Allgemein, Neulich im Norden, Norddeutschland, Ostsee, Ostseeküste, Rausgehen, Schleswig-Holstein
Kommentare 18

Kleines Lebenszeichen: der Bottsand

Bottsand

Ich musste gestern an den Bottsand denken, ein winziges Naturschutzgebiet in der Nähe von Laboe. Mein letzter Besuch ist schon eine Weile her. Es war beim ersten Lockdwon im März, einen Tag bevor sämtliche Urlauber Schleswig-Holstein verlassen  mussten. Unfassbar schien damals, woran man sich nun fast schon gewöhnt hat.

 

Bottsand

 

Im März ist es traditionell noch relativ ruhig an der Ostseeküste. Die Saison startet fast überall erst mit den Osterferien. Die Stille im vergangenen März war natürlich um einiges tiefer als gewöhnlich. Die wenigen Touristen waren abgereist und von den Einheimischen hatte niemand einen Grund, die üblichen Frühlings-Vorbereitungen zu treffen. Es hatte etwas von vergangenen Zeiten, als die Probstei noch am Ende der Welt lag. (Probstei? Noch nie gehört? Auf Lumao gibts mehr Infos.)

 

Bottsand

 

Jedenfalls: vor etwa 150 Jahren modellierten Wind und Wellen am Strand von Wendtorf in der Probstei einen Landvorsprung aus Meeressand. Diesem ersten Nehrungshaken folgte ziemlich exakt alle zehn Jahre ein weiterer. 1939 wurde der damals erst 15 Hektar große Bottsand unter Schutz gestellt.

 

Bottsand

 

Es gab eine Menge Leute, die auf den Naturschutz pfiffen. Sie wollten trotzdem genau dort an den Strand. Über Jahrzehnte schien es unmöglich, ihnen begreiflich zu machen, welchen Schaden sie damit anrichteten. Das erinnert ein bisschen an diejenigen, die sich heute nicht an Abstandsregeln halten. Aber was will man machen? Sie verhaften?

 

Bottsand

 

Im Fall des Bottsands hatte irgendjemand eine wirklich gute Idee. In den 1960er Jahren, der Nehrungshaken war inzwischen schon 70 Hektar groß und Naturschutz einer wachsenden Gesellschaftsschicht wichtig geworden, verhandelte man eine neue Nutzungsverordnung. Diese räumte dem Verein der Freunde der Freikörperkultur e.V. einen Sandstreifen im nördlichen Bereich des Nehrungshaken ein. Und das brachte die Wende.

 

Bottsand

 

So robust wie sich die Naturschutzverächter Pflanzen und Tieren gegenüber verhalten hatten, so zartbesaitet zeigten sich nun ihre Seelen beim Anblick der Nackedeis. Es wurde ruhig an der Nordspitze des Bottsandes. Sie entwickelte sich zu einem wunderbaren Refugium bedrohter Arten aus Flora und Fauna.

 

Lieblingsspots in der Probstei: 3. Bottsand

 

Heute herrscht auf dem Bottsand weitflächig Betretungsverbot. Nur in südlicher Richtung kann man hier entlang einer Dünenkette spazieren, wie es sie nur noch sehr, sehr selten an der Ostseeküste von Schleswig-Holstein gibt.

 

Bottsand

 

Natürlich ist nicht alles gut geworden. Schleswig-Holstein ist kein Märchenland, sondern ganz dem Tourismus und der Landwirtschaft unterworfen. Und auch wenn das Naturschutzgebiet mittlerweile mehr als 90 Hektar misst, ist es noch immer viel zu filigran und zerbrechlich, um alle Urlauber ringsum auszuhalten.

 

Bottsand

 

Der Bottsand wird von massig Campingplätzen und der Marina Wendtorf beinahe erdrückt. Auch setzte ihr Bau dem Wachstum der Nehrungshaken 1972 ein Ende. Im gleichen Jahr wuchs hier eine Trabantensiedlung in den Himmel, die sich in der ländlichen Umgebung recht bizarr ausmacht. Der Fisch frisch vom Kutter an der Promenade ist allerdings prima und der Blick auf den unberührten Teil des Naturschutzgebietes wunderschön.

 

Marina Wendtorf

 

Ich habe mich in den vergangenen Monaten oft an den Bottsand erinnert, weil er mir ein bisschen vorkommt wie mein eigenes Leben. Es passiert so viel Hässliches und Bedrohliches auf der Welt. In Relation dazu kommt mir meine eigene Position in ihr doch recht sicher und geschützt vor. Ich will nicht sagen, dass Deutschland eine Insel der Glückseeligen ist. (Aber unterm Strich eigentlich doch).

 

Das Leben – ein Bottsand 🙂

 

Natürlich ist auch für mich seit der Pandemie nicht alles optimal gelaufen. Und zum Bloggen bin ich in letzter Zeit erst gar nicht gekommen. Ich musste ein paar Nehrungshaken bilden, könnte man sagen. Einige Schutzzäune ziehen. Davon erzähle ich dann demnächst sicher mal mehr, wie ich überhaupt wieder regelmäßiger Lebenszeichen senden werde. Bis zum nächsten Beitrag also ein herzliches Ahoi!

 

Lieblingsspots in der Probstei von Norden nach Süden

 

  1. Die Lagune von Laboe
  2. Die Brücke von Stein
  3. Der Bottsand
  4. folgt
  5. Strandseenlandschaft bei Schmoel
  6. Steinparadies Hohenfelde

18 Kommentare

  1. Hallo, liebe Stefanie.
    Habe oft an Euch gedacht. Gerade, als ich über Holnis und Hamburger Hallig geschrieben und Euch dort verlinkt habe. Im Moment scheinen alle Naturschutzgebiete überlaufen zu werden. Die Menschen zieht es einfach raus. wer will es verdenken.
    Ich freu mich, wenn wir in Hamburg irgendwann einen Kaffee trinken und die aktuelle Chose als vergangene Epoche betrachten. Aus der wir hoffentlich ein kleines bisschen lernen.

    Lieber Gruß
    Kai

  2. Ja, wolln wirs hoffen, lieber Kai. (Verlinkungen kriege ich manchmal mit und manchma nicht – diese nicht…. ich geh geich mal gucken 🙂 Aber jetzt schon einmal: Danke.

  3. Moin Stefanie, und ich habe schon gedacht, dass Deine Beträge aus irgendwelchen seltsamen Gründen nicht mehr im Reader erscheinen. Mit „in der Nähe bleiben“ lagst Du ja voll im Trend in 2020, aber was soll man schon groß über „zu Hause bleiben“ berichten? Meine Lebenszeichen haben sich auch drastisch reduziert, ich war seit März nicht mal mehr in SPO. Warum auch? Erst war es verboten und dann überlaufen. Und jetzt habe ich mich an meine sehr kleine Welt im Koog schon fast gewöhnt. Ach ja, ich war einmal im Gieselautal, doch auch diese, sonst so ruhige Wald-Idylle gibt es so nicht mehr. Wir brauchen viel mehr Freikörperkultur-Vereine 😉

    • Hallo Ulrike, ich setze ja außerdem noch auf den frühen Morgen. Aber ich weiß, das ist nicht Deine Lösung 🙂 Ganz liebe Grüße, Stefanie

  4. kokkinos vrachos sagt

    Moin Stefanie, mal wieder ein toller Bericht von dir, mit schönen Fotos. Da möchte man sich sofort warm einmummeln und dort ein wenig sparzieren gehen.

    Vom Naturschutzgebiet Bottsand hatte ich vorher auch noch nichts gehört, obwohl es so nah bei Kiel liegt. Um Kiel herum gibt es eine Menge schöne Naturschutzgebiete zu entdecken.

    Naturschutzgebiet Bottsand: https://schleswig-holstein.nabu.de/natur-und-landschaft/nabu-schutzgebiete/bottsand/

    LG aus der Nachbarschaft, kv

  5. Eigentlich wäre ich jetzt zu dieser Jahreszeit wieder auf der Hallig gewesen,aber Lockdown = Beherbungsverbot.
    Dann eben Ende Februar,bis dahin wird der ganze Spuk ja wohl vorbei sein,dat reicht langsam…
    Bis dahin mache ich es wie der stabile Mann aus Oggersheim-also Aussitzen.
    Mein Sofa ist bequem und der Bericht samt Bilder schön wie immer.
    Ansonsten gilt die Parole: Immer Optimist sein und zuversichtlich nach vorne schauen.
    viele Grüße und bleibt bitte gesund.
    Ralf

  6. Verena Kleffner sagt

    Was für ein wunderschöner Fleck Erde, hab noch nie davon gehört. Wir senden entspannte und sehr ruhige Grüße aus Steinberg, hier ist am Strand ja sowieso nie etwas los, jetzt im Spätherbst und lockdown haben wir ihn für uns alleine. Was wunderbar ist. Man darf nur nicht „in die Stadt“ fahren, da wirkt alles eher verlassen als ruhig. Alteingesessene Geschäfte schließen und die Gastro weiß auch nicht, wie sie überleben soll. Was für ein verrücktes Jahr. Trotzdem bin ich glücklich, jetzt am Wasser sein zu dürfen.❤️

  7. Ellen Jensen sagt

    Hallo Stefanie, ich habe mich auch wieder über einen Bericht von Dir gefreut!
    Wie immer bei Deinen Blogs möchte man sofort dorthin, auch im November…

    Über meinem Schreibtisch hängt ein gerahmter Spruch „Un süht dat ut ok noch so slecht, dat löppt sick allens wedder torecht“ – das ist immer meine Zuversicht!!
    Wünsche ich auch Dir!!!
    Lustig, dass Verena über Steinberg bzw. den Strand von Ruhe und Entspannung schreibt,
    ich wohne doch auch da- bei uns ist, vor allem am Wochenende, die Hölle los.Es fahren deutlich
    mehr Autos als im Sommer und der Strand Norgaardholz ist voller Leute. WIR fahren schon
    entnervt ins Binnenland, z.B zum Hechtmoor bei Satrup. Ein Traum…aber sag’s nicht weiter…
    Grüße von der Küste! Bleib gesund…! Ellen

    • So ein schöner Spruch, liebe Ellen!

      Verena hat mir diese Woche wieder ein paar Bilder ganz ohne Menschen aus Steinberghaff geschickt. Falls Du mal so weit gehst und jemanden siehst, müsste sie das also sein 😉

      Nein, ernsthaft. Kai, der auch bei Dir in der Nähe wohnt, schreibt ja ähnlich wie Du. Und auch wenn Angeln nicht irre dicht besiedelt ist, wenn alle, alle, die sonst in Restaurants, mit Kulturveranstaltungen, Freunden, beim Shoppen etc ihre Zeit verbringen, aufeinmal bloß noch spazieren gehen, merkt Ihr das natürlich auch.

      Ich setze auf die Zeit nach der Pandemien. Dann haben sicher ganz viele ganz großes Nachholbedürfnis für fast alles außer spazieren. Und dann wirds wieder leerer.

      Komm gut in die Woche und liebe Grüße

      Stefanie

    • Danke. Ich bin auch schon gespannt, ob Du in der Zwischenzeit wieder ordentlich gewandert bist. Diese Woche schaffe ich es ganz bestimmt, selbst mal wieder Blogs zu lesen!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.