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Moin Moin Tristesse: Wolkenlos in Timmendorf

Wolkenlos Timmendorfer Strand

Ich wollte ans Meer. Aus organisatorischen Gründen konnte ich nicht auf gutes – oder jedenfalls zumutbares – Wetter warten. Es musste an einem bestimmten Wintertag sein. Und so landete ich endlich einmal im Wolkenlos in Timmendorf. Das hatte ich schon lange auf der Liste. Zu Recht!

 

Timmendorf Seebruecke

Rhapsody in Blaugrau

 

Vorab für Ortsunkundige: Wenn Hamburgerinnen von Timmendorf sprechen, meinen sie nicht die Gemeinde, die wirklich Timmendorf heißt und auf der Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern liegt. Sondern die Gemeinde, die eigentlich Timmendorfer Strand heißt und das Epizentrum der Lübecker Bucht bildet. Kein Seebad ist von Hamburg aus schneller zu erreichen. Und nirgends an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins ist es voller als hier.

 

Ostsee Timmendorf

Moin Moin Tristesse

 

Im Sommer kann man in Timmendorf vor lauter Strandkörben keinen Sand mehr sehen – geschweige denn einen Platz für sein Handtuch finden. Und seit einem ziemlich kalten Sonntag im März vor vier Jahren meide ich die Gegend auch im Winter. Denn am Wochenende sind Teile der Lübecker Bucht selbst dann schrecklich überfüllt. Und falls ich im Pulk spazieren wollte, könnte ich ja auch gleich in Hamburg um die Alster schleichen.

 

Timmendorfer Strand Regen

An einem Wochentag im Winter

 

Hätte ich gewusst, dass man Timmendorf an WinterWOCHENtagen mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 90% eben doch noch fast für sich allein haben kann, wäre ich längst mal an einem eben solchen Tag gekommen. Denn dann verströmt die Lübecker Bucht eine wunderbare, irgendwie altmodische, Melancholie. Und alles was im Rest des Landes schmutzig-grau auf das Gemüt drückt, verwandelt sich am Strand in ein Gemälde.

 

Mikado-Teehaus – Wolkenlos in Timmendorf

 

Selbst wenn es nicht aufgehört hätte zu regnen, wäre die Anreise nicht umsonst gewesen. Das Teehaus auf der Seeschlösschen-Seebrücke in Timmendorf ist an verregneten Winterwochentagen eines der besten Plätzchen von ganz Schleswig-Holstein. Es hat a) verlässlich geöffnet und man sitzt b) nicht bloß am Meer sondern im Meer. Bzw in einer rundrum verglasten Pagode.

 

Wolkenlos Timmendorf

 

Bei Eröffung 2014 schickte sich Team des Wolkenlos an, die Sansibar der Ostsee zu werden. Ein vollkommen absurder Vergleich. Während die Sansibar auf Sylt eine rustikale Strandbude mit edlem Inhalt ist, ist das Wolkenlos ein hemdsärmeliger Inhalt in edlem Gewand. Das sagt schon der Blick auf die ebenso einfache wie disharmonische Speisenkarte.

 

Das Wolkenlos ist das Gegenteil der Sansibar

 

Die Ausführung der Gerichte würde ich bei „stört nicht“ einordnen; die Bratkartoffeln schmecken besser. Alles in allem ist das Wolkenlos, auch preislich, ein Strandlokal wie es in Schleswig-Holstein etliche gibt. Zuhause isst man eigentlich besser; hier geht es in erster Linie darum, satt zu werden nach einem langen Strandspaziergang. Oder eben – für visuelle Menschen – um den Meerblick. Und der ist hier wirklich einzigartig!

 

Wolkenlos timmendorf

Das Seepferdchen ist das Wahrzeichen von Timmendorf

 

Initiiert und finanziert wurde der Bau der Pagode von Jürgen Hunke. Dem Ex-HSV-Vorstand und Geschäftsmann mit Asia-Tick haftet an der Elbe ein leicht halbseidenes Image an. Er soll sein Vermögen mit Drückerkolonnen gemacht haben und ist auch ansonsten nicht gerade ein Hanseat vor dem Herrn. Aber sein Verhältnis zur Kultur muss man anerkennen. So rettete er etwa die Hamburger Kammerspiele. Und wäre es nach ihm gegangen, hätte es keine Gastronomie auf der Seeschlösschen-Brücke gegeben, sondern einen Kunsttempel.

 

Wolkenlos

 

An Hunke und die Zwistigkeiten mit der Gemeinde erinnert heute nur noch die Bezeichnung „Mikado-Teehaus“. Wer sich an einem sehr ruhigen Wintertag die Zeit nimmt, das Gebäude vom Strand aus zu bewundern und noch länger das Meer aus dem Teehaus heraus, muss Jürgen Hunke Recht geben. Der Ort ist wie geschaffen für Kunst. Weil er schon an sich ein Kunstwerk ist.

 

Wolkenlos Timmendorf

Natürlich: im Sommer ist alles noch schöner

 

Ich will jetzt nicht so weit gehen zu behaupten, ödeste Wintertage wären in Timmendorf schöner als der Sommer. Aber leiser sind sie auf jeden Fall. Heimlicher. Und falls man einen Platz am Meer sucht, der auch bei Schmuddelwetter wunderschön ist, dann ist für mich das Wolkenlos die allererste Wahl. Die blaue Stunde dauert übrigens schon wieder viel länger als bloß 60 Minuten.

 

Mikado Teehaus Timmendorf

 

Wen das Winterkonzept bei aller Liebe nicht überzeugen kann, dem sei Timmendorfer Strand in den frühen Morgenstunden des Hochsommers ans Herz gelegt. Es gibt kaum einen besseren Platz, um in den Sonnaufgang zu schwimmen. Für Hamburger lohnt sich das sogar vor der Arbeit.

 

Timmendorfer Strand

 

Wer nicht aus der Nähe kommt, findet auf Ines Blog Viermal Fernweh  einen tollen Hoteltipp. Und einige Ausflugstipps dazu.

10 Kommentare

  1. Du hast die Stimmung perfekt eingefangen. Wunderschöne Bilder und ein flüssiger, lesenswerter Bericht. Leider ist die See so weit weg von Rhein-Main, dass man nicht mal eben schnell dorthin kann.

    Liebe Grüße
    Liane

  2. Ralf Jöckel sagt

    Auch oder gerade an Regentagen kann es an den Küsten herrlich sein – weil es dann touristisch ruhig zugeht.
    Ich plane generell meine Urlaube oder Kurztrips zu Ferien-Freien Zeiten oder in der Nebensaison,dann ist man viel mehr auf die einem umgebene Natur fokussiert,dazu spart man Geld und man hat eben keinen Massentourismus zu dieser Zeit.
    Muß man natürlich mögen – ich mag so etwas genau wie dieser Bericht hier !!

    • Mach ich auch so, Ralf. Ich suche in der Regel vor allem Stille. Aber für manche ist das ja auch gar nicht möglich (etwa mit schulpflichtigen Kindern). Und andere finden es öde 🙂 Was uns dann wieder freut. Schönen Sonntag, Stefanie

  3. Schön kritischer Bericht, toll geschrieben! Ich versuche solche touristisch-exponierten Hotspots ja immer zu vermeiden, gehe maximal drumherum. Aber deine Ambivalenz zum wolkenlos zeigt ja, dass es sich zumindest für den Blick und das Gemüt lohnen könnte. Danke dafür!

    • Timmendorf ist eigentlich alles, was ich doof finde. Und trotzdem mag ich Timmendorf supergern. Erklären kann ich es selbst nicht. Aber Liebe ist ja oft irrational 🙂

  4. Liebe Stefanie,
    herzlichen Dank für diesen ehrlichen Eindruck.
    Spontan fällt mir dazu ein: „Event tötet Erlebnis. Obwohl einige Zeit nur wenige Kilometer entfernt gewohnt, waren wir kaum dort. Wie Du sagst, brechend voll. Stau hat einen Namen, Timmendorf.

    Aber schön ist es im Winter, und auch leer, wenn Eis auf der Ostsee treibt und die Sonne aufgeht.
    Der Schöpfung kann selbst der halbseidene Hanseat mit seinem Tempel nicht das Wasser reichen.

    Ich wünschte, Timmendorfer Strand hätt die dreifache Entfernung von Hamburg, dann wäre es erträglich:-)

    Liebe Grüße

    Kai

    • Lieber Kai, meinetwegen könnte das mit der Entfernung zu Hamburg so bleiben – aber ich hätte gern höchstens 20 Mio Einwohner über das Land verteilt. Das wäre so in etwa meine Wohlfühl-Dichte. Grüße ins einsame Angeln, Stefanie

  5. Dein Beitrag kommt wie gerufen, liebe Stefanie! Nächstes Wochenende geht es für uns wieder nach Scharbeutz. Und vielleicht haben wir diesmal „Glück“ und das Wetter ist ähnlich mies wie bei deinem Besuch. Dann werden wir vielleicht auch mal in das Wolkenlos gehen. Dort (und dort drumherum) war es uns tatsächlich auch im Winter immer zu voll. Und so richtig einladend wirkte die Gastronomie auch nicht auf uns. Dein Bericht bestätigt ja diesen Eindruck, aber die Lage ist wirklich einzigartig. In Vorfreude auf die See wünsche ich dir einen schönen Sonntag! Herzliche Grüße von Andrea

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