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Zwecklos aber sinnvoll – die Brücke von Stein

Stein

In Stein zieht sich eine 300 Meter lange Mole in die Ostsee. Unterbrochen wird sie von einer Brücke. Die spannt sich allerdings nicht über Wasser, wie Brücken es sonst sinnvoller Weise tun. Sondern über Sand. Vielmehr eine Sandbank.

 

Findling

Stein in der Probstei

 

Die Brücke scheint keinem weiteren Zweck zu dienen. Außer dass man darüber gehen kann und darunter hindurch. Was ich natürlich tue. Nur so. Auch wenn ich genauso gut den geraden Weg zum Molenkopf nehmen könnte. Doch für gerade Wege gibt es für mich gerade keinen Grund mehr. In meinem Kalender herrscht die gleiche Leere wie am Strand von Stein.

 

Mole Stein

 

»Stein, kleines Fischerdorf (350 Einwohner), an der Kieler Außenförde… der Strand ist gut, der Wellenschlag ziemlich kräftig… das Badeleben ist einfach und ruhig. Dampfer von Kiel stündlich nach Laboe. Von da an in 1 Stunde nach Stein zu Wagen.« So zitiert eine Infotafel Meyers Reiseführer aus dem Jahr 1910.

 

Bevor die Panik mich erfasst: Wandern von Laboe nach Stein

 

Erstaunlich. »Der Wagen« fuhr vor hundert Jahren offenbar genauso schnell wie die gemeine Strandläuferin heute wandert. Von Laboe nach Stein sind es bloß gute vier Kilometer entlang des Förderwanderwegs. Und ich denke darüber nach, in meinem Reiseführer statt des Wagens lieber die Wanderung zu empfehlen.

 

Steilkueste

 

Denn was sind das für wunderbare, supertolle vier Kilometer zwischen Laboe und Stein. Etwa die Hälfte davon entlang der Steilklippen. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich ja gar nicht weiß, ob dieser Reiseführer überhaupt zustande kommen wird. Bevor die Panik mich erfassen kann, verbiete ich mir weiter zu denken. Aus dem gedanklichen Fahrstuhl aussteigen, bevor er in den Keller rauscht. Das ist meine derzeitige Strategie.

 

Steilklippen Stein

 

Es gibt viele Gründe, in Panik zu geraten. Für Millionen geht es um die Existenz. Alleinstehende kämpfen mit Einsamkeit. Die seelischen und körperlichen Herausforderungen im Gesundheitswesen sind enorm. Für manche Erkrankte gibt es keine Hilfe. Und so weiter und so fort. Unter beinahe jedem Dach ein Ach.

 

Strand Stein Probstei

 

Das war schon immer so. Auch vor 100 Jahren, als die Fischer von Stein kaum mehr genug fingen, um sich davon zu ernähren. Im Winter 1924/25 verlangten sie, 180 Meter der Mole einzureißen. Sie erhofften sich davon den Abtrag der Sandbank und somit einen besseren Zugang zur freien See. Aber das Gegenteil geschah. Die Dünenlandschaft wuchs sogar noch weiter.

 

Duenenlandschaft Stein

 

Es bringt nichts, sich gegen gewissen Umstände zu stemmen. Wir haben nicht alles unter Kontrolle. Je eher wir die aktuelle Situation annehmen, je eher wir aufhören zu hadern und zu schimpfen und einen Schuldigen zu suchen, desto schneller werden wir uns auf die Zukunft konzentrieren können. So sagte es ein Psychologe im Radio.

 

Steiner Mole

 

Auch wenn sehr viele unter uns jeden Grund zur Panik haben, so hat sie doch gar keinen Sinn. Für eine Brücke am Strand gilt das Gegenteil. Es gibt für sie gar keinen Grund. Und doch scheint es mir ungeheuer sinnvoll, sie zu überschreiten und zu unterscheiden oder beides. Nur so. Ich werde mir Vergleichbares suchen müssen für die Zeit, in der ich nicht nach Stein kommen kann.

 

Stein Probstei

 

Zur Hochform laufen Mole, Brücke und Sandbank im Sommer auf. Dann werden blaue weiße Badehäuschen am Molenkopf errichtet und Strändkörbe schmiegen sich in die Dünen- und Schilflandschaft. Solange es nicht möglich ist, den Strand auf eigene Faust zu entdecken, müssen Bilder reichen: klick.

 

Lieblingsspots in der Probstei: 2. Mole von Stein

 

Die Mole mit der zweckfreien aber sinnvollen Brücke liegt in der Probstei, einer Region im Kreis Plön. Sie wird umrahmt von zwei weiteren Probsteier Lieblingsorten von mir, die beide fußläufig zu erreichen sind.

In Richtung Kiel spaziert 2,5 Kilometer entlang der Steilklippen von Stein bis zur Lagune von Laboe. Den anderen Lieblingsplatz kann man von Stein schon sehen – Bottsand. Aber davon erzähle ich dann ein anderes Mal.

 

Bottsand

Blick auf meinen Lieblingsort Bottsand

 

12 Kommentare

  1. Super geschrieben, liebe Stefanie.
    Die Situation ist ernst, sie schränkt ein, aber wir werden sie bewältigen.
    Lassen wir unsere Erde endlich mal wieder durchatmen und sich regenerieren. Besonders krass finde ich, dass die Kanäle in Venedig auf einmal wieder klares Wasser führen. Da merkt man erst, was dort vorher los war und das nur wir allein dafür verantwortlich waren.

    Liebe Grüße aus dem erstaunlich ruhigen Rhein-Main-Gebiet

    Liane

    • Liebe Liane,

      es ist ja irgendwie dann doch alles so plötzlich gekommen, dass man sich nur die Augen reiben kann. Mir hilft es, wenn ich mich auf Konkretes konzentriere. Insgesamt scheint mir die Lage heftig. Die Details aber schaffbar.

      Ganz liebe Grüße an Dich, den Rhein und den Main!

  2. Erika Stumm sagt

    Dein Bild ,gedanklich aus dem Fahrstuhl auszusteigen, kann ich absolut nachvollziehen, liebe Steffi.Es ist schon so, wir „leben in finsteren Zeiten“.Umso wichtiger sind Beiträge wie deine, ein wenig Balsam für die Seele.Ich freue mich schon auf den nächsten.Ganz liebe Grüße aus Osterby, Erika

    • Liebe Erika,

      wie es in Osterby läuft, habe ich mich in den letzten Tagen schon oft gefragt.
      Ich stecke noch in Umzugsarbeiten – aber ich ruf Dich ganz bald an.

      Bis dahin
      alles Liebe
      Steffi

  3. Liebe Stefanie,
    wieder mal ein toller Beitrag von dir. Ich finde er beruhigt in dieser stressigen Zeit. Ich habe heute einfach mal gar nichts gemacht. Denn ich weiß, dass mich diese Woche noch zwei stressige Tage in der Apotheke erwarten. Ich gebe momentan all meinen Optimismus an die Kunden weiter und versuche Ängste zu verstehen und aufzuklären. Da ist ein freier Tag mit dem lesen von schönen Beiträgen einfach eine Wohltat für die Seele und lässt einen Kraft tanken für das was da noch kommt.
    LG Kerstin

    • Liebe Kerstin,

      Du arbeitest also in einer Apotheke! Ja, da kann ich mir gut vorstellen, dass Du mit vielerlei Ängste konfrontiert bist (und auch Risiken ausgesetzt). Man kann sich gar nicht genug bei Euch bedanken. Auch für Deinen Kommentar übrigens.

      Liebe Grüße zurück, Stefanie

  4. Liebe Stefanie,
    ich war letzte Woche selbst noch in Stein. Ebenso mit einem durchaus beklemmenden Gefühl.
    Oft denke ich an Euch, wohlwissend, dass Euch diese Krise wirtschaftlich hart trifft. Dass ich ein paar Tage später dann einen Artikel über Stein und dann auch von Euch lesen würde, hätte ich nicht gedacht. Ich bin froh, dass Ihr noch den Umzug geschafft habt.

    Bei uns könnte es genau anders herum kommen. Wenn es wirklich einen medizinischen Notstand gäbe, wäre meine Frau mittendrin. Mit dem ganzen dazu gehörigen Risiko.

    All das macht demütiger und eigentlich merkt man, wie wenig man doch zum Glücklich sein braucht.

    Heute waren wir in der Geltinger Birk. Und spürten, dass die Menschen anders miteinander umgehen. Mit Distanz, Respekt und Wohlwollen. Das tat gut vor dem, was kommt.

    Bei uns sind einige Skandinavier gestrandet, die nun nicht nach Norwegen oder Schweden kommen. Wir machen uns Gedanken, wie wir sie ein wenig unterstützen können. Denn in ihren Wohnmobilen dicht geparkt auf einem Asphaltplatz geht das nicht lange gut.

    Euer Blog-Name bekommt eine ganz neue Aktualität und vielleicht merken einige, dass das Leben mehr ErLEBEN als Event braucht. Wem dazu Anregungen fehlen, der ist bei Euch richtig. Und so hoffe ich, dass möglichst viele Eure tollen Bücher kaufen und sich selbst und Euch in den nächsten Monaten damit unterstützen.

    Die Welt wird eine andere.

    Seid ganz herzlich gegrüßt.

    Kai

    p.s.
    Vom nördlichsten Landhandel gibts jetzt ein paar Bilder mehr:-)

  5. Einfach nicht unterkriegen lassen. Wir sind ja hier im Norden in der komfortablen Situation einfach so raus zu gehen und im Grünen zu sein.
    Ohne Touristen begegnet man an der Küste teils keiner Menschenseele.

  6. Moin Stefanie, an Euren Blog-Namen habe ich die letzten Tage auch mehrfach gedacht. „Zuhausebleiben / InderNähebleiben“ – und auch an Euch. Ich drück Euch auf jeden Fall die Daumen!
    Ich versuche mir vorzustellen, wie wir wohl Silvester auf das Jahr 2020 zurückblicken werden…
    Alles Liebe, Ulrike

    • Liebe Ulrike, das ist ein spannender Gedanken. Wir werden auf jeden Fall verändert sein, denke ich. Dir drücke ich ebenso die Daumen. Und dass Du bald wieder Gäste begrüßen darfst. Pass auf Dich auf und alles Liebe, Stefanie

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