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Zeit für ganz und gar nichts: Nordstrand

Nordstrand

„Was willst Du DA denn?“, wurde meine Freundin Merle gefragt, als sie erzählte, sie würde mit mir übers Wochenende nach Nordstrand fahren. „Da ist ja GAR NICHTS los!“ Und was soll ich sagen; die Person hatte vollkommen Recht.

Vergangenen Freitag brach ich voller Erwartungen und gleichzeitig extra entspannt in Hamburg Richtung Nordstrand auf. Merle würde erst am Abend anreisen. Vor mir lag also ein Tag, an dem ich nur tun musste, was mir gerade in den Sinn kam.

Ich begann mit einem Zwischenstopp auf der Hochbrücke, die bei Hohenhörn den Nord-Ostsee-Kanal überspannt. Etwas, was ich schon ewig hatte tun wollen. Denn ich hab was übrig für Grenzgebiete. Und den Nord-Ostsee-Kanal kann man ja als die Grenze nach Garnichts bezeichnen.

 

Nord-Ostsee-Kanal

 

Auf dem kleinen Weg, der sich vom Parkplatz zu einem Aussichtspunkt unter dem Brückpfeiler schlängelt, erwischte mich eins der besten Gefühle: mit einem Kapuzenpulli war ich zu warm angezogen. Dabei war es noch nicht einmal 10. So was nennt man perfektes Nordseewetter.

In entsprechender Stimmung fuhr ich weiter. Nein, tuckerte ich weiter. Denn auf der Strecke von Hamburg nach Nordfriesland wird seit einigen Jahren auf verschiedenen Baustellen mit maximal 3 Bauarbeitern gearbeitet, so dass der Verkehr über weite Teile gedrosselt verläuft. Hat man erst einmal Husum erreicht, ist jeder Gedanke an Schnelligkeit nur noch irreale Erinnerung.

 

Deich

 

Direkt vor Husum liegt die Halbinsel Nordstrand. In Schleswig-Holstein nennt sich jede Ecke, die weiter als 50 cm ins Meer ragt, Halbinsel – aber Nordstrand ist wirklich eine, also fast vollständig von Wasser umgeben. Man erreicht sie über einen knapp 5 km langen Damm durch die Nordsee.

Nordstrand ist eine Marschinsel. D.h. sie liegt etwa in Höhe des Meeresspiegels und besitzt keine natürlichen Erhebungen. Man muss sich das vorstellen wie eine riesengroße Wiese durchzogen von Deichen und Gräben.

Um unsere Ferienwohnung in Norderhafen zu erreichen, durchquerte ich Nordstrand in Gänze. Abgesehen von „Zimmer frei“-Schildern an Privathäusern entdeckte ich keinerlei Hinweis auf touristische Einrichtungen.

 

Norderhafen

 

Norderhafen selbst ist eine kleinere Ansammlung von 60er-Jahre-Gebäuden. Es wirkt, als hätte man damals auf größere Touristenmengen gesetzt, die aber nie eintrafen.

Beim Blick vom Balkon stellte ich fest: Hier ist gar nichts los. Dabei liegt nur 1 km entfernt der Hafen von Strucklahnungshörn (laut Wikipedia ein Spot mit wichtiger touristischer Bedeutung).

 

Strucklahnungshörn

 

Tatsächlich gibt es in Strucklahnungshörn einen Fischbrötchenstand (der einzige, den ich auf Nordstrand entdeckt habe. Mag sein, es liegt an der Vorsaison.) Die Dame vom Fischbrötchenstand jedenfalls gab Wikipedia Recht. Für sie sei es daneben aber auch noch der schönste Platz der Insel. Sie käme sogar in der Freizeit oft an den Hafen. Vor allem am Abend.

 

Fischbrötchen

 

Außer dem Fischbrötchenstand gibt es in Strucklahnungshörn noch ein leerstehendes Gasthaus und ein Kassenhäuschen mit offenem Unterstand für wartende Passagiere. Ich geriet selbst ein bisschen aus dem Häuschen, weil mir das alles so unverfälscht vorkam. Geradezu unschuldig.

 

Op de Diek Nordstrand

 

Eine Ecke weiter befindet sich der wichtigste Strand von Nordstrand: Fuhlehörn. Wie bei allen Badestellen auf Nordstrand handelt es sich um einen Grünstrand. Bei Fuhlehörn ist er aber teilweise mit Sand aufgeschüttet. Ab 15.06. öffnet am Parkplatz ein Kiosk, las ich auf einem Zettel, der neben der Socke angebracht ist, in die man freundlicherweise die Strandkorbgebühr legen soll.

 

Fuhlehörn

 

Ich schlenderte ein wenig ins Watt hinaus. An der Wasserkante hatte die Nordsee etwa 25 Grad. Und ich glaube, das war der Moment in dem ich aufhörte in komplizierten Sätzen zu denken.

 

Watt

 

Als ich hungrig wurde, fuhr ich zum Süderhafen, um im Watt´n Grill einen Burger zu speisen (der lecker war). Im Hafenbecken wurde gebadet. Keine Ahnung, ob es offiziell erlaubt ist.

 

Süderhafen Nordstrand

 

Inzwischen war ich ausreichend auf Inseltempo heruntergefahren, um einen sehr langsamen Deichspaziergang anzutreten. Ich entschied mich aus keinem besonderen Grund für die Badestelle am Holmer Siel.

 

Nordstrandischmoor

 

Zur Seeseite blickte ich auf die Hallig Nordstrandischmoor. Landeinwärts sah ich die Lagune des Beltringharder Kooges.

 

Beltringharder Koog

 

Wie überall auf Nordstrand sind auch die Strandkörbe am Holmer Siel eingezäunt, um sie vor Schafen zu schützen. Oder vielleicht ist es auch anders herum. Die Schafe werden vor den Menschen geschützt.

 

Deichwiesen

 

Jedenfalls geben sich die Schafe auf Nordstrand angemessen selbstbewusst. Sie zeigen wenig Scheu und eigentlich ist es viel besser, die eingezäunten Bereiche hinter sich zu lassen und sich mitten zwischen die Schafe zu setzen.

 

Schafe

 

Schafe sind Nordstrandurlaubern gar nicht so unähnlich. Beide Spezies sitzen unheimlich gern auf dem Deich und machen gar nichts.

 

Schafe auf Deich

 

(Wobei Schafe die professionelleren Deich-Sitter sind. Man kann sich eine Menge von ihnen abgucken, was Entspannung betrifft.)

 

Deichsitting

 

Ich übte mich im Deichsitting und hörte diese Vögel singen, die man nur in Meeresnähe hört (ich wette, es liest jemand mit, der weiß welche ich meine) und ansonsten: GAR NICHTS.

 

Boote

 

Als es an der Zeit war, besuchte ich eines der insgesamt 2 Lebensmittelgeschäfte von Nordstrand. Und zwar das neben dem kleinen Theresiendom.

 

Theresiendom

 

Über dem reetgedeckten Gemeindehaus flatterte eine Flagge mit der Aufschrift: Eine Insel für die Seele.  Und so ist das, dachte ich, als ich wenig später nach Husum fuhr, um Merle vom Bahnhof abzuholen.

 

Husum

 

Und es war zu seltsam: Noch am Morgen hatte ich Husum als liebenswert verschlafen wahrgenommen.  Nach nur einigen Stunden auf Nordstrand kam es mir nun so vor, als wäre in Husum viel zu viel los. Ich atmete richtig auf, als wir mit einsetzender Dämmerung zurück auf Nordstrand waren.

 

Nordstrand Oben

 

Dem Rat der Fischbrötchendame folgend, setzten wir uns mit einer Flasche Wein an den Hafen von Stucklahnungshörn, wo GAR NICHTS los war. Und das war perfekt. Denn nichts hatte mir in der letzten Zeit so gefehlt wie GAR NICHTS. Und der Sommer. Aber der war ja auch da.

 

Sonnenuntergang

 

PS.: Dass auf Nordstrand gar nichts los ist, heißt nicht, dass man nicht jede Menge unternehmen könnte. Darüber gibts demnächst noch mal einen ausführlichen Beitrag mit ordentlich Tipps. Heute wollte ich bloß schon mal alle abschrecken, die nichts mit gar nichts anfangen könnnen. Ich weiß auch nicht … Nordstrand ist irgendwie so liebenswert, dass man der Insel nur Gäste wünscht, die das auch erkennen können.

 

41 Kommentare

  1. Juliane Jantosch sagt

    Oh wie toll, ich will unbedingt hin und sogar mit dem Hund. Der wird genausoviel Spaß haben wie wir.

    • Absolut; die Norderstrander scheinen mir ober-hundefreundlich. Gibt sogar ein Hotel, dass sich auf Hunde + Herrchen spezialisiert hat. Ich verlinke beim nächsten Mal einen Blogbeitrag darüber.

      • Ines sagt

        Ich kann Nordstrand nur empfehlen. Wir waren mit unserem Hund (Bernersennen / Labrador) schon in diesem Hotel und kann es nur empfehlen. Neuderdings gibt es sogar Hundeeis.

  2. Wunderschöööööööööööööön….und ich weiß genau welche Vögel Du meinst 😉 Manchmal ist GAR NICHTS auch ALLES. Alles, was man braucht <3 Wunderschöne Artikel und wunderschöne Bilder. <3

  3. Das muss man auch erst aushalten können. 🙂

    Wobei das ja allen Zweifeln den Boden unter den Füßen wegzieht: „An der Wasserkante hatte die Nordsee etwa 25 Grad. Und ich glaube, das war der Moment in dem ich aufhörte in komplizierten Sätzen zu denken.“ Schön!

    • Ist toll geworden, Ulrike! Ich hätte natürlich im zweiten Beitrag ohnehin noch auf Dich verwiesen. Umso besser dass Du gleich das Ergebnis zeigst. Dann kanns ja losgehen mit der Touristenschwemme 🙂

      • Das finde ich jetzt aber ober-nett, dass Du noch auf mich verweisen wolltest. Und auf Deinen zweiten Nordstrandbeitrag freue ich mich auch schon! Ganz liebe Grüße nochmal. Ulrike

  4. Eigentlich schade, dass man immer nur einmal auf „gefällt mir“ klicken kann. Ein toller Bericht, liebe Stefanie. Du sprichst mir so oft aus der Seele..

    Liebe Grüße, Martina

  5. Hi Stefanie,

    manchmal muss man sich selbst zu dem GAR NICHTS TUN zwingen. Ich finde, hier können die entspannten Schafe auf dem Deich gute Vorbilder sein. Und eine Insel wie Nordstrand kann auch helfen und das Watt beruhigt auch irgendwie.
    Ich bin so ein Mensch, der eigentlich immer etwas tun MUSS. Und selbst im Urlaub suche ich mir eher einen Spaziergang an der rausenden und tosenden Westseite von Sylt aus, als eine Pause am Watt. Da könnte Nordstrand zur Abwechslung schon ganz nützlich sein…
    Sonnige Grüße aus Hamburg, Marianne
    alleinereisenjetzt.wordpress.com

    • Ach ehrlich, Marianne? Dabei klangen speziell Deine Wüstenberichte so irre ruhig. Ich brauch schon auch einen langen Spaziergang, um ganz ruhig zu werden… gerade darum genieße ich das Gefühl umso mehr, wenn sich der Moment einstellt, in dem die Gedanken irgendwie stehenbleiben. Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Stefanie

  6. Hach, vor lauter Entspannung komme ich gar nicht mehr zum „gefällt mir“-Button hin. Noch ein bisschen mehr zurück in den Alltag – so, jetzt

  7. Tom sagt

    Liebe Stefanie, Danke & Grüße aus Berlin! von einem der weiß „welche Vögel man hört“, das Gefühl kennt, wenn „man aufhört in komplizierten Sätzen zu denken“ und der (Achtung!) Husum als „hektisch“ empfinden kann… es ist so wunderbar, sonntags bei Dir/ Euch vorbei zu surfen… Thomas

    • Viele Grüße zurück, Tom – ich komme auch gerade aus Berlin zurück und bin schon wieder in dem Modus, in dem ich mir auch nicht mehr vorstellen kann, Husum je hektisch gefunden zu haben. Man muss einfach öfter nach Nordstrand. Danke fürs Surfen und liebe Grüße, Stefanie

  8. Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe mir daher erlaubt deinen Bericht zu teilen.

    Vielen Dank und viele Grüße von Nordstrand*

    Falk Petersen

  9. Ulf Kloevekorn sagt

    Moin! Ich bin auf Nordstrand aufgewachsen und möchte mich ganz herzlich für diesen tollen Beitrag bedanken! Endlich mal jemand der es erkennt und auch darüber schreibt.

    Ich bin auf Nordstrand direkt am Deich auf einem alten Bauernhof aufgewachsen. Wie fast jeder Haushalt auf Nordstrand, haben auch wir Ferienwohnungen zu vermieten. Ein Pärchen aus Frankfurt ist mir da in Erinnerung geblieben, weil Sie eben andere Erwartungen hatten und offenbar keine Ruhe finden wollten. Am zweiten Tag reisten Sie frühzeitig ab, weil Ihnen der Lärm der Frankfurter Innenstadt fehlte. Es war Ihnen einfach zu ruhig. 🙂

    Ich wohne zwar nicht mehr auf Nordstrand, aber eben diese Ruhe und meine Familie führen mich immer noch regelmässig in die Trendermarsch auf Nordstrand.

    • Lieber Ulf, das ehrt mich sehr von einem echten Nordstrander Jung. Danke Dir. Die Frankfurter können einem ja ein bisschen leid tun. Man fragt sich nur, wieso sie dann überhaupt kamen?! Sei´s drum – haben die Leute mehr Ruhe, die Stille lieben. Ganz liebe Grüße und vielen Dank für Deinen Kommentar. Stefanie

  10. Bianca sagt

    Was für ein schöner Bericht über diese wunderschöne Halbinsel-wir fahren nunmehr seit 15 Jahren fast jährlich dorthin-immer nach Fuhlehörn-genießen dort das Nichtstun -die Kids spielen im Watt-und wir dösen völlig unbeschwert vor uns hin-dann gibts meistens noch ne Rutsche Pommes oder ein Eis und auf dem Rückweg kehren wir meist noch in der Nordstrander Töpferei ein, um den Hausstand (seit 15 Jahren wird gesammelt) aufzufüllen!!!!
    Ein toller Ort-Dein Bericht trifft es total-Danke für diesen schönen Beitrag!!!!

    • Lieber Bianca, ich freue mich immer besonders, wenn jemand der sich auskennt, einen Beitrag von uns mag. Dann hat man das Gefühl, dass man das richtige Gefühl für den Ort entwickelt hat. Vielen Dank also für Deinen Kommentar. Die Töpfereikunst auf Nordstrand habe ich leider nicht so aufs Korn genommen – muss ich also noch mal hin. Liebe Grüße, Stefanie

  11. Pingback: Precious Little Diamond: Pellworm -

  12. Hallo Stefanie,
    ich finde deinen Beitrag super toll. Ich komme selber von Nordstrand und vermiete auch. Jeder Gast der bei uns kommt sagt genau das gleiche wie du. Schade das echt zu wenig Läute diese erkennen, dass man bei uns richtig entspannen kann.
    Bei uns kann sich das Herz erholen und die Seele baumeln lassen 😉

    MfG
    Patrick

    • Vielen Dank, Patrick. Für mich persönlich fand ich es ja gar nicht so schade, dass die Insel überlaufen ist. Als Urlauber macht gerade die Entspanntheit den Charme von Nordstrand aus. (Aber es ist mir natürlich auch klar, dass Vermieter es anders sehen :-)) Liebe Grüße, Stefanie

    • Hallo Ingrid, da kann man mal sehen: sogar zur EM ist die Nordsee schöner als Fernsehen. Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Stefanie

  13. Hallo, ich habe gerade durch Zufall via FB diesen Beitrag über Nordstrand gefunden und bin begeistert. Ich wohne seit November letzten Jahres hier auf der Halbinsel und finde, du hast den Charme dieses Fleckchens Erde und alle meine Lieblingsplätze wundervoll beschrieben. Von der ersten Minute an habe ich mich hier sauwohl gefühlt. Mir gefällt es ganz besonders, daß der Tourismus hier mit „gebremsten Schaum“ stattfindet, verstehe aber durchaus auch alle, die sich mit der Ferien-Vermietung ihr Brot verdienen und gerne mehr Touristen hier hätten.

    Und jetzt gehe ich erstmal den „Rest“ deines Blogs erkunden. Da wird sich sicher noch der eine oder andere Tipp finden :)))

    Viele Grüße
    Gabriele

    • Liebe Gabriele – na dann mal, willkommen hier auf dem Blog. Finde ich sehr spannend, dass Du nach Nordstrand gezogen bist. Urlaubstage sind ja noch mal was ganz anderes als das richtige Leben. Ich stelle es mir sehr, sehr mediativ vor. Ganz liebe Grüße, Stefanie

  14. HHusung sagt

    Seit über 20 Jahren Urlaub auf Nordstrand …. und jetzt haben die MAGIE der Ereignislosigkeit erlebt.

  15. Pingback: Eine Landschaft als Bucket-List: Nordnordfriesland

  16. Hans - Lorenz Schäfer sagt

    Moin Stefanie, wirklich tolle Beschreibung von nichts. Und wenn es mal windstill ist, kann man in der Ferne ein altes Fahrrad rosten hören. Nach 65 Jahren Köln ist Nordstrand das Paradies auf Erden.

  17. Pingback: Stufhusen - wie Sand am Meer -

  18. Pingback: Herbst und noch mehr gute Sachen auf Nordstrand -

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