Neueste Artikel

Ein Bauwagen in Norgaardholz

Sternhöh heißt die Straße, die sich von Steinbergkirche durch hügelige Felder und Wiesen an die Ostsee schlängelt. Eine Handvoll Häuser, ein paar Kühe, Meerblicke bei jeder leichten Steigung. Herrlich.

Der letzte Hof vorm Strand gehört Wiebke Busch und Stefan Voigt. Auf ihrem Grundstück steht der Bauwagen, den wir für die nächsten Tage beziehen werden. Die beiden haben ihn selbst gebaut. Nach allen Regeln der Baubiologie. Der kleine Garten ist auf diese verwilderte Art angelegt, die nur jemand hinbekommt, der sich echt mit Pflanzen auskennt. Wiebke ist ausgebildete Landwirtin und Gärtnerin.

 

Garten

 

Begrüßt werden wir von Stefan. Viel zu quatschen gibt es eigentlich nicht, denn alles Wissenswerte über den Bauwagen, haben unsere Gastgeber aufgeschrieben. Eine Broschüre liegt auf dem Mini-Tisch in der voll ausgestatteten Mini-Küche.

Volko fragt nach WLAN.

„Gibt’s hier nicht“, sagt Stefan. „Extra nicht. Es soll ja ein Ort zum Runterkommen sein.“

Bilde ich es mir ein oder schwingt da ein leichter Tadel mit?

 

Badekarren

 

Ich bemühe mich, mein totales Entsetzen zu verbergen, als Stefan die Tür zum Badekarren öffnet. Eine astreine Dusche ist eingebaut. Ein Bewegungsmelder sorgt automatisch für Beleuchtung, wenn man nachts mal raus muss. Soweit alles easy-peasy. Aber da gibt´s auch noch etwas, das man eigentlich nur flüstern kann: Eine Komposttoilette.

Aaah. Sage ich. Und ich sehe in seinem Gesicht, dass mein Schrecken offensichtlich ist.

Ich vermute, dass wir unser Etikett jetzt weg haben. So was wie „typisch Hamburger“ oder „typisch Stadtmenschen“ oder „voll verspannt“.  Na, sei´s drum. Ist egal. Denn 1.) stimmt es. Und 2.) werden wir Stefan ohnehin nicht noch einmal sehen.

Noch wissen wir es nicht – aber wir werden NIEMANDEN in den nächsten 6 Tagen in unserem Refugium sehen. Auch nicht in der Ferne. Denn da ist nichts. Wirklich nichts.

 

Nichts vor der Tuer

 

Erster Eindruck vom Bauwagen: Alles sieht haargenau so aus wie auf der Airbnb-Seite.  Macht gar keinen Sinn, das noch mal zu fotografieren. Lieber schnell ab an den Strand.

Hinter dem Schmiedegarten windet sich die Sternhöh noch über zwei Hügel. Nach ein paar hundert Metern geht es rechter Hand ins Dorf Norgaardholz. Links wird die Sternhöh zum Nordstern.

 

Nordstern

Der Nordstern; eine ehemaliges Ausflugslokal

Strand Norgardholz

Hinter dem Nordstern liegt die Ostsee

 

Am Strand von Norgaardholz

 

Norgaardholz liegt am nördlichen Ende der Geltinger Bucht und somit am Anfang der Flensburger Förde. Spiegelglatt und seicht ist die Ostsee hier. Darüber wölbt sich ein Himmel so blau, dass das Wasser beinahe karibisch wirkt.

 

OstseeNorgardholz

Waitingforfish

AmStrand

Moewe

AngleriinAngeln

StrandbeiNorgardholz

 

Zu sagen, es sei ruhig am Strand von Norgaardholz, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Still, trifft es besser. Friedlich. Und dass obwohl sich in unserem Rücken ein Campingplatz befindet. Und eine Seebadeanstalt. Dass es so etwas überhaupt noch gibt.

 

CampingplatzNorgardholz

 

Es ist der schönste Arbeitsplatz der Welt, sagt die Frau vom Kiosk der Seebadeanstalt. Heute sei allerdings ganz schön was los. Es ist Pfingsten. Am Vormittag hat sie bereits 7 (!) neue Wohnmobile in Empfang genommen. Und sie würde noch weitere erwarten. Aber sie freue sich darauf. Sie möge es, wenn die Urlaubssaison beginne. Und schauen Sie mal, direkt gegenüber liegt Sonderburg. An klaren Tagen kann ich das Schloss sehen.

 

Anbaden in Norgaardholz

Anbaden in Norgaardholz. Am Horizont Sonderborg.

 

Sonderburg liegt in Dänemark. Die Grenze verläuft mitten durch die Förde. Eigentlich ist es mehr eine Verbindung. Jüten haben hier über Jahrhunderte gelebt. Das sieht man. Und hört man. Angeliter Ortschaften enden auf -by (Dorf), -rup (Siedlung), -gaard (Hof). Die Stimmung ist doet genauso entspannt wie bei unseren dänischen Nachbarn.

Vielleicht liegt es daran, dass Tourismus in Angeln weitgehend auf Hotelanlagen und Erlebnisgastronomie verzichtet. Unterkünfte werden vor allem privat vermietet. Ansonsten kommen in erster Linie Segler und Camper. Also Menschen, die Ruhe und Natur schätzen.

 

Und ueber uns der Himmel

 

Camper sind ein ruhiges Völckchen, lese ich in einer Touristen-Umsonst-Zeitung, während ich meinen Kiosk-Filterkaffee trinke. Der Artikel hält ein paar Benimm-Regeln für Campingplätze bereit; verfasst von einem Fachmann des Camping-Verbandes. Lärm ist unerwünscht, schreibt er. Doch man dürfe ruhig Musik auf einem Kofferradio hören. Jedenfalls bis zur Abendruhe.

Mit Blick auf die Luxus-Wohnmobile auf dem Campingplatz hinter mir, vermute ich, dass keiner der dortigen Camper ein Kofferradio auftreiben konnte. Jedenfalls kommt kein Pieps vom Platz. Nur das Lachen und Fluchen von vier kleinen Jungs auf dem Fussballfeld nebenan ist zu hören. Und das verhaltene Kreischen einiger älterer Mädchen, die sich in die Ostsee wagen. Gerade mal so leise wie Möwen.

 

Seilbahn

 

Die beste Seilbahn der Welt steht in der Seebadeanstalt von Norgaardholz.

 

SeilbahnNorgardholz

 

Ja, gut, ich sitze auf einem Plastikstuhl. Das Polster ist unsagbar gemustert. Aber mir gefällts hier trotzdem besser als in einer Strandbar mit Lounge-Möbeln. Ich erwäge sogar kurz, in der kommenden Tagen die Sanitäranlagen des Campingplatzes zu nutzen.  Aber das ist auch keine Alternative zur Komposttoilette. Gewisse Dinge teile ich einfach nicht gern.

 

Strandspaziergang

 

Um es mal vorweg zu nehmen: Diese Gedanken werden mich die gesamte Zeit beschäftigen. Ich wünschte, ich wäre anders, aber so ticke ich nun mal. Ich mache zwar irgendwie meinen Frieden damit. Aber nicht so richtig. Ich bin kein cooler Outdoor-Freak.

 

Hundefreude

 

Ich brauche eine Weile und einen langen Spaziergang am Strand, bis mir in den Kopf kommt, dass ich auf der norwegischen Hüttentour (von der ich seit Jahren träume) ebenfalls ohne Wasserclosett (wunderbares Wort) werde auskommen müssen. Kann man ja schon mal Toleranz entwickeln.

 

Nordsternstrand

 

Und dann dauert es noch mal länger bis mir wieder einfällt, wie das in Indien war. Oder in Südamerika. Oder auf französischen Autbahnraststätten. Auf Festvials. Oder irgendwo auf der Reeperbahn.

 

Ruhe

 

Mir muss keiner was über Verdrängung erzählen. Aber das Gehirn ist doch eine seltsame Sache. Jedenfalls meins. Und eine Komposttoilette ist wirklich nicht so schlimm. Wenn man nicht ich ist.

 

Sonne

 

Zurück im Bauwagen liegt unser kleiner Garten in der Abendsonne.  Der Wagen riecht nach frischem Holz und draußen riecht es nach Gras und Wald und Meer. In ein paar Stunden wird sich ein Sternenhimmel über der Sternhöh auftun, wie ich ihn so in Deutschland noch nicht gesehen habe. Und weil wir weder Kofferradio noch WLAN haben, kommen die Rehe ganz nah.

Ich bekomme eine klitzekleine Ahnung wie Thoreau das gemeint hat in Walden

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig.“

 

 

Also… ich würde natürlich auch gern dem wirklichen Leben näher treten. Und vielleicht kann man Camping ja sogar lernen?!

Das Schönste ist Angeln im Mai

Neukirchen. Nur mal so als Beispiel. Um zu zeigen, warum wir hingerissen sind von Angeln. Man könnte auch jeden anderen Ort nehmen. Aber nehmen wir einfach mal Neukirchen. Weil man ja irgendwo anfangen muss. Und Neukirchen ein guter Ort für einen Anfang ist.

JaIch bin schon ziemlich oft an der Abzweigung nach Neukirchen vorbeigefahren, ohne den Ortsnamen auch nur zu registrieren. Habe mich nie gefragt, was in Neukirchen so geht. Habe mir noch nie Zeit genommen, um Angeln so wahrzunehmen, wie ich fremde Landschaften wahrnehme. Wenn ich im Urlaub bin. Im Ausland. Irgendwo ganz weit weg.

Eben nicht mehr zielgerichtet irgendeinen Punkt ansteuern. Sondern sich treiben lassen. Und in Neukirchen halten. Beim letzten Haus im Dorf den Wagen abstellen. Um mal zu gucken. Nur mal so als Beispiel.

NeukirchenAngeln

 

Am meisten erstaunt mich, dass ich so erstaunt bin. Ich sollte wohl gar nicht so verzaubert sein, so überwältigt, so über die Maßen geflasht von der Schönheit Angelns.

Ich bin hier nämlich geboren. Meine gesamte Familie ist hier verwurzelt. Ich dachte auch, ich kenne die Gegend. Einigermaßen. Aber jetzt merke ich, dass eigentlich ahnungslos bin.

Von Neukichen zum Beispiel habe ich noch nie etwas gehört.

Strand Flensburger Foerde

 

Ich hatte keine Ahnung, dass Herzog Johann der Jüngere 1618 aus der „Wildnis am Strande“ einen Handelsplatz in Konkurrenz zu Flensburg errichten wollte. Ich wusste nicht, dass er darüber verstarb. Dass seine Erben sich zerstritten und Neukirchen vergaßen. Dieses Dorf, das abgeschieden von der Welt 360 Jahre ums Überleben kämpfte. Bis 1978 Butterfahrten nach Dänemarkt einen kurzen Aufschwung brachten, von dem heute nur noch die Reste der Anlegestelle erzählen. Und dass das Dorf 1994 erneut in einen Dornröschenschlaf fiel. Das war mir alles unbekannt. Dabei habe ich jahrelang nur 25 km entfernt gelebt.

 

AnlegerNeukirchen

 

Angeln liegt ganz oben in Deutschland. In einem Dreieck zwischen Kappeln, Flensburg und Schleswig. Die Südgrenze der Region ist die Schlei. Östlich reicht Angeln an die Ostsee. An die „offene“ Ostsee sagen die Leute hier. Denn weiter nördlich schmiegt sich die Landschaft an die Flensburger Förde. Und danach kommt nur noch Dänemark. („Dein gelobtes Land“, macht Volko sich über mich lustig.) Manchmal ist die dänische Küste so nah, dass man glaubt, rüberspucken zu können.

 

StrandNeukirchen

 

Sechs Tage lang waren wir an der Küste Angelns unterwegs. Und abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen musste ich gar nicht so tun, als sei das Alles neu für mich. Weil das meiste tatsächlich neu für mich ist. Die Naturstrände an der Flensburger Förde etwa – die haben mich früher überhaupt nicht interessiert.

 

Naturstrand

 

Strände müssen weiß und breit sein, dachte ich früher. Mit Steinen, Tang, Quallen (eigentlich mit allem was typisch ist für die Ostsee) konnte ich wenig anfangen. Wie kommt es nur, dass ich jetzt genau anders herum denke? Vielleicht hat das was mit dem Alter zu tun. Vielleicht guckt man nicht so hin, wenn man jünger ist.

 

Austernfischer

 

Angeln ist von einer zurückhaltenden Schönheit. Die Gegend protzt überhaupt nicht. Die haut mich trotzdem aus den Socken. Und ich möchte das unbedingt festhalten. Kann den Blick gar nicht abwenden. Und Volko gehts genauso.

Für uns ist Angeln das Schönste, was wir bisher in Norddeutschland gesehen haben.

Man möchte hier ja ewig stehen und der Stille lauschen. Dem leisen Wellenschlag der Ostsee und dem Wind in den Bäumen. Gleichzeitg zieht es einen immer weiter. Man will wissen, was hinter dem nächsten Steilufer liegt, was am nächsten Strand los ist, wie es in der nächsten Bucht aussieht.

 

Heiraten in Neukirchen

 

Einen knappen Kilometer von Neukirchen entfernt liegt die „Neue Kirche“ von 1622. Die könnte auch in Dänemark stehen, finde ich. Überhaupt ist in Angeln alles so dänisch. Nur diesen gewissen schleswig-holsteinischen Tick lieblicher.

 

Kirche Neukirchen

 

Vom Kirchhof windet sich eine Holztreppe die Steilküste hinunter zum Strand.

 

Neukirchen-Quern

 

Und falls hier einer mitliest, der gerade mit dem Gedanken spielt, auf Hawaii, in Las Vegas oder jedenfalls auf Sylt zu heiraten: Denk noch mal drüber nach. Guck Dir mal den Trauplatz am Strand von Neukirchen an. Nur mal so als Beispiel. Weil das ein echt guter Ort für einen Anfang ist.

 

Heiraten am Strand

 

Und nun zum Wetter

Es gibt viele schreckliche Formulierungen in norddeutschen Wetterberichten. Eine meiner Schlimmsten: Für die Jahreszeit zu kühl. Noch bin ich nicht so weit, mein Geld in praktische Funktionsklamotten zu investieren. Aber ehrlich: ich habe schon mal drüber nachgedacht.

Die Bild behauptet nämlich schon seit März: Der Sommer fällt ins Wasser. Das nenne ich unseriös. Denn wie man weiß, weiß im März kein Mensch, wie das Wetter im Sommer werden wird.

Aber man kennt das ja: Oft wiederholt die Bild Unseriöses so lange, bis es stimmt. Selbstverfüllende Prophezeiung und so. Und hinterher waschen sie dann ihre Hände in Unschuld, weil sie ja schließlich nur schreiben, was die Leute lesen wollen.

Ich kenne zwar keinen, der versessen auf Schlechtwetter-Prognosen wäre. Doch schon haben glaubhaftere Publikationen nachgezogen. Jedenfalls was das Pfingstwetter betrifft.

So die SHZ: Pfingsten wird es „verhalten frühlingshaft“  (ein Synoynm für „zu kühl für die Jahreszeit“). Das Hamburer Abendblatt glaubt an „ein Wetter wie im April“ (geschickt; denn damit hat man natürlich immer Recht). Privatradiosender sprechen von „Sonne-Regen-Mix“ (albernste aller Wortschöpfungen).

Mmh.

 

Vorsaison Helgoland

 

Aprilwetter Ende Mai.  Mmh. Mmh. Mmh.

Ausgerechnet wenn wir das erste Mal glampen. Kein Tippfehler. Glamping meint Glamouröses Camping. Ein aufgewärmter Reisetrend aus düsteren Kolonialzeiten. Glamping-Unterkünfte sind schick bis ultra-schick – mit einem winzigen Quäntchen Luxusverzicht, so dass man sich ganz abenteuerlich fühlt. Und natürlich glampt man ökologisch korrekt. Auch das ja ein Trend.

 

Whatever the weather: Pfingsten wird geglampt

 

Gleich gehts los. Wir kampieren bzw glampieren in einem stylo-Bauwagen in Ostseenähe; ganz weit oben in Schleswig-Holstein. Was mich nachhaltig beschäftigt, ist nicht der angekündigte Regen an sich, sondern die Tatsache, dass Spinnen es nicht gern feucht haben. Meine Theorie: Sie werden sich in unserem Glamping-Wagen einrichten. Großer Gott.

 

Schleimuende

 

Abgesehen davon muss man das mit dem Regen an der Küste nicht so tragisch sehen.

 

Warum ich auch bei Regen gern an der Küste bin

 

Ich bin dem Regen einige Jahrzehnte ziemlich konsequent und erfolgreich aus dem Weg gegangen. Inzwischen lass ich das. Denn er hat auch seine Vorzüge. Zum Beispiel:

  • Bei schlechtem Wetter bleiben die Tagesausflügler aus Hamburg und Berlin zuhause. Was gut ist. Tagesausflügler aus Hamburg und Berlin sind nämlich die Heuschrecken unter den Küstentouristen. Sie haben meistens ihre Lieblingsstrände, an denen sie sich 1a auskennen. Und so besetzen sie beim ersten Sonnenstrahl sämtliche Spitzenplätze: In Bars, Restaurants, Parkplätzen, Zeltplätzen und am Strand sowieso. Bleiben sie weg, ist es eigentlich viel schöner in Norddeutschland. Meine Meinung.
  • Wenn es regnet, hat man richtig viel Platz am Strand. Dann findet man die Weite, wegen der man ja eigentlich ans Meer fährt (die aber bei Überfüllung oft fehlt).
  • Die Luft fühlt sich herrlich an nach einem Regenschauer. Und alles riecht ganz intensiv.
  • Man bekommt keinen Sonnenbrand. Sondern eine gesunde Gesichtsfarbe.
  • Falls man in einen Wahnsinns-Regen gerät, ist das auch irgendwie cool. Mal wieder so richtig durchnässt nachhause rennen, unter die heiße Dusche springen und sich dann aufs Sofa kuscheln. Das mag ich sehr.
  • Am Strand ist es nie matschig. Und es gibt keine Pfützen. Strände funktionieren in etwa wie Katzentoiletten. Schon Sekunden nach dem Regen sind sie wieder trocken.
  • Wenn die Sonne nicht scheint, kann man liegenbleiben. Es gibt Dinge, die ich nur im Urlaub und nur bei Regen mit gutem Gewissen tun kann: Ausschlafen. Denken. Lesen. Gar nichts tun. Noch mal auf die andere Seite drehen. Ist doch herrlich. Zuhause fallen mir immer langweilige Sachen ein, die ich stattdessen tun sollte (aufräumen, arbeiten, zum Sport gehen etc.). Nicht dass ich´s dann auch täte, aber allein die Gedanken können mich schon stressen.

Unterm Strich hat Regen also einen echten Mehrwert. Und vermutlich habe ich sogar noch ein paar Pluspunkte für Schietwedder vergessen?!

 

Die Wahrheit über norddeutsches Wetter

Falls eine Pfingstreise Richtung Norden bei Euch ansteht: Nicht vermiesen lassen. Das wird super! Wahrscheinlich sogar das Wetter. Denn seit heute morgen sagt wetter.de: Das Wochenende wird doch gar nicht so schlecht in Norddeutschland. Wetter.com sieht es düsterer. Wetter.online wärmer.

Und die Wahrheit ist: Sie wissen es nicht

Die Wetterberichte stimmen eigentlich nie. Höchstens mal zufällig. Das Wetter in Norddeutschland ist unbeständig. Und Unbeständigkeit ist keine Einbahnstraße. Am Meer wird der Himmel nicht nur sehr plötzlich dunkel. Er wird auch genauso plötzlich blau. Und manchmal hat man ihn dann ganz für sich allein.

In diesem Sinne: Schöne Pfingsten!

 

Das Alte Land; eine Annäherung

Seit einiger Zeit sendet der Deutschlandfunk sonntags die Reihe 12 Mal Deutschland. Journalist Jörg-Christian Schillmöller und Fotograf Dirk Gebhardt durchqueren das Land Stück für Stück der Breite nach. Vom westlichsten zum östlichsten Punkt. Jeden Monat ein paar Tage. (Wovon sie übrigens auch bloggen.)

„Warum“, wurden sie vergangenen Sonntag gefragt.

„Weil wir es nicht kennen“, lautete die Antwort.

Und das ist ja genau der Punkt.

Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig ich eigentlich von meiner näheren Umgebung kenne. Und auch wenn ich meine, etwas zu kennen, nehme ich oft nur das Offensichtliche wahr.

Beispiel: Das Alte Land

 

Elbufer

 

Das Alte Land grenzt ans südliche Hamburg und ist das größte Obstanbaugebiet Europas. Folglich geben Obstbauern hier seit Jahrhunderten den Takt an. Die über die Maßen verzierten Fachwerkfassaden ihrer Obsthöfe knallen einem derart ins Auge, dass man gar nicht mehr sieht, was links und rechts davon liegt.

Das ist besonders krass rund um die Gemeinde Jork, von der ein Altländer Freund mal behauptet hat, sie sei der Trafalgar Square des Alten Landes. Interessiert man sich nicht brennend für Fachwerkfassaden, kann einem das Alte Land schon mal langweilig vorkommen.

Als wir letzte Woche zur Elbinsel Lühesand fuhren, haben wir mal versucht, das Offensichtliche auszublenden, um den kleinen Dingen mehr Raum zu geben.

Das Alte Land beginnt kurz hinter Finkenwerder an der wohl hässlichsten Brücke Norddeutschlands. Unharmonischer als das Este-Sperrwerk geht eigentlich nicht.

 

Estesperrwerk

 

Jenseits der Brücke wird dann aber alles gut. Zum Einen, weil man vom Anleger Cranz den wohl besten Blick nach Blankenese hat. (Wie viele Hamburger haben auch wir einen Faible für den Blick nach Blankenese. Eine Art irrationaler Besitzerstolz.)

 

Cranz

Alles wie immer: In Blankenese scheint die Sonne

 

Blankense

Wie niedrig Niedrigwasser ist, sieht man am besten im Alten Land

 

Elbe bei Ebbe

Bei Niedrigwasser sind die Altländer fein raus. Ihre Este mündet in die Elbe und garantiert freie Fahrt.

 

Auf der anderen Seite des Sperrwerks liegt die Sietas-Werft. Am Esteufer windet sich ein Wanderweg über Cranz nach Buxtehude. Er ist total verwunschen, so dass ich ihn am liebsten direkt bis zum Ende gelaufen wäre. Kommt auf meine Liste. Zumal man zum Startpunkt mit der Fähre aus Blankenese anreisen kann.

 

Sietas Werft

Die Sietas-Werft strömt eine unfassbare Melancholie aus

 

Danach beginnt das Alte Land so richtig. Allein der Name haut mich um. Altes Land. Es klingt wie eine Phantasie.

In Hamburg wird man Jahr für Jahr im Frühling von Abendblatt und NDR daran erinnert, dass „jetzt Millionen von Bäumen blühen.“ Aber irgendwie schaffe ich es nie, mir das mal anzugucken. Die Hauptattraktion – die Kirschblüte – ist auch schon wieder vorbei.

Dafür ist aktuell die Apfelblüte dran. Mir persönlich gefallen Apfelblüten noch besser, weil nicht so poppig.

 

Apfelbluete

 

Und wirklich es sind Millionen. Allerdings darf man wohl keine alten, knorrigen Apfelbäume erwarten. Oder gar romantische Streuobstwiesen. Jedenfalls haben wir nur Apfel-Sträucher-Plantagen gesehen.

Das macht sicher Sinn. Denn an einem Strauch muss man nicht hochklettern. Den kann man ganz easy im Vorbeigehen abernten. Aber ein bisschen enttäuschend war es schon.

(Nur weils grad passt: Die Äpfel aus dem Alten Land sind 1a. Endlich mal ein Produkt, das man wirklich nicht aus Australien einfliegen lassen muss. Ich persönlich liebe ganz normale Elstars. Es gibt aber auch für exquisitere Geschmäcker die unglaublichsten Sorten.)

 

Apfelstrauch

 

Notiz auf meiner „Muss-ich-mal-rausfinden“-Liste: Gibt es irgendwo im Alten Land richtige Apfelbäume? Also jetzt nicht Einzelne. Die gibt es natürlich. Sondern diese Millionen unter denen ich gerne mal spazieren würde.

Wovon es im Alten Land definitiv Millionen gibt sind Radfahrer. Jenseits von Kopenhagen oder Amsterdam habe ich noch nie so viele Radfahrer gesehen. Echt jetzt.

Sie alle scheinen irgendwann im Laufe des Tage am Lühe-Schulau-Anleger eine Rest einzulegen, um Bratwurst oder Backfisch zu essen. Pferdewurst ist ein großer Renner.

 

Luehe-Schulau

Was dem Griechen seine Taverne, ist dem Altländer sein Imbiss

 

Abgesehen von der Pferdewurst mag ich die Stelle. Sie erinnert mich sehr an das List meiner Kindheit. Da gab´s ja früher auch nur schrabbelige Imbissbuden. Schön unprätensiös finde ich das. Und den Auto-Kennzeichen nach finden sich hier auch Einheimische ein. Was ja immer ein gutes Zeichen ist.

 

Angeln an der Elbe

Früher war die Elbe ein Drecksgewässer. Darum freue ich mich heute so sehr, wenn ich Angler sehe.

 

Noch was, das es im Alten Land massenweise gibt: Leuchttürme. Oft stehen sie gar nicht am Elbufer sondern irgendwo mittendrin in einem der Schnuckeldörfer. Die Leuchtturm am Deich sind mir aber die liebsten.

 

Leuchtturm

 

Sie gefallen mir deshalb am besten, weil der Deich im Alten Land für mich der schönste Deich Norddeutschlands ist. Sein Gras ist nicht struppig und mickerig. Sondern wie eine Sommerwiese.

 

Deichsitzen

 

Auf dem Deich zu sitzen, ist eine große Sache. Man weiß gar nicht ob man lieber sitzen bleiben möchte oder loslaufen. Jedenfalls um die nächste Ecke. Nur um mal zu gucken, ob man dort die Nordsee schon riecht.

Und irgendwann werde ich das mal machen.

Einfach nur, weil ich es noch nicht kenne.

 

Elbe Altes Land

Grashüpferinsel Lühesand

Lummerland, Nimmerland, Saltkrokan… Die besten Geschichten spielen auf Inseln.

Die Mystischste unter ihnen war für mich immer die Grashüpferinsel, obwohl dort wenig passierte. Es war nur heiß und seltsam und die Grillen zirpten.

Genauso war es vergangenen Montag auf Lühesand.

 

Elbufer

 

 

Elbinsel Lühesand

 

Lühesand ist eine 124 ha große Elbinsel im Alten Land. Sie ist nur per Boot zu erreichen und ein perfekter Ort, wenn man mal Lust auf das ganz große Garnichts hat.

Garnichts gibt’s auf Lühesand nämlich im Überfluss – im allerbesten Sinn.

Das Auto lässt man am Treffpunkt Sandhörn bei Grünendeich stehen. Die Parkgebühr ist am Kiosk zu entrichten. Aber nicht am Montag. Montags ist geschlossen. Da erholen sich die Sandhörner von den Hamburger Sonntagsausflüglern.

 

 

Soll uns Recht sein. Genau wie die Tatsache, dass an Mai-Montagen nicht gerade massenweise Leute nach Lühesand übersetzen wollen.

D.h. wollen wollen schon einige. Vornehmlich Fahrradfahrer. Die machen dann aber ein langes Gesicht, wenn sie am Anleger erfahren, dass Räder auf dem Festland bleiben müssen.

Lühesand ist verkehrsmittelfrei. Lärmfrei. Stressfrei. Frei.

 

Anleger Luehesand

 

Der Pächter der Insel steuert die Fähre selbst. Um 12.00 Uhr bringt er die Inselbesucher vom Festland zur Insel. Genau wie er um 12.00 Uhr die Insulaner zum Festland bringt. Und sein Inselgasthaus öffnet er auch um 12.00 Uhr.

Was anderen unmöglich scheint, ist für Holger Blohm kein Grund, hastig zu werden. Auf Lühesand ticken die Uhren eben anders.

 

Faehre Luehesand

 

Inseln sind in der Kinderliteratur oft Methaphern für ewige Kindheit und Jugend.

Lühesand funktioniert ganz ähnlich. Schon vor dem ersten Inselschritt ist sie da – diese Neugier, was einen wohl erwartet. Irgendetwas Besonderes wird kommen, denkt man. Und so ist das.

Falls man ein Picknick dabei hat (oder ein Zelt oder was), stehen praktischerweise Transportmittel am Anleger zur Verfügung.

 

Transport Luehesand

 

Verschlungene Pfade ziehen sich über die gestreckte, 3 km lange Schlickwattinsel. Ganz allein mit sich und permanentem Elbblick findet man schnell zu ihrem Takt (Slow. Very very slow.)

 

Luehesand Anleger Zwo

Campingplatz Luehesand

 

„Hier war es warm, Bienen summten über den Blumen, und rundherum stand der dichte Gestrüppwald und hielt Wache. Über der Lichtung winkten grüne Birkenblätter, ein luftiges grünes Dach, durch das der Himmel hineinschauen konnte. Es war makellos. Mummintroll hatte das Vollendete gefunden! Niemand vor ihm war hier gewesen. Die Lichtung gehörte ihm. Er setzte sich vorsichtig ins Gras und machte die Augen zu. Das sichere Versteck, das war immer eine seiner ganz ernsten Idee gewesen, er hatte immer danach gesucht und viele gefunden. Aber noch nie so ein feines wie dieses. Es war sowohl verborgen wie offen. Nur die Vögel konnte ihn sehen, der Boden war warm. Er seufzte.“

(aus „Mumins wundersame Inselabenteuer“ von Tove Jansson)

 

Elbinsel Luehesand

Segelschiff Tolkien

 

Ganz umrunden kann man die Insel nicht. Der Südzipfel ist Naturschutzgebiet und für seltene Pflanzen und Vögel rerserviert. Der NABU lädt im Sommer allerdings zu Führungen ein.

Am nördlichen Inselende befinden sich eine handvoll Ferienhäuser. Sie stammen noch aus der Nachkriegszeit, als der Wohnraum so knapp war, dass alles Kreative erlaubt wurde.

 

Luehesand Ferienhaus

 

Fest wohnen darf niemand auf Lühesand. Die Überflutungsgefahr ist inmitten der Elbe zu groß. Zelten und Campen hingegen ist erlaubt.

 

Festplatz Luehesand

 

Kreuz und quer haben sich Bauwagenbewohner & Dauercamper quer über die Insel verstreut. Man ist hier nicht unbedingt für Gartenzwergmentalität zu haben. Ein junger Vater erzählt uns, er habe seine halbe Kindheit hier verbracht. Heute genießt seine Tochter die Inselfreiheit genau wie er früher.

 

Insel Luehesand

 

Die liebsten Inselbewohner sind mir die Rehe. Etwa 40 sollen es sein. Wenn ihnen danach ist, schwimmen sie ans Festland. Habe ich gar nicht gewusst: Rehe sind hervorragende Schwimmer.

 

Reh auf Luehesand

 

Erzählt hat uns das mit den Rehen die Frau des Pächters/ Fährmannes/ Campingplatzbereibers/ Gastwirtes. Holger Blohm regelt die Dinge auf Lühesand schon in der dritten Generation.

Gasthaus Lühesand

 

Inselgasthaus Luehesand

 

Viel scheint sich nicht verändert zu haben, seit Holger Blohms Großvater die Geschäfte auf Lühesand in den 1930er Jahren übernahm. Aber das ist ja gerade das Wunderbare.

 

Gasthaus Luehesand

 

Wie wir da in der stillen Mittagshitze auf der Terasse sitzen, kommt es mir ganz unwirklich vor, dass dieser Ort in direkter Nähe zu Hamburg existiert. Lühesand ist auf die charmanteste Art im Gestern geblieben.

 

Gaststaette Luehesand

 

Eine ungeheure Neuerung steht jedoch in diesem Sommer noch an. Gerade wird im Naturschutzgebiet ein wenig herumgeholzt, um Platz für die neusten Bewohner zu schaffen. Der Wildwuchs war so vorangeschritten, dass einige Vogelarten nicht mehr zum Brüten kamen. Um sie wieder anzulocken, soll zukünftig eine Herde Galloways die Sache in Schuß halten.

Logisch, dass das wieder ein Altländer regelt, dessen Großvater bereits Kühe auf der Insel weiden ließ. Damals, in der Nachkriegszeit. Seitdem ist eine Menge Wasser die Elbe hinuntergeflossen. Doch auf Lühesand scheint alles beim Alten zu bleiben. Vielleicht heißt es ja deshalb Altes Land – weil hier nichts und Niemand so schnell verloren geht!?

 

Grashuepferinsel Luehesand

 

Alle wichtigen Infos zu Fähr-Abfahrtszeiten und Gasthaus-Öffnungszeiten gibts auf der Hompage Lühesand: Klick

An Englishman In St. Annes

Unsere letzten Stunden in Nordengland verbrachten wir in Lytham St. Annes, einem altmodischen Seebad in Lancashire.

Als wir aus dem Auto stiegen, steuerte ein älterer Herr auf mich zu. Er war wie aus dem Ei gepellt. Einer von der Sorte, bei der man denkt, er habe sich ausnahmsweise fein gemacht. Vielleicht Landwirt, dachte ich. Weil er so aussah, als gehöre er zum Ensemble von „Der Doktor und das liebe Vieh“.

Ob ich ihm behilflich sein könne, fragte er und zeigte zum Parkautomaten. „Ich bekomme es leider nicht hin. Ich habe so etwas nämlich noch nie bedient.“

 

St. Annes Beachpark

 

Ich murmelte etwas von „complete stranger myself“ und hoffte inständig, dass das Ding bei mir funktionieren würde. Ich wollte diesen Herren, der noch nie in seinem Leben ein Parkticket gezogen hatte, auf gar keinen Fall enttäuschen.

Er reichte mir die abgezählten Münzen. Seine Hände waren nicht die Hände eines Schreibtisch-Mannes. Das Ticket zu ziehen, bekam ich tiptop geregelt. Es war ein ganz normaler Parkautomat.

Als er mich dafür überschwänglich lobte und mich „my love“ nannte und sagte, ich habe seinen Tag gerettet, denn ohne mich hätte er zweifelsohne den wunderschönen Nachmittag auf dem Parkplatz verbringen müssen – rührte mich das halb zu Tode.

Und ich wurde leicht wehmütig. Weil dies unser letzter Spaziergang in Nordengland war.

 

St. Annes Beach

 

Am Strand von St. Annes

 

Es war wirklich ein wunderschöner Nachmittag. Warm und windstill. Auf der Promenade reckten vereinzelte Herrschaften die Gesichter zur Sonne wie zufriedene Wasserschildkröten.

Ein Schild am Strandzugang verbot das Mitbringen von Alkohol. Blackpool schien nicht Meilen sondern Lichtjahre entfernt.

Und ich dachte an die vielen Mini-Bekanntschaften, die wir in den vergangenen Tagen gemacht hatten. Nur kurze Gespräche zumeist. Doch die hatten uns so seltsam nachdrücklich berührt.

Kürzeste Liebe, hat Ringelnatz das mal genannt.

 

Pier Lytham St. Annes

 

Vom Pier her wehte gedämpftes Kreischen an mein Ohr. Zunächst dachte ich an aufgeregte Möwen.

Aber im Näherkommen wurde mir klar, dass es sich um Gitarren handelte. Jemand musste dort drinnen die Boxen auf Anschlag gedreht haben. Jemand der Heavy Metall liebte.

Wie beinahe jeder Pier in Nordengland beherbergt auch das Schmuckstück von St. Annes eine überdimensionierte Automatenspielhalle. Sie war vollkommen verwaist.

Und das war wieder so ein typisch englischer & herrlich irritierender Moment, der gleichzeitig seine Logik hat. Das Klientel in St. Annes scheint nicht unbedingt aus Headbangern zu bestehen.

 

St. Annes Pier

 

Warum man Engländer lieben muss

 

Man kann die Engländer natürlich nicht alle über einen Kamm scheren. Das gilt für jedes Volk. Für die Engländer aber ganz besonders. Weil sie über die Maßen individuell sind.

FearlessClothingGrundsätzlich hüte ich mich davor, Leute anzustarren. Treffe ich, sagen wir mal, Herbert Grönemeyer auf der Straße, gucke ich in die andere Richtung.

Doch in England habe ich mich immer wieder ertappt, meine Augen einfach nicht abwenden zu können. Manchmal blieb mir sogar der Mund offen stehen. Diese Gesichter. Diese Attitude. Diese Outfits. Ihr gesamtes Leben scheint sich in ihrem Äußeren zu spiegeln. Schön, wäre das falsche Wort.

Aber genau so muss Beethoven das gemeint haben, mit seiner Ode an die Freude: Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt.

Einen guten Eindruck bekommt man immer im April beim Ladies Day in Aintree. (Besonders Frauen  gefällt es sicher, das mal anzuklicken.)

 

Dockhouse Cafe St. Annes

 

Und apropos Ode an die Freude. Vor unserer Englandreise hat mich die Europaskepsis der Briten immer irgendwie empört. Jetzt finde ich es eher schade, dass sie nicht so richtig dazu gehören mögen.

Ich sag nicht mehr: Sollen sie doch austreten. Dann werden sie schon sehen, was sie davon haben. Sondern hoffe das Beste.

Wir möchten auf jeden Fall noch einmal wiederkommen; in den Norden im Westen. Irgendwann.

Bis dahin lese ich bei Steffi mit, die ganz wunderbar über die Erfahrungen einer Berlinerin in Yorkshire schreibt.

 

Beach Lytham St. Annes

In Niedersachsen wird zusammengegessen: Verenas Flying Table

Vor ziemlich genau 4 Jahren erhielt ich eine E-mail mit dem Entwurf eines Entwurf eines Flyerentwurfs. Ob ich mal drüber schauen könnte, fragte Verena. Und was ich so ganz grundsätzlich von ihrer Idee eines Supper Clubs hielte.

Das war im April 2011. In London und Berlin vermehrten sich Underground Restaurants, Home Bistros und Guerilla Diners gerade wie Mücken nach einem Sommergewitter. Dass die Leute Lust drauf hatten, wir mir schon klar. Doch Verena wollte das Ganze nicht in einer Großstadt aufziehen – sondern mitten in Niedersachsen. Ob das Konzept auch im ländlichen Raum aufgehen würde, schien durchaus ein paar Bedenken wert.

Guglhupf

 

Verena ist aber nicht der Typ für Bedenken. Nur 3 Monate später ging My Flying Table in Wildeshausen an den Start. Und bis heute ist nicht ein einziger Platz frei geblieben.

Seit 4 Jahren öffnet Verena 4 mal monatlich ihr Zuhause, um für 10 Gäste zu kochen. Eine Art analoger Food-Blog könnte man sagen. Verenas Dashbord – die Küche – öffnet sich zum Wintergarten, wo die Leute an einer langen Holztafel zusammensitzen. Manchmal kennen sie einander. Meistens nicht.

Anfangs, als Verena noch für möglich hielt, die Anfangseuphorie können sich als Strohfeuer entpuppen, bot sie sogar bis zu 8 Termine im Monat an. Auch die waren stets ausgebucht. Doch das ließ sich auf die Dauer nicht mit ihrem eigentlichen Beruf als Stewardess vereinbaren.

 

Alte Apotheke

 

Letzte Woche hat Volko mal wieder frische Fotos für Verena geschossen. Ganz ohne Foodstylisten-Tricks wie Haarsprayglanz oder Rasierschaum-Creme mussten die beiden zwei Tage im Akkord arbeiten. Echtes Essen sieht ja nicht ewig appetitlich aus.

Und echtes Essen will gegessen werden. Das war dann mein Part. Ansonsten hatte ich nichts anderes zu tun, als ab und zu den Aufheller zu halten. Was soll ich sagen? Ich hatte schon schlechtere Jobs.

 

FlyingTable

 

In der übrigen Zeit ich saß im Garten und machte mir Gedanken. Über Verenas Erfolgsgeschichte im Allgemeinen und Niedersachsen im Speziellen.

Was ist eigentlich mit Niedersachen?

Die norddeutschen Bundesländer sind für mich alle sehr spezifisch. Schleswig-Holstein ist das Schönste, meine Heimat. Hamburg ist die große Freiheit und mein Zuhause. Bremen die kleinere, sensiblere Schwester. Und in Mecklenburg-Vorpommern scheint der Wind die Kindheitserinnerungen meiner ostpreussischen Großmutter zu flüstern. Das nördliche Sachsen-Anhalt ist königlich romantisch. Das nördliche Brandenburg wie ein Spätsommernachmittag am See. Und Berlin ist natürlich Berlin.

Nur bei der Charakterisierung Niedersachsens tue ich mich schwer.

Gartenhaus

 

Niedersachsen ist so wahnsinnig groß und vielfältig, dass ich einfach nicht den Finger drauf legen kann. Fragt man die Niedersachsen selbst, fällt ihnen auch nicht so viel dazu ein. Niedersachsen empfinden sich oft gar nicht in erster Linie als Niedersachsen. Ihr Lokalpatriotismus scheint kleinteiliger.

Niedersachsen sind Altländer, Wendländer, Ostfriesen. Ihre Heimat ist die Lüneburger Heide, der Harz oder das Emsland. Sie leben „in der Nähe von Hannover“, „in der Nähe von Bremen“ oder „in der Nähe von Hamburg“.

Was sie alle verbindet, habe ich mich lange gefragt. Die Niedersachsen sprechen ja nicht einmal einen gemeinsamen Dialekt. Höchstens die, die um Bremen herum wohnen.

 

Jakobsmuscheln

 

Und da befand ich mich ja nun gerade. Wildeshausen, die Kleinstadt an der Hunte, präsentierte sich aufgeräumt und frühlingsfrisch. Sogar die Jugendlichen hatten etwas frisch Gewaschenes. Wie sie sich da mit ihren mit Maigrün geschmückten Bollerwagen durch die Gegend tranken, schien es mir undenkbar, sie könnten jemals absichtlich etwas zerbrechen oder sonstwie marodieren. Die wollen nur spielen, dachte ich.

Und da wurde mir auf einmal klar, dass Verena instinktiv (ganz ohne Marktforschung) genau erfasst hatte, was Niedersachsen wollen: Sie wollen es sich einfach gut gehen lassen. Und sind die dabei die geselligsten Norddeutschen, die ich kenne. Insofern könnte man sie als die Italiener Norddeutschlands bezeichnen.

Das hat Verena genutzt. Statt szenige Gastro-Konzepte aus den Metropolen dieser Welt zu kopieren, hat sie etwas Eigenes kreeiert. Sie hat sich ganz der Gastlichkeit verschrieben. Sie macht, dass man sich bei ihr wohlfühlt. Wie sie das konkret anstellt? Keine Ahnung. Es ist ihr ganz spezielles Talent.

 In Niedersachsen wird zusammen gegessen

Verena Kleffner Ein Abend am My Flying Table hat etwas von einem fröhlichen Festessen in einer italienischen Großfamilie. Und zwar eben nicht der Mafia-Sippe aus der Bronx. Sondern der buntgemischten Truppe auf dem Landsitz. Das sitzt der Knecht neben dem Patron und dem mißratenem Sohn. Bildlich gesprochen.

Eitelkeiten und Gedöns funktionieren vielleicht, wo es massenhaft Laufkundschaft gibt. Aber wenn es auf Stammkunden ankommt, muss die Qualität stimmen. Das Essen muss gut sein. Der Gast muss sich wohlfühlen. Punkt.

Und wo jeder jeden kennt, müssen die Dinge ihre Ordnung haben: Guerilla geht nicht in einer Kleinstadt? Dann wird eben eine Konzession besorgt. Wird den Behördenmitarbeitern so oft & so lange erklärt, was ein Privatrestaurnt ist, bis sie´s ok finden. Und genehmigen. Wird brav eine Hygiene-Schulung bei der IHK absolviert. Wird ein Bad als Kunden-WC umfunktioniert. Wird das Gesundheitsamt empfangen usw. usf.

In Niedersachsen wird gemacht und nicht geredet

Am ersten offiziellen Flying Table versammelten sich noch Freunde und Bekannte. Dann kamen die Bekannten der Bekannten. Und während in Frankfurt und Hamburg und Köln die Leute noch sagten: ach ja, Supper Club, das wollte ich auch schon immer mal ausprobieren… rannten die Bekannten der Bekannten der Bekannten Verena die Tür ein. Und dann kamen die Unbekannten.

Mittlerweile hatte sich die Presse eingeschaltet. Erst der lokale Anzeiger, dann überregionale Zeitungen und Zeitschriften, schließlich Fernsehen und Radio. Heute begrüßt Verena  längst nicht mehr nur Gäste aus Wildeshausen und „um zu“ sondern auch aus allen anderen Gegenden, Städten oder Ländern.

Aber die Wildeshauser kommen trotzdem noch. Allerbestes Zeichen das.

 

Mangomozzarela

Dabei ist ein Abend am My Flying Table kein billiges Vergnügen. 65 Euro kostet es pro Person. Zuzugülich der Getränke. Dafür bekommt man sechs fein abgestimmte Gänge – immer eine Ode an den aktuellen Monat. Man könnte also theoretisch alle 4 Wochen kommen und stets etwas ganz Neues erleben. Praktisch ist das aber nicht möglich. Verena ist in der Regel ein gutes halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Auch das war von Anfang an so.

Niedersachsen lassen sich nicht lumpen

Für die Getränke ist Timo zuständig. Wie hinter vielen erfolgreichen Frauen, steht auch hinter Verena ein starker Mann. Konnte er zu Beginn eigentlich keine weiteren Kenntnisse vorweisen, als Fliesen zu verlegen und Airbusse zu steuern, geht er ihr heute als Sommelier zur Hand. Jedenfalls wenn er nicht gerade mit der Pilotenbrille auf der Nase durch die Welt kajukelt.

Ist das nicht seltsam: Verena und Timo fliegen ständig an die schönsten und aufregendsten Orte. Aber sie freuen sich wirklich und ehrlich und am meisten, wenn sie zuhause Gäste bewirten dürfen. Und das merkt man!

Marinierte Heringe

Am My Flying Table is(st) man was Besonderes

Logischerweise habe ich das Ganze auch schon mal ausprobiert. Mit gemischten Gefühlen zunächst. Was Smalltalk angeht bin ich in etwa so begabt wie Ebenezer Scrooge. Vor seiner Läuterung. So ein Essen mit Fremden hatte ich mir ehrlich gesagt irgendwie anstrengend vorgestellt.

Das war es aber ganz und gar nicht. Höchstens für die Gastgeberin. Denn am Ende saßen wir bis nachts um 2.00 Uhr. Der Gesprächsstoff hätte auch noch länger gerreicht.

Unter den Gästen: Ein Springreiter aus Manchester (ich liebe Manchester). Die beste Freundin der Ex-Freundin des Gastgebers (hochspannend). Dann war da ein Paar aus der Gegend, das Milchwirtschaft betreibt (ich hatte 1.000 Fragen). Und ein Paar 70+, das sich im Internet kennengelernt hatte (voll süß). Weiter eine Radiomoderatorin aus Bremen (die an diesem Abend ein Feature produzierte). Und Volko (der für mich ja sowieso was Besonderes ist). Demnach war ich die einzige Normale, Durchschnittliche. Dachte ich. Komischerweise fanden die anderen mich aber genauso interessant wie ich sie.

Merke: Man darf ruhig ein bisschen schüchtern sein, wenn man zu Verena kommt. Die anderen Gäste sind in der Regel offen genug, um Berührungsängste zu nehmen. Und wenn nicht, kümmert sich die Chefin selbst drum.

MyFlyingTable

In diesem Sinne scheint mir My Flying Table ein bisschen zu sein wie Niedersachsen selbst. Ich meine, wenn man in Hamburg einen Supper Club besucht, wird man in der Regel auf Menschen treffen, die in etwa aus den gleichen sozialen Bezügen kommen.

In einem riesigen Bundesland, das zu 82% aus Wald und Weiden besteht, ist es aber nicht so leicht möglich, sich in seiner Komfortzone zu verschanzen. Das bringt Vielfalt statt In-Group-Verhalten. Denke ich mir.

Falls man also Niedersachsen kennenlernen will, ist ein Essen bei Verena & Timo ein guter Anfang. Zum My Flying Table geht´s hier lang: Klick.

Und falls gerade ein echter Niedersachse und/oder Auskenner mitliest, wäre ich sehr interessiert an weiteren Tipps. Was ist speziell und typisch bei Euch da im Süden? Ich kenne nämlich noch viel zu wenig (von) Niedersachsen.

myflyingtable

PS.: Leider hat sich mein fb-Ausbilder nach Sizilien abgesetzt. Jetzt muss ich ganz allein gucken, wie und ob das geht. Falls ich offensichtliche, voll bescheuerte Fehler mache, bin ich für Hinweise sehr dankbar.

Der Heidschnuckenweg: Was Du über Etappe 1 wissen solltest

Rausgehen ist mein neues Ausgehen. Könnte man so sagen. Zwar tausche ich Nächte mit Tagen. Fette Beats mit Stille. Gedränge mit Einsamkeit. High Heels mit Wanderboots. Doch eine längere Wanderung hat genauso ihren speziellen Rhtythmus wie eine rauschende Party. Und danach tun einem gleichermaßen die Füße weh. Besonders nach der 1. Etappe des Heidschnuckenweges. Die hat es nämlich in sich.

Wandern auf dem Heidschnuckenweg

  1. Von den offiziell 13 Abschnitten des Heidschnuckenweges ist die 1. Etappe mit 26 km die zweitlängste.
  2. Sie führt von der Fischbeker Heide in Hamburg-Harburg nach Buchholz in der Nordheide.
  3. Solltest Du mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, kommen noch ca. 1,5 km von der S-Bahn-Station Fischbek hinzu. Und natürlich die Strecke von Dir zuhause bis zur Bahn. Sowie die Kilometer, die Du Dich verläufst. (Das kann passieren, wenn Du Dich zu intensiv unterhältst.)
    Fischbek
  4. Der Heidschnuckenweg ist im Großen und Ganzen gut ausgeschildert. Meistens mit einem schwarzen H auf weißem Grund. Manchmal auch mit einem gelben Pfeil. Den ersten Wegweiser siehst Du schon vom Bahnsteig der S-Bahn-Station Fischbek.
  5. Es ist erstaunlich: Die zweitgrößte Heidelandschaft Deutschlands befindet sich in Hamburg.
    Fischbeker Heide
  6. Hast Du die Fischbeker Heide durchquert, war´s das mit Heide für den Rest der Etappe. Dafür stiefelst Du nun über die höchsten Erhebungen Hamburgs. Das Auf- und Ab in den Schwarzen Bergen ist – ohne Witz – nicht ganz unanstrengend. Bänke zum Rasten gibt es erst einmal nicht.
    Schwarze Berge
  7. In Tempelberg hast Du das Anstrengendste hinter Dir.  Unterhälst Du Dich zu intensiv, könntest Du leicht den gelben Pfeil übersehen, der bei den letzten Häusern links hoch auf einen schmalen Pfad weist. (Dass Du in die Irre läufst,  merkst Du, wenn Du länger als 10 Minuten kein weißes H auf schwarzem Grund oder gelben Pfeil entdeckt hast.)
  8. Der Heidschnuckenweg ist nicht gerade überlaufen. Es kann passieren, dass Du stundenlang keiner Menschenseele begegnest. Nur am Wochenende und zur Heideblüte ist das anders.
  9. Hat es am Vortag geregnet, kann der Weg matschig sein. Dann duftet es wie in einer finnischen Sauna.
    Heidschnuckenweg Etappe1
  10. Kurz darauf gelangst Du in einen der größten Buchenwaldkomplexe Norddeutschlands. Das Naturschutzgebiet von Rosengarten ist im Frühling das Hellgrünste, was ich je gesehen habe.
    Buchenwaelder
  11. In Rosengarten hast Du etwa die Hälfte geschafft. Das kleine Dorf bietet die einzige Möglichkeit, auf der 1. Etappe vielleicht einen Kaffee zu bekommen. Und zwar auf dem Reiterhof gleich am Dorfeingang, wo man auch den Stempel für den Wanderpass bekommt, wenn Du so etwas willst.  Es ist allerdings nicht immer jemand zugegen.
    Etappe1 Heidschnuckenweg
  12. Bis Rosengarten (und auch noch um ganz Rosengarten herum) ist die 1. Etappe des Heidschnuckenweges wunderschön.
    Wanderweg Rosengarten
  13. Ab Nenndorf fällt der Weg meines Erachtens aber ab. Über gut 4 km geht man jetzt in Autobahnnähe. Mal drunter durch, mal drüber weg, mal an ihr entlang.
    Heidschnuckenweg bei Nenndorf
  14. Wandern an der Autobahn ist für auditive Menschen wie miese Musik beim Ausgehen. Der Zauber geht flöten. Zwar ist etwa ab Dibbersen alles wieder in (stiller) Ordnung. Allerdings kommen wir auf den letzten 8 km nicht mehr so richtig rein in den Flow, der das Wandern für mich eigentlich ausmacht. Ausgemachte Wanderprofis können das besser ab und (hören auch nicht auf zu fotografieren und den Weg zu beschreiben).
  15. Am Bahnhof von Buchholz haben wir 29,87 km auf dem Schrittzähler. Und finden: Das ist einen Tick zu viel. Insgesamt hat die 1. Etappe des Heidschnuckenweges etwas von einer Party, die man besser zu einem bestimmten Zeitpunkt verlassen hätte.
  16. Wenn Du nicht zwanghaft (wie ich) Wanderwege von Anfang bis Ende beschreiten willst, erkundest Du die Buchenwälder von Rosengarten und die Fischbeker Heide am besten einfach mal so. Und steigst auf den Heidschnuckenweg lieber bei Etappe 2 ein.
  17. Wenn Du aber zwanghaft durchalten möchtest, macht die Etappe 1 letztendlich doch total zufrieden.
    Buchen
  18. PS.: Du weißt nicht genau, ob Wandern was für Dich ist? Hier findest Du 10 gute Gründe, Dich auf den Weg zu machen.

With Our Heads Up In the Clouds

Das Clouds ist Hamburgs höchstes Restaurant. Es befindet sich (an dieser Stelle werden die Frankfurter sich schieflachen) im 23. Stock der Tanzenden Türme. Für Hamburger Verhältnisse ist das hoch. Das kann man von der Rooftop Bar ganz gut erkennen.

Rooftop Bar Clouds

Heaven´s Nest

Bei der Bar im 24. Stock der Tanzenden Türme handelt es sich nicht um Hamburgs höchste Bar. Sie ist dennoch hoch genug, um sich weit, weit weg von Allem zu fühlen. Das Tor zur Welt ist nämlich traditionell niedrig gebaut. Über Jahrzehnte galt es quasi als Sakrileg, höher hinaus zu wollen, als die fünf Kirchtürme von Hamburg City. Es würde das typische Stadtpanorama zerstören. Sagte man.

Hafenblick Heavens Nest

Doch zum typischen Stadtpanorma gehören wohl längst nicht mehr für alle die Kirchtürme. (Wer schüttelt schon alle fünf Kirchennamen aus dem Ärmel?). Und Touristen verbinden mit Hamburg erst Recht in erster Linie den Hafen. Von daher habe ich nichts gegen das ein oder andere Hochhaus am Hafenrand einzuwenden.

Jedenfalls: das Heaven´s Nest ist ein schöner Ort für einen Apertif. Die Bar öffnet täglich um 17.00 Uhr; eine Stunde vor dem Restaurant. Die Getränke-Karte ist tiptop und dick wie ein Telefonbuch (falls noch jemand was mit dem Vergleich anfangen kann.)

Heavens Nest

Im Heaven´s Nest kann´s ziemlich stürmisch sein. Also Jacke nicht vergessen. Wir waren jedenfalls ganz schön durchgepustet, als wir das Restaurant betraten.

Restaurant Clouds

Laut eigener Auskunft liegt das Hauptaugenmerk im Clouds auf sehr gutem Fleisch und sehr gutem Fisch. Was wir so unterschreiben können. Das Angebot für Vegetarier und Veganer hingegen ist begrenzt.

Restaurant Clouds

Obwohl ich das Essen wirklich sehr genossen habe, tue ich mich mit einer Empfehlung schwer (weil ich die Preise doch recht heftig finde und irgendwie kein Maßstab bin: Ich esse nämlich fast alles gern. Außer Fischsuppe. Doch selbst die sah im Clouds köstlich aus).

Fischsuppe

Das Clouds ist nicht ganz billig. Bei den Vorspeisen kann man mit etwa 15 Euro aufwärts rechnen. Hauptspeisen kosten durchschnittlich 30 Euro. Wobei die Möglichkeiten nach oben unbegrenzt scheinen. (Günstiger geht´s von Montag bis Freitag beim Mittagstisch.)

Clouds Hamburg

Möchte man nach dem Essen an die Restaurant-Bar wechseln, muss man

  •  Glück haben, dass einer der zwei tollen Tische mit Ausblick noch frei ist (unwahrscheinlich) oder
  • einen der zwei tollen Tische mit Ausblick reservieren.

Um einen Tisch an der Bar zu reservieren, muss man einen Mindestumsatz von 150 Euro garantieren. (Auch wenn man im Restaurant schon ordentlich Umsatz generiert hat. Auch wenn man nur zu zweit ist.)

Bar Clouds

Einen noch besseren Ausblick hat man übrigens von der Damentoilette. Oder natürlich im Heaven´s Nest. Besonders wenn es dunkel wird. Aber – und das fand ich seltsam – da war später niemand mehr.

Haevens Nest Clouds

Aber Leute gucken wird ja eh überbewertet. Jedenfalls in Hamburg, wo die Leute seit mindestens 30 Jahren zu den immer gleichen „Damit-kann-man-nichts-falsch-machen“-Outfits greifen.

Deswegen finde ich es auch den Dress-Code auf der Seite des Clouds unnötig. O-Ton:

„Kleidung ist ein Ausdruck der Persönlichkeit. Im clouds können Sie sich von Ihrer besten Seite zeigen. Neben einem gepflegten Erscheinungsbild, begrüßen wir ein schickes Abend-Outfit. Auf zu sportliche oder legere Kleidung bitten wir zu verzichten.“

Dafür ist das Bar-Team übrigens erstaunlich sportlich und leger gekleidet. Ehrlich gesagt sogar zu sportlich und leger. (Normalerweise verschwende ich wenig Gedanken an Outfits. Aber wie es in den Wald hineinruft… usw.)

Rooftop Bar Heaven´s Nest

Ansonsten fanden wir´s im Clouds aber toll. (Da wir niemanden zu unnötigen Unkosten veranlassen wollen, sind gegenteilige Meinungen natürlich gern in den Kommentaren gesehen.)

Restaurant Clouds
Reeperbahn 1
Geöffnet täglich ab 18.00 Uhr
Reservierung in der Regel erforderlich

Tanzende Tuerme Reeperbahn

Birke

Alsterflaneure: Der Alsterwanderweg im Frühling

Die Alster ist ein Frühlingsfluss. Das ist mir neulich aufgefallen, als ich von Eppendorf nach Wellingsbüttel ging. Ich ging nicht extra, sondern weil ich sowieso dahin musste. Da das Wetter prima war und ich genügend Zeit hatte, stieg ich an der Kellinghusenstraße aus der Bahn.

Ich wusste, dass da irgendwo der Alsterwanderweg entlangführt. (Vorher hatte ich mich noch 17 Mal gefragt: Willst du wirklich? Bleibt das Wetter  gut genug? Wie lange wird das dauern? Und viele unwichtige Dinge mehr). Kaum aus der miefigen Bahn gesprungen, war mir klar: Das war eine extrem gute Idee.

Blick von der Kellinghusenstrasse auf den Leinpfad

Alsterwanderweg Eppendorf

Der Alsterwanderweg: Wandern für Anfänger

Der Alsterwanderweg schlängelt sich 37 km von Kayhude in Schleswig-Holstein bis zur Alstermündung am Hamburger Hafen. Zumindest für die Strecke zwischen den Landungsbrücken und Poppenbüttel muss man kein Outdoorfreak sein. Man ist nämlich nie weit von der nächsten Bahnhaltestelle entfernt. Zwickt was im Schuh, kann man jederzeit abbrechen. Oder das nächste Restaurant anpeilen, den nächsten Biergarten, die nächste Sowieso-Lounge etc pp.

Streckenweise verläuft der Weg an beiden Ufern. Ab und zu muss man die Seite auch wechseln. Um vom Bahnhof Kellinghusenstraße auf den Alsterwanderweg zu gelangen, schlägt man sich bei Alma Hoppes Lustspielhaus eine Treppe hinunter in den  Haynspark.

Im Haynspark war ich geschätzte 12 Jahre nicht. Manchmal verhalte ich mich wie mein eigener Google Algorithmus. Ich mache die Dinge, die ich immer schon gemacht habe. Andere Dinge mache ich generell nicht. Zum Beispiel bin ich fast nie in Eppendorf. Warum eigentlich nicht? Frage ich mich, als ich die Grenze nach Winterhude passiere.

Winterhude

Alsterwanderweg Winterhude

Die ewige Frage: Alster oder Elbe?

Hamburger teilen sich auf in Alster- oder Elbtypen. Sagt man. Und ich rufe laut Elbe, wenn mich einer fragt. Aber während ich auf dem Alsterwanderweg spaziere, kommt mir das auf einmal irgendwie begrenzt vor. Eigentlich mag ich nämlich beide Flüsse. Und ich glaube, so geht es fast allen Hamburgern.

Alsterwanderweg im Fruehling

Ich sags mal so: Ganz grundsätzlich bin ich kein Typ für Schrebergärten. Aber würde mir ein Schrebergarten direkt an der Alster angeboten, ließe ich noch mal mit mir reden.

Ich habe mal gelesen, Kinder haben ein intensiveres Zeitgefühl als Erwachsene, weil sie jeden Tag etwas Neues erleben. Routinen bringen die Zeit zum Rasen. Im Prinzip bin ich nicht scharf drauf, dass mein Leben möglichst schnell vergeht. Gerade jetzt im Frühling, möchte ich eigentlich jede freie Minute bewusst genießen. So radikal wie sich die Natur von Tag zu Tag entwickelt. Immer schöner wird. Und das „eigentlich“ möchte ich „eigentlich“ aus meinem Wortschatz streichen.

Alsterufer

Das ist ja keine großartig neue Erkenntnis, die ich da habe. Im Alltag aber immer schwer umzusetzen. Ein Spaziergang auf anderen Wegen ist jedenfalls schon mal ein guter Anfang.

Alsterwanderweg Alsterdorf

Alsterwanderweg Alsterdorf

Dieser Weg wird ein leichter sein

 Obwohl ich mitten durch die Stadt lief, hatte ich ein richtiges Wandergefühl. Weil man die ganze Zeit im Grünen ist. Keine Straße, keine Autos, kein Generve, nichts. An einem Wochenvormittag begegnen einem nicht mal Leute.

Weiden

Und das ist noch so ein (voll ödes) Mantra von mir: Bloß keine Leute treffen. Damit nehme ich mir ja total viele Optionen in einer Großstadt. Mir hat gefallen, was Wera von Kultur und Kunst darüber neulich geschrieben hat:

Ruhe ist auch eine innere Einstellung, darum haben mich die anderen … nicht gestreßt.

Das werde ich mir mal hinter die Ohren schreiben.

Wohnen am Alsterwanderweg

Die Welt ist voller Jakobswege

 Da der Alsterwanderweg auf der Spur des Jakobsweges läuft, ist er schön ausgeschildert. Man kann sich nicht verlaufen. Auch wenn man ab und zu das Ufer wechseln muss (oder will).

Wegweiser Alsterwanderweg

O steht für Ohlsdorf. P für Poppenbüttel. H weiß ich nicht. Könnte Heimat bedeuten (denn der Pfeil zeigt dahin, wo ich herkomme).

Schleuse Fuhlsbuettel

Alsterwanderweg Fuhlsbuettel

Etwa am Ratsmühlenteich wird aus dem Frühlingsfluss Alster ein Sommerfluss.

Alsterwanderweg Wellingsbüttel

Alsterwanderweg Wellingsbüttel

Man läuft nun unter Bäumen und alles ist ursprünglicher. Da ich an den Alsterwiesen in Wellingsbüttel abbiegen muss,  landet der Rest auf meiner Bucketlist. Irgendwann werde ich von Wellingsbüttel nach Kayhude wandern.

Ratsmuehlenteich

Und wenn mich das nächste Mal einer fragt: Alster oder Elbe? Antworte ich: „Eigentlich beide. Die Elbe ist für mich mehr Heimat. Sie ist gewaltig genug für alle meine Stimmungen und Gefühle. Die Alster ist für besondere Tage da. Heitere zum Beispiel. Solche wie jetzt. Aber weißt Du, was ich so gar nicht kenne ist die Bille. Hast Du da vielleicht einen Ausflugstipp für mich?“