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Dieser Tag ein Leben: 24 h am Dieksee

Sonntags in Malente, einem kleinen Kurort gelegen zwischen Kellersee und Dieksee. Es hat sich nichts verändert, seit unserem letzten Besuch vor zwei Jahren. Genau genommen scheint sich seit 50, 60 Jahren nichts zu verändern. Einerseits ist uns das schleierhaft. Andererseits gerade Recht. Malente wirkt ein wenig müde, aus der Zeit gefallen, einen Tick zu leer. Und eben das löst eine bestimmte Unbeschwertheit in uns aus. So als wäre die echte, die ernste Welt weit weg. Alles ist sanft. Selbst der Landregen.

 

11.00 Uhr: Holsteiner Schinken statt Hamburger Brunch

Im Räucherofen vor Petersens Schlachterei in der Bahnhofsstraße räuchert irgendwas extrem Leckeres vor sich hin. Gut, dass wir uns heute das Frühstück geschenkt haben. Jeder Ausflug, der was auf sich hält, beginnt mit einer landestypischen Speise. In Petersens historischer Kate baumeln die berühmten Holsteiner Schinken zu Hunderten unter der Balkendecke.

 

 

Das Brot zum Schinken wird in einem historischen Ofen gebacken; beheizt mit Buchenholz. Seit 100 Jahren stehen die Petersens für Katenrauchspezialitäten und „Eingewecktem nach Oma Ernas Rezepten.“ Alles selbstgemacht, alles aus der Region, versteht sich.

 

Holsteinische Schweiz

Ausblick (leider bei Regen) vom Holzbergturm in Neversfelde

 

12.30 Uhr Die Holsteinische Schweiz: Überblick

 

Vor 10.000 Jahren schoben Gletscher aus Skandinavien tonnenschwere Eismassen in den Osten Schleswig-Holsteins. Die Kräfte des Eises zermalmten Felsbrocken, stapelten Gesteinsbrocken zu hohen Kuppen und gruben tiefe Senken. So entstand die Holsteinische Schweiz, eine hügelige Landschaft mit mehr als 200 Seen; schön wie das Auenland.

 

Holsteinische Schweiz

Das ist er, der Dieksee

 

Kaum sind wir zurück beim Auto, fegt der Wind die Wolken davon. Das ist eine Art kosmisches Gesetz in Norddeutschland. Man sollte es nicht bedauern, sondern sich wie die Einheimischen über die feuchten, smaragdgrünen Weiden freuen…

 

 

…und den Blick vom Seeufer auf den Holzbergturm genießen.

 

Holzbergturm Malente

 

14.00 Uhr Uhr: Einchecken im Fährhaus

Das Fährhaus Niederkleveez liegt direkt am Dieksee; einen Waldspaziergang von Malente entfernt. Die Zimmer sind nicht wirklich der Rede wert. Der Aufpreis für den Seeblick in unserem Fall nur bedingt berechtigt, weil minimal. Aber die Lage ist ein Kracher.

 

 

Im Garten warten Sonnenliegen, Strandkörbe, ein Pavillon für Regen oder Hitze, Bootsstege und sogar ein kleiner Sandstrand. Durch Rosenhecken kann man sich zum Diekseefischer Johannes Schmidt durchschlängeln.

 

 

Das Fährhaus Niederkleveez ist bekannt für wunderbaren Kuchen. (Hat man allerdings ein Schinkenbrot bei Petersen gegessen, geht höchstens ein Kaffee.) Nähert sich ein Ausflugsschiff der weißen Flotte, bleibt genügend Zeit, um die Rechnung zu begleichen und entspannt zum Anleger zu schlendern.

 

15.30 Uhr: Ein echter Klassiker – die 5-Seen-Fahrt

 

 

Dieksee

 

2 Stunden taucht man in die höchst unterschiedlichen Wasserwelten von Dieksee, Langensee, Behlersee, Höftsee und Edebergsee ein. Vom Sonnendeck träumt man sich an jedes Ufer, vor jedes Badehäuschen, auf jede Insel. Wir konkretisieren das demnächst noch mal in aller Ausführlichkeit.

 

Dieksee

 

18.00 Uhr: Vom Suchen und Finden

 

Sommerabende haben ja die Eigenschaft, längst Vergangenes in uns anzuticken. Leichter als ein gutes Abendessen findet man in und um Malente das Gefühl von großen Ferien und andere Kindheitsträume.

 

Holsteinische Schweiz

 

Schon als kleiner Junge interessierte sich Volko für die Sportschule Malente. Er verortete sie irgendwo zwischen Mallorca und Marbella. Erstens aus auditiven Gründen und zweitens schien es logisch, dass die Nationalmannschaft ihr Trainingslager in Spanien absolviert. Der Geist von Malente wirkt bis heute (besonders bei meinem Freund – und ganz besonders auf sein Humorzentrum). Sogar Beckmanns EM-Sendung (und ganz besonders Tim Wiese) findet er (als Einziger auf der Welt) urkomisch. Und dass man durch den Uwe Seeler Park streunern darf… einfach großartig.

 

 

Vom Uwe-Seeler-Park hat man einen tollen Blick auf den zweiten See Malentes; den Kellersee. Dort liegt der Immenhof von Dick & Dalli. Jochens Reiterparadies, das Dodauer Forsthaus, findet sich – nahezu unverändert – nur einige Alleen entfernt.

 

Allee

 

Die große Attraktion im Dodauer Forst ist die Bräutigamseiche. Sie funktioniert in etwa wie Tinder. Bloß nicht so brutal. Seit 1927 senden Beziehungswillige ihre Kontaktgesuche zur Bräutigamseiche. Der Postbote deponiert sie in einem Astloch. Oder man kommt persönlich vorbei. Das Postgeheimnis gilt hier nicht. Jeder darf die Briefe lesen und/oder mitnehmen. Über 100 Ehen hat die Bräutigamseiche schon auf dem Kerbholz. Anschrift: Bräutigamseiche, Dodauer Forst, 23701 Eutin.

 

Dodau

 

21.00 Uhr: Sundowner

 

Abends geht nicht mehr viel rund um den Dieksee. Aber ein Sundowner ist natürlich noch drin. Am besten auf einer Bank am Anleger; da hat man am längsten Sonne. Zum Beispiel im Fährhaus Niederkleveez.

 

Abendsonne

 

06.00 Uhr: Wanderung um den Dieksee

 

Die Sonne geht auf. Und ich um den See. 12, 13 oder 14 km lang ist der Rundweg um den Dieksee (es streiten sich die Quellen).  Aber das ist ja auch nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist das unglaubliche Gepiepse und Geschnatter am Seeufer. Und das Licht, dass sich minütlich ändert. Und das Wiedererkennen – ich kann kaum glauben, was wir gestern alles gesehen und gemacht haben. War das wirklich nur ein Tag?

 

 

Als junges Mädchen entdeckte Astrid Lindgren an der Haustür der Autorin Ellen Key ein Zitat, das sie über Jahre beschäftigte. Es stammt aus der Feder des Schriftstellers Thomas Thorild. Lindgren legte die Worte später auf  Saltkrokan in Melchersons Mund: „Dieser Tag ein Leben. Ja, aber das ist ganz ausgezeichnet.“

Und so ist das am Dieksee auch.

St. Peter-Ording

St. Peter-Ording für Newbies (alle Wetter, Strände, Pfahlbauten)

Als ich letzte Woche für drei Tage mit drei Frauen in St. Peter-Ording war, habe ich mich natürlich weniger auf mögliche Bloginhalte konzentriert als auf die Frauen. Ich glaubte auch nicht, viel Neues mitbringen zu können; denn über SPO haben wir schon mehrmals berichtet. Als Hamburger bildet man sich ja gern ein, die Nordsee läge ums Eck, so dass man regelmäßig hinfährt. Allerdings machen wir das nur bei stabiler Wetterlage. Und das war letzte Woche anders.

Weil der Sommer derzeit etwas ruckelt, hatte ich zuvor das Netz nach Tipps für Regenwetter in SPO befragt. Und war erstaunt, als ich auf Sandras Blog Wortkonfetti einen entsprechenden Beitrag fand.

 

Nordseestrand

07.00 Uhr. SPO Bad. Es ist windstill und warm. Die Frisur sitzt.

 

Nicht, dass es grundsätzlich seltsam wäre, bei Sandra zu landen, wenn man was über die Nordsee wissen möchte. Im Gegenteil; wäre die Bremerin nicht schon mit Mann und Maus versorgt, würde sie die Nordsee vermutlich entweder heiraten oder adoptieren. Aber was mich ein paar Gedankengänge lang verblüffte: Sandras erster Besuch in St. Peter-Ording ist noch gar nicht so lange her. Nach ein, zwei Minuten fiel mir auf, wie unsinnig meine Verblüffung über Sandras frische Freundschaft mit St. Peter-Ording ist.

Es passiert mir immer wieder: Wenn ich etwas gut kenne, denke ich, alle anderen kennen es auch. Das ist natürlich nicht so. Also mal von Anfang an das Wichtigste über St. Peter-Ording für Leute, die noch nie da waren. Als da wären: Wetter, Strände, Pfahlbauten.

 

Was ist Was: St. Peter-Ording

 

St. Peter-Ording liegt in Nordfriesland; genauer auf der Halbinsel Eiderstedt. Hier befinden sich die einzigen Sandstrände der Nordseeküste von Schleswig-Holstein. Und was für welche!

 

Boje

 

Eigentlich sind es Sandbänke, geschaffen von der Nordsee. Wenn Sandbänke so weit über dem mittleren Tidehochwasser liegen, dass sie höchstens noch bei Sturmfluten überspült werden, spricht man von Hochsänden.

Und der Wind bringt neuen Sand und die Sandbänke wachsen zu Stränden und der Wind bringt neuen Sand und erste Pflanzen siedeln sich an und der Wind bringt neuen Sand und die Strände wachsen zu Dünenlandschaften.

 

Duene

 

So ist der Strand von St. Peter-Ording geworden, was er heute ist: 12 km lang und bis zu 2 km breit. Der Ort selbst hat beinahe die gleichen Ausmaße. Und das sieht etwa so aus:

 

 

Bzw in der Kartenansicht so:

 

Karte Eiderstedt

 

Ording, Bad, Dorf, Boehl: An allen Stränden finden sich die typischen Pfahlbauten. Meistens sind es 3: Badeaufsicht, sanitäre Anlagen, Restaurant (ursprünglich Giftbude; plattdeutsch für: dor gift dat watt. Nämlich Schnaps.)

 

Pfahlbauten SPO

 

In der Mitte liegt das Zentrum: St. Peter-Ording Bad

 

Als touristisches Zentrum könnte man St. Peter-Ording Bad sehen. Bad muss früher mal wirklich schön gewesen sein, doch seit den 60ern bekleckern sich die Architekten hier nicht gerade mit Ruhm – und gedenken auch nicht, das zukünftig zu ändern. Wenn man öfter in SPO ist, nimmt man das einfach so hin. Grinst höchstens mal drüber. Aber ich könnte mir vorstellen, dass der erste Eindruck für Ästheten ziemlich schockierend ist.

 

Seebruecke SPO

 

Allerdings ist die Hauptsache an SPO ja der Strand. Und dem Strand kann man Gott sei Dank wenig anhaben. Man erreicht ihn über eine Seebrücke – die gar keine Seebrücke ist sondern ein Steg durch die Salzwiesen.

 

Salzwiesen

 

Der Gesang der Lerchen in den Salzwiesen, das ist so ist ein ganz typisches St. Peter-Ording-Geräusch. Die Salzwiesen werden nicht beweidet und überfluten nur noch sehr, sehr selten. Daher haben sich Amphibien angesiedelt, die normalerweise nichts mit der Nordsee am Hut haben. An ihrem Ende laufen die Wiesen in Dünen aus und gehen in den Strand über.

 

St. Peter-Ording

 

Die Seebrücke ist über 1.000 Meter lang. Hat man die hinter sich gebracht, ist man noch immer weit vom Wasser entfernt. Insofern ist St. Peter-Ording der ideale Urlaubsort für alle, die sich schon lange mal ein bisschen mehr bewegen wollten.

 

Strandgym

 

Schwer zu fassen: trotz der gewaltigen Entfernung ist das Pfahlbauten-Restaurant von Bad, das Restaurant Arche Noah, schneller zu erreichen, als die Restaurants der anderen Strände.

 

 

Mittags in St. Peter-Ording. Das Wetter zeigt sich veränderlich. Und was das gastronmische Angebot und den Service im Arche Noah angeht, sag ich´s mal so: Beschränkt man sich auf ein Getränk im Selbstbedienungsbereich, kann man nicht viel falsch machen.

 

Arche Noah

 

Wenn man was Leckeres essen will, geht man einen Strand weiter (egal in welche Richtung).

Ein guter Aufhänger, um meinen letzten Beitrag zu ergänzen. Ich schrieb vor einigen Tagen, es sei unmöglich, ein Reiseziel zu finden, dass meine kleine Tante (passionierte Köchin) genauso glücklich machen würde wie mich (passionierte Spaziergängerin).  Aber das stimmt gar nicht.

In St. Peter-Ording muss man nämlich grundsätzlich spazierengehen, bevor man etwas zu essen bekommt. Und zwar weit. Klarer Fall von WIN-WIN. Kann schon mal passieren, dass man in Bad bei sommerlichem Klima losstiefelt und Ording im Herbst erreicht.

Ording

54 Grad Nord: Am Horizont die Pfahlbauten von Ording

 

Surfer, Kiter, Groupies: Ording

 

Die Strandbar 54 Grad Nord  am Strand von Ording liegt näher am Wasser als alle anderen Restaurants. Bei Flut sogar im Wasser. Kiter und Surfer treiben sich direkt vor der Nase herum, so dass man da Stunden sitzen könnte. Oder auf Liegen liegen. Die Karte vom 54 Grad Nord unterscheidet sich gar nicht so großartig von der Karte im Arche Noah. Küche und Ambiente aber um Längen. (Ich würde es nicht so absolut schreiben, wenn ich nicht mit drei Küchenfeen unterwegs gewesen wäre, deren Urteil ich mehr traue, als meinem eigenen.)

 

 

Ording hat als einziger Strand noch ein zweites Restaurant: die Silbermöwe. Sie ist die rustikalste (also ursprünglichste) Location unter den Pfahlbauten. Manche erinnern sich vielleicht noch an sie aus der Serie „Gegen den Wind“. Außerdem gibts noch eine kleine Bar im Wassersportcenter X-H2O. Dort ist man ziemlich entspannt – es ist ausdrücklich ok, mit eigenen Getränken zum Chill-Out anzutanzen.

 

Das Keitum von St. Peter-Ording: Ortsteil Dorf

 

Friesenkaten, rosenumrankt, Styler-Shops und schnuckelige Gastro. Im Dorf wirds schicker und schicker, so dass man befürchten muss, es könnte bald etwas Kulissenhaftes bekommen. Noch gehts und sowieso bleibt dies der schönste Ortsteil von St. Peter-Ording.

 

Salzwiesen

Ganz dahinten am Ende der Welt: Axels Strandhuette

 

Quasi als ausgleichende Gerechtigkeit gibt´s im Dorf keinen richtigen Strand. Am Ende der Salzwiesen wartet das Watt. Und Axels Strandhütte. Beides ist ziemlich großartig. Von Bad kann man ganz toll auf Trampelpfaden durch die Salzwiesen laufen. Bei verändlicherlichem Wetter nimmt man vielleicht lieber den Bus, damit man nicht (wie wir) auf halber Strecke von einem Irrsinnsregen überrascht wird.

Axels Strandhütte hat die spannendste Küche von allen Strandrestaurants. Abends allerdings sehr hochpreisig; also eher was für besondere Anlässe. Die Mittagskarte geht auch alltags in Ordnung.

 

Seekiste

 

Das Beste zum Schluss am Strand von Böhl

 

Böhl liegt im Süden; ein bisschen ab vom Schuss und bietet außer dem Leuchtturm nicht viel Charmantes. Aaaaber es gibt einen wunderbaren Strand und das beste Pfahlbauten-Restaurant von allen.

Die Seekiste sieht innen aus wie vor 50 Jahren. Ich vermute, seitdem konzentriert (und perfektioniert) man sich in der Seekiste auf die immer gleichen Klassiker. Vor allem Fisch, Labskaus, Sauerfleisch und (wenn die Fangquoten es zulassen) Krabben. Wenn man nur einen Pfahlbauten-Restaurant-Besuch einplant, dann unbedingt die Seekiste!

 

Sonnenuntergang

 

In St.-Peter Ording sollte man übrigens nicht zu spät essen gehen. Die Seekiste etwa schließt um 22.00 Uhr und ist damit schon eins der Restaurants, das lang geöffnet hat. Sollte man ja nicht glauben im Seebad mit den höchsten Übernachtungszahlen von ganz Schleswig-Holstein. Aber so ist es. Und danach geht fast gar nichts mehr.

Was trinken können Sie jetzt nur noch im „Schnorpicon“, erzählte uns die Taxifahrerin, „oder bei Omi.“

Das ist allerdings was für Insider. Davon ein anderes Mal mehr in St. Peter-Ording für Fortgeschrittene.

 

Wind

Das Katinger Watt, meine Familie und ich

Normalerweise wäre ich nicht um halb sieben in Hamburg aufgebrochen, um bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 80% im Katinger Watt zu spazieren. Aber heute ist nicht normalerweise. Heute ist Familienurlaub angesagt.

Kein Familienurlaub mit kleinen Kindern (wo man als Elternteil schön bestimmen kann, was passiert und was nicht). Sondern der jährliche Kurztrip mit meiner Mutter und ihren beiden Schwestern. Also insgesamt vier äußerst erwachsenen Frauen.

Und daher spaziere ich präventiv. Ich bin extra zwei Stunden vor den anderen angereist. Man kann nämlich nie wissen, ob man überhaupt noch zum Spazieren kommt, wenn die drei Damen erst mal eintrudeln.

Genau wie man nie wissen kann, ob es in Schleswig-Holstein bei einer Regenwahrscheinlichkeit von 80% regnen wird. Besonders wenn ein ordentlicher Wind geht, könnte der Tag genauso gut mit strahlendem Sonnenschein enden. Das Wetter ändert sich im Minutentakt. Was eine hübsche Analogie auf die Atmosphäre in (vielen) Familien ist.

 

Aussichtsturm Katinger Watt

Aussichtsturm Katinger Watt mit Blick auf den Eiderdamm

 

Das Katinger Watt ist in seiner heutigen Form etwa so alt wie ich. Und längst kein Watt mehr sondern trockengelegt und durch den Eiderdamm vor Überflutungen geschützt. Heute wird es zu einem Drittel landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist bewaldet oder wird von Wasser- und Grünlandflächen eingenommen, die vorrangig dem Naturschutz dienen.

 

Eiderpril

 

Und da sieht man mal, dass die Natur viel flexibler ist als der Mensch. Während sich eine Landschaft offensichtlich ändern kann, werde ich in meiner Familie seit Urzeiten auf die Rolle der leicht waldschratigen Person festgenagelt. Alles aufgrund einer unbedachten Äußerung, die ich vor Jahrzehnten getätigt habe.

Damals sagte ich, mir würde es reichen, wenn man sich einmal im Jahr trifft. Was zugegeben nicht besonders nett klingt. Aber ich meinte damit 1.) nur Feste. Und 2.) genieße ich inzwischen vielleicht von allen am meisten, wenn wir zusammen sind. Aber ich kriegs natürlich trotzdem regelmäßig aufs Butterbrot geschmiert. Gern auf plattdeusch. Eenmol in´t Johr, sagen sie dann und Hehehe.

 

Eidersperrwerk

 

Zurück zum Katinger Watt. Seit ich vor etwa eineinhalb Jahren vom Eidersperrwerk aus den schmalen Damm links der Eider gesehen habe, wollte ich unbedingt mal drauf laufen. Ich hab´s bisher nicht hingekriegt. Wie man ja die meisten Dinge nicht hinkriegt, wenn man sie „irgendwann mal“ machen will.

„Irgendwann mal“ never happens, man. Umso toller finde ich, dass wir dieses Jahr zum dritten Mal unsere gemeinsame Reise hinkriegen. Bei 3 Malen kann man schon von Tradition sprechen. Und ich freu mich schon auf die anderen.

Aber erst mal muss ich meine Waldschratigkeit ausleben. Man erreicht den Damm über einen kleinen Stichweg kurz hinter dem Hafen. Von einem Mini-Parkplatz (für ca. 5 Autos) schlängelt sich ein Pfad vorbei an einem See bis zur Eider.

 

Eidersperrwerk

 

Der dazugehörige Parkplatz ist nicht ausgeschildert, aber leicht zu finden: er liegt direkt gegenüber der Zufahrt zum Restaurant Mahre. Es wäre das Einzige, womit man meine kleine Tante (im Gegensatz zur Großen) zu einem Besuch im Katinger Watt überreden könnte. Besonders weil man im Mahre ein Picknick ordern kann. Sowas liebt sie; während sie Spazierengehen hasst. Bei mir liegt die Sache genau anders herum.

Aktualisierung 2019: Das Mahre hat leider seine Pforten für immer geschlossen. Mir bleibt nur die Hoffnung, das irgendwann ein ähnlich gute Gastronomin wie die bisherige etwas Neues an gleicher Stelle wagt. 

 

 

Eigentlich ist es also völlig unmöglich, dass wir auf Reisen etwas finden, das uns gleichermaßen gefällt. Wären wir Freundinnen, kämen wir bestimmt nicht auf die Idee, zusammen wegzufahren. Unsere Interessen sind einfach zu unterschiedlich. Weil wir mehr als Freunde sind, machen wir´s trotzdem; ziemlich oft sogar.

 

Eiderdamm

 

Nicht, dass das immer voll easy wäre und ohne kleinere Situationen abginge. Schließlich ist man mit seiner Familie häufig nicht gerade zimperlich und gleichzeitig extrem zart besaitet. Und man ertappt sich immer mal wieder dabei, in pubertäre Verhaltensweisen abzugleiten. Etwa dass man urplötzlich zornig wird wie eine Fünfzehnjährige. Weil da bestimmte Knöpfe gedrückt oder Sachen gesagt werden, auf die man schon immer allergisch reagiert hat.

 

Blumen am Deich

 

Dennoch – oder gerade deshalb – bin ich gern en famille unterwegs. Unter dem Strich kann man nämlich feststellen, dass das Verständnis füreinander mit den Jahren besser und besser wird. Genau wie das Katinger Watt.

Mehr Infos gibts beim Nabu und bei Watt & Meer.

 

Bergziegen

Kleines Naturwunder für Zwischendurch: Liether Kalkgrube

Über die Liether Kalkgrube stolperte ich virtuell, als ich die Liste der 77 nationalen Geotope auf Wikipedia entdeckte. Man ahnt ja gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Es sei denn, man interessiert sich brennend für Steine. (Was bei mir nicht der Fall ist.)

Schleswig-Holstein ist mit 4 Geo-Heiligtümern auf der Liste vertreten. 3 davon sind echte Promis: die Wattenmeerküste, die Insel Helgoland und das Morsum Kliff auf Sylt. Ich kenne sie gut und schätze sie enorm. Von der Liether Kalkgrube hatte ich hingegen noch nie gehört. Dabei liegt sie mir am nächsten, nämlich in Klein Norderende (wovon ich auch nie gehört hatte) bei Elmshorn.

 

Liether Kalkgrube

 

Somit eignet sich die Liether Kalkgrube bestens für einen kleinen Ausflug zwischendurch. Zwischen zwei Jobs, zwischen zwei Regengüssen oder wenn man sich gerade auf der A23 Richtung Hamburg befindet und eine Staumeldung im Radio verlesen wird. Dann ist es besser, in Tornesch abzuzweigen und die Kalkgrube zu suchen (was ohne Navi nicht ganz leicht aber auch nicht unmöglich ist).

 

Liether Kalkgrube

Gipsgebirge

 

In der Liether Kalkgrube wurde seit den 1920er Jahren (na klar) Kalk abgebaut. Bereits Jahrzehnte zuvor bohrte man hier zur Rohstofferkundung tief: 1.383 Meter um genau zu sein – was in den 1870 Jahren der tiefsten Bohrung der Welt gleichkam.

 

Frosch

 

Seit 1991 steht die Liethter Kalkgrube unter Naturschutz. Wie in vielen Naturschutzgebieten geht es nicht darum, den Original-Zustand der Landschaft wieder herzustellen. Denn dann würden deutsche Naturschutzgebiete beinahe nur aus (Ur)-Wald bestehen.

 

Liether Kalkgrube

 

Es geht vielmehr darum, die Pflanzen und Tiere zu schützen, die sich seit der Nutzung durch den Menschen angesiedelt haben. Einwanderer, die sich nun seit 100 Jahren recht wohlfühlen in der Liether Kalkgrube.

Seit Anfang Juni siedlen die neusten Zugereisten am Nordhang, auch Rote Wand genannt.  Burenziegen sollen das steile Gelände vor Überwucherung schützen (= alles aufessen, was sie finden können).

 

Liethter Kalkgrube

 

Weil ich mich wie gesagt nicht so irre für Steine interessiere, kann ich nicht genau sagen, was das Wahnsinns-Ding an der Liether Kalkgrube ist. Außer dass sie richtig herrlich ist. Man könnte es aber besser wissen, denn da sind jede Menge Info-Tafeln, die alles ganz genau erklären. Und es gibt natürlich auch eine Internetpräsenz. Das Einzige was ich mir geo-mässig gemerkt habe: Diese Findlinge stammen aus Småland.

 

Findlinge

 

Ansonsten habe ich mich auf die Stille konzentriert. Und das Klima. Unten im Kessel war es geradezu heiß; also so ähnlich wie Stuttgart). Auf dem Panorama-Rundweg war es herrlich kühl und duftete nach Wald. Die Eindrücke reichten, um mich eine knappe Stunde vergnügt zu halten.

 

Liether Kalkgrube

 

Die Liether Kalkgrube ist also wirklich was für Zwischendurch. Oder für den Feierabend. Man kann sich und sein Fahrrad sogar vom HVV in die Nähe bringen lassen (bis Tornesch oder Elmshorn).

 

Nordstrand

Für Inselbegabte: Lauter gute Sachen auf Nordstrand

Im letzten Beitrag über Nordstrand schrieb ich, auf der Insel sei ganz und gar nichts los. Und wer hier öfter mitliest weiß wohl, dass ich kaum ein größeres Kompliment zu vergeben habe. Neue Leser wissen das natürlich nicht. Deswegen weise ich heute noch mal ausdrücklich auf die Dinge hin, die mich auf Nordstrand nachdrücklich beeindruckten. Über allem steht dabei: Je klarer und unverfälschter ein Ort, desto mehr Raum läßt er den eigenen Gedanken. Diesbezüglich ist Nordstrand ist ganz weit vorn. Beziehungsweise oben.

 

Oben Nordstrand

Auf Nordstrand finden sich selbst Orientierungslose zurecht

 

Klarer gehts nicht. Die Inselorte auf Nordstrand heißen Norden, Süden, Westen und Oben. Und England.

 

England Nordstrand

Quite nice: In England gibts ein Hundehotel

 

Mein erklärter Lieblingsplatz ist das Holmer Siel. Logisch. Denn es liegt im Norden von Nordstrand. Und den Norden mag ich immer am liebsten. Besonders das Licht.

 

Holmer Siel

 

Über das Holmer Siel  werden 32.500 ha Binnenland entwässert. Werden die Speicherbecken bei Niedrigwasser entleert, zischt und brodelt es wie verrückt. Könnte ich stundenlang drauf starren.

 

Holmer Siel

 

Bei bestimmtem Licht und gewisser Phantasie werden die Schaumkronen zu Eisschollen und das Holmer Siel zu einem entlegenem ostasiatischen Hafen.

 

Holmer Siel

 

Hinterrücks ist es lieblicher. (Sonnen)-baden kann man am Holmer Siel nämlich auch. Jedenfalls bei Flut. Und natürlich Radfahren.

 

Badestelle Holmer Siel

 

Nordstrand ist wie gemacht für´s Radfahren. Keine Erhebungen und viel Meerblick. Eine supergute Rundtour ist die Beltringharder Route. Sie umrundet das größte Naturschutzgebiet Schleswig-Holsteins und passt zum Land zwischen den Meeren wie das Fischbrötchen auf die Faust.

 

Holmer Siel

 

Links Nordsee, rechts Lagune – so geht es über Kilometer. Das ist nicht nur wunderschön sondern auch praktisch. Pfeift der Wind an der Nordseee zu heftig, wechselt man einfach auf die sanfte Laguneseite.

 

Beltringharder Koog

 

Die Rundtour ist 24 km lang und gut ausgeschildert. Wem die Strecke nicht reicht, dehnt sie bis zur Hamburger Hallig aus.

Nordstrand ist die einzige Insel der Welt, die alle fünf Möglichkeiten bietet, eine Hallig zu erreichen.

Neben der Radtour auf die Hamburger Hallig wären da noch die Lorenbahn nach Nordstrandischmoor

 

Nordstrandischmoor

Nordstrandischmoor: 18 Einwohner und eine Zwergschule

 

Schiffsreisen, z.B. nach Hallig Hooge

 

Hallig Hooge

Bis zu 5 Mal pro Jahr heisst es auf Hallig Hooge: Landunter

 

Kutschfahrten nach Südfall und natürlich Wattwanderungen (aber nur geführte!).

 

Hallig Suedfall

Far, far away leben zwei Menschen auf der winzigen Hallig Suedfall

 

Die Pferdekutschen brauchen von Fuhlehörn auf Nordstrand bis zur Hallig Südfall etwa eine Stunde; die Wattwanderer knapp 2. Wer auf dem Weg genau hinhört, vernimmt bei ruhigem Wetter die Kirchenglocken der untergangenen Stadt Rungholt.

 

 

Rungholt lag auf der Insel Strand, die im Jahr 1632 durch die Zweiten Marcellusflut zerstört wurde. Übrig blieben lediglich Pellworm, Nordstrandischmoor und Nordstrand. (Das ist nicht ganz richtig. In den Kommentaren klärt eine echte Insulanerin die Zeiten und Fluten!)

Da es den wenigen Überlebenden nicht gelang, die verlorenen Gebiete wieder einzudeichen, lockte Friedrich der III, Herzog von Gottorf, Ausländer mit zahlreichen Privilegien ins Land; u.a. dem Recht eine Kirche zu bauen. Und so errichteten Niederländische Katholiken den Theresiendom, die niedlichste aller Kirchen.

 

Theresiendom

 

Der Pfarrer sitzt gern im Strandkorb vom Theresiendom und löst Kreuzworträtsel. Genauso gern zeigt er aber auch seine Kirche. Leider habe ich kein Foto vom entzückenden Altar: Also hin und selber ein Bild machen.

Witzig: 1979 diente der Theresiendom als Kulisse für den Film „Der Pfarrer von St. Pauli“ mit Curd Jürgens. Genau wie das Strandcafé Halligblick.

 

Restaurant Halligblick

 

So will man an der Nordsee zu Abend essen: Im Strandkorb mit Blick aufs Meer gibts lecker Fisch & Bratkartoffeln und eisgekühlten „Bommelunder“ (wie die Bedienung sagte).

Wobei das mit dem Meerblick zur Zeit so eine Sache ist. In Norderhafen entsteht gerade der sicherste Deich von allen. Er ist an düstere Klimaprognosen angepasst und wird dementsprechend breit. Das prädestiniert ihn zur Flaniermeile.

Wenn Ende des Jahres alles fertig ist, lockt der Deich mit verglasten (also windgeschützten) Verweilzonen, Spielplätzen und Beleuchtung. Im Moment ist die Nordsee aber noch auf Kilometer abgesperrt.

 

Norderhafen

 

Mein Tipp: Trotzdem hinfahren. Bald. Ich hab auf Nordstrand dauernd an Volkos Lieblingszitat aus dem Film Blow up denken müssen:

What about all the buildings going up around the place? Already there are queers and poodles in the area. I saw some in the couple of minutes I was there. It’ll go like a bomb.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Insel ganz kurz vorm Boom steht. Also schnell los, bevor alle anderen da sind.

 

Für weitere Überzeugungsarbeit hier noch ein paar Links zu den üblichen Verdächtigen unter den Nordfriesland-LiebhaberInnen:

Nordstrand mit Hund: Elke und Julchen vom Meerblog schwärmen über das Hundeparadies.

Inselglück for a day gibt´s bei Ralph und Claudia von MeerArt.

Und für nicht ganz so Spontane erzählt Ulrike von Watt & Meer vom  Winter auf Nordstrand. (Bei Ihr könnt Ihr übrigens auch eine frischrenovierte Ferienwohnung auf der Insel mieten).

Festung Wilhelmstein

Dadrauf muss man erst mal kommen: Der Wilhelmstein im Steinhuder Meer

Eine Zwergenbastion für einen Kleinststaat inmitten eines Mini-Meeres: Das ist der Wihelmstein, die künstliche Festungsinsel im Steinhuder Meer und erklärtes Lieblingsausflugsziel für Leute, die nicht gern stundenlang spazieren gehen. Denn der Wilhelmstein misst nur 100 mal 100 Meter. Weiterlesen

Pellworm

Precious Little Diamond: Pellworm

Pellworm ist der meist unterschätzte Ort Schleswig-Holsteins (wenn nicht der Welt) zumindest aber der Nordfriesischen Inseln. Wenigstens in meiner Wahrnehmung ist es so: Alle waren schon mal auf Sylt. Wer noch nicht auf Amrum war, will  irgendwann hin. Und Föhr holt seit einigen Jahren gewaltig auf. Aber Pellworm? Pellworm vergisst man ja schon beim Aufzählen der Nordfriesischen Inseln. Ach ja, und Pellworm, schiebt man dann nach. Geschweige denn, dass man je auf der Insel gewesen wäre. Weiterlesen

Nordstrand

Zeit für ganz und gar nichts: Nordstrand

„Was willst Du DA denn?“, wurde meine Freundin Merle gefragt, als sie erzählte, sie würde mit mir übers Wochenende nach Nordstrand fahren. „Da ist ja GAR NICHTS los!“ Und was soll ich sagen; die Person hatte vollkommen Recht.

Vergangenen Freitag brach ich voller Erwartungen und gleichzeitig extra entspannt in Hamburg Richtung Nordstrand auf. Merle würde erst am Abend anreisen. Vor mir lag also ein Tag, an dem ich nur tun musste, was mir gerade in den Sinn kam.

Ich begann mit einem Zwischenstopp auf der Hochbrücke, die bei Hohenhörn den Nord-Ostsee-Kanal überspannt. Etwas, was ich schon ewig hatte tun wollen. Denn ich hab was übrig für Grenzgebiete. Und den Nord-Ostsee-Kanal kann man ja als die Grenze nach Garnichts bezeichnen.

 

Nord-Ostsee-Kanal

 

Auf dem kleinen Weg, der sich vom Parkplatz zu einem Aussichtspunkt unter dem Brückpfeiler schlängelt, erwischte mich eins der besten Gefühle: mit einem Kapuzenpulli war ich zu warm angezogen. Dabei war es noch nicht einmal 10. So was nennt man perfektes Nordseewetter.

In entsprechender Stimmung fuhr ich weiter. Nein, tuckerte ich weiter. Denn auf der Strecke von Hamburg nach Nordfriesland wird seit einigen Jahren auf verschiedenen Baustellen mit maximal 3 Bauarbeitern gearbeitet, so dass der Verkehr über weite Teile gedrosselt verläuft. Hat man erst einmal Husum erreicht, ist jeder Gedanke an Schnelligkeit nur noch irreale Erinnerung.

 

Deich

 

Direkt vor Husum liegt die Halbinsel Nordstrand. In Schleswig-Holstein nennt sich jede Ecke, die weiter als 50 cm ins Meer ragt, Halbinsel – aber Nordstrand ist wirklich eine, also fast vollständig von Wasser umgeben. Man erreicht sie über einen knapp 5 km langen Damm durch die Nordsee.

Nordstrand ist eine Marschinsel. D.h. sie liegt etwa in Höhe des Meeresspiegels und besitzt keine natürlichen Erhebungen. Man muss sich das vorstellen wie eine riesengroße Wiese durchzogen von Deichen und Gräben.

Um unsere Ferienwohnung in Norderhafen zu erreichen, durchquerte ich Nordstrand in Gänze. Abgesehen von „Zimmer frei“-Schildern an Privathäusern entdeckte ich keinerlei Hinweis auf touristische Einrichtungen.

 

Norderhafen

 

Norderhafen selbst ist eine kleinere Ansammlung von 60er-Jahre-Gebäuden. Es wirkt, als hätte man damals auf größere Touristenmengen gesetzt, die aber nie eintrafen.

Beim Blick vom Balkon stellte ich fest: Hier ist gar nichts los. Dabei liegt nur 1 km entfernt der Hafen von Strucklahnungshörn (laut Wikipedia ein Spot mit wichtiger touristischer Bedeutung).

 

Strucklahnungshörn

 

Tatsächlich gibt es in Strucklahnungshörn einen Fischbrötchenstand (der einzige, den ich auf Nordstrand entdeckt habe. Mag sein, es liegt an der Vorsaison.) Die Dame vom Fischbrötchenstand jedenfalls gab Wikipedia Recht. Für sie sei es daneben aber auch noch der schönste Platz der Insel. Sie käme sogar in der Freizeit oft an den Hafen. Vor allem am Abend.

 

Fischbrötchen

 

Außer dem Fischbrötchenstand gibt es in Strucklahnungshörn noch ein leerstehendes Gasthaus und ein Kassenhäuschen mit offenem Unterstand für wartende Passagiere. Ich geriet selbst ein bisschen aus dem Häuschen, weil mir das alles so unverfälscht vorkam. Geradezu unschuldig.

 

Op de Diek Nordstrand

 

Eine Ecke weiter befindet sich der wichtigste Strand von Nordstrand: Fuhlehörn. Wie bei allen Badestellen auf Nordstrand handelt es sich um einen Grünstrand. Bei Fuhlehörn ist er aber teilweise mit Sand aufgeschüttet. Ab 15.06. öffnet am Parkplatz ein Kiosk, las ich auf einem Zettel, der neben der Socke angebracht ist, in die man freundlicherweise die Strandkorbgebühr legen soll.

 

Fuhlehörn

 

Ich schlenderte ein wenig ins Watt hinaus. An der Wasserkante hatte die Nordsee etwa 25 Grad. Und ich glaube, das war der Moment in dem ich aufhörte in komplizierten Sätzen zu denken.

 

Watt

 

Als ich hungrig wurde, fuhr ich zum Süderhafen, um im Watt´n Grill einen Burger zu speisen (der lecker war). Im Hafenbecken wurde gebadet. Keine Ahnung, ob es offiziell erlaubt ist.

 

Süderhafen Nordstrand

 

Inzwischen war ich ausreichend auf Inseltempo heruntergefahren, um einen sehr langsamen Deichspaziergang anzutreten. Ich entschied mich aus keinem besonderen Grund für die Badestelle am Holmer Siel.

 

Nordstrandischmoor

 

Zur Seeseite blickte ich auf die Hallig Nordstrandischmoor. Landeinwärts sah ich die Lagune des Beltringharder Kooges.

 

Beltringharder Koog

 

Wie überall auf Nordstrand sind auch die Strandkörbe am Holmer Siel eingezäunt, um sie vor Schafen zu schützen. Oder vielleicht ist es auch anders herum. Die Schafe werden vor den Menschen geschützt.

 

Deichwiesen

 

Jedenfalls geben sich die Schafe auf Nordstrand angemessen selbstbewusst. Sie zeigen wenig Scheu und eigentlich ist es viel besser, die eingezäunten Bereiche hinter sich zu lassen und sich mitten zwischen die Schafe zu setzen.

 

Schafe

 

Schafe sind Nordstrandurlaubern gar nicht so unähnlich. Beide Spezies sitzen unheimlich gern auf dem Deich und machen gar nichts.

 

Schafe auf Deich

 

(Wobei Schafe die professionelleren Deich-Sitter sind. Man kann sich eine Menge von ihnen abgucken, was Entspannung betrifft.)

 

Deichsitting

 

Ich übte mich im Deichsitting und hörte diese Vögel singen, die man nur in Meeresnähe hört (ich wette, es liest jemand mit, der weiß welche ich meine) und ansonsten: GAR NICHTS.

 

Boote

 

Als es an der Zeit war, besuchte ich eines der insgesamt 2 Lebensmittelgeschäfte von Nordstrand. Und zwar das neben dem kleinen Theresiendom.

 

Theresiendom

 

Über dem reetgedeckten Gemeindehaus flatterte eine Flagge mit der Aufschrift: Eine Insel für die Seele.  Und so ist das, dachte ich, als ich wenig später nach Husum fuhr, um Merle vom Bahnhof abzuholen.

 

Husum

 

Und es war zu seltsam: Noch am Morgen hatte ich Husum als liebenswert verschlafen wahrgenommen.  Nach nur einigen Stunden auf Nordstrand kam es mir nun so vor, als wäre in Husum viel zu viel los. Ich atmete richtig auf, als wir mit einsetzender Dämmerung zurück auf Nordstrand waren.

 

Nordstrand Oben

 

Dem Rat der Fischbrötchendame folgend, setzten wir uns mit einer Flasche Wein an den Hafen von Stucklahnungshörn, wo GAR NICHTS los war. Und das war perfekt. Denn nichts hatte mir in der letzten Zeit so gefehlt wie GAR NICHTS. Und der Sommer. Aber der war ja auch da.

 

Sonnenuntergang

 

PS.: Dass auf Nordstrand gar nichts los ist, heißt nicht, dass man nicht jede Menge unternehmen könnte. Darüber gibts demnächst noch mal einen ausführlichen Beitrag mit ordentlich Tipps. Heute wollte ich bloß schon mal alle abschrecken, die nichts mit gar nichts anfangen könnnen. Ich weiß auch nicht … Nordstrand ist irgendwie so liebenswert, dass man der Insel nur Gäste wünscht, die das auch erkennen können.

 

Vanilla Manchester

Immer der Musik nach: Manchester

Der Rochdale Canal Tow Path ist ein Spazierweg im Souterrain von Manchester. Er führt unter Straßen, Gebäuden und uralten Brücken hindurch, windet sich um schummrige Ecken, passiert frisch gentrifizierte Luxusappartements und Bars, Bars, Bars, Bars, Clubs, Clubs und Bars. Nachts ist hier die Hölle los. Morgens braucht man keine Menschenseele zu erwarten. Höchstens vielleicht Jack the Ripper.

 

Rochdale Canal Tow Path

 

Ein gutes Jahrzehnt schlug am Rochdale Canal das musikalische Herz dieser ohnehin hochmusikalischen Stadt; der legendäre (inzwischen abgerissene) Club The Hacienda. Finanziert wurde er von einer Band, die bereits in den 1970er Jahren unter dem Namen Joy Divison den Ruf Manchesters als Musikmetropole maßgeblich beeinflusste. Nach dem Tod des Frontmannes Ian Curtis benannten sich die verbliebenen Bandmitglieder aus Respekt vor ihm in New Order um. 1982 eröffnet, entwickelte sich die Hacienda schnell zum Epi-Zentrum der Rave-Bewegung, die als Madchester die britische Musiklandschaft beherrschte.

 

 

Anfang der 1990er Jahre hatte der Madchester-Sound seinen kreativen Zenit überschritten. Etwa zur selben Zeit feuerte die Rockband Rain ihren Sänger und ersetzte ihn mit einem bisher eher erfolglosen Schulabbrecher und Gelegenheitsarbeiter. Liam Gallagher kam mit seinem älteren Bruder Noel im Schlepptau unter der Voraussetzung, die Band in Oasis umzubenennen. Und ich sag´s mal so: Wer musikalisch irgendwann zwischen Post-Punk und Britpop sozialisiert wurde, ist in Manchester absolut nicht falsch aufgehoben.

 

Rain Bar Manchester

 

Auch wer zuhause nicht (mehr) besonders viel ausgeht, wird in Manchester kaum drum rumkommen.  DJs gehören in den Bars und Restaurants zur festen Einrichtung. Aufgelegt wird kein Hintergrundgedudel sondern laut. Was unter die Beats gemixt wird, richtet sich nach dem Alter der Gäste. Im wunderbaren Caffé Grande Piccolino etwa Sachen aus den Achtzigern.

 

 

Wer beim Essen keine laute Musik mag, kommt zum Lunch oder Tea. Es lohnt sich wirklich: Wie viele Restaurants und Bars ist auch das Piccolino in einer Traumlocataion untergebracht. Viktorianisch-gotische Paläste ehemaliger Banken und Versicherungen aus der Zeit als Manchester noch das wichtigste industrielle Zentrum der Welt war.

 

John Rylands Library

Keine Bar sondern das beste Beispiel viktorianischer Gotik: die John Rylands Library

 

Wenn es dunkel wird, wacht Manchester erst so richtig auf. Es gibt unheimlich viel live Musik und man hat den Eindruck, die ganze Stadt sei auf dem Weg zum Tanzen. Mancs (kurz für Mancunians = Einwohner von Manchester) legen übrigens Wert auf ihre Garderobe. Sie sind extrem gut angezogen oder extrem unglaublich. Aber selten unauffällig.

 

unscharf

 

Am lebhaftesten ist es im Gay Village, wo man sich als St. Paulianer leicht provinziell vorkommen kann. Die schwule Community Manchesters existiert bereits seit den 1940er Jahren (damals noch illegal). Heute gilt die Canal Street mit ihren Showbühnen, Männerclubs, Frauenclubs, Transclubs, Normaloclubs als Englands bekanntestes Amüsierviertel nach Soho.

 

Gay Village Manchester

 

Die Canal Street liegt übrigens am Rochdale Canal, etwa dort, wo dieser Beitrag begann. Und wer nun so gar nichts fürs Nachtleben übrig hat und es lieber etwas stiller mag, folgt einfach dem Rochdale Canal Tow Path. Er führt durch die ganze Stadt, zu ihren Toren hinaus, 36 Meilen bis aufs platte Land bei Sowerby.