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Was man sich über die Dünen von St. Peter-Ording erzählt

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Die erste weihnachtliche Ahnung erwischte mich in diesem Jahr ziemlich früh. Es war, als ich nach einem Abendessen im Dorf zu meiner Unterkunft im Ortsteil Bad spazierte. Butendeichs strich der Wind durch die Salzwiesen. Und binnendeichs staksten Rehe durch die Dünen von St. Peter-Ording. In der Ferne funkelte Jönne Goschs Fisch-Imperium wie Christbaumschmuck. Ich weiß noch, dass ich mich darüber wunderte, nur wenige Spaziergänger zu treffen.

 

 

Denn es war ein Hochsommerabend. Mitten im August.

 

Mein Unterbewusstsein hatte mir einen Streich gespielt. Zum einen ist Goschs Festbeleuchtung seit mindestens 15 Jahren für mich eng mit der kalten Jahreszeit verknüpft. Zum anderen gaben weder Temperaturen noch Landschaft Hinweise auf die aktuelle. Und eben das ist ja das Tolle an den Dünen von St. Peter-Ording: sie sehen immer ziemlich gleich aus.

 

In den Dünen von St. Peter-Ording spielt Zeit keine Rolle

 

Ich glaube, es war der Tourismusverein, der die Dünen von St. Peter-Ording einmal als »Alpen der Nordsee« bezeichnete. Mag auch sein, dass ich den Slogan an anderer Stelle aufgeschnappt habe. Aber wo auch immer, ich dachte schon damals, den einen oderen anderen Bayern könnte ein Realitätscheck enttäuschen. Der Vergleich mit den Alpen ist mehr als gewagt. Die höchste Düne, die gleichzeitig auch die höchste Erhebung im Gemeindegebiet von St. Peter-Ording darstellt, bringt es nicht einmal auf 17 Meter.

 

Aussichtsduene St. Peter-Ording

 

Die Magdalenenspitze, auch Maleens Knoll oder Maleens Tüll genannt, misst exakt 16,6 Meter. Das Gute daran: auch wer nicht zu den geübten Alpinisten gehört, kann ihren Gipfel locker stürmen. Ich wagte mich am 14. August um 07.13 Uhr an den Aufstieg. Eine wunderbare Zeit für den kleinen Rundweg, der am Parkplatz bei der Dünentherme im Ortsteil Bad startet. Denn die Heide blühte und obwohl St. Peter-Ording saisonbedingt aus allen Nähten krachte, traf ich noch weniger Leute als am Abend zuvor, nämlich: keine Menschenseele.

 

 

Es war mir gerade recht, dass alle anderen wohl noch schliefen und der Himmel sich dramatisch zeigte. So konnte ich besser über Maleen nachdenken, ein junges Mädchen, deren Geschichte auf einer Infotafel am Fuße der Düne geschrieben steht.

Es ist schon Ewigkeiten her, da hatte Maleen sich mit einem Seemann verlobt. Der wollte noch einmal auf Reisen gehen, um Geld für die Hochzeit zu verdienen. Nur kehrte er nicht zurück. Maleen wartete ein ganzes Jahr. Und als er dann immer noch nicht zurück war, stieg sie am Abend auf die Düne und entzündete eine Laterne. Sie tat es von da an jeden Abend. Um die Nacht zu nutzen, nahm sie ihr Spinnrad mit und spann Wolle. So vergingen Jahre und Jahre.

 

Das Licht auf der Magdalenenspitze

 

Die Leute gewöhnten sich an den Anblick des Mädchens und an das Licht in den Dünen von St. Peter-Ording. Bis es eines Nachts dunkel blieb. Man fand Maleen tot hinter ihrem Spinnrad sitzen. Man erzählt sich, dass viele Wochen später ein Leichnam an den Strand gespült wurde. Der tote Seemann trug den gleichen Ring wie Maleen. Und so bestattete man den endlich Zurückgekehrten neben seiner Verlobten.

Es heißt, dass man in hellen Sommernächten Maleen noch immer auf der Dünen sitzen sieht. Aber jedermann fürchtet sich davor, dass sie ihm erscheint, da ihm dann ein Unglück zustoßen muss.

 

 

Die Geschichte erzählte man sich schon, als St. Peter-Ording noch als Armenhaus von Eiderstedt galt. Der Hitzsand, die gewaltige Sandbank, die heute als Badestrand de Luxe gilt, machte Fischerei kompliziert. Sandflug verwandelte die Felder in unfruchtbare Wüsten und bedrohte die Häuser. Die Kirche musste im Laufe der Jahrhundert zweimal versetzt werden. Der erste Standort ist nicht mehr auszumachen, aber der zweite ist durch einen Duckdalben am Ordinger Strand markiert.

 

Das Armenhaus in den Dünen von St. Peter-Ording

 

Wer gar kein anderes Auskommen finden konnte, versuchte sich als Strand- oder Hitzlöper. Dabei taten die Ärmsten in etwa das, was heute den Reichsten vobehalten ist. Sie trieben sich tagelang am Strand herum. Manche suchten Bernstein. Andere wünschten sich Stürme herbei. Denn dann würde es vielleicht zu einer Schiffskatastrophe kommen. Und Wrackteile würden angeschwemmt oder sogar Gold oder jedenfalls eine Kiste mit Rum. Natürlich bedeuteten Schiffsunglücke auch Ertrunkene. Aber irgendwas ist ja immer.

 

Strand St. Peter-Ording Bad

 

Wer eine Wasserleiche fand, hatte die Pflicht, sie in den Dünen „festzumachen“. Dann wurde der Dorpfpolizist geholt, der den Leichnam ins Schipperhus brachte. Ein Nachbau findet sich auf der Historischen Insel gleich beim Marktplatz vom Dorf St. Peter. Mit Glück ließen sich die Toten dort anhand von Kleidung, körperlichen Merkmalen oder Tätowierungen identifizieren. Und auch wenn nicht, stand den Verstorbenen ein christliches Begräbnis zu.

 

Von Schlitzohren & Strandläufern

 

Seeleute, die etwas auf sich hielten, trugen Schmuck am Körper, um für ein etwaiges anonymes Begräbnis zu zahlen. Beliebt waren goldene Ohrringe. Waren diese bei dem Toten herausgerissen, ging man davon aus, dass sie jemand zur Begleichung offener Schulden genommen hatte. Daher kommt der Begriff Schlitzohr.

 

 

Duenen

 

Heute bedeuten Sandbank und Dünen das große Kapital. Auf dem deutschen Festland gibt es keinen vergleichbaren Nordseestrand.  Nicht einmal ansatzweise. Darum hat die EU die Dünen von St. Peter-Ording  unter Schutz gestellt. Weitgehend herrscht Betretungsverbot.

 

 

Am nördlichsten Strandzugang aber, beim Parkplatz Hungerhamm, darf man mitten hinein kraxeln in die »Alpen der Nordsee« und selbst im Winter, wenn der Rest von Norddeutschland aus öden, nackten Feldern und kahlen Bäumen besteht, stolpert man hier noch über Sommergedanken. Steht einem der Sinn mehr nach Weihnachten, ist man auch gerade richtig. Dann läßt man sich einfach fallen. Und macht einen Schneeengel im weißen Sand.

 

Die Dünen von St. Peter-Ording: Weiterlesen

 

Noch nie in St. Peter-Ording gewesen, aber interessiert? Hier geht es zu allen Infos für Newbies.

Wer noch ein wenig mehr zum Glücklichsein braucht als Dünen, findet aufs Kerstins Blog paradise-found.de jede Menge Dinge, die man sonst noch in SPO machen kann.

11 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese hochinteressanten Informationen über St. Peter-Ording, von denen viele mir bisher völlig unbekannt waren. Die tollen Fotos runden den Bericht ab. Vor allem das erste Bild ist in meinen Augen ein kleines Meisterwerk.
    Liebe Grüße aus dem ALTEN LAND nach Hamburg
    Fred

    • Lieber Fred, freut mich, dass Dir das Foto gefällt (ich mags auch sehr. Es klingt ein bisschen weit hergeholt, aber es hat für mich eine ähnliche Stimmung wie der „Wanderer über dem Nebelmeer“. Grüße über die Elbe, Stefanie

  2. Wenn die Dünen von St. Peter-Ording die „Alpen der Nordsee“ sind, dann sind die Lister Dünen wohl der „Himalaya der Nordsee“, oder?
    Wieder ein wundervoller Beitrag mit tollen Tipps, interessanten Anekdoten (neben Marleen vor allem das Schlitzohr!)
    Bin dieses Jahr zweimal dort gewesen, hätte mir vorab besser deine bisherigen informativen Beiträge St. Peter-Ording-Beiträge reinziehen sollen …
    Stürmischen Gruß, Helmut

    • Ja, mindestens der Himalaya 🙂 (Mir war´s vorher auch gar nicht so klar, dass die Ordinger Dünen was Besonderes sind. Sie wirken halt für Dänemark- und Inselkenner erst mal gar nicht so erwähnenswert. Aber wenn man dort spaziert, fühlt sich das schon anders an, finde ich. Wie auch immer: Ganz liebe Grüße, Stefanie

  3. Bin im Dezember 2019 barfuß in die Nordsee (zugegeben: nur für einen Moment und für ein Photo) Das war dieses über-Sommergedanken-stolpern, dass es so wohl wirklich nur in SPO gibt. Toller Text!

  4. rebeccalecka sagt

    Toller Beitrag, vieles kannte ich noch nicht! Gestern gab es ein ganz besonderes Erlebnis!
    Die Dünenwelt Land unter – unglaubliche Naturgewalten!!!

    • Das kann ich mehr vorstellen, Rebecca. Sicher auch ein bisschen unheimlich? War das denn in SPO (wie auch immer: Du hast einen Weg gefunden, trotz Weihnachtsgeschäft eine kleine Auszeit einzulegen. Wie schön!).

  5. Vielen Dank für die tollen Infosund schönen Fotos! Alpen der Nordsee kannte ich genauso wenig wie der historische Hintergrund zum Schlitzohr. Ich finde sowas immer hochinteressant!!

  6. Hallo Stefanie, mit grossem Vergnügen schaue ich immer wieder mal rein in Deinen Blog. Die Bilder sind super, Deine Kommentare auch! Danke!
    Jetzt mal was Allgemeines zu Deinem Blog: der hat ja durch die aktuelle klimapolitische Diskussion einen geradezu „politischen“ Überbau bekommen. Für Flugreisen, speziell für Fernflüge, gibt es inzwischen schon einen eigenen Begriff, nämlich „Flugscham“. Ähnlich bei Kreufahrten. Erzählten einem Freunde früher von einer Kreufahrt in die Karibik, so war eigentlich die Reaktion „super“ – heute eher „musste das denn sein?“ Da ist, wohl auch durch Greta und Friday for Future eine ganze Menge in Sachen Klima in Bewegung gekommen. Da warst Du ja mit Deinem Thema „in der Nähe bleiben“ lange der Zeit voraus!
    In diesem Sinne: frohe und gesegnete Weihnacht und alle guten Wünsche für`s kommenden Jahr!
    Olaf

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