Allgemein, Lettland, Noch nördlicher, Norden im Osten, Nordische Nachbarn, Nördlicher
Kommentare 19

Manchmal muss man weiter weg: Lettland

Lettland

Wir kommen gerade aus Lettland. Es war großartig. An 3 von 8 Tagen zeigte sich der Himmel bedeckt. Ansonsten schien die Sonne. Warm war´s immer. Geregnet hats nie. Und in die Ostsee sind wir auch gesprungen.

Es klingt im Prinzip so ähnlich wie das, worüber wir sowieso ständig berichten. Es war aber wunderbar anders. Manches erlebt man eben nur weiter weg. Also, was ist es, das eine Reise nach Lettland so fabelhaft macht?

Die Stille von Lettland

Grillenzirpen auf staubigen Straßen. Wind in den Baumkronen. Das ewige Rauschen der Ostsee. Nicht einmal Flugzeuge am Himmel. Lettland kann so still sein, dass man selbst ganz ruhig wird. Beinahe so ruhig wie die Letten. Schon Kinder lernen, leise zu spielen.

 

Kaltene

 

Letten geben sich derart zurückhaltend, dass es als Emotionslosigkeit durchgehen würde – schimmerte da nicht eine enorme Sensibilität und Selbstvergnügtheit durch. Und genau so ist eigentlich das gesamte Land. Lettlands Stärke ist Sanftheit.

Lettlands Weite

Lettland ist etwa so groß wie Bayern. Hat aber nur etwas mehr als ein Zehntel der Einwohnerzahl des Freistaats. Von 1,9 Mio Letten konzentrieren sich gut die Hälfte auf den Großraum Riga. Das lässt viel Raum für Landschaften, in die sich kaum mal jemand verirrt.

 

Lettland

So faehrt man in Kurland ewig, ohne dass je ein Haus auftauchte.

 

Fast die Hälfte des Landes ist bewaldet. Über Lettland verteilen sich mehr als 700 Naturschutzgebiete und vier große Nationalparks. Sie bieten Heimat für Rehe, Füchse, Elche, Luchse, Biber, Wölfe und seit einigen Jahren sogar wieder Braunbären. Außerhalb der Schutzzonen spielen andere Tiere die Hauptrollen.

Die Katzen von Karosta

Katzen in Parks. Katzen auf der Straße. Katzen im Amüsierviertel. Katzen in Gärten. Katzenversammlungen vor Plattenbauten. Katzen auf alten Villendächern. Katzen am Strand. Katzen. Katzen. Katzen. Manchmal streicht einem eine um die Beine; will vielleicht kurz gestreichelt werden. Bis etwas anderes ihre Aufmerksamkeit weckt. Und sie elegant ihrer Wege geht.

 

 

Unserer Beobachtung nach ist die Population am größten, wo viel russisch gesprochen wird. Die meisten Katzenversammlungen haben wir in Karosta beobachtet. (Karosta ist auch in anderer Hinsicht ein unbedingtes Must-see. Davon hier mehr.)

Die Entdeckung der Langsamkeit

Obwohl der Lonely Planet Lettland zum Top Reiseziel 2016 kürte, legte er keinen „extra“ Reiseführer auf. Wie viele Verlage frühstückt auch der australische Rucksacksepezialist das Baltikum in einer einzigen Publikation ab. Uns scheint das kontraproduktiv. Verführt es doch zum Hot-Spot-Hopping. Dabei will die mittlere der baltischen Republiken gemächlich entdeckt werden.

 

Waldcafe

Waldcafe im Nirgendwo

 

An langen, langsamen Sommertagen, scheint sich die Zeit zu relativieren. Wie spät? Egal! Welches Jahrhundert? Keine Ahnung. Der Plan? Kein Plan. „Best enjoyed slowly“ empfiehlt die offizielle Tourismusseite. Zu Recht.

Der Norden im Osten

Menschen, die am liebsten in den Norden reisen, haben ja oft einen Tick mit dem Licht. (Fotografen sowieso). Wie überall im Norden ändert sich das Licht in Lettland ständig und man kann schwer sagen, wann es am schönsten ist. Vielleicht am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Ostsee glitzern läßt?

 

Meer

 

Die östliche Ostsee

Die lettische Küste ist knapp 500 km lang. Auf weiten Strecken scheinen die Strände nahezu unberührt. Einmal ging ich nahe Roja, der selbsternannten „Hauptstadt des Sommers“, 2,5 Stunden spazieren und traf: keine Menschenseele. Im Juli. Die Ostsee scheint weiter in Lettland. Kaum, dass je ein Schiff am Horizont auftauchte. Gibt ja auch nicht viel in der Nähe, wohin sie steuern könnten.

 

Jurkalne

 

Wer so viel Einsamkeit bedrückend findet, kann in Lettland auch lebendigere Badeorte ansteuern. Vor allem nahe der Städte. Dort spürt man dann so richtig, dass Lettland zwischen den Kulturen liegt.

 

 

Das Beste vom Westen und Osten

Viele Städte Lettlands wurden von deutschen Missionaren gegründet. Sie spiegeln die mittelalterlichen Orden genauso wie den Reichtum der Hanse oder die Eleganz des russischen Zarenreichs. Aber es gibt auch Zeugen deutscher Zerstörungswut während der Weltkriege und der Ausrottung jeglicher Schönheit in den Jahrzehnten sowjetischer (völkerrechtswidriger) Okkupation.

 

Jugendstil Riga

Riga, die elegante Jugendstilmetropole

 

Kuldiga Museum

Romantisch: Kuldiga (ehemals Goldigen)

 

Karosta

Raue Hafenstadt Liepaja (ehemals Liebau)

 

Lettland hat als Spielball zwischen den Mächten über die Jahrhunderte viel Leid erfahren. Umso überzeugter treten Letten für Freiheit und Frieden ein. Das Land gilt als Musterschüler der EU. EU-Gegner müssten in Lettland ins Grübeln kommen (falls sie dazu in der Lage sind). Die Brüchigkeit dessen, was wir als selbstverständlich betrachten, ist im Baltikum ebenso greifbar wie der Segen des europäischen Gedankens.

 

Lettland ist preis-wert

Wer seinen Urlaub am liebsten im Norden verbringt, muss ja tendenziell kräftig in die Tasche langen (oder seine Ansprüche extrem herunterschrauben). Im Baltikum urlauben Nordsüchtige allerdings weit über deutsche Verhältnisse. (Mal abgesehen von Riga.)

 

Pilsbergi

Lettland-Style: Ein bisschen Schweden, ein wenig altes Russland, etwas Finnland und einen Hauch Vorkriegs-Deutschland: Letten haben ein Talent, sich auf das Beste zu konzentrieren.

 

Für feine Unterkünfte in grandiosen Lagen zahlten wir zwischen 45 und 70 Euro fürs Doppelzimmer. Es ginge noch viel, viel günstiger. Wie alles in Lettland sind Gästehäuser, Pensionen, Hotels etc. blitzsauber und bieten selbst in einsamster Lage kostenlosen, superschnellen WLAN-Zugang.

 

Die Verpflegung belastet das Urlaubsbudget minimal. Kleine Gerichte (Omeletts, Suppen, Salate etc.) liegen zwischen 2 und 4 Euro. Hauptgerichte etwa bei 5 bis 8. Aber das ist nicht das Wichtigste an der lettischen Küche.

Die lettische Küche

Wir behaupten: Die baltische Küche ist die beste Küche im Norden. Wobei es natürlich auch in Dänemark, Schweden, Island, Irland, England usw gutes Essen gibt – aber in Lettland muss man nicht nach guten Dingen suchen – sondern alles schmeckt immer und überall.

 

 

Wer sein Essen lieber selbst zubereitet, wird sich auf den Märkten wie im Himmel fühlen. Davon erzählen wir noch genauer, wenn wir mit unserer Reiserouten und konkreten Tipps um die Ecke kommen. Dieser Bericht versteht sich nämlich nur als lettischer Appetizer. Beim nächsten Post werden wir gehaltvoller.

 

Beeren

 

19 Kommentare

  1. Es ist schon toll, die Entwicklumg Lettlands mit zu bekommen. Ich habe kurz nach der Unabhängigkeit in Riga gearbeitet. Habe in der Ex-Villa von Brechnew gewohnt und Lettland bei minus 33 Grad entdeckt. Mein erstes Getränk war original lettisches Bier- hat 13 % gehabt und wie Benzin geschmeckt. Wir haben tollen Anschluss gefunden, wenn wir uns auf die Menschen dort eingelassen haben. Zurückhaltend, einladend, hilfsbereit. Damals haben sich die lettischen Polizisten noch die Radarfallen über das Wochenende ausgeliehen und sind dann privat auf Beute gegangen. Bezahlt wurde vornehmlich in Dollar. Ich hoffe, das hat sich gewandelt. Lettland habe ich in wunderbarer Erinnerung und Euer Artikel macht richtig Lust, noch einmal genau dort hin zu fahren.

    • Grins – nee, die Blitzgeräte sahen sehr modern aus. Und nicht besonders beweglich. Ist irre, von welchen Temperaturen Du schreibst. Uns hat so gefallen, dass es in Lettland nachts überhaupt nicht so kalt wird am Strand (wie z.B. in Schleswig-Holstein). Ein wundervolles Klima, fanden wir. Liebe Grüße ins weite Land, Stefanie

  2. Moin ihr Zwei,

    das klingt irgendwie spannend. Mal sehen, wann es uns mal dorthin verschlägt. Wird wohl aber noch eine Weile dauern.
    Wow, so viele Katzen kenne ich nur von Griechenland.

    Liebe Grüße und zerrt noch von den Eindrücken.
    Claudia

    • Ja, Griechenland und Spanien und Italien. Das sind für mich so Kindheitserinnerungen – wenn man möglichst viel am Frühstücksbuffet klaut, um es den Katzen zu bringen. In Lettland waren sie aber alle wohlgenährt. (Natürlich haben wir uns ständig gefragt, was im Winter ist.) Lettland ist auf jeden Fall spannend. Ein Fotografen-Paradies übrigens. Liebe Grüße, Stefanie

      • Ja stimmt, das haben wir auch immer gemacht. Heute weiß man es besser. 😉

        Das glaube ich wohl, für Ralph bestimmt genau das Richtige…

  3. HannoverblickOst sagt

    Super! Hört sich alles absolut nach meinem Geschmack an. Ich weiß bislang viel zu wenig über Lettland. Bin daher gespannt auf Deine Eindrücke! Euch ein schönes Wochenende. ..

  4. Oh, die baltischen Staaten standen schon immer auf meiner Wunschliste. Ruhe klingt verlockend .. und das Licht… das lockt mich auch! Schön! Liebe Grüße, Jutta

    • Kann ich echt empfehlen, Jutta. Ich hab jetzt 10 Jahre gebraucht, um ein zweites Mal ins Baltikum zu reisen. Damals war ich in Litauen – wo es anders ist als in Lettland, aber auch ganz toll. Estland soll auf keinen Fall so lange auf uns warten (aber so was sagt man sich ja immer.) Mach Dir ein schönes Wochenende, Stefanie

    • Die Hund von Riga; nech. Ging mir genau so. Es ist aber irre lang her, dass ich es gelesen habe. Und irgendwie hatte ich Riga als kühle, raue Hafenstadt abgespeichert. Ist es aber ganz und gar nicht.

  5. Oh, wie schön! Das Appetitanregen ist euch wunderbar gelungen: Das Licht, die Kombination aus still und sanft, langsam und leer ziehen mich gerade magisch an und ich freue mich schon auf die angekündigten weiteren Berichte. Nur die vielen Katzen finde ich etwas abschreckend. Seid ihr mit dem Auto unterwegs (gewesen)? Liebe Grüße!

    • Hallo Maren; ja – wir haben uns ein Auto gemietet… und ganz langsam treiben lassen. Nicht mal die gesamte Ostseeküste „geschafft“. War aber gut so. Magst Du keine Katzen oder tun sie Dir leid? Ein schönes Wochenende, Stefanie

  6. Pingback: Unterwegs in Lettlands Hauptstadt: Ist Riga das neue Berlin?

  7. Das ist ja mal ein wunderschöner Bericht über Lettland! Trifft alles sehr gut mein eigenes Lettland-Gefühl (und ich liebe dieses Land seit 22 Jahren). Kann mich dem Rat, das Land außerhalb Rigas zu erkunden, nur anschließen. Das geht auch ohne Auto, dann allerdings noch langsamer (mit Bus, Fahrrad, zu Fuß). Im Westen anfangen ist auch richtig, aber Fortgeschrittenen empfehle ich unbedingt auch eine Reise durch Ostlettland (Lettgallen).

    • Liebe Tulkotaja, vielen Dank für Deine(n) Kommentar(e). Immer so spannend, wenn jemand sich richtig auskennt. Noch langsamer ist bestimmt noch besser. Und Lettgallen bestimmt noch einsamer; ursprünglicher. Irgendwann, vielleicht, wäre schön…

  8. Pingback: Als würde man ein Bild betreten: das erstaunliche Teritorium von Karosta

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.