Allgemein
Kommentare 12

Übers Haff nun fliegt die Möwe: 3 Spaziergänge in Husum

Husum

Wenn der eine Husum sagt, zitiert der andere mit 95%iger Wahrscheinlichkeit Theodor Storms graue Stadt am Meer. Und fügt in geschätzten 70% der Fälle hinzu: soooo grau soll Husum ja gar nicht sein.

Doch das kommt auf den Blickwinkel an.

Wer (wie ich) zum Auftakt eines Tagesausflugs zunächst das Meer begrüßen möchte, muss durch den Außenhafen. Und bei dem handelt es sich um den hässlichsten Hafen von Schleswig-Holstein. Leider wirklich wahr. Mächtige, gewaltige, monströse, schmutziggraue Silos und andere Industrieanlagen versperren auf beiden Seiten der Husumer Au einerseits den Blick zur See, andererseits auf die kleine Stadt und drücken geradewegs aufs Gemüt.

 

Rund um die Dockkoogspitze: ein Dreiviertelstündchen

 

Viel fröhlicher wirds nicht auf dem weiteren Weg. Schnurgerade und baumlos führt die Dockkoogstraße knappe 3 km zur Dockkoogspitze. Dort liegt die Badestelle von Husum. Trist und verwaist. Wie es sich für die Nordsee gehört.

 

Dockkoogspitze

 

Zu Storms Zeiten war das Panorama von Husum natürlich noch nicht verschandelt. Dieses Jahr feiert die Stadt immerhin schon des Dichters 200. Geburtstag. Aber man weiß schon, wie Theodor Storm das gemeint hat in seinem berühmten Gedicht „Die Stadt„.

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Ich mag ja Eintönigkeit und Stille und Meeresbrausen. Besonders wenn die Wellen gegen das Deckwerk knallen, so dass ich Nordseespritzer abbekomme. Ganz salzig schmecken die; zum Verlieben. Und tief durchatmen.

 

Nordsee

 

Ich würde jetzt nicht so weit gehen, einen ganzen, langen Badetag an der Dockkoogspitze verbringen zu wollen. Doch zum Warmlaufen (und um die Schreibtischwoche aus den Gelenken zu schütteln) ist der Spaziergang genau richtig. Drüben auf Nordstrand scheint schon die Sonne. Dem Wind nach müsste sie irgendwann demnächst das Festland erreichen. In der Zwischenzeit werde ich mir Husum City ansehen.

 

Kulturpfad Husum: 1 – 2 Stunden (exkl. Museen)

 

Husum, das ist recht typisch für die Nordseeküste Schleswig Holsteins, gibt sich nach außen abweisend.  Nie würde man auf der Vorbeifahrt darauf kommen, was in der Stadt steckt. In der Tourist-Information am Markt schnappe ich mir den Flyer zum Kulturpfad. Er verbindet 34 kulturell interessante Orte im Innenstadtbereich. Ich mag Themenspaziergänge. Es hat immer was von einer Schnitzeljagd und nebenbei bekommt man einen ganz guten Eindruck von Husum.

 

 

Meinem Gefühl nach handelt es sich bei rund der Hälfte der Stationen um Plätze, an denen Storm entweder geboren wurde, lebte, Novellen verortete oder begraben liegt. Husum ohne Storm geht nicht. Genau wie Storm nicht ohne Husum sein mochte über das er schrieb:

»Es ist nur ein schmuckloses Städtchen, meine Vaterstadt; sie liegt in einer baumlosen Küstenebene und ihre Häuser sind alt und finster. Dennoch habe ich sie immer für einen angenehmen Ort gehalten …«

Angenehm kann ich unterschreiben. Schmucklos, alt und finster kommt Husum mir allerdings gar nicht vor. Im Gegenteil wirkt auf mich alles recht lebhaft und hell. Im Schlosspark schicken sich gerade 4 Mio Krokusse an, ihre Blüten zu entfalten.

 

 

Die Krokusblüte ist eine der Attraktionen und wird jedes Jahr mit einem großen Fest gefeiert. Dieses Jahr am 18. und 19. März. (Ja, genau, dieses Wochenende.) Der Legende nach pflanzten die „Grauen Mönche“ die Krokusse bereits im 15. Jahrhundert an, um Safran zu gewinnen.

 

Husum: graue Stadt, graue Mönche, lila Krokusse

 

Sehr interessant. Da fragt man sich nun sein Leben lang, was Safran macht (nämlich: den Kuchen gehl. Wtf?!) aber nicht, was Safran überhaupt ist. Jetzt weiß ich, es sind die Stempelfäden einer Krokus-Art. Sie färben gelb (gehl) oder eben lila, wie es sich die Grauen Mönche vorstellten. Allerdings hätten sie dafür eine andere Krokus-Art wählen sollen. Mit der Husumer Variante funktioniert es nämlich nicht, sie kann nichts als hübsch aussehen (und massenhaft Touristen anlocken).

 

 

Theodor Storm hätte das mit dem Safran vermutlich gewusst. Der passionierte Gärtner liebte seinen Garten in der Wasserreihe 31. Leider hat das Theodor-Storm-Museum heute geschlossen (was ich ein bisschen seltsam finde an einem Freitag). Am Durchgang vom Garten zum Hof (Foto) sind Skizzen und Auszüge aus Briefen Storms angebracht. Da schwärmt er von seinem Sommerleben, das beinahe ausschließlich im Garten stattfindet. Er scheint nicht nur ein besonders phantasievoller sondern auch bescheidener Mensch gewesen zu sein.

 

 

Apropos bescheiden. Dafür, dass ich gerade letzte Woche in einem Beitrag behauptet habe, ich würde nicht über den Bedarf konsumieren, lasse ich den Rubel im Husumer Antiquariat ganz schön rollen. Wer auf schöne Bilderbücher, alte Klassiker, besondere Papeteriewaren und antiken Spielzeug-Kitsch steht, wird das verwinkelte Lädchen schräg gegenüber vom Storm-Haus lieben.

 

Antiquariat

 

Während anderswo in Norddeutschland Tische und Stühle noch bis Ostern im Winterquartier eingelagert bleiben, speist man im Husumer Binnenhafen längst schon im Freien. Frierst Du, bist Du kein Nordfriese, erklärt mir ein Kellner in der Osteria das Konzept. Sich selbst bezeichnet er als italienischen Nordfriesen. Und ich bin eine Hamburger Nordfriesin, denn ich friere gar nicht!

 

Von Lundenbergsand zur Wester-Spätinge: 2 – 3 Stunden

 

Inzwischen hat die Sonne sich durchgesetzt. Immer am Deich entlang fahre ich in südlicher Richtung die Küste hinunter. Schöner wäre das jetzt eigentlich mit dem Rad. Es ist beinahe windstill und auf den Deichwegen der Husumer Bucht rollen die Räder eh fast von allein.

 

Simonsberg

 

Überhaupt ist Husum einer der wenigen Orte in Nordfriesland, die man nicht unbedingt mit dem Auto ansteuern muss. Viel streßloser ist es mit der Bahn. Von Altona fahren stündlich Züge (Dauer: 1 h 48; also etwa die gleiche Zeit wie mit dem Auto). Ein Rad kann man sich in Husum für 7 Euro pro Tag leihen.

 

Lundenberg Sand

 

Ich bin froh als ich mein Auto endlich loswerde – am Parkplatz der Badestelle Lundenbergsand. Und tatsächlich: da ist Sand. Nicht gerade „wie Sand am Meer“ (höhöhö). Aber für Kinder würde es zum Buddeln reichen, denke ich.

 

Badestelle Simonsberg

 

Normalerweise gehe ich lieber Rundwege als ein und denselben Weg hin und zurück, aber bei Deichspaziergängen ist das was anderes. Die Eindrücke buten, binnen und auf dem Deich sind so unterschiedlich, dass es mir niemals langweilig wird. Vorm Deich ist die Luft kühl und frisch. Hinterm Deich warm und schon ganz sanft. Stille ist überall. Und das ist das Beste.

 

Deich

 

Nach guten drei Kilometern erreiche das Vorzeige-Dörfchen Simonsberg. Kleine Friesenhäuser ducken sich links und rechts der erhöhten Dorfstraße. (Wer weder Auto noch Rad fahren mag, kann Simonsberg übrigens auch mit dem Linienbus von Husum aus erreichen.

 

Deichvorland

 

Am Seedeich führt ein schmaler Fußweg zu einem Schöpfwerk. Direkt daneben liegt die Infohütte des NABU, der das Naturschutzgebiet Wester-Spätinge betreut.

 

Jenseits von Husum: NSG Wester-Spätinge

 

Es ist nur ein kleines Naturschutzgebiebt, gerade mal 27 ha groß, hat aber eine große Bedeutung für viele Brut- und Rastvögel. Besonders Nonnen- und Graugänse überwintern hier gern, bis sie im Frühjahr in den hohen Norden ziehen.

 

nabu

 

Spätinge sind Flächen denen man Klei für den Deichbau entnommen hat (mit dem Spaten). So sind flache Teiche entstanden, die mit der Zeit stark verschilften. Für Wasser- und Watvögel ist das perfekt zum Rasten, Brüten oder Süßwasserbaden. Betreten darf man die West-Spätinge nicht. Muss man auch nicht – der Blick von Außen ist gut genug, um die Welt einen Moment zu vergessen.

 

Graugans

 

Den Rückweg trete ich erst an, als die ersten Wolken aufziehen. Selbst aus 10 km Entfernung reicht mein Blick bis zu Husums scheußlichem Außenhafen. Aber wenn man auch die anderen Seiten der Stadt kennt, weiß man schon, wie Storm das gemeint hat:

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

 

Nordseestrand

12 Kommentare

  1. Da hast Du ja ganz schön viele Eindrücke gesammelt, alles an nur einem Tag? Mir mal die Krokusblüte in Husum anzusehen, nehme ich mir schon seit Jahren vor. Und schaffe es irgendwie nie. Schade eigentlich…

    Liebe Grüße, Martina

  2. HannoverblickOst sagt

    Da werden Kindheitserinnerungen wach! Am Strand von Husum…Ich denke ich schau mir mal die Zugverbindung von H an 🙂 Einen „gelb-blauen: Donnerstag wünsche ich!

    • Guter Tag heute, nech 🙂 Ist voll witzig, ich höre oft von Leuten, die mit der Nordseeküste in Schleswig-Holstein Kindheitserinnerung verbinden. Viele sind nie wieder gekommen 🙂 Woran das wohl liegt? (Aber ernsthaft: als Erwachsene ist das schon wirklich eine tolle Ecke. So wesentlich.) Danke für Deinen Kommentar. Und liebe Grüße.

  3. Ich kenne mehr die Innenstadt von Husum und fand die auch nie grau oder häßlich. Die Wege am Wasser, die du gegangen bist, kenne ich nicht – könnte man beim nächsten Besuch gut mal nachholen. 😉

    Liebe Grüße Eva

    • Die Innenstadt hat mir auch wirklich gut gefallen. So schöner Einzelhandel überall und eine echt schöne Architektur. Man glaubt gar nicht, dass Husum so klein ist. Hab einen schönen Abend, Stefanie

  4. Moin Stefanie,

    als wir heute in Neustadt am Hafen standen, dachte ich genau das Gleiche. Schön geht irgendwie anders. Ich finde, Husum wird immer attraktiver, desto öfter man es erkundet. So geht uns das irgendwie. Der Rest von deiner Tour schien ja spannender zu sein und macht Lust auf mehr.

    Liebe Grüße,
    Claudia

    • Aha, Claudia, Neustadt. Das ist interessant. Ich habe beim Schreiben des Beitrags länger überlegt, ob ich hinzufügen soll, dass Husum nur VIELLEICHT der hässlichste Hafen ist, weil möglicherweise Neustadt noch hässlicher sein könnte. Bisher haben wir immer einen Bogen drumrum gemacht, weil das ja auch schon von Ferne so wenig verlockend wirkt. Aber vielleicht sollten wir doch mal…. Liebe Grüße und vielen Dank für die Info, Stefanie

    • Eine Art kosmisches Gesetz. Wenn ich Arbeitgeberin wäre, würde ich meine Leute ja nicht zwingen, unbedingt am Wochenende Wochenende zu machen. Ich glaube, ein bisschen mehr Flexibilität wäre super für die Motivation aller Angestellten. Arbeiten bei Schmuddelwetter, raus bei Sonnenschein. Das müsste per Dekret erlaubt werden!

  5. Wunderschöne Fotos. Ich weiß nicht warum, aber wenn ich Deine Artikel lese und die Fotos sehe, dann kann ich die leichte Nordseebrise förmlich auf meiner Haut spüren und die Meerluft riechen. Danke für diesen kleinen Abstecher nach Husum 😉 Jetzt bin ich erholt 😉

Kommentar verfassen