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Lettlands Küste: Roadtrip in Kurland

Mole

Roadtrip in Kurland. Etappe 1 von 3: Von Jurmala die Küste hinauf zum Kap Kolka. Zurückgelegt: knapp 150 km. Zeit genommen: 2 Tage. Wetter: grieselgrauer Himmel, warm. Innerer Soundtrack: Twin Peaks Intro. Erster Eindruck: Endlose Strassen. Schluchten aus Kiefern. Kiefern. Gewaltigen Kiefern. Hintern den Kiefern die Rigaer Bucht und kilometerlange, menschenleere Strände.

 

 

Parkt tatsächlich mal ein Auto am Seitenstreifen, dann sicher nicht, weil der Fahrer zum Baden gegangen wäre. Die Letten schlagen sich in die Wälder, um Pfifferlinge und Blaubeeren zu sammeln. Sie gehen direkt von der Hand in den Verkauf. Ebenso Zivis. Fische. Das einzige lettische Wort, das ich mir merken kann.

 

Radfahrer

 

Ab und zu öffnet sich die Kiefernschlucht und wir passieren kleine Dörfer, die wie aus einem anderen Jahrhundert wirken. Typische Holzarchitektur und wunderschöne, irgendwie altmodische Gärten, die bis an die Ostsee reichen. Selten zäunt jemand sein Grundstück ein, das fällt uns auf.

 

 

In Kaltene, an der „steinernen Küste“ sehen wir die erste Unterkunft, die uns spontan gefällt. Das Hotel Rederi im Eco-Style bietet schlichte, großzügige Zimmer mit schönem Bad für 45 Euro die Nacht. Zum Strand schlendert man zwei Minuten über Wiesen und unter rauschenden Bäumen.

 

 

Vorbuchen ist in Kurland nicht notwendig

 

Zugegeben: meinem Naturell nach bin ich eher … ähm … ausgeglichen, wenn ich weiß, wo ich abends schlafe. In Kurland ist es aber schon gut, sich zunächst ein eigenes Bild zu machen – die Beschreibungen der Touristenverbände decken sich nicht immer mit der persönlichen Wahrnehmung.

 

Roja

 

Hätte ich uns eine Unterkunft von Deutschland aus gebucht, wären wir wohl im nahegelegenen Roja gelandet; das von sich behauptet, ein großes, modernes Fischerdorf zu sein und den schönsten aller Strände zu besitzen. Beides würden wir so nicht unterschreiben.

 

Roja

 

Roja; Kurlands Hauptstadt des Sommers

 

Kurland (lettisch Kurzeme) ist die westlichste der vier historischen Landschaften Lettlands. Weite Teile der Küste galten in der UDSSR als Sperrgebiet. Sie sind bis heute kaum besiedelt. Die Natur ist dementsprechend intakt. Andernorts forcierte man die Industrialisierung, was mit massiver Ansiedlung russischer Arbeiter verbunden war. So wie in Roja.

 

Ocean Hill III

Sommerkino: In Roja findet seit einigen Jahren das internationale Film-Festival ROJAL statt.

 

Trotzdem (oder gerade) zieht die selbsternannte „Hauptstadt des Sommers“ jede Menge Künstler an. In Rojas abgewrackten Hafenanlagen stolpert man ständig über Kunst im öffentlichen Raum. Und natürlich hat das Sowjeterbe auch einen ganz bestimmten Charme. Nicht unspannend für ein paar Stunden.

 

Meerjungfrau

Kunst an der ehemaligen Fischfabrik. In der Touri-Info gibts einen Flyer mit den Kunstwerken in und um Roja.

 

Bei diesem Wetter gehen Letten nicht an den Strand, erzählt das Mädchen von der Beachbar. Sie kämen dann nur kurz zum Schwimmen. Und am Abend zur Beachparty. Dann würde es  brechend voll werden. Sie spricht das für junge Letten typisch perfekte Englisch. Das unterscheidet sie von den Russen, die oft weder englisch noch lettisch sprechen (können oder wollen).

 

Hoffnungsferkel

1 Badender, 1 Hoffnungsferkel und jede Menge Abfalleimer: Letten sind das ordentlichste Volk der Welt

 

Russen stellen mit knapp 30% die größte Minderheit der lettischen Bevölkerung. Als Lettland 1990 seine Unabhängigkeit zurückerlangte, wurden alle Russen, die nach 1940 eingewandert waren, zu Nichtbürgern erklärt und waren damit staatenlos. Um sich einbürgern zu lassen, müssten sie lettisch sprechen und einen Test zur Kultur und Geschichte des Landes bestehen. Das lehnen bis heute mehr als 250.000 russischsprachige Menschen ab. Sie leben unter erschwerten Bedingungen; dürfen weder Beamte werden noch wählen oder ohne spezielle Genehmigungen ausreisen oder Land erwerben. Logisch, dass das zu Spannungen führt.

 

Roja

 

Im Rojas Kurss, einem Gartenlokal zwischen Strand und Hafen, bestellen wir fantastische Reibekuchen mit frischen Pfifferlingen und blättern uns durch die Broschüre der Touristeninformation. Im Umkreis von 40 km werden 17 Unterkünfte empfohlen; inkl. Privatzimmern, Wochenendhäusern und Campingplätzen. Das ist keine Auswahl sondern das komplette Angebot der Gegend. Und für kurländische Verhältnisse irre viel (weil wir ja in der Hauptstadt des Sommers sind.)

 

Roja Beachbar

 

Es ist trotzdem nicht schwierig, einen Ort zum Bleiben zu finden. Selbst für mich, die in Lettland festgestellt hat, dass ich endgültig aus der Hostel-Nummer raus bin. Ich brauche ein nettes Zimmer mit angenehmen Bad und einen (möglichst einsamen) Strand vor der Tür für den Morgenspaziergang. So was findet man in Kurland immer. Bei Roja nur ein paar Kilometer nördlich im Nirgendwo von Dzintarkrasts; DZ 45 Euro. Aufgrund des flächendeckend großartigen WLANs kann man schön im Vorwege die Vakanzen abchecken. (Über booking.com sind die Preise übrigens meist höher; also lieber selber vorsprechen.)

 

Treffen sich zwei Meere: Kap Kolka

 

40 km nördlich befindet sich der nordwestlichste Punkt Lettlands: das Kap Kolka. Hier treffen sich die Rigaer Bucht und die offene Ostsee. Das kleine und das große Meer, wie die Letten sagen. Und das ist so ein Spot, wo man gern das typische Foto knippst, mit einem Bein in je einem Meer.

 

Kap Kolka

 

Das Kap Kolka gehört zum Slitere Nationalpark, einem nahezu unberührten Naturschutzgebiet, das während der Sowjetzeit aus militärischen Gründen streng abgeschirmt war und so eine besondere Vielfalt an Pflanzen und Tieren bewahren konnte. Besonders schön ist der Weg durch einen hundertjährigen Pinienhain zum Strand.

 

Kap Kolka

 

Normalerweise wäre ich nicht begeistert, in einem Fass zu schlafen. Doch am Kap Kolka könnte ich mich breitschlagen lassen. Die Houses of Happiness sind innen ganz gemütlich, draußen rauscht die Ostsee und das Besondere ist, dass man durch die verspiegelten Scheiben den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang genießen kann.

 

 

„Nächstes Jahr vielleicht“, hören wir, „falls Ihr Euch schnell genug entscheidet.“ Bis August 2017 sind die Hobbithöhlen bereits ausgebucht. Das leicht hippieske Team von Laimes Majas betreibt außer den Houses of Happiness auch das Café Maize in der Nähe des Besucherzentrums. In der improvisierten Küche schwingen lettische Hausfrauen die Kochlöffel. Und wer je glaubte, Deutsche wären Spezialisten für Sauerkraut, wird hier eines sehr viel Besseren belehrt.

 

 

Wie wir da so sitzen, mitten im Wald, fehlt eigentlichen nur noch der Tango um sich wie in Finnland zu fühlen. Was kein Wunder ist, denn Finnland ist tatsächlich nur 300 km entfernt. Und die Sauna ist auch schon da.

 

Sauna

Als ich das Hinweisschild zur mobilen Sauna sah, hatte ich sie mir so mobil gar nicht vorgestellt.

 

Wirklich, wir hätten ganz gern eine Nacht hier verbracht. Auch wenn mit einem Sonnenunter- und –aufgang nicht zu rechnen ist. Noch immer ist der Himmel bedeckt. (Wer die Wälder mal bei Sonnenschein sehen möchte, schaut bei den Cruising Campers vorbei.) Interessanterweise kühlt es abends aber nicht ab wie bei uns. Und ich greife schon mal vor: Wir werden an keinem Abend in Kurland eine Jacke benötigen. Der Himmel allerdings wird aufreißen – morgen, wenn wir über Ventspils nach Jurkalne fahren und einen Abstecher zum breitesten Wasserfall Europas machen.

 

Kap Kolka Denkmal

Kap Kolka, Denkmal fuer die vom Meer genommenen

 

Edit. Hier gehts weiter: http://www.indernaehebleiben.de/was-man-in-lettland-gesehen-haben-muss/

12 Kommentare

  1. Eine schöne Reise! Wir waren dort letztes Jahr, allerdings mit dem Fahrrad und bei strahlendem Sonnenschein. Ich bin gespannt, wie es mit dem Roadtrip weitergeht!

    • Hallo Sabine, Radfahrer haben wir viele gesehen. Welche Strecke habt Ihr denn zurückgelegt. (Ich geh mal bei Dir gucken….) Liebe Grüße, Stefanie

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  3. Ich zitiere aus der Broschüre des Touristischen Informationszentrums Roja: „In der Hochsaison ist im Sand am Strand ein nettes Kunstobjekt zu sehen – das blaue Hoffnungsferkel, das von Strandbesuchern besonders gemocht wird.“ 🙂

    • Ich dachte immer, grün sei die Hoffnung … Aber wenn die Broschüre sagt, das blaue Ferkel werde „besonders gemocht“, dann wird es ja wohl stimmen. Sind denn die Letten bekannt dafür, besonders hoffnungsvoll zu sein? Hoffen sie auf viele Touristen? Fragen über Fragen …

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