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Mehr Garnichts geht nicht – und wem das jetzt guttut

Nordermeldorf

Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Menschheit es für völlig egal hält, ob man die Badestelle Elpersbüttel südlich des Sperrwerks am Speicherkoog aufsucht – oder die nördlich gelegene Badestelle Nordermeldorf. Sie unterscheiden sich auch wirklich nur in Nuancen. So sind im September beide Badestellen nicht gerade überlaufen und die Kioske meistens geschlossen. Während in Elpersbüttel manchmal (es ist nicht genau zu sagen, wann) Park- und Strandgebühr zu entrichten sind, ist das in Nordermeldorf nicht der Fall.

 

 

Für beide Badestellen gilt: Im Bereich hinterm Deich ist die Natur hier wild und üppig.  Vorm Deich ist dann gar nichts mehr.  Also wirklich gar nichts. Kein Baum. Kein Strauch. Kein Haus. Kilometerweit geht das so. Ob das im klassischen Sinne schön ist? Hand auf´s Herz: auf den ersten Blick nicht zwingend für jeden.

 

 

Dithmarschen kann man nur schwer weiterempfehlen, da es so speziell ist. Man kann Dithmarschen auch nicht recht erklären. Dithmarschen kann man nur fühlen. Und fühlen können das wohl nur Menschen mit einem bestimmten Gemüt. Gehört man zufällig zu dieser Gruppe, wirken Stille und Weite derart intensiv, dass man sich vollkommen eins mit der Welt fühlt. Keine Übertreibung jetzt.

 

Nordermeldorf tut gut, wenn man runterkommen muss

 

In Dithmarschen habe ich immer das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben. Vielleicht ist das so, weil man hier fast nichts machen kann. Für mich ist das großartig, weil ich den seltenen Zustand, gar nichts machen zu müssen, enorm genieße. Ich spüre nicht einmal den Druck, möglichst früh in Hamburg aufzubrechen. So bin ich schon entspannt, bevor ich überhaupt losgefahren bin.

 

 

Aber irgendwas kann man ja selbst am ereignislosesten Ort unternehmen. Z.B. von der Badestelle Nordermeldorf  (wo kein Kiosk geöffnet hat) zur Badestelle Wawerort spazieren. Dort warten ein Strandbistro (das aktuell nur unzuverlässig öffnet) und der Imbiss des Campingplatzes Seeschwalbe (noch bis 15. Oktober). Das eigentliche Ziel ist aber der Spaziergang selbst – durch etwa 3,5 km Garnichts am Stück.

 

 

Wo Garnichts ist, kann einen natürlich auch gar nichts an das Sommerende erinnern. Da die wahnsinnsweite Watt- oder Wasserfläche der Meldorfer Bucht die Sonne ganz erheblich  reflektiert, wird es (bei Windstille) ziemlich schnell warm. Da kann man sich noch einmal wie im Juli fühlen. Das Szenario ist perfekt, um sich bewusst vom Sommer zu verabschieden. So innerlich.

 

Nordermeldorf ist prima, um dem Sommer Tschüß zu sagen

 

Ob man überhaupt der Typ ist, der einen bewussten Abschied vom Sommer braucht, läßt sich leicht herausfinden: einfach den Text „Einmal noch“ von Meertau lesen – dann spürt man schon, ob es für einen persönlich wichtig ist.

 

 

Wenn die Ostsee bereits den Punkt überschritten hat, an dem sie einen zwingend ins Wasser zieht, animiert das Wattenmeer noch einige Wochen länger, ernsthaft übers Baden nachzudenken. Soll ich? Soll ich nicht? Darüber siniert man am besten bei Ebbe.

 

Nordermeldorf: Place-to-be für alle, die noch einmal baden wollen

 

Idealerweise denkt man übers Baden in den warmen Nachmittagsstunden eines himmelblauen Tages nach, wenn die Sonne aufs Watt knallt. Dann läuft man und läuft man dem glitzernden Meer entgegen und wünschte, der Moment würde nie enden.  Ist das matschig? Aber Hallo! Ist das kalt? Kein Stück!

 

 

Während man durch Tümpel und Prile tappst, verliert die Nordsee jeden Schrecken. Sie wird im Gegenteil so wohlig angenehm, dass man gar nicht mehr an Land gehen möchte – selbst wenn die Flut kommt. (Ob man sich am Ende wirklich fallen läßt, ist Nebensache.)

 

 

Noch so ein Vorteil der Westküste: die Tage sind hier am längsten. Bis die Sonne untergeht, scheint sie einem frontal ins Gesicht. Und weil vorm Deich ja Garnichts ist, kann auch nichts Schatten werfen. So läßt sich der letzte Sommertag bis zur letzten Neige auskosten. Und wenn man Lust hat, wagt man zwischen Bad und Sonnenbad eine kleine Vorschau auf den Herbst.

 

Wer Vorfreude auf den Herbst sucht, ist in Nordermeldorf goldrichtig

 

Jenseits des Deichs zwischen Nordmeldorf und Wawerort liegt das Naturschutzgebiet Wöhrdener Loch. Genau wie das benachbarte NSG Kronenloch im Rücken der Badestelle Elpersbüttel ist es kein verschwenderischer Urwald, indem man sich verlieren könnte, sondern eher eingezäuntes plattes Land mit Wasserstellen. Nur wer sich Zeit nimmt genauer hinzuschauen – vielleicht eine Weile an einem Aussichtspunkt abwartet – wird belohnt.

 

 

Die krassestens Glücksschauer rasen Tierfreunden über den Rücken, wenn Koniks in der Ferne auftauchen oder ein gewaltiger Vogelschwarm aufsteigt. Da beginnt man doch tatsächlich, sich über das Sommerende zu freuen, die Zeit der großen Vogelzüge. Wunderbar (und viel ausführlicher) beschreibt Andrea auf ihrem Blog indigoblau den Zauber des Speicherkoogs.

 

Koniks

 

(Nebenbei gesagt: Ich hätte mir bei Schaffung der Naturschutzgebiete – das war erst im Jahr 1985, nachdem die Meldorfer Bucht eingedeicht war – romantischere Namen ausgedacht. Aber Dithmarscher sind wohl recht pragmatisch. Kronenloch und Wöhrdener Loch hießen die alten Arme des Gezeitenstroms – und so heißt jetzt eben auch das neue Land. Nicht lang schnacken und so.)

 

 

Apropos nicht lang schnacken: Meinen Erfahrungen nach kann man das Sommergefühl in der Meldorfer Bucht noch bis in den Oktober hinein finden. Es braucht aber wolkenlose Windstille. Wenn also demnächst die berühmten zwei südlicheren Tage aus Rilkes Herbstgedicht anstehen, wäre es ratsam, alles stehen und liegen zu lassen und zur Badestelle Nordermeldorf aufzubrechen. Falls man der Typ für Garnichts ist.

 

Wattenmeer

 

PS.: Hier geht´s zu den eingangs erwähnten Nuancen, in denen sich die Badestelle Elpersbüttel von der Badestelle Nordermeldorf unterscheidet: Klick.

20 Kommentare

  1. Dieses Blau … und dieses Grün … tolle Farben in der Natur!! Wirklich schöne Bilder. Hast du schon mal daran gedacht, sie auf Leinwand ziehen zu lassen?

    • Dankeschön 🙂 (Gibt schon ein paar Leute, die Bilder vom Blog in Riesenformat an der Wand hängen haben – in der Mehrzahl allerdings tosende Wellen.)

  2. Speziell ist doch toll, es muss halt nicht immer Sandstrand und Dünen sein :-). Letztlich ist das nur ein Klischee, der größte Teil der deutschen Nordseeküste sieht so aus wie oben.

    • Das stimmt natürlich. Dithmarschen hat diesbezüglich nur den Standortnachteil in direkter Nähe zu den gewaltigen Sandstränden von Eiderstedt zu liegen.

  3. Also „Garnichts“ finde ich doch heftig untertrieben. Mir erscheint die Gegend geradezu energiegeladen – jede Menge Kilo Watt.

    • Vielen Dank für die Erinnerung – ich schrieb nur über das Sichtbare (aber nicht, dass im Verborgenen mehr Kleinstlebewesen im Watt unterwegs sind als in jedem Urwald).

  4. Moin!
    Das scheint einer Eurer Lieblingsplätze geworden zu sein, oder?
    Verstehen kann ich es. Das ist einfach unschlagbar, sich treiben lassen zu können, aber eigentlich egal bei Wind und Wetter.
    Im Sommer ist das ja schon für Hamburger super entspannt dort, aber außerhalb der Saision? dann fällt man auf an der Küste. Allerdings sollte man das aushalten können, diese Ruhe. Bei grauem, kalten udn stürmischen Wetter ist das nicht weniger reizvoll.
    Und wer es doch trubeliger haben und Dithmarschen wirklich kennen lernen möchte: ab 18. September sind dort die Kohltage. Und wer isn Kohlmuseum fährt udn dort einmal Sauerkraut aus dem Glas probiert, der wird von nichts anderem mehr schwärmen- als vom Kohl aus Dithmarschen mit seinem ewig langen Deich.

    • Liebe Kai, es ist wirklich ein Lieblingsplatz von uns – und ich würde sehr gern mal bei Sturm zwischen Friedrichskoog Spitze und Nordermeldorf durch die Gegend eiern. Ich habe die Nordsee dort noch nie bewegt gesehen! Und im Kohlmuseum in Wesselburen war ich auch noch immer nicht. Werde ich aber mal. Werde ich aber mal. Liebe Grüße, Stefanie

  5. „Superduper schräges Nichts…“ Da muss ich ja mal wieder lachen! Seit ich Deinen Blog lese, ist mir erst richtig bewusst geworden, wo ich hier gelandet bin 🙂 Aber ich scheine das richtige Gemüt für Dithmarschen zu haben, denn von dem weiten Nichts kann ich gar nicht genug bekommen (wenn das überhaupt geht!?). Schräge Grüsse nach Hamburg, Ulrike

    • Ich finde das Nichts ja auch so herrlich. Eure Ecke habe ich erst mit dem Blog bewusst wahrgenommen. Vorher kannte ich von Norddeutschland nur die (liebliche, liebliche) Ostsee oder die Megasandstrände der Nordsee. Und als ich dann nach Dithmarschen kam, waren da diese zwei besonderen Momente, an die mich gar nicht gewöhnen kann (also, das wirkt bei mir jedes Mal). 1. Moment: Man stiefelt über den Deich – voller Erwartungen – und wenn man dann oben drauf steht, denkt man: ääääähhh….ja. (Weil da ja gar nichts ist). 2. Moment: Man läßt das Nichts ein paar Minuten auf sich wirken – und dann wird daraus aufeinmal irgendwie Alles. Ist schon besonders. Ganz liebe Grüße zurück (aus dem Zug Richtung Kiel), Stefanie

  6. So wunderbar beschrieben und jetzt werde ich fast wehmütig, da wir uns fast in Dithmarschen nieder ließen, bevor wir dann doch auf Inselanien landeten 😍

  7. Genial und so treffend wie du meine alte Heimat beschrieben hast:“Dithmarschen kann man nicht erklären, Dithmarschen muss man fühlen.“
    Genau so ist es. 😀

    • Und das Gute: von Euch aus ist man ja auch total schnell in Meldorf. Vielleicht mal ein guter Kontrastausflug, wenn´s nicht zum Segeln geht. Ganz liebe Grüße, Stefanie

  8. da ich ab Oktober zur Kur in Bad St.Peter-Ording weile,sollte ich unbedingt mal die Gelegenheit nutzen,mit das „Nichts und Gar nichts“ anzuschauen-das ist nämlich ganz und gar meine Kragenweite !
    Ich mag es,wenn die Gegend mehr oder weniger menschenleer ist und man sich voll und ganz auf die Natur konzentrieren kann.
    Ist ja dort fast genauso wie auf meiner von mir innig geliebten Hallig Lüttmoor !

    • Lieber Stadionsammler, SPO käme bei mir auch in die engere Wahl, wenn ich mal zur Kur müßte. Da kann man mitten im Leben sein und wenn man Stille sucht, findet man sie in jeder Richtung. Alles Gute, Stefanie

  9. Zu gut, wie du diesen ja eigentlich unbeschreiblichen Landstrich beschreibst, Stefanie!!! Auch die Menschen sind ja sehr eigen. Manchmal denke ich, man erzählt am besten von der listenreichen Bodenständigkeit der Dithmarscher Bauern in der Schlacht von Hemmingstedt anno 1500, um eine Idee zu vermitteln, was einen „da oben“ erwartet. 😉
    Herrliche Fotos auch. Man kann schon verstehen, dass Berg- und Tal-Bewohner Angst haben, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte…

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