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Kurtaxe in SPO oder: Was ein Sonnenuntergang kostet

St. Peter Ording

Es ist Ende Oktober, kurz vor fünf und der Herr da im Kassenhäuschen an der Promenade von St. Peter-Ording Bad will mir doch tatsächlich 2 Euro Kurtaxe abknöpfen. Für eine Tageskarte. Ich bin schon an einem Sommervormittag irritiert, wenn ich Eintritt in die Natur zahlen soll. An einem Herbstabend verstimmt es mich geradezu.

 

SPO Bad

 

Auf meine Verstimmung ist man in SPO vorbereitet. Jemand hat ellenlange Rechtfertigungen an die Wand des Kassenhäuschens geschlagen wie Luther seine Thesen. Nur das die schlüssiger scheinen als die „Vorteile“ meiner Tageskarte. Darunter so absurde Sachen wie ermässigter Einlass in diversen Dorfmuseen, die bereits seit einer Stunde geschlossen haben oder Preisnachlass für kostenpflichtige Kurveranstaltungen, die irgendwann (jedoch nicht heute) stattfinden. Etwa 7/8 der genannten Vorteile kommen für mich nicht zum Tragen. Genau wie ja auch 7/8 des Tages bereits vergangenen sind.

 

Westerhever

 

Am ehesten überzeugt mich noch der Vorteil gereinigter sanitärer Anlagen. Es ist nur so, stelle ich beim Faktencheck fest, dass die Öffentliche Toilette an der Promenade nicht gerade gereinigt daherkommt. Und weil mich noch immer die ungeheuer popelige Auflistung aller Vorteile für Tageskartenbesitzer verstimmt, habe ich das Bedürfnis zurückzupopeln. Dabei bin ich normalerweise gar nicht so. Doch jetzt werde ich zum Erbsenzähler.

 

Strandzugang

 

Im Sommer geht ein ganz normaler Tagesausflug nach SPO bei uns so:  Wir zahlen 6 Euro Parkplatzgebühr (nur 6 Euro betont die Tourist Info auf ihrer Internetseite, was mich auch schon wieder verstimmt), 3 Euro „Eintritt“ pro Person,  8 Euro für einen Strandkorb. Dann verdrängen wir diese 20 Euro möglichst schnell und gründlich. Man will sich ja den Tag nicht verderben lassen – und später mit gutem Gewissen auch noch irgendwo essen gehen. Und überhaupt wollte ich noch nie wirklich wissen, dass so ein Tagesausflug inklusive Anreise irgendwo bei 100 Euro landet. Weil das ja eigentlich ein Wahnsinn ist. Aber nun weiß ich´s. Werde es vermutlich nie wieder aus dem Kopf kriegen. Werde es nächsten Sommer wohl trotzdem wieder berappen. Aber im Herbst? Eher nicht.

 

Kurtaxe, Tagestaxe, Strandnutzungsgebühr, Fremdenverkehrsabgabe

 

Im Grunde ist Baden-Baden an allem Schuld. Dort wurde bereits 1570 eine Kurtaxe eingeführt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwappte die kommunale Abgabe dann in die Seebäder über. Wie erinnern uns: Es waren die Zeiten als Sommergästen gewaltige Prachtbauten errichtet wurden. Wandel-, Trink- und Lesehallen. Promenandengänge, Strandpavillons und Konzertmuscheln fürs Kurorchester. Also, das war irgendwie mondän damals. Ein anderer Schnack, wie der Norddeutsche sagt. Auch Tourismus-Bosse können das so sehen – z.B. der vom Ostseebad Damp. Strandgebühren nennt er „nicht mehr zeitgemäß“ – und erhebt daher keine. Ob und in welcher Höhe Kurtaxe fällig wird, entscheidet nämlich jede Gemeinde selbst.

 

Duenen

 

In und um Kiel ist die Dichte an kurtaxenfreien Sandstränden am höchsten. Am teuersten sind die ostfriesischen Inseln. 3,50 zahlen Erwachsene etwa auf Juist in der Hochsaison pro Tag. Kinder – besonders verwerflich –  kosten 2,10. Damit kommt die klassische Familie mit 2 Kinder beim klassischen 2-Wochen-Urlaub auf 182 Euro – allein für Kurtaxe. In SPO zahlen Kinder in Begleitung ihrer Eltern nichts. Ohne Eltern aber doch – das wären also die Kinder, die mit Jugendgruppen verreisen. (Sehr unsympathische Regel, die ich ächten würde, wäre ich Königin von Deutschland). In Mecklenburg-Vorpommern müssen an einigen Stränden sogar Hunde ein Ticket kaufen. Man könnte das auch anders regeln. Etwa wie Bispingen in der Nordheide. Dort übernehmen Hotelerie und Gastronomie die Abgabe.

 

Ebbe

 

„Aber wir müssen ja den Strand reinigen und bewachen“, stöhnen die Seebäder. Als wäre der Strand ein Wettbewerbsnachteil. Dabei verkauft  St. Peter-Ording ja gerade wegen des Strandes jährlich 2,5 Mio Übernachtungen.  Kalkuliere ich pro Übernachtung ganz, ganz, ganz (also geradezu unrealistisch) knapp 50 Euro, ergibt das 125 Mio Euro Umsatz.

 

Wenn ich Königin von Deutschland wär´: Kurtaxenreform

 

In meiner sehr, sehr, sehr (geradezu unrealistisch) knappen Kalkulation werden so um die 9 Mio Euro Mehrwertsteuer generiert. Könnte man da nicht 1 Mio für die Strandreinigung abzwacken? Und 1 Mio für die DLRG? Und falls es nicht reicht: da wäre ja auch noch die Mehrwertsteuer der Eisverkäufe, Strandkorbmieten, Mittag- und Abendessen, Souvenirs usw usf. von jährlich 2,5 Mio Übernachtungs- und 500.000 Tagesgästen.

 

Moewe

 

Nur damit die Perspektive stimmt: Es geht nicht um den Küstenschutz. Der wird aus einem anderen (Steuer)topf bestritten. Und apropos Steuern: Alles was Urlauber und Tagesausflügler in SPO bezahlen, bezahlen sie von bereits versteuerten Einkünften. Man hat sich zwar daran gewöhnt, dass alles doppelt und dreifach besteuert wird – mit Ausnahme großer Vermögen. Aber irgendwann ist doch auch mal gut oder nicht?

 

Herbstabend

 

Jedenfalls: Ich werde niemals um 17.00 Uhr im Herbst ein Tagesticket kaufen, um eine Stunde am Strand zu spazieren. Echt nicht. Auch wenn es nur 2 Euro sind. Die würde ich zwar überhaupt nicht im Portemonnaie merken. Doch ich würde mich abgezockt fühlen. Und da stehe ich irgendwie nicht drauf.

 

Abendsonne

 

Muss ich auch nicht. Sagte Catrin Homp vom Tourismusverband in der SHZ. In Schleswig-Holstein sei jede Gemeinde verpflichtet, einen frei zugänglichen Strand vorzuhalten. Ich bin nicht sicher, ob es flächendeckend auch der Fall ist. Hat z.B. Timmendorfer Strand einen kostenfreien?! Ich bin nicht sicher. SPO allerdings hat.

 

Bauarbeiter

 

Ganz, ganz am Ende der Sandbank, im Ortsteil Ording. Biegt man am Deich nicht links zum offiziellen Parkplatz ab sondern rechter Hand zur Strandkorbhalle, kostet das Parkticket auch nicht „nur“ 6 Euro sondern 3,50. Bzw. gar nichts im Herbst um mittlerweile 17.15 Uhr.  Und so soll das sein. (Die Bilder in diesem Beitrag zeigen übrigens den Abendspaziergang von dort aus.)

 

Nordsee

 

Streng genommen dürfte der Strandspaziergänger nur bis zum offiziellen Strand von Ording gehen. Aber weil er ja so einzigartig und gewaltig ist, der Strand von SPO, übertreten wir erst um 18.00 Uhr die Kostengrenze. Da packt der Herr vom Kassenhäuschen gerade seine sieben Sachen.  Denn irgendwann ist ja auch mal Feierabend.

 

Rote Sonne

 

17 Kommentare

  1. Liebe Stefanie, Du schreibst mir aus der Seele. Es ist eine Ober-Frechheit um 17:00 noch Tageskarten verkaufen zu wollen. Und klar, Eintritt für die Natur geht eigentlich auch nicht. Ich ärgere mich jedes Mal und meide im Sommer die Zahl-Strände. Und so wie die Kassierer ihre „Thesen“ vertreten, so gibt es auch immer wieder erboste Urlauber, die ihren Unmut am Kassenhäuschen loswerden. Aber auch mal ganz witzige Argumente. So wie ein junger Mann in Friedrichskoog-Spitze: „Mien Opa hett den Diek schoeffelt un ick schoel nu betahlen…?“, sprach er und ging durch. Fand ich großartig!

    Deine Fotos sind mal wieder ein Taum! Liebe Grüße, Ulrike

  2. Liebe Stefanie,
    es geht in unseremm Land nur um Geld, nicht um den Menschen. Als ich mit unserer Kleinen in Dänemark eine Ausstellung besuchte, bat ich um eine Eintrittskarte für einen Erwachsenen. Die Kassiererin meine aber, das Kind brauche auch eine Eintrittskarte. Denn dadurch würde es billiger. Und tatsächlich, die Karte für Erwachsene mit Kindern ist zusammen günstiger als eine Einzelkarte für einen Erwachsenen. Dass es so etwas schwachsinniges wie Kurtaxe und in der Regel auch Parkgebühr nicht gibt in Dänemark, macht es noch einmal deutlich interessanter das das durchaus selbstverliebte Schleswig-Holstein.
    Auch im Amt Dänischenhagen wird an Tagen, an denen nun wirklich nichts los ist, zum Strand angefahren ob man nicht doch einen Parker ohne Ticket abkassieren kann. Das gleiche an den Schönberger Stränden, da läuft sogar die Frau des Bürgermeisters am Samstag abend und schreibt auf.
    Der Tourismus wird auch zunehmend zur Bedrohung für die Einheimischen. Während Investoren Subventionen in Millionenhöhe bekommen, (da haben wir ja scho mal pauschal die Abgaben bezahlt), können sich Familien das Wohnen nicht mehr leisten. Selbst Oldenburg in Holstein hat eine Steigerung der Immobilienpreise in den letzten zwei Jahren von über 50 Prozent.
    So lange wir aber eine Politik insgesamt haben, die mehr dem Geld verpflichtet ist als dem Menschen, so lange wird die Seele unseres schönen Bundeslandes Stück für Stück sterben.
    Vielen Dank für Deinen unbequemen Beitrag und liebe Grüße

    Kai

    • Lieber Kai, die Vater-Kind-Eintrittskarte ist eigentlich das Beste, was ich je zu dem Thema gehört habe. Eine schöne Idee, Eltern quasi dafür zu belohnen, dass sie ihre Kinder an Kultur heranführen. Wobei „belohnen“ das falsche Wort ist. Anerkennung trifft es vielleicht eher. Und für Frau Bürgermeister würde ich ja glatt noch mal nach Schönberg fahren wollen. Das finde ich zum Piepen. Hoffe, bei Dir ist alles in Ordnung soweit. Liebe Grüße, Stefanie

      • Liebe Stefanie,
        ja, es ist alles in Ordnung, auch, wen der Abschied gekommen ist. Aber das Leben geht weiter.
        Liebe Grüße von Kai

  3. Liebe Stefanie,
    da hat dich ja jemand richtig verärgert – und das kann ich voll und ganz nachempfinden!!
    Das ist eine Frechheit!
    Nicht nur die Teilgebühr, sondern auch die Tagesgebühr.
    An die € 100,– für einen Strandtag!
    Wie viele gibt es da, die sich das nie leisten können.
    Und wer heute Familie hat, der ist richtig schlimm dran – ich frage mich oft, wie die Eltern mit Kindern die Eintrittskosten, die heute überall erhoben werden, noch bezahlen können.
    Gut, dass du dies Thema mal aufgegriffen hast!

    Deine/eure Fotos wieder traumhaft – wie immer!

    Liebe Grüße
    Eva

    • Liebe Eva, ich frag mich auch immer mal wieder, wie stinknormale Familien das eigentlich alles wuppen. Natürlich sind die genannten 100 Euro ein „ich-mach-mir-keine-Gedanken“-Betrag. Aber ich habe mal nachgesehen: Wenn eine vierköpfige Familie von HH mit Öffentlichen Verkehrsmitteln fährt und keinen Strandkorb mietet, kommt sie auf mindestens 40 Euro. Selbst wenn sämtliche Verpflegung mitgebacht wird, wird es wohl unter 60 Euro nicht gehen. Das ist ja bei manchen gar nicht drin. Oder wirklich nur als ganz große Ausnahme. Nicht schön. (Aber schön, mal wieder von Dir zu hören.) Liebe Grüße, Stefanie

      • Ich sehe ja auch was ein Besuch bei Hagenbeck mit den Enkeln kostet = Wahnsinn! Das hätten wir früher mit unseren 3 Kindern nicht wuppen können. 😉

        Ich lese IMMER bei euch – nach wie vor – und genau so gerne wie eh und je. 🙂
        Nur das Kommentieren lass ich manchmal….ist irgendwie doof, ich weiß ja noch aus meiner Bloggerzeit, dass man sich über die Kommentare freut.

  4. Ja, es ist traurig wenn man für einen Strandbesuch zahlen muss..
    Ich empfehle daher eine positiv-Liste:

    Bosau am Großen Plöner See bietet freie Parkplätze und traumhafte, kostenlose Sonnenuntergänge … nicht nur im November!
    Und im Sommer bewacht die DLRG den Strand.

  5. Erika Stumm sagt

    Und noch einmal:Warum SPO,wenn es doch die dänische Nordseeküste gibt ohne Kurtaxe, ohne Parkgebühren mit traumhaften Ferienhäusern und ohne Stress,aber auch ohne Restaurants und Hotels, dafür mit Hotdog -Buden und ,und, und…Schöne Bilder und SPO hat trotz allem auch einen besonderen Reiz, aber nicht um jeden Preis,da hast Du Recht. Ganz liebe Grüße Erika

  6. Wie recht Du hast, Stefanie. Mit jedem einzelnen Wort sprichst du mir aus der Seele, und ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du stinksauer warst. Es wird höchste Zeit, dass die Kurtaxe an deutschen Stränden abgeschafft wird. Den Dänen ist derartiger Blödsinn ja zum Glück völlig fremd, da gehört der Strand sowieso allen, und das ist auch gut so! 🇩🇰

    Liebe Grüße, Martina

  7. Bezieht sich auf deinen Artikel:
    Ich finde Strandeintritt prinzipiell ok. Meistens ist damit ja eine Infrastruktur verbunden, die finanziert werden muss, z.B. DLRG, Toilettenhäuschen, Müllentsorgung, Wartungsarbeiten usw. Man muss ja nicht unbedingt ins Restaurant / Strandbistro gehen und kann sich sein Essen ja auch als Picknick mitnehmen. Ich habe aber „prinzipiell“ geschrieben, weil ich die Gebühren für Strandeintritt in der Regel deutlich zu hoch finde. Mir gefallen die gute Recherche und die Vergleiche, danke dafür!

    Bezieht sich auf einige er anderen Kommentare:
    Natürlich kann man auch nach Dänemark fahren und dort kostenlos an den Strand gehen. Wenn man die Kosten für eine weitere Anfahrt berechnet, ist es (zumindest für einen Tagesausflug) nicht unbedingt günstiger als in Deutschland Strandeintritt usw. zu zahlen.
    Man darf nicht vergessen, dass Dänen einen deutlich höheren Steuersatz zahlen als wir. Klar, dass Dänemark dann auch mehr Geld für kostenlose Strände usw. hat. Mich würde mal interessieren, wie viele Deutsche mit einer Steuererhöhung von z.B. 5% einverstanden wären, wenn dafür Museen und Strände kostenlos wären…

  8. Das erinnert an die Diskussion mit einer Kassenfrau im herbstlich verregneten Dangast, die uns ebenfalls eine Tageskarte aufnötigen wollte. Eigentlich zahle ich sowas ja brav, es kostet schließlich alles Geld und Strände müssen unterhalten werden – aber das fand ich frech. Zumal die Einnahmen an diesem Tag wahrscheinlich nict mal die Kosten für die Kassenfrau gedeckt haben. Seitdem laufen wir bei Schietwetter über den Campingplatz, da ist der Strandzugang offen.

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