England, Noch nördlicher, Norden im Westen, Nordische Nachbarn
Kommentare 19

Ich glaube, hier wurde der Frühling erfunden: Englands Lake District

Abendstimmung

Nachdem wir ein ganzes Jahr in der Naehe blieben, hielten Volko und ich es beide für wahnsinnig originell, einander zum Geburtstag Reisen in die Ferne zu schenken. So was wird natürlich im Verborgenen geplant, was u.a. zur Folge hat, dass man die Termine nicht abspricht. So reisen wir drei Wochen nach unserem Schweden-Trip schon wieder „weiter weg“. Dieses Mal geht es von Hamburg aus gesehen nur einen Tick weiter nördlich; dafür aber sehr viel weiter westlich – nach Nordengland.

Tag 1 im Lake District

The North steht auf den Wegweisern am Motorway gleich hinter dem Flughafen von Manchester. Und darunter: The Lakes. So nennt der Volksmund den rund 55 X 55 km großen Nationalpark in der Grafschaft Cumbria.  Ich weiß, ich neige zu übermässiger Begeisterung. Doch als wir die M6 nach knapp 100 Meilen verlassen, tauchen wir derart abrupt in eine Landschaft überirdischer Schönheit ein, dass man einfach nur hingerissen sein kann.

Sanft geschwungene Hügel, Bäche in steinigen Flussbetten, in der Ferne schneebeckte Gipfel, knorrige Bäume, Narzissenteppiche und Ginsterurwälder. Wen stört es da, dass wir uns in der regenreichsten Gegend Englands befinden?

Uns schon mal nicht. Zumal es auch gar nicht regnet. Wir machen einen ersten Stopp in

Windermere & Bowness

Noch wissen wir nicht, dass alle Gemeinden im Lake District so malerisch sind wie die zusammengewachsenen Ortschaften Windermere & Bowness. Bis wir die Meile vom Parkplatz in Windermere bis zum Seeufer in Bowness gegangen sind, haben wir aber immerhin begriffen, dass wir sie unmöglich alle festhalten können – die Shops und Pubs und Cottages und B&Bs, die so sagenhaft englisch aussehen.

Alles wirkt, als wäre es der Feder der Lokalheldin Beatrix Potter entsprungen. Die Schöpferin von Peter Rabbit ist überall im Lake District allgegenwärtig; besonders aber in Bowness on Windermere. „The World of Beatrix Potter“ ist eine der großen Attraktionen im Ort, der insgesamt als Hauptanziehungspunkt für Touristen gilt.

Windermere liegt am Windermere, dem größten See Englands

lakeWindermereDer Lake District ist eng mit der englischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts verbunden. Die Naturlyrik der Lake Poets thematisierte die Schönheit der Landschaft und lockte so erste Vergnügungsreisende an. Heute besuchen jährlich etwa 14 Mio. Touristen den Lake Disctrict. Aber irgendwie haben es die Engländer geschafft, den zauberhaften, romantischen Charme vergangener Zeiten zu erhalten.

WindermereAuch wenn die Touristen heute eher wegen Outdoor-Aktivitäten in den Bergen kommen, ist eine Dampferfahrt auf dem Windermere noch immer die zweitbeliebteste Touristenattraktion des gesamten Vereinigten Königreichs. Wir bleiben am Ufer sitzen und essen – Ehrensache, wir sind immerhin in England – Fish & Chips.

DampferWindermereWas ich interessiert beobachte: Engländer füttern Schwäne! Bei uns wächst man ja mit Horror-Geschichten auf – über Flügelschläge, die einem erwachsenen Mann den Arm brechen können. Aber hier haben selbst kleine Kinder keine Angst, wenn die Schwäne nach den Tüten mit dem Entenfutter schnappen.

SchwäneWindermereAm Horizont wird der Himmel heller. Und wir werden langsam neugierig auf unsere Unterkunft. Sie liegt am nördlichen Ende des Lake District – noch befinden wir uns ganz im Süden.

PanoramaWindermereWährend Volko mich durch die Gegend kutschiert, notiere ich im Geiste:

Warum man Engländer lieben muss

Stell Dir vor, Du befindest Dich in der Touristenhochburg eines fremden Landes. Er herrscht Linksverkehr. D.h. Du fährst auf der falschen Seite, Du sitzt auf der falschen Seite, Du kuppelst auf der falschen Seite. Die viel befahrenen Straßen winden sich im Zickzack durch Berge und sind eigentlich zu schmal für zwei Autos. Wenn Du dann nicht die Nerven verlierst, befindest Du Dich wahrscheinlich in England… Weil Engländer viel zu höflich sind, um zu hupen, zu drängeln, dicht aufzufahren oder aufzublinken…

Und nur aufgrund dieser besonderen Höflichkeit funktioniert das mit dem Massentourismus im Lake District. Die Menschen sind so zuvorkommend und gelassen, dass man sie sich niemals wegwünscht.

Wobei das mit dem Massentourismus im Norden des Lake Districts auch gar nicht stimmt. Hier oben ist man fast an der schottischen Grenze und alles geht etwas beschaulicher zu. Eine angeblich beliebte regionale Scherzfrage in den Nothern Lakes: Wie viele Seen hat der Lake District? 1.000, möchte man rufen. Denn so lautet die offizielle Schätzung. Aber – höhöhö – die richtige Antwort heißt: Einen.

Der Bassenthwaite Lake

BassenwaitheLakeEr ist der nördlichste See im Lake District – und der einzige See. Alle anderen Seen heißen -mere oder -water. Unsere Unterkunft liegt etwas oberhalb des Ufers: Bassenfell Manor.

BassenfellManor

Genauer gesagt handelt es sich um das Bassenfell Manor Christian Center. Krähenumkrächzt und seltsam ist das, aber unschlagbar preiswert. Für das (blitzsaubere) 2-Zimmer-Appartement zahlen wir € 64,– pro Nacht.

Gastgeberin Patty zeigt sich bei der kurzen Begrüßung erstaunt: Deutsche hat sie noch nie beherbergt. Aber neulich wären mal Holländer da gewesen. Und ob wir das mit der Bezahlung direkt regeln könnten? Klar, kein Problem, machen wir. Sie leiht uns noch eine Wanderkarte – und dann sehen wir sie nie wieder. Auch die mindestens 30 anderen Christen, die sich den Autos nach auf Bassenfell Manor befinden müssten, bekommen wir kein einziges Mal zu Gesicht. Fast ein bisschen unheimlich. Aber das passt ja ins Königreich und wir sind ohnehin gern für uns. Von daher: alles bene.

Zumal die Umgebung wundervoll ist. Besonders wenn der Himmel aufklart.

UnderSkiddawDas Dorf Bassenthwaite befindet sich am Fuß des Skiddaw, einem der höchsten Berge Englands. (Was nicht viel heißt. Er misst nicht einmal 1.000 Meter.) Die Gegend ist mehr als ländlich. Verlassen, trifft es eher. Berge, Steinmauern, Schafe, irgendwo in der Ferne ab und zu eine Farm – mehr gibt es nicht. Aber mehr braucht ja auch kein Mensch.

SchafeWie das duftet kann ich ja leider nicht zeigen; aber wenigstenst wie es klingt.  Bassenthwaite an einem Frühlingsabend – für mich ist das Musik: Bachmelodie  (15 Sekunden Ruhe).

AllerdaleIn Bassenthwaite gibt es zwar einen Pub – einen Kaufmann jedoch nicht. Der nächste Supermarkt liegt in Cockermouth; acht Meilen rund um den See. Zum Glück, möchte ich betonen – denn so sind wir pünktlich zum Sonnenuntergang am Ufer. Wunderschön ist das. Und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Kommende. Davon dann bald mehr…

SonnenuntergangBassenthwaiteLake

19 Kommentare

  1. Reinhold sagt

    Hi there, wie cool. Grüße von Alex und Reinhold an Euch und die Lakes. Wie toll, Windermere und Umgebung. Wenn ich die Fotos sehe, dann ist alles wieder da. 4 Monate in diesem herrlichen Land, mit liebenswerten Menschen und einer beeindruckenden Landschaft. Genießt jede Minute. Wir sind gespannt auf weitere Berichte. Wie gerne würden wir in einem Pub sitzen und ein kühles Guiness oder Lager trinken und das erstaunlich leckere Essen genießen. Sind sehr gespannt auf Eure weiteren Eindrücke. LG.

    • Stefanie sagt

      Hallo Ihr Beiden – 4 Monate, das ist natürlich ein Traum. Wir hatten nur 5 Tage – aber auch das war ein Traum. Inzwischen sind wir schon wieder zurück. Gedanklich aber noch ganz im Lake District verhaftet. So was Wunderbares! Auch wenn ich sagen muss, dass mir das Bier nicht so geschmeckt hat. Prickelte irgendwie gar nicht. Vielleicht war´s die falsche Marke 🙂

    • Stefanie sagt

      Ach, vielen Dank, Natalie. Ein Kompliment aus so berufenem Mund freut mich sehr. Sehr. Liebe Grüße, Stefanie

  2. ach wie schön…ich war ja damals NOCH nördlicher, die Landschaft erscheint mir etwas lieblicher als in Schottland. Engländer (und auch Schotten) sind so unglaublich NETT – die entschuldigen sich ja sogar, wenn man ihnen auf die Füße tritt :o) Ich muss auch unbedingt mal wieder in die Gegend Lg Merle

    • Stefanie sagt

      Die Leute sind einfach reizend. Sie haben mich auch immer so schön gelobt. Als ich zum Beispiel stundenlang nach den richtigen Münzen suchte, um mein Eis zu bezahlen (und die Schlange hinter mir immer länger wurde), sagte die Verkäuferin am Ende zu mir: „You did it very, very well, my love.“ 🙂 Noch noch nördlicher würde ich auch gern mal. Besonders auf die Isle of Skye. Warst Du da eigentlich auch?

  3. Klar, da war ich auch. Ws ist einfach herzzerreißend schön da. Aber wenn man schonmal so weit hoch fährt, dann lieber noch ein Stück weiter und auf die Hebriden…

    • Stefanie sagt

      Skye gehört doch schon zu den (inneren) Hebriden, oder? Die Äußeren Hebriden finde ich auch klasse. Muss man mal irgendwann machen, wenn man viel Zeit (und ordentlichTaschengeld) hat.

  4. Wunderschöne Aufnahmen, so lebendig, ich habe das Gefühl, ich wäre dabei gewesen;-). Ihr könntet damit glatt zur Mare Zeitschrift gehen;-). Liebe Grüße Andrea

    • Stefanie sagt

      Besten Dank für das Kompliment. Nur, dass kein Meer zu sehen ist 😉 (Kommt aber – im nächsten Beitrag).

  5. Vielen Dank für diesen (ersten) wunderbaren Bericht und die tollen Bilder. Ich möchte jetzt sofort da hin! 🙂

    Viele Grüße
    Nicole

    • Stefanie sagt

      Weißt Du, Nicole, ich kann es Dir eigentlich nur wünschen – muss ja nicht sofort sein. Aber irgendwann.

  6. Hallo Stefanie,

    ich lese mit wahrem Hochgenuss von eurer Reise in dieses Wunderwerk der englischen Natur. Eure Fotos sind so wunderschön und ich erkenne darauf so viele Orte wieder, die mir vertraut und lieb sind wie Bowness und Windermere, aber auch solche, die ich noch entdecken möchte. Und zur Höflichkeit der Engländer hier im Norden. Meine Güte, das kann ich nur bestätigen. Man wird hier überall mit solchem Respekt und ehrlicher Freundlichkeit behandelt, dass man eigentlich dauerhaft geschmeichelt ist. Ich wünsche euch, dass Ihr wiederkommt und noch viele weitere tolle Erlebnisse in Nordengland habt.

    Herzlichst
    Steffi

    • Stefanie sagt

      Danke, Steffi – für Deinen lieben Kommentar und die Wünsche. Bis wir dann irgendwann mal Yorkshire in Angriff nehmen, werde ich auf Deinem Blog in Gedanken reisen. Liebe Grüße, Stefanie

  7. Das sind wundervolle Bilder und Geschichten aus dem Lake District und ihr habt sooooo recht. Die Engländer sind einfach toll, die Landschaft ist toll und man muss sich verlieben in diese Ausblicke. Und erst die hübschen Orte. Leider sind die ja oft überlaufen. Wirklich gefesselt haben uns in die Bergpässe: Wrynose Pass, der Hardknott Pass… Abenteuer pur!

  8. Pingback: Wandern auf dem Elbwanderweg: Von Wedel nach St. Pauli

  9. Pingback: Der Norden für Durchschnittsreisende

  10. Pingback: Gestern war das Wetter super: eine Nacht im POD im Camp Langholz -

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.