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Die Salzwiesen wachsen hören – auf dem Trischendamm

Trischendamm

Am Wochende lief ich auf dem Trischendamm 2,2 Kilometer in die Nordsee hinaus. Eine Sache, die man in Schleswig-Holstein unbedingt mal gemacht haben muss. Unbedingt! Und das ist nicht der einzige Grund Friedrichskoog, dem südlichsten Nordseeheilbad im nördlichsten Bundesland, die Ehre zu geben.

 

Friedrichskoog Spitze

Der Strand von Friedrichskoog Spitze

 

Friedrichskoog ist auf den ersten Blick weder schön noch gefällig. Aber das ist ja gerade das Gute. Friedrichskoog hat einen eingebauten Schutz gegen Overtourism. Ich habe es hier noch nie überfüllt erlebt. Und wenn die Seevögel einmal für eine Minute still sind, kann man das Gras wachsen hören. Bzw. die Salzwiesen. Selbst in der Hochsaison.

 

Ruhe jetzt! Friedrichskoog Spitze und der Trischendamm

 

Friedrichskoog entstand in den 1850er Jahre durch die Eindeichung von 7 Inseln. Die äußerste Insel, Dieksand, wird heute Friedrichskoog Spitze genannt. Hier befindet sich der „Strand“ von Friedrichskoog. Bei dem es sich wie fast überall an der deutschen Nordseeküste nicht um Strand handelt, sondern schlicht um das Ende von allem.

 

 

Man kann das natürlich auch anders herum sehen. Dort wo das Land endet, beginnt der mit Abstand größte Nationalpark Mitteleuropas: das Wattenmeer. Und in Friedrichskoog kommt noch ein weiteres Superlativ dazu: der größte Salzwiesenkomplex im Nationalpark.

 

Trischendamm

 

Seit mich der Trischendamm bei meinem ersten Besuch vollkommen überwältigt hat, statte ich ihm jedes Jahr einen Besuch ab. Er ist nicht nur ein wunderbarer Spazierpfad. Er ist auch ein prima Lehrpfad zur Entstehung von Salzwiesen. Auf dem Rückweg bildete ich mir jedenfalls ein, die drei Stadien ihrer Entwicklungsgeschichte zu durchwandern.

 

Nordsee

 

Am Anfang ist die Nordsee. Sind Ebbe und Flut. Und jede Flut bringt winzigste Teilchen, die auf den Boden schweben und sich dort absetzen. Aufschlickung nennt man diesen Prozess. Er klappt in Friedrichskoog besonders gut, weil sich hier noch ordentlich Süßwasser der Elbe in die Nordsee mischt. Kleinste Teilchen sind offenbar wie Menschen. Sie sinken im Süßwasser leichter zu Boden als im Salzwasser.

 

Queller

 

Irgendwann haben genügend Sedimente den Nährboden für erste Pionierpflanzen gebildet. Schlickgras und Queller können es ab, wenn sie mit jeder Flut überschwemmt werden. Daher wird die Salzwiese in diesem frühem Stadium auch als Quellerzone bezeichnet.

 

Zwischen Land und Meer: Salzwiesen

 

Die typischen Holzpflockreihen unterstüzten die Aufschlickung. Und nach einer Weile schützen die Pionierpflanzen das Land in ihrem Rücken. Es bleibt immer häufiger von Überschwemmung verschont.

 

Andelzone

 

Wird das Land „bloß“ noch 200 Mal im Jahr überschwemmt, können sich Andelgras, Strandaster und Strandflieder ansiedeln. Die Quellerzone ist zur Andelzone geworden.

 

Strandflieder

 

Strandflieder und Strandastern sind etwas Herrliches. Besonders zur Blüte zwischen Juli und September. Dann ziehen sie unzählige Schmetterlinge an. Etwa 20 Schmetterlingsarten leben in den Salzwiesen. Geimeinsam mit 780 anderen Tierarten, von denen manche nur hier vorkommen.

 

Rotschwingelzone

 

Im letzten Stadium verwandelt sich die Andelzone zur Rotschwingelzone. Sie wird jetzt nur noch von hohen Fluten erreicht. Das lockt weniger robuste Pflanzen an. Wie Strandwegerich, Strandnelken und Strandwermut. D.h. die Salzwiese erreicht ihre maximale Schönheit. So wie am Trischendamm.

 

Salzwiese Trischendamm

 

Salzwiesen sind nicht nur aus ästhetischen Gründen eine Wucht. Sie sind auch ungeheuer wichtige Brut- und Rastgebiete. Daneben auch noch der beste Küstenschutz überhaupt. Besser als Deiche. Oder sogar der Trischendamm. Er wurde 1935/36 gebaut, als ein Pril den Deich zu unterspülen drohte.

 

Mittelplate Trischendamm

 

Ursprünglich sollte der Trischendamm zehn Kilometer lang werden und bis zur Insel Trischen führen. Schon nach einem Viertel der Strecke stellt man jedoch fest, dass der Damm ungute Strömungen verursachte. Trischen wäre beinahe entzwei gebrochen. Und so ließ man es nach 2,4 Kilometern und 16.000 Tonnen Basaltgestein gut sein.

 

Ende Gelände: der Trischendamm

 

Trischen zeigt sich dafür entgegenkommend. 30 Meter pro Jahr wandert die Insel jährlich dem Land entgegen. Allzu eilig hat sie´s also nicht. Sie ist wohl einfach damit zufrieden ein Vogelparadies zu sein und braucht nicht mehr Gesellschaft als die Vogelwartin Anne de Walmont. (Annes Blog könnt Ihr hier abonnieren.)

 

Erdoiel Nordsee

 

Trischen lässt sich mit bloßem Auge als Sandstreifen in der Ferne ausmachen. Zwischen den Damm und die Insel hat sich die Bohrinsel Mittelplate gemogelt. Auf mich wirken die Fördertürme wie ein mahnender Zeigefinger. Die Welt ist eben keine Ponyhof. Noch eindrücklicher vermittelt das die Neulandhalle.

 

Die Neulandhalle – eine Anti-Kirche der Nazis

 

Als ich vor zwei Jahren die unglaubliche Geschichte der Neulandhalle auf einer verblichenen Infotafel zu entziffern versuchte, war die Kultstätte der Nazis noch ein Lost Place. Inzwischen hat sie sich in einen Historischen Lernort verwandelt. Eine Ausstellung auf dem Außengelände erzählt vom ehemaligen Adolf-Hitler-Koog.

 

 

Die Ausstellung ist nicht groß. Eine knappe Stunde reicht für den Besuch. Die Wirkung habe ich als maximal erlebt. Vielleicht weil ich die meiste Zeit ganz allein war. Und natürlich wird der verführerische Größenwahn von «Blut und Boden« an seinen Original-Schauplätzen besonders begreifbar.

 

Adolf Hitler Koog

 

Die kältesten Schauer jagten mir die Parallelen von Nazi-Propaganda und AfD-Hetze über den Rücken. Es bedrückt mich sehr, Teil einer Gesellschaft zu sein, die Faschisten in Bundestag und Landtage hievt. Und es macht mich auch wütend. Trotzdem – gerade – ist die Neulandhalle für mich ein weiterer Ort, den man in Schleswig-Holstein unbedingt gesehen haben muss. Besucherinformationen hier.

 

Und wenn man nun grad schon mal da ist…

 

Die Neulandhalle liegt vom Trischendamm gesehen etwa zehn Kilometer den Deich hinunter. Ziemlich in der Mitte befindet sich der Geisterhafen von Frierichskoog. Er wurde 2015 aufgegeben. Und eine neue Nutzung lässt noch auf sich warten.

 

 

  • Wer Kinder im Schlepptau hat, muss da trotzdem hin. Denn hier befindet sich nicht nur der Indoor-Spielplatz Willi Wal, sondern auch die Seehundstation Friedrichskoog. (Wer keine Kinder hat, geduldet sich mit dem Besuch, bis die Touristen wieder abgereist sind. Dann ist es deutlich entspannter.)
  • Auch wenn es keinen Friedrichkooger Hafen mehr gibt, gibt es doch Friedrichskooger Krabbenfischer. Sie landen heute in Büsum an und schicken ihre Krabben selbstverständlich nicht zum Pulen nach Marokko. Ob im Fischgeschäft Urthel oder im Krabbenstübchen direkt am Hafen – frischere (bessere) Krabbenbrötchen gibts nicht.
  • Wie überall in Dithmarschen endet ein gelungener Ausflug auch in Friedrichskoog mit einem ausgiebigen Einkauf auf dem Bauernhof, etwa im Altfelder Hofladen.

 

Hafen

 

PS.: Bademäßig gefällt mir Friedrichskoog nicht so gut. Dafür eignen sich die Badestelle von Nordermeldorf und Elpersbüttel im Speicherkoog besser. Aber der liegt ja auch ganz in der Nähe. 13 Kilometer den Deich hinunter.

19 Kommentare

  1. Dieser wie immer tolle Bericht hat meinen Appetit auf Friedrichskoog geweckt.
    Das schaut ja dort fast genauso aus wie auf den Halligen-Salzwiesen gibt´s dort ebenfalls.
    Da ich ab Anfang November wieder nach Schleswig-Holstein fahren werde,werde ich konkret am 3.11. in Friedrichskoog sein,bevor es danach auf die Hallig geht.
    viele Grüße
    Ralf

    • Lieber Ralf – auf den Halligen bist Du natürlich verwöhnt, was Salzwiesen betrifft. Der 3.11. ist ein gute Plan für Friedrichskoog. Es wird sicher total ausgestorben sein 🙂

  2. Ach, immer so herrlich hier zu lesen Stefanie! Ja, ich sinke im Süßwasser auch schneller als im Salzwasser … darum gehe ich immer in Sole baden … das schenkt mir die herrliche Illusion eines Superschwimmers! Badetechnisch … gar nicht so schlimm, Friedrichskoog! Einen guten Start in die Woche wünsche ich dir! Jutta

    • Das mit der Sole sollte ich mir mal merken! Ich war in diesem Sommer nicht ein einziges Mal im Wasser. Schrecklich. Liebe Grüße zurück.

  3. Herzlichen Dank für diesen wieder einmal sehr informativen und mit tollen Fotos angereicherten Bericht! Da muss ich unbedingt auch mal hinfahren.
    Viele Grüße
    Fred

    • Mach das, mach das, lieber Fred. Am besten, wenn die Wartezeit für die Fähre nach Glückstadt nicht ins Unendliche reicht 🙂

  4. Liebe Stefanie, danke für diesen tollen und interessanten Beitrag zu den Salzwiesen. Ich hab sofort den ( fast nie benutzten) Abschnitt „Meeresstrand und -küste studiert. Für Deinen nächsten Besuch am Trischendamm bitte ich schon heute um ein paar Großaufnahmen von den Pflanzen dort. 🙂 LG, Lotte

    • Ah 🙂 Jetzt verstehe ich das auch! (Großaufnahmen von Pflanzen sind notiert – aber ich bin ein Honk, was das betrifft. Wahrscheinlich fotografiere ich dann genau das Falsche…)

  5. Liebe Stefanie,
    da bin ich mal wieder bei dir zu Besuch und da finde ich so schöne Geschichten. Der Trischendamm, jetzt muss ich da unbedingt noch mal hin, nach dieser Erzählung.
    Ich mache mich grade etwas rar, da ich ja eskapade 🙂 aber diese Geschichte ist besonders schön, ich liebe die Salzwiesen ja auch sehr und habe grade ein ganz ähnliches Erlebnis gehabt, von dem ich noch berichten werden, natürlich in Ostfriesland. Und ich finde es herrlich, wie wir uns so ergänzen. Das ist irgendwie total schön. Und irgendwann kommt sicher der Tag, an dem wir mal gemeinsam ins Watt gehen. Bis dahin ganz liebe Grüße

    • Aha, aha, Andrea! Ich wußte gar nicht, dass Du eskapierst 🙂 Da bin ich aber sehr gespannt – wo, was… darauf freue ich mich.

      • Hihi, jaaaa. Aber irgendwie ganz entspannt, mehr verrate ich mal wannanders. Und ich finde, wir sollten mal zusammen losziehen, vielleicht schaffen wir das ja mal. Bis dahin erstmal liebe Grüße

  6. rebeccalecka sagt

    Liebe Stefanie,
    jetzt höre ich schon zum zweiten Mal in dieser Woche von der Neulandhalle; von der hatte ich noch nie etwas gehört. Bin letztes Wochenende von Hochdonn über Brunsbüttel bis zum Prinzenkoog mit dem Rad gefahren. Bis zur Neulandhalle habe ich diesmal leider nicht geschaftt, aber das wird bald nachgeholt. Mal schauen, wo ich ansetze. Das Ziel ist allerdings klar, schleißlich will ich auch mal die Salzwiesen wachsen hören.

  7. Rebecca sagt

    Yuhuu, wir waren gestern auf dem Trischendamm und es war wirklich herrlich!!! Leider haben wir keine Schmetterlinge gesehen, aber wir hatten Flut und man denkt, man geht ins Nirgendwo 😉

    Auch die Neulandhalle ist äußerst interessant, am Tag der Wahlen in Sachsen umso wichtiger!!!

    Zum Schluss noch die Schleusen von Brunsbüttel und der Tag war ein Traum!

    Vielen Dank für den tollen Bericht, die Ecke war außer der Seehundaufzuchtstation für uns bisher… Neuland.

    • Liebe Rebecca, über Deinen Kommentar freue ich mich total! So schön, dass es Euch gefallen hat. Liebe Grüße und komm gut in die Woche, Stefanie

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