip der neuen Besitzer auf fb). Also, auch ich bin gespannt, hoffe das Beste – und schicke liebe Grüße, Stefanie

  8. Moin Stefanie, ich bin mal mit der Schulklasse eine Woche am Ringkøbing Fjord gewesen, habe aber nicht mehr viele Erinnerungen. Ich bin auch kein Dänemark-Fan, obwohl ich Ruhe, Einsamkeit und die Weite sehr Liebe. Bis jetzt konnte mich Dänemark noch nicht so richtig überzeugen.

    Das erste Foto ist einfach der Hammer.

    Vor ein paar Tagen, gab es eine sehr schöne Dänemark-Reportage im NDR.

    Sommer in Europa – Dänemarks Nordseeküste
    https://www.ardmediathek.de/video/doku-und-reportage/sommer-in-europa-daenemarks-nordseekueste/ndr-fernsehen/Y3JpZDovL25kci5kZS8yOWRiNjAyMi05ZGJiLTQ3OTgtODRmNS02M2EzY2U5NmQ2ZDE/

    schönen Sommer, kv

  9. Franz J. Girmes sagt

    Hej Stefanie,
    wir waren vor 3 Wochen in Sondervig, genauer in Klegod. Wir mussten In Sondervig die Schlüssel holen und dann dieser gigantische Betonklotz und die Hunderten von 08/15 Hütten rund herum.
    Ehrlich, am liebsten hätten wir wieder gedreht. Wir waren dann 1 Wochein Klegod und fanden die Umgebung super, gleiche Einstellung zu nördlicheren Bereichen.Vederso Klit, toller Strand und tolle Häuser. Zu empfehlen ist der Besuch der Kai Munk Gedächtnisstätte in Vederso, eine Hinterlassenschaft unserer Altvorderen.
    Aber auch Lemvig, Ringkobing und der Stadil Fjord, alles sehr schön und viel Natur. Noch ein „Geheimtip“, der Bauernladen an der 181 in Houvig „Vestkystensgardbguttik“ toller Käse, selbstgemachte Marmelade. Nicht billig aber sehr gut und nette Leute.

    PS: Auf der Rückfahrt auf Romo, das ist etwas anderes als die dortige Küste, wir haben dann mal gleich für September gebucht.
    11.6.2021

    • Liebe Ingrid, lieber Franz, da kann ich Euch auf ganzer Linie zustimmen. Wir waren dann ja wohl eine Woche nach Euch in der Gegend, haben die gleichen Orte genossen – und planen auch im September einen Trip ans Wattenmeer. Sogar in Houvig haben wir ebenfalls eingekauft. 🙂 Euch viel Vorfreude und vielen Dank für Euren Kommentar. Stefanie

  10. Ohje, ich war zuletzt 2025 in Søndervig. Das war in der Vorsaison mit schlechtem Wetter… der Trubel hielt sich in Grenzen, aber man konnte erahnen, dass es zur Hochsaison anders aussieht… Nach deinem Artikel ist für mich klar, dass wir diesen Ort künftig lieber meiden. Ich bin Dänemark gegenüber (ach was, ganz Nordeuropa gegenüber!) übrigens auch immer sehr milde gestimmt und sehe lieber die positiven Seiten (die ja auch sofort fühl- und spürbar sind!) als die negativen.

  11. Liebe Stefanie,

    sorry, ich war so lange nicht mehr hier! Gerade checke ich broken links und sehe Dänemark bei dir! Holmsland Klit liebe ich, kenne keine vergleichbare Dünenlandschaft. Selbst in der Hochsaison verteilt sich das Leben am Strand oder in Hvide Sande. Außer in Søndervig, aber das habe ich schon vor Lalandia gemieden. Ende August werde ich wieder auf Holmsland Klit sein, und ich freue mich riesig drauf. Werde dann noch berichten, wie der Beton hinter Søndervig auf mich gewirkt hat. 😉

    Liebe Grüße von der Küste,
    Elke

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