Binnenland, Norddeutschland, Nordsee, Ostsee, Schleswig-Holstein
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Tut so gut: Tagelang Radfahren

MS Europa

Hab ich nicht gewusst: International heißt der ehemalige Kaiser-Wilhelm-Kanal gar nicht Nord-Ostsee-Kanal sondern Kiel-Canal. Um vom 0-Punkt in Brunsbüttel bis zu KM 97 Komma irgendwas in Kiel Holtenau zu gelangen, benötigt ein durchschnittlich geübter Radfahrer gerade mal einen Tag. Wir haben uns 3 Tage Zeit gelassen; unserem persönlichen Eindruck nach war das genau richtig.

 

3 Tage mit dem Rad am Nord-Ostseekanal

 

 

Tag 1: Anreise per Bahn nach Glückstadt. Mit dem Rad von Glückstadt über Brunsbüttel nach Bornholt (60 km)

 

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Wir haben zum ersten Mal Glückstadt gesehen, und es ist wirklich so süß wie man sagt. Wir haben feinsandige Strände gesehen und eine Elbe, die so tut als sei sie das Meer. Wir haben erfahren, wie still es am Deich ist; besonders zwischen den Kernkraftwerken in Brokdorf und Brunsbüttel. Wir haben uns ziemlich jung gefühlt. Wir sind von e-Bikern überholt worden und haben Ozeanreisen hinter uns gelassen. Wir haben dunkelrote Mohnblumen gesehen. Wir sind 30 km weniger gefahren als Leute, die 20 Jahre älter sind als wir. Und trotzdem tat uns der Hintern weh.

In Bornholt hatten wir einen Sonnenuntergang ganz für uns allein am Kanal, mit seinem typischen Geruch nach Wasser und frisch gemähtem Gras. Und einer Stille, die voll kleiner Geräusche ist. Etwa dem Ruf einer Ente und dem Sirren von Mücken und dem Knacken von Ästen, wenn jemand (ein Reh?) durch die Böschung streift. Wir haben verstanden, was das Wort „Entschleunigung“ meint.

 

Weichen am Nord-Ostsee-Kanal

 

Tag 2 : Von Bornholt über Rendsburg nach Sehestedt (55 km)

 

Fähre nach Bornholt

 

Wir haben uns daran gewöhnt, mit der Fähre das Ufer zu wechseln. Es ist gar nicht so viel anders, als an einer Fußgängerampel auf grün zu warten. Wir hatten immer genügend Puste zum Plaudern (weil die Strecke flach wie ne Flunder ist). Wir sind Kilometer gefahren, ohne eine Wort zu sprechen. Nur wenn uns mal einer entgegen kam, sagten wir: „Moin“.

Wir haben uns gefragt, warum an jeder nur möglichen Stelle Wohnmobile parken. Und müssen Camper zusätzlich auch immer noch ein Wahnsinn-Areal mit Plastikliegestühlen abstecken? Als sei das alles ihr Privateigentum.

Wir wurden von Gänsen angefaucht. Wir wären fast einmal in einen Regen geraten. Wir haben uns ungefähr einhundert Mal versichert, dass das auch nichts ausgemacht hätte. Aber als hinter Rendsburg dann die Sonne hervorkam, ist dennoch die große Dankbarkeit in mir aufgestiegen. Ich hätte baden können in der Landschaft. Bevor das passierte stellten wir fest, dass man ruhig ein „ganzen halben“ Tag für Rendsburg einplanen sollte. Wir haben in Sehestedt vor den Wohnmobilisten gesessen und zur Abwechslung selbst mal die Aussicht versperrt. Wir haben uns weit, weit weg gefühlt und gleichzeitig ziemlich nah.

 

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Tag 3: Sehestedt – Kiel-Holtenau: 23 km (bis Kiel HBf + 8 km). Abreise zum Dammtor mit dem Zug. 

 

Morgens in Sehestedt

 

Ich habe mich morgens aus der Pension geschlichen. Ich habe Nebelschwaden über dem Kanal gesehen. Im Wald habe ich ein Rudel Rehe aufgeschreckt. Ich bin in Flip Flops durch taufeuchte Wiesen gelaufen. Wir haben uns auf den Sommer gefreut. So ganz im Allgemeinen. Und auf diesen speziellen Tag im Besonderen.

Wir haben gestaunt, dass unsere Wirtin noch nie die zweitlängste Rolltreppe Europas betreten hat (sie liegt in Rendsburg). Genau wie sie noch nie die Schwebefähre nahm, noch nie am Kanal Fahrrad fuhr, noch auf der Kieler Woche war. Dabei sind die 23 (wunderbaren) Kilometer von Sehestedt nach Kiel die allerschönste Etappe.

Wir haben so viele Weinbergschnecken gesehen wie seit 30 Jahren nicht. Und gesagt: In der Stadt sieht man eigentlich nur noch Nacktschnecken. Wir haben erfahren, dass ein Bauer seine Rinder liebt – aber nie so weit geht, ihnen Namen zu geben. Wir haben Hasen über Felder rasen sehen. Und gesagt: In der Stadt sieht man eigentlich nur noch Kaninchen. Wir mussten durch Mückenschwärme hindurch. Ansonsten mussten wir gar nichts. Außer weiterfahren.

Wir haben uns in Kiel verknallt (oder zumindest sind wir sehr interessiert).

 

Strandclub Kiel

 

Am Ende habe ich Volko gefragt: „Von allen Leuten, die Du kennst – wem würdest Du diese Radtour empfehlen?“ Er sagte: „Jedem.“

 

NOK-Expressroute

 

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