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Pulse of Europe

Let´s be the Pulse of Europe

„Hallo, ich bin aus Europa. Meine Mutter ist aus Europa. Und mein Vater ist auch aus Europa. Tschüß.“ Damit hat der 4-jährige Junge am „Open Mike“ bestens auf den Punkt gebracht, warum sich seit neuestem jeden Sonntag von 14.00 bis 15.00 Uhr Europafreunde auf dem Hamburger Rathausmarkt versammeln. Zeitgleich kommen Menschen in Berlin, München, Köln, Freiburg, Wiesbaden, Karlsruhe, Essen, Passau, Celle, Halle und vielen weiteren Städten zusammen, um ein Zeichen für Europa zu setzen. Ihren Anfang hat die Bewegung in Frankfurt genommen und allmählich breitet sich Pulse of Europe sternenförmig aus. Nach Paris, Toulouse, Lyon und Amsterdam.

Als eine der Organisatorinnen die Liste der teilnehmenden Städte vorliest und um die Orte ergänzt, die sich kommende Woche anschließen werden, relativiert sich meine anfängliche Enttäuschung über die doch überschaubare Teilnehmerzahl in Hamburg. Es mögen so zwischen 350 und 500 Leute sein, die heute gekommen sind. Aber es ist ja auch erst das zweite Treffen in der Hansestadt. In Frankfurt zählt man inzwischen in Tausendern.

Pulse of Europe will nicht gegen etwas protestieren sondern für etwas einstehen: ein weiterhin vereintes, demokratisches Europa. Worum es geht, haben die Initiatoren in zehn Grundthesen zusammengefasst:

  1. Europa darf nicht scheitern
  2. Der Friede steht auf dem Spiel
  3. Wir sind verantwortlich
  4. Aufstehen und wählen gehen
  5. Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit sind unantastbar
  6. Europäische Grundrechte sind nicht verhandelbar
  7. Reformen sind notwenig
  8. Misstrauen ernst nehmen
  9. Vielfalt und Gemeinsames
  10. Alle können mitmachen – und sollen es auch

Das Ganze ist ausdrücklich nicht parteipolitisch. Im Gegenteil: Vielfalt ist gut. Denn gerade das ist ja der Geist von Europa.

 

Pulse of Europe

 

Es sind die unterschiedlichsten Positionen zu hören, als das Mikrophon für die Teilnehmer freigegeben wird. Angefangen vom eingangs erwähnten 4-jährigen bis zu der Dame, die auf der Flucht im zweiten Weltkrieg Bruder und Vater verlor. Ein Anwalt referiert (kurz und knackig) die wichtigsten Errungenschaften der EG/ EU. Eine junge Londonerin bedankt sich ausdrücklich bei jedem Teilnehmer. Ein Journalist lenkt den Blick auf Osteuropa. Ein in Hamburg lebender Brite warnt davor, die Situation nicht ernst zu nehmen. Er hätte den Brexit nicht für möglich gehalten, doch nun wird seinen Kindern Europa nicht mehr selbstverständlich sein. Ein anderer Teilnehmer trägt Tucholskys Gedicht „Europa“ von 1932 vor. Es scheint erschreckend aktuell.

Am Rhein, da wächst ein süffiger Wein –
der darf aber nicht nach England hinein –
Buy British!
In Wien gibt es herrliche Torten und Kuchen,
die haben in Schweden nichts zu suchen –
Köp svenska varor!
In Italien verfaulen die Apfelsinen –
laßt die deutsche Landwirtschaft verdienen!
Deutsche, kauft deutsche Zitronen!
Und auf jedem Quadratkilometer Raum
träumt einer seinen völkischen Traum.

Es tut gut, mal was anderes als Gezeter zu hören. Die zerstörerischen Stimmen sind ja so laut geworden, dass man ganz mutlos werden kann. Doch an diesem Sonntag auf dem Rathausmarkt sind derart unterschiedliche Menschen zusammen gekommen, dass Zuversicht gar nicht ausbleiben kann. Sie stehen stellvertretend für große, große Gruppen, die Europa eben nicht ablehnen.

Und so trällert die Gesellschaft (ein bisschen schräg aber schön laut) die „Ode an die Freude“, bevor wir zum Abschluss noch eine Menschenkette um den Rathausplatz bilden und la Olà üben. „Super“, meint die Frau neben mir, „letzte Woche war der Kreis nur halb so groß.“ Und dann verabschieden sich alle voneinander: bis nächsten Sonntag!

 

Pulse of Europe

 

Was Du für Europa tun kannst

 

Kommen: Jeden Sonntag von 14.00 – 15.00 Uhr, Rathausmarkt Hamburg und in vielen weiteren Städten Europas.

Liken: Pulse of Europe.

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Let´s be the Pulse of Europe!

Kiesch

Ziemlich gute Bekannte: Hamburger und die Hamburger Kunsthalle

Alfred Lichtwark, der 1. Direktor der Hamburger Kunsthalle, bat regelmäßig Künstler aus dem In- und Ausland an die Elbe, um sich mit Hamburger Ansichten zu beschäftigen. Er wusste, dass die Hanseaten vertraute Motive aus ihrer Umgebung schätzten und hoffte auf diese Art, die Akzeptanz für moderne Kunst in der Stadt zu erhöhen. Ich fühle mich irgendwie ertappt, als ich das auf einer Handreichung lese. Sie hängt direkt neben Liebermanns Terrasse im Restaurant Jacob in Nienstedten an der Elbe. Ein Bild, bei dem mir das Herz ganz hell wird – genau wie es der große Mann der Kunsthalle vor über 100 Jahren seinen Hamburgern auf die Nasenspitze zusagte.

 

Liebermann

 

Liebermann im Jacob einzuquartieren, war ein ziemlich genialer Schachzug von Lichtwark, das muss ich sagen. Sicherlich bin ich nicht die einzige, für die Liebermanns Bild und die reale Lindenterrasse miteinander verwoben sind. Beim Elbspaziergang denkt man ganz automatisch an das Bild. Beim Betrachten des Bildes an den Elbspaziergang. Und gerade dass man an beides denkt, macht beides doppelt so schön.

 

Asgardstrand

 

Eigentlich bin ich heute gekommen, um endlich das Ergebnis der ewiglangen Renovierung zu bewundern. Doch nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Holzböden noch genauso schön quietschen und knarren wie früher, tritt der (farbenfrohe, luftige, klare) Hintergrund schnell in den Hintergrund. Ich konzentriere mich auf meine Lieblinge, die mir wie gute alte Bekannte vorkommen. Denn selbst wenn man nur alle zwei Jahre die Kunsthalle besucht, ist man irgendwann zehn oder zwanzig Mal dagewesen und (Achtung, Wortwitz) ganz gut im Bilde.

 

Hamburger Kunsthalle

 

Manchmal irre ich mich auch. Ganz wie im richtigen Leben. Auch auf der Straße meine ich oftmals, Bekannte zu sehen und erkenne erst beim Grüßen, dass sie es nicht sind. Das ist mir z.B. öfter mit Dr. Brinkmann aka Klaus Jürgen Wussow passiert, der früher dort wohnte, wo ich arbeitete, weshalb ich ihn mehrmals für einen Arbeitskollegen hielt. (Er erwiederte meinen Gruß immer sehr freundlich). Ah, ein Kirchner, denke ich nun bei den Damen in den Dünen neunmalklug (dabei ist es ein Müller). Ich hätte ja schwören können, dass ich das Bild aus der Ausstellung zum Ernst-Ludwig-Kirchner-Weg auf Fehmarn kenne. (Als gäbe es auf Fehmarn Dünen; also bitte.)

 

 

Ist mein Blickwinkel eingeschränkt?, frage ich mich, als mir auffällt, dass ich mich vor allem auf das konzentriere, was ich eh schon in- und auswendig kenne. Ich spaziere von einer norddeutschen Landschaft zur anderen. Von der Heide ins Alstertal, an Elbstrände und über Holsteiner Wiesen bis an die Ostsee. Befinde ich mich also in einer Art musealer Filterblase? Und sollte Kunst den Blick nicht eher weiten?

 

Wanderer

 

Kommt drauf an, hätte Caspar David Friedrich vermutlich gesagt, denn:

 

„Der Mahler soll nicht bloß mahlen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich so unterlasse er auch zu mahlen was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleichen, hinter denen man nur Kranke und Tote erwartet.“

– Caspar David Friedrich –

 

Soll der Maler also „nicht bloß mahlen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht“, gilt das wohl auch für die Betrachterin. Ich stelle fest: Bei alten Meistern sehe ich meistens gar nichts in mir. Dito, wenn´s zu göttlich bzw kirchlich wird. Ganz viel passiert aber, wenn ich Friedrichs Eismeer betrachte. Das hat er übrigens selbst nie „in echt“ gesehen. Die Inspiration erwischte ihn, als im Winter 1820/21 die Elbe zufror.

 

Eismeer

 

Das Eismeer hängt neuerdings zu meinem großen Vergnügen so, dass ich es zeitgleich mit einem weiteren Lieblingsbild anschauen kann – Carl Blechens Innenansicht des ehemaligen Palmenhauses auf der Pfaueninsel bei Potsdam. Auch so ein Sehnsuchtsort, den ich schon seit Urzeiten besuchen möchte. Meine in-der-naehe-bleiben-Bucket-List wächst und wächst, während ich eine zweite Runde durch die Räume drehe. Am Ende ist sogar was Süddeutsches dabei; konkret ein Schwarzwälder. Das hat eine gewisse Logik, denn ich mag Schwarzwälder (bin ja auch immerhin mit einem verbandelt) und außerdem trifft Hans Thomas Waldwiese ziemlich genau das, was ich derzeit hauptsächlich in mir sehe: die Sehnsucht nach dem Frühling.

 

Schwarzwald

 

Ach, nee, nu guck doch mal wie schön, sächselt eine Frau ihrem Mann ins Ohr. Die 2 stehen vor einem Bild des Nymphenbades im Dresdner Zwinger. Ganz versunken. Offenbar ist es keine Hamburger Spezialität, so gern im Bild wiederzufinden, was einem gut bekannt ist. Die Kunsthalle ist nämlich nicht nur ein Heimspiel für Hamburger sondern es ist so gut wie für jeden Europäer etwas dabei – insofern und überhaupt ist der Besuch einfach jedem zum empfehlen.

 

Nolde

 

Hier gehts zur Hamburger Kunsthalle.

Seehundstation Friedrichskoog

Ausflugstipp für Wintertage: die Seehundstation Friedrichskoog

Neulich – bei sehr, sehr schlechtem Wetter – besuchten wir die Seehundstation Friedrichskoog, die einzige Stelle Schleswig-Holsteins, die zur Robbenaufzucht autorisiert ist. Friedrichskoog liegt an der Nordsee; kurz hinter der Elbmündung auf einer Halbinsel zwischen Brunsbüttel und Büsum. Also quasi am Ende der Welt.

 

Trischenbake

 

Außerhalb der Saison präsentiert sich die Gegend so gut wie ausgestorben. 48 Einwohner pro Quadratkilometer verlaufen sich eben und besonders viele Ausflügler zieht es bei sehr, sehr schlechtem Winterwetter auch nicht in das Nordseeheilbad. So waren wir ungefähr zu zehnt, als in der Seehundstation die Fütterung der Heuler begann.

 

Heuler

 

Da der Aufzuchtsbereich vom Publikumsverkehr abgetrennt ist, lässt sich die Fütterung ausschließlich von einem Seminarraum im 1. OG des Hauptgebäudes beobachten. Ich hatte das schon mal im Spätsommer erlebt. Bzw nicht erlebt. Denn damals wurden alle Fensterplätze von Kindern eingenommen und die kann man ja schlecht wegdrängeln, um selber etwas zu sehen. (Obwohl ich ich es gern getan hätte, denn was gibt es schon Niedlicheres als kleine Seehunde, bzw. Kegelrobben.)

 

Seehund

 

Dieses Mal standen wir aber nun in der ersten Reihe. Wir stellten fest, dass es sich nicht unbedingt lohnt, Fünfjährige wegzuschubsen. Die Fütterung der Heuler ist total unspektakulär. 3 Stationsleute hirschen durch die kleine Anlage und werfen jedem Tierchen im Vorbeigehen was Fischiges zu. Ruckzuck geht das. Die Heuler sollen sich nämlich nicht an Menschen gewöhnen oder gar Vertrauen fassen. Die Seehundsation Friedrichskoog ist eben kein Zoo sondern eine Aufzuchtsstation. Sobald die Robben schön fett sind, werden sie ausgewildert.

 

Robbe

 

Mit Zoos geht es mir ein bisschen wie mit Fleisch: Ich mag beides sehr, werde aber immer empfindlicher, was die Lebensbedingungen der Tiere angeht. Und wenn man erst mal angefangen hat, sich über so was Gedanken zu machen, gehen ungute Gefühle ja auch nicht mehr weg. Im Gegenteil sie verstärken sich schleichend (bis man irgendwann vermutlich verschratet, aber was will man machen).

 

Die Seehundstation Friedrichskoog ist kein Zoo. Zum Glück.

 

Für Leute wie mich, die verschratungsmäßig etwa auf halber Strecke stehen, ist die Seehundstation Friedrichskoog jedenfalls eine gute Variante. Man sieht die ganz jungen Heuler aus der Ferne, ein paar Dauerbewohner aus der Nähe und einige Tiere sieht man auch gar nicht. Die, deren Auswilderung kurz bevorsteht, sind im Verborgenen untergebracht.

 

Robbe

 

Tierliebhaber neigen ja dazu, Tiere zu vermenschlichen. Ich finde, das ist bei Robben ganz besonders naheliegend. Weil sie immer so aussehen, als würden sie lächeln. Hört man einen Heuler in freier Wildbahn heulen, sollte man aber nicht gleich in Panik geraten, erzählte uns der junge Mann von der Seehundaufzuchtsstation. Es ist ganz normal, dass Robbenbabys stundenlang allein bleiben, während die Muttertiere auf Nahrungssuche sind. Fühlt man ein so schreckliches Mitleid, dass man es nicht aushalten kann, ruft man am besten die Polizei an.

 

Seehund

 

Wie jedes kleine Kind weiß, darf man Wildtierbabys generell nicht zu nah kommen. Aber Erwachsene vergessen so was ja gern mal. Deswegen fasse ich zusammen: nie näher als 300 Meter auf einen Heuler zugehen. Auch nicht, wenn man „nur“ ein Foto schießen möchte und die Kamera keinen guten Zoom besitzt. Und vor allen Dingen: Hund an die Leine. Wer sich nicht daran hält, fällt möglicherweise ein Todesurteil, denn jede noch so kleine Störung kann dazu führen, dass ein Muttertier ihr Junges verlässt.

 

Unerwasserbereich

 

Bei den Dauerbewohnern in der Aufzuchtsstation handelt es sich ausschließlich um Tiere, die nicht mehr in Freiheit überleben könnten. Aufgrund von alten Verletzungen oder traumatischem Zooleben zuvor. Man kann sie gut vom Unterwasserbereich beobachten. Und wenn man da ganz allein sitzt und den Regen aufs Wasser prasseln sieht, ist das ein richtig schön meditativer Moment.

 

Smile

 

Im Unterwasserbereich ist eine kleine Ausstellung untergebracht, die sich mit den Robben der Welt beschäftigt. Mit Seelöwen, Seebären, Seeleoparden, See-Elefanten und was es da sonst noch an Bezeichnungen gibt, die alle darauf hinweisen, dass es sich nicht um Kuscheltiere handelt.

 

 

Kegelrobben werden im Winter geboren. Insofern ist ein Besuch der Seehundstation jetzt gerade richtig. Auch weil es nicht so schlecht ist, die Anlage fast für sich allein zu haben. Ich gebe allerdings zu, dass ein bisschen besseres Wetter dem Besuch zuträglich wäre. Bei guter Sicht hat man vom Aussichtsturm, der alten Trischenbake, einen phantastischen Blick bis nach Cuxhaven. (Bei mieser Sicht fragt man sich, wie es Menschen in der Gegend überhaupt aushalten können.)

 

Trischenbake

 

Unsere Tipps für einen Besuch in der Seehundstation Friedrichskoog

 

  • auf einen kristallklaren Wintertag warten,
  • Proviant einpacken (das Bistro mag geschlosen sein),
  • den Tidenkalender checken,

denn wirklich ausflugsfüllend ist die Seehundstation nicht (max. 2 Std). Großartig wird das Ganze erst, wenn man im Anschluss noch einen Spaziergang auf dem Trischendamm unternimmt.

 

Trischendamm

der Trischendamm ist 2,2 km lang

 

Der Trischendamm liegt gleich ums Eck in Friedrichskoog Spitze – und ist am grandiosesten bei Ebbe. Am Wochenende hat mit Glück sogar mal ein Café oder ein Gasthaus geöffnet. (Aber darauf würde ich mich nicht verlassen.)

 

Seehund

 

Die Seehundstation Friedrichskoog ist jeden Tag geöffnet. Sie finanziert sich komplett über Spenden und durch Eintrittsgelder (7 Euro). Alles weitere hier: Klick.

Schilf

Nur 28 Tage: Februar in Norddeutschland (and how to survive)

Hej, hej – es ist Februar in Norddeutschland und wir gehen in unser viertes Bloggerjahr. Dreimal haben wir Frühling, Sommer, Herbst und Winter nun kommen und gehen sehen. Haben ganz genau hingeschaut und allmählich ein Gefühl dafür entwickelt, wo es wann am schönsten ist. Ab heute werden wir monatlich ein wenig resümieren – was lohnt sich unserer Meinung im Moment unbedingt im Norden, was eher nicht so. Und schwupps haben wir eine prima Überleitung zum Februar in Norddeutschland. Denn der lohnt sich insgesamt eher nicht so.

 

Festonallee

 

Dieser Monat tut nichts für das Land, würde Guido Maria Kretschmer sagen.
Umrahmt von gepflügten Äckern (aka nackter, brauner Erde) büßen selbst die schönsten Aussichten ihren Zauber ein. Wenn die Stiefel mit jedem Schritt schlammschwerer werden, ist das nun auch nicht gerade jedermanns Lieblingsgefühl. Genauso wenig wie eisiger Schneeregen. Oder nur Regen. Denn das ist ja das Schlimme hier oben: Die Winter sind nasskalt und sehr, sehr bleich.

(Nasskalt ist es zwar auch oftmals im Januar oder März. Doch im Januar haben wir den Winter noch nicht ganz so satt und im März leben wir entweder von der Hoffnung auf bessere Zeiten oder sie brechen tatsächlich an. Je nachdem.)

 

Nix für Frostkötel: Februar in Norddeutschland

 

Zum ersten Mal seit 36 Monaten haben wir keinen Kurztrip geplant. Wir wissen: jetzt ist alles hässlicher als nächsten Monat. Wozu also irgendwohin? Das Einzige, was mich persönlich im Februar zu einem Kurztrip motivieren könnte, wäre ein Zustand akuter Erschöpfung.

Dann würde ich mir einen Ort an der Ostsee aussuchen, den ich a) schon kenne, b) schnell erreiche und der c) ein Hotel mit Bademantelgang zum nächsten Schwimmbad bietet. Ich meine damit nicht hoteleigene Mini-Pools sondern richtig krasse Spaßbäder. Mit warmen Blubberbecken und heißen, großzügigen Saunen – am liebsten mit Meerblick. Ich sage das als jemand, der sonst nicht so auf Spaßbäder abfährt. Doch im Februar geht es mir in erster Linie darum, nicht zu frieren. Und das ist eben doch eine klitzekleine gute Sache: Nie ist der Norden so unbeliebt wie jetzt. Nie sind die Unterkünfte günstiger. Nie die Spaßbäder leerer.

 

Mein liebstes Februarwort: Bademantelgang

 

Ich hab mich mal durch unsere Fotos der letzten Jahre geklickt wie durch einen Reiseprospekt. Und mag folgende 3 Spaßbäder mit angeschlossenen Unterkünften unter gewissen Umständen empfehlen:

  1. Meerwasserbad auf Fehmarn; low budget Unterkunft in den Fernblickhäusern von Arne Jacobsen mit irrem Blick auf die Ostsee, eher skurril als schön – aber irgendwie ein Erlebnis.
  2. Grömitzer Welle, angedockt ans a-ja-Resort, Mittelklasse in jeder Beziehung, doch absolut ok, wenn es einem in erster Linie ums Durchatmen geht.
  3. Ostseetherme Scharbeutz, mit dem feinsten aller Bademantelgänge ins Gran BelVeder. Das Beste daran: Hotelgäste dürfen abends länger in der Therme bleiben und morgens früher rein als „normale“ Schwimmbadbesucher.

Was alle drei gemeinsam haben: Sie liegen direkt am Strand. Da ist man ziemlich gut aufgehoben, falls das Wunderbare geschieht und die Sonne doch mal scheint. Denn Februarsonne ist am Meer überirdisch schön.

Allerdings habe ich in den letzten drei Jahren festgestellt, dass Februarsonne überall überirdisch schön ist. Dafür muss man überhaupt nicht wegfahren. Die Sehnsucht nach dem Frühling steigert sich ja langsam ins Unermessliche. Der Moment, wenn man ihn zum ersten Mal ahnt, ist an jedem x-beliebigen Grünstreifen eine große Sache. Und – das kann man heute schon mal sagen – dieser Moment wird in den nächsten 28 Tagen kommen.

 

Kleine Freuden im Februar

 

Am besten legt man sich jetzt schon mal einen Spazierplan zurecht für den nächsten knallblauen Tag, damit man nicht vor lauter Überraschung völlig überfordert ist und dann doch nur wieder mit der Herde um die Alster latscht. Ich kann wärmstens Finkenwerder und Wilhelmsburg empfehlen.

 
Duckdalben
 

Möglicherweise kann man dann gleich in die Tat umsetzen, was Marianne auf alleinreisenjetzt vorschlägt, um den Winter ein bisschen mehr zu mögen.

 
Bank
 

Apropos andere Blogs: Früher dachte ich immer, auf dem Land sei der Februar leichter zu ertragen als in der Stadt. Weil in der Stadt das Graue noch grauer erscheint. Doch dann las ich auf Elkes Meerblog genau das Gegenteil. Elke lebt in Nordfriesland und schrieb vor einiger Zeit:

 

„Der Winter könnte schön sein, wäre er klar und trocken mit ein bisschen Schnee. Meist ähnelt er eher den nassen, nebligen Herbsttagen. Der Winter dauert grundsätzlich zu lang.
Er ist zu farblos, zu dunkel, zu trist. Was einfach mehr ins Gewicht fällt, wenn man auf dem Land wohnt. Im Winter brauchst du Kino, Kneipe, Kunst zum Überleben.“

 

Kunst zum Überleben… Das finde ich interessant. Vor allem weil es auf diesem Blog mehr Beiträge gibt, in denen ich über „zu wenig Kunst“ in Hamburg klage als Berichte von Museumsbesuchen. Eine Haltung, die ich eigentlich bescheuert finde. Und so werde ich diesen Monat mal wieder ein paar Kulturbetriebe beehren. Die sind ja auch etwas leerer im Moment, weil nicht so viele Touristen in der Stadt sind.

 

 

Unterm Strich bleibt der Februar zwar der Monat, den ich am wenigsten mag. Ich hätte nicht mal was dagegen, wenn man ihn komplett streichen würde. Aber dass man gar nichts mit ihm anfangen kann, stimmt offenbar auch nicht. In diesem Sinne: Ich wünsch Euch was für die nächsten 28 Tage. Und falls Ihr noch einen Überlebens-Tipp habt – immer her damit. Wir freuen uns.

 

Olpenitz

Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr: Olpenitz

In Olpenitz bei Kappeln entsteht seit einiger Zeit „Deutschlands größter Ferienpark“. So hab ich das neulich gelesen. Allein das Wort Ferienpark deprimiert mich. Beim Ostsee-Resort Olpenitz (noch so ein deprimierendes Wort) kommt hinzu, dass es meinen Lieblingsstrand tangiert. Im geradezu mathematischen – aber mehr noch ideellen Sinne. Das beobachte ich nun schon eine ganze Weile, doch ich kann und kann mich nicht daran gewöhnen.

 

schoenhagen

 

Als meine Welt und ich noch klein waren, endete sie – also die Welt, am Strand von Weidefeld. Konkret an einer Mole, die sich weit in die Ostsee hineinstreckt. Das Dahinter blieb mir Jahrzehnte verborgen. War Marinegelände. Sperrgebiet.  Nicht, dass ich Militärisches so toll fände. Doch gerade, dass man nicht weiterkonnte, setzte ein I-Tüpfelchen auf das Gefühl, sehr weit weg von allem zu sein.

 

Angler

 

Zwischen Weidefeld und der nächsten Stadt liegen zehn Kilometer herrlichster Walachei. Kappeln ist selbst nicht gerade eine Metropole.  Daher war Weidefeld immer leerer als andere Ostseestrände in Schleswig-Holstein. Nicht so zugepflastert mit Strandkörben. Keine Kurtaxe. Richtig Meer eben. Ein sehr guter Ort.

 

Weidefeld: Was macht mein Strand? Was macht die See?

 

Mein ganzes Leben lang bin ich regelmäßig nach Weidefeld gepilgert. Ich dachte, das würde immer so weitergehen. Doch vor ein paar Wochen merkte ich, dass es mir nicht mehr gut tut. Denn seit einigen Jahren wachsen nun Häuser, wo früher gar nichts war. Und von Mal zu Mal sieht es noch etwas schrecklicher aus.

 

Weidefeld

September 2014

 

Jedenfalls für mich, weil ich es eben anders kenne und liebe. Und dass es noch viel schlimmer werden wird, sagen Kräne & Pläne.

 

Olpenitz

Dezember 2016

 

Normalerweise bin ich gar nicht ultra-strikt gegen Entwicklung. Immerhin lebe ich seit 20 Jahren auf St. Pauli, bin also Verdrängung gewöhnt und letztlich ja irgendwie auch ein Teil der Chose. Kein Grund also, selbstgerecht zu werden, wenn es um Ferienparks am Meer geht.  Ich verstehe, dass irgendwie Geld und Arbeit in die Region kommen muss. Und doch…

 

Ostsee

 

Bestimmte Bauprojekte an der Ostsee sind für mich wie das Nichts aus der Unendlichen Geschichte. Dieses Nichts, das alles verschlingt und einem das Gefühl gibt, man sei blind wenn man auf eine befallene Stelle schaut. Wo das Nichts ist, ist kein Loch oder Dunkelheit, sondern einfach „nichts“.

 

Olpenitz: Jetzt komm ich noch einmal. Und dann nimmermehr.

 

Während das Nichts von Michael Ende einen Sog entwickelt, stößt mich das Ostsee-Resort Olpenitz ab. Ich will da nicht hinschauen müssen. Und als ich letztens von Schönhagen nach Weidefeld spazierte, mochte ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr weiter. Nicht näher ran. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, dass ich nie wieder hierher komme. Zumindest aber für längere Zeit. Weil es regelrecht weh tut.

 

Winter

 

Ich glaube nicht, dass mein Widerwille rein nostalgischer Natur ist. Ähnlich gehts mir nämlich auch mit dem Riesen-Hotel in Scharbeutz oder dem Waterfront-Resort auf dem Priwall  – obwohl ich mit beiden Orten nicht weiter verbunden bin. Nein, ich glaube, ich kann einfach eine bestimmte Bauweise nicht ab. Diese kastenartige, hingeklotzte, fürchterlich beengte Nicht-Architektur.  Da wirken selbst die fettesten Luxusimmobilien auf mich ärmlich, geradezu Mario-Barthesque. Und eigentlich ist es am Meer ja anders herum – die einfachsten Hütten werden zu Palästen. So gesehen würde ich sagen, was  zur Zeit vielerorts an der Ostsee wächst, nimmt den Stränden ihre Seele.

 

Buhne

 

Naja. Ferienparks sind wohl immer noch besser als Supergentrifizierung – wie auf Sylt. Supergentrifizierte Gegenden sehen zwar besser aus, sind der Bevölkerung aber quasi komplett entzogen – durch professionelle Spekulanten und Superreiche. (Nicht ganz und gar, weil: die Normalbevölkerung darf immerhin noch mit ihren Steuern die Infrarstruktur finanzieren. Bei Spekulanten und Superreichen ist diesbezüglich ja nicht viel zu holen.) Supergentrifzierung ist also eine ekelhafte Sache. Zu finden in New York, London, Tokio oder eben Nordfriesland. In Olpenitz aber nicht. Darum jetzt mal Else-Kling-Modus off.

 

 

Um fair zu bleiben, muss ich zugeben, dass Weidefeld ein wunderbarer Strand bleibt. Genau wie Olpenitz-Dorf weiterhin niedlich ist. Und die ganze Ecke (abgesehen vom Resort) richtig schön weitläufig und ursprünglich. Falls Du also mal in der Gegend bist, lass Dich nicht von meinem Lamento abhalten, sondern lieber Dein Auto in Schönhagen stehen. Es ist ein hübscher kleiner Spaziergang nach Weidefeld – fernab von Straßen und Verkehrslärm.

 

Borkum im Winter

North by Northwest: Lohnt sich Borkum im Winter?

Ein Kurztrip nach Borkum im Winter will gut überlegt sein, habe ich festgestellt, als ich neulich mit meiner Tante dorthin reiste. Zwar klingt der Satz: „Ich fahr mit meiner Tante nach Ostfriesland“ etwa so exotisch wie „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad.“ Im Fall von Borkum ist die Reise aber ähnlich aufregend wie ein Trip nach Übersee. Wobei die Ozeanüberquerung bequem und rasant erscheint – verglichen mit dem Ewigkeitstrip von Hamburg auf die größte Ostfriesische Insel.

 

 

In meinem konkreten Reisefall (St. Pauli – Borkum) kamen unheimlich viele Verkehrsmittel ins Spiel: U-Bahn zum Hauptbahnhof (10 Minuten), metronom nach Bremen (80 Minuten), Regionalzug nach Emden (130 Minuten), Schienenersatzverkehr  zum Fähranleger (15 Minuten), Ultralangsam-Fähre (130 Minuten), Inselbahn (15 Minuten), Taxi (10 Minuten). Inklusive Verspätungen und Wartezeiten auf Bahnhöfen und in Häfen läpperte sich das Ganze auf exakt 8 Stunden von Tür zu Tür. (Auf dem Rückweg lief es noch etwas unglücklicher. Da wurden es mehr als 9 Stunden.)

 

Borkum

 

Obwohl man sich vor Pauschalurteilen ja immer hüten sollte, lege ich mich dennoch für die Anreise nach Borkum fest: Das ist nichts für Ungeduldige. Aber wer hätte denn auch je gedacht, dass Norddeutschland so groß ist!

 

Von Nord nach Nordwest in 8 Stunden

 

Borkum ist der nordwestlichste Punkt Deutschlands. Ein Eckpfeiler dieses Blogs, könnte man sagen. Gefühlt ebenso weit entfernt von St. Pauli wie New York. Ich ziehe den Vergleich nicht nur aufgrund der Reisedauer. Sondern auch weil ich mit meiner Tante mal im Stockfinsteren und relativ ahnungslos in New York landete. Genau wie letztens auf Borkum. Hüben wie drüben wollten wir nur rasch das Gepäck aufs Zimmer bringen, um dann ins Nachtleben abzuzwitschern. Und damit enden die Gemeinsamkeiten von New York und Borkum.

 

Nordwest

Der nordwestlichste Punkt der Bundesrepublik

 

Während sich uns nämlich damals in New York der Doorman (bei dem es sich vielleicht um Barry White handelte) in den Weg stellte und mit den Worten don’t go out at night, there is creep outside zurück aufs Zimmer schickte, kann von creep outside auf Borkum im Winter überhaupt keine Rede sein.

 

Borkum im Winter: Ist noch Suppe da?

 

Man könnte sagen, die Insel setzt mehr auf suspense (also Spannungserzeugung mit geringsten Mitteln) ausgelöst durch die Frage: werden wir ein Restaurant finden? Vielleicht sogar ein gutes?

Antwort: Ja. Eins. Und es kann etwas dauern, bis man endlich auf das Alt-Borkum stößt. Etwas abseits gelegen sieht es viel besser aus, als es sich anhört – und tischt auch viel feiner auf (leckere Fischkarte, Fleisch in Bioqualität, Vegetarier bekommen auch was.) Insofern fühlten wir uns von Anfang an willkomen auf der Insel. Erst Recht am nächsten Tag, als ganz Deutschland unter einer Eisdecke verschwand – nur nicht die Nordseeinseln. So ist das ja oft im Januar; deshalb liebe ich sie so (# Kältehasser).

 

 

Die Strände von Borkum kamen mir im Januar überhaupt nicht so ausgestorben vor wie die Strände von Sylt. In den Borkumer Restaurants allerdings war viel (viel, viel) weniger los als in den Restaurants auf Sylt. Ich fand das seltsam. Aber vielleicht ist gar nicht Ostfriesland seltsam sondern Nordfriesland?! Bzw. die Gäste. So wie ich. Ich verbinde mit Nordseewintern nämlich nur 4 Dinge: Spazierengehen, Essen & Trinken, Lesen. In genau der Reihenfolge. Täglich.

 

Borkum im Winter: Heimliche Liebe

 

Apropos täglich. Auf Borkum muss man mindestes einmal pro Tag auf der Promande flanieren. Sie ist toll und schmiegt sich auf einer Länge von 1,6 km zwischen Strand und Inselort bis zur Heimlichen Liebe.

 

 

Die Heimliche Liebe hatte zwar geschlossen – genau wie jede Menge andere Restaurants und Geschäfte – aber ich glaube sie gehört sowieso zu den Gastronomiebetrieben auf Borkum, bei denen die Lage wichtiger ist als das Angebot. Und die Lage kann man ja auch genießen, wenn „zu“ ist.

 

 

In Bestlage befinden sich auch ein paar Cafés in der Bismarckstraße. Sie wechseln sich offenbar mit ihren Ruhetagen ab und in welchen wir nun genau waren, weiß ich gar nicht. Ist aber auch egal. Weils sowieso nur Kleinigkeiten oder Kuchen gibt – was mir längst nicht so wichtig ist wie die wunderbar windgeschützten Plätze. Auf winterlichen Inseln in der Sonne zu sitzen und einen viel zu frühen Weißwein zu trinken, ist doch wirklich ein 1a Urlaubsgefühl.

 

Musikpavillon

 

An der Wandelbahn beim Musikpavillon bekommt man im Winter die Sonne erst zum Untergang zu Gesicht. Gastronomisch hat uns da nichts aus den Socken gehauen. Aber dafür kann man bis in die Niederlande gucken, in Form der östlichsten westfriesischen Insel Rottummerplaat.

 

Rottumerplaat

 

Was es auf Borkum sonst noch gibt: Nichts. Abgesehen vom Inselort besteht Borkum aus 32 Quadratkilometern Natur in Hufeisenform. Wo es im Sommer schon mal voll werden kann, findet man im Winter bloß endlose Strände, ewige Nordseewellen, Robben auf Sandbänken, Rehe in Dünen, Einsamkeit. Und einen Leuchtturm hier und da. Diese Herrlichkeit beginnt schon im November, wie ich bei Meikes bunte Welt gelesen habe.

 

Leuchtturm

 

Um jetzt mal auf die Beitragsüberschrift zu kommen: Borkum ist superschön. Borkum ist aber auch superweit weg (für Hamburger). Zu weit für ein Wochenende, würde ich sagen. Da hilft nur: länger bleiben. Ideal scheinen mir 5 Tage. 2 gehen wie erwähnt komplett für die Reise drauf.

 

Borkum im Winter? Ein Kurztrip lohnt sich nicht.

 

Käme ich noch einmal, würde ich eine Unterkunft direkt an der Promenade wählen. Mit Meerblick versteht sich. Der Inselort zieht sich nämlich ganz erheblich – ist an seinen Rändern nicht überall charmant – und der Weg kann lang werden, wenn es zu regnen oder stürmen beginnt. Im Ortskern bleibt es dann trotzdem irgendwie kuschelig. Vor allem wenn der Neue Leuchtturm sein Licht anknipst.

 

Leuchtturm

 

„Langsam, ganz langsam, wie zwei bedächtige Kompassnadeln … Nord, Nordost, Ost, Südost, Süd, Südwest. Dann hielten sie inne und drehten sich, ein paar Augenblicke später, ebenso bedächtig nach links: Südwest, Süd, Südost, Ost…“ (Aldous Huxley. Schöne neue Welt.)

Bäderarchitektur mit Hochseeklima: Nordseeinsel Borkum

Von Borkum hatte ich nicht viel mehr erwartet als endlöse Strände und Dünen, wurde aber mit einer kleinen Schockverliebtheit beschenkt. Es geschah im Nieselregen beim ersten Strandspaziergang. Wir waren am Vorabend im Dunklen auf der Insel angekommen. Ich hatte zwar noch versucht, die Nordsee zu begrüßen, war aber nur auf nachtschwarze Dünen gestoßen. So sah ich die Promenade von Borkum zum ersten Mal zur bürgerlichen Morgendämmerung (die wirklich so heißt und die halbe Stunde bezeichnet, bevor die Sonne sich über den Horizont schiebt, was ich vor allem deshalb erwähne, weil bürgerliche Dämmerung so schön zur großbürgerlichen Anmutung der Insel Borkum passt.)

 

Borkum

 

Gefälliger sieht so etwas natürlich bei Sonnenschein aus. Aber mich traf gerade die Stimmung im Januarnieselregen mitten ins Herz. Die Möwen klangen auf die richtige Weise melancholisch und ich fühlte mich wie in Oostende, der Königin aller Seebäder, so etwa um die Jahrhundertwende. (Um sicher zu gehen, dass die Schönheit jeden erreicht, knipps ich hier jetzt aber doch mal das Licht an.)

 

baederarchitektur

 

Auf Katjas Blog „Mädchen mit Herz“ hatte ich aufgeschnappt, dass Borkum überhaupt nicht so hässlich und industriell ist, wie alle behaupten. Und daher hatte ich mir Borkum wie Helgoland vorstellt; also hässlich und industriell – aber dabei ganz charmant. Was hier und da auch stimmt, aber eben nicht flächendeckend. Längst nicht flächendeckend. Ganz im Gegenteil.

 

Borkum Promenade

 

Es geschieht mir oft in norddeutschen Urlaubsorten, dass ich vollkommen überrascht werde – obwohl ich mich vor Anreise immer ein wenig belese. Auf der offiziellen Insel-Webseite etwa, gewinnt man zwar den Eindruck herrlichster Nordseenatur – aber nicht den Eindruck wunderbarster Bäderachitektur. Dabei macht gerade die Borkum besonders. Jedenfalls meinem Empfinden nach. Mir ist ein Rätsel, warum es nicht prominenter herausgestellt wird.

 

Nordseehotel

 

Selbst Wikipedia erwähnt nur Norderney, wenn es um Bäderarchitektur an der Westküste geht. Der Bäderstil ist hier grundsätzlich weniger filigran gestaltet als in den Kaiserbädern von Mecklenburg-Vorpommern; die Formen sind massiger, die Proportionen großzügiger. Typisch Nordsee eben.

 

Ganz was Besonderes: Bäderarchitektur auf Borkum

 

Weil ich keine aktuellen O-Töne zur Bäderarchitektur auf Borkum fand, lasse ich im Folgenden einfach die Badedirektion der 1920er Jahre zu Wort kommen.

 

Strandhotel

 

„Der hohe Dünenrand am Strande, der von Hotels und Logierhäusern wie von stolzen Palästen gekrönt wird, ist zur prachtvollen Kaiserstrasse ausgebaut, die in Verbindung mit den Hotel-Veranden eine großartige Meeres-Terrasse bildet ― eine Anlage, wie sie in dieser Ausdehnung und günstigen Lage kein anderes Nordseebad aufzuweisen hat.“

 

Ostfriesenhof

 

Einen monumental wirkenden Abschluß nach dem tiefer liegenden Strande hin hat diese hochgelegene Terrasse nunmehr durch die Wandelhalle bekommen, die in ihrem wesentlichsten, dem mittleren Teile, schon für die Kurzeit 1911 fertiggestellt war.

 

Musikpavillon

 

Diese ganze neue Anlage umfaßt eine bequeme, geräumige Promenade mit Musikpavillon in unmittelbarer Nähe des Strandes und in Höhe der Strandmauer, die gleichzeitig umfangreich genug ist, um einen ungestörten Verkehr während des Strandkonzerts zu ermöglichen, und außerdem einen überdachten Raum, die eigentliche Wandelhalle, die auch bei weniger freundlichem Wetter einen geschützten Aufenthalt bietet…. In der Wandelhalle sind auf das modernste ausgestattete Garderoben- und Toilettenräume eingerichtet. Ein 250 Quadratmeter großer Mittelraum der Wandelhalle mit Büffetteinrichtung ermöglicht Einnahme von Erfrischungen auch am Strande.

 

Pavillon

 

Das gewaltige Bauwerk ist dem früher offen liegenden Dünenabhang unmittelbar vorgebaut und schließt nach dem Strande hin mit der alten Strandmauer ab. Der Gesamtkostenaufwand beträgt eine halbe Million Mark.

 

Borkum

 

Der Musikpavillon war mir als einziges architektonisches Zuckerstückchen bekannt. Klar, den fotografiert man gern. Weil man ihn aber so übermäßig oft auf pinterest etc. trifft, hielt ich ihn für ein Pendant der Standuhr an der Promenade von Wangerooge. Also, ein letztes Relikt zwischen Grausamkeiten aus den 1960er bis 1970er Jahren. Auch wenn das für Borkum so nicht stimmt, hat man natürlich auch hier entsetzliche Kästen in die erste Reihe geklotzt. Es hält sich aber einigermaßen in Grenzen. (Mit einem bisschen guten Willen + weißer Farbe würde der Brutalismus sogar gar nicht weiter ins Gewicht fallen.)

 

Nordseeinsel

 

Die neue Promenade mit Wandelhalle liegt etwas tiefer als die Kaiserstraße, die bis dahin schon, wie oben erwähnt, eine unvergleichliche Meeresstraße bildete und nunmehr durch die architektonische wirksame Zinnenkrönung des Daches der Wandelhalle eine Verbindung mit der neuen Anlage erhalten hat, durch die ihr eigener bisheriger Charakter nur noch gehoben wird. Der mittlere zunächst hergestellte Teil von 170 Meter Länge hat zwei seitliche, mächtige Treppenanlagen, die von der Kaiserstraße zum Strande hinunterführen.

 

Borkum

 

Was die Badedirektion in den 1920ern noch nicht beschreiben konnte, war der Ausblick auf die Seehundsbank „Hohes Riff“. Die lag vor 100 Jahren noch weiter von der Insel entfernt, wandert aber immer mehr auf den Strand zu. Im Sommer sollen sich die Robben hier zu Hunderten aalen. Wir haben nur vereinzelte Tiere entdeckt, was ja aber auch schon reicht, um sich halb tot zu freuen.

 

Seehundsbank

 

In den Restaurants der alten Wandelhalle (bzw davor; gewärmt von Decken und Heizpilzen) kann man Stunden und Stunden aufs Meer schauen, ohne dass es langweilig werden würde. Praktischerweise geht hier auch noch die Sonne direkt vor der Nase unter. Das Ganze wirkt wie der Balkon zur Nordsee. Und so komme ich zu dem gleichen Schluß wie die Badedirektion.

 

Borkum

 

Ohne Ueberhebung darf von der neuerbauten Wandelhalle behauptet werden, daß kein deutsches Seebad etwas auch nur annähernd dem zu vergleichendes an die Seite zu stellen hat. Die Wandelhalle hat diese Strandpartie noch mehr, als es bisher der Fall war, zum Mittelpunkt des Badeverkehrs gemacht.

 

Sonnenuntergang

 

Die Zitate der Badedirekton (und jede Menge andere spannende Sachen) sind zu finden auf www.alt-borkum.strandnelke.de

Sylt bei Regen

Sylt bei Regen oder der Weststrand für BWLer

Was man auf Sylt bei Regen macht? Logisch: man sucht sich ein kuscheliges Plätzchen und liest. Einen sehr dicken Roman. „Stundenlang lesen“ ist ja ohnehin etwas, worauf man sich einstellt, wenn man nach Sylt fährt. Regen gehört zu einem Nordseeurlaub dazu. Und ja, man freut sich sogar darauf.

Doch so einfach ist das gar nicht in Norddeutschland. Schon gar nicht auf den Inseln. Am allerwenigsten auf Sylt.

Spätestens wenn das Teewasser den Siedepunkt erreicht, pustet der Wind nämlich eine Himmelsecke frei. Urplötzlich taucht ein Sonnenstrahl den Lesesessel in goldenes Licht. Und auf einmal scheint es gar nicht mehr so verlockend, sein Lied hinter dem Ofen zu singen…

 

Sylt bei Regen (soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein?)

 

Syltkenner wissen: dies ist nicht der Zeitpunkt für eine ausführliche Kosten-Nutzen-Analyse. Möglicherweise bricht in eben diesem Moment die beste Stunde des Tages an, vielleicht der gesamten Urlaubswoche und wer will das schon verpassen? Also, schnell das Outfit des Grauens geschnappt und ab an den nächsten Strand.

 

Weststrand

 

Wenn es sich dabei um den Weststrand von List handelt – sagen wir mal den Zugang bei der Strandsauna – ist Dein Risikomanagement eigentlich schon im Eimer. Merke: Der Weg durch die Dünen ist immer länger als vermutet. Bis Du das Meer siehst, hat sich der Himmel längst wieder zugezogen. Du weißt: Falls er seine Schleusen öffnet, wirst Du auf keinen Fall ungeschoren davon kommen.

 

Maximales Regenrisiko am Weststrand

 

Aber was meinst Du eigentlich mit „falls“? Inzwischen liegt auf der Hand, dass der Weltuntergang kurz bevor steht. Vielleicht bin ich ja schneller als Sturm und Wolken, denkst Du. Bis zum nächsten Heißgetränk (in der Weststrandhalle) sind es gerade mal 3 km. Das könnte zu schaffen sein. Du stiefelst los. Sylt bei Regen – für Dich kein Problem. Du findest es sogar ganz herrlich. Weil das Bedrohliche auf gewisse Weise auch zu und zu schön ist.

 

wellen

 

Das Bedrohliche ist sogar so faszinierend, dass Dir der absolute Anfängerfehler unterläuft. Der Anfängerfehler über den Du immer lachst, wenn andere ihn begehen. Aber heute passiert es Dir selbst: Du hast die Welle unterschätzt! Eine Ladung Salzwasser schwappt in Deine Gummistiefel. Ziemlich mieses Gefühl das.

 

Sylter Welle

 

Es folgt: Der Moment, in dem es zu regnen beginnt. Ein Schauer nur, hoffst Du. Und immerhin hast Du Rückenwind. Regentropfen von hinten sind besser als von vorn. Du hältst den Blick stur geradeaus. Umkehren kommt sowieso nicht in Frage. Weshalb auch? Du bist schließlich nicht aus Zucker.

 

Point of no return: Zwischen Strandsauna und Weststrandhalle

 

Aber wasserresistent bist Du eben auch nicht. Das wird Dir klar, als Du doch mal einen Blick zurück wagst und verstehst: Es kommt etwas Gewaltiges auf Dich zu. Da ist Deine Hose rückwärtig bereits platternass und Deine Oberschenkel sind zu Eis gefroren. Es passiert – das ist ein kosmisches Gesetz – etwa auf halber Strecke. Vor oder zurück ist nun egal.

 

Unwetter

 

Es ist eine Sache von Sekunden. Der Regen verwandelt sich in einen Wolkenbruch, Deine Jacke in etwas Funktionsloses und jetzt gibst Du´s endlich vor Dir und der Welt zu: Du hast Dich ganz gehörig verkalkuliert. Der nächste Strandzugang ist Deiner. Du galoppierst den ewig langen Dünenweg zurück Ellenbogenstraße, schneller als Du es je für möglich gehalten hättest.

 

Ganz kurz vorm break-even point

 

Und da stehst Du nun in einem kleinen Unterstand am Parkplatz. Jedenfalls im Trockenen. Allerdings vollkommen durchnässt. Der Regen – ein weiteres kosmisches Gesetz – stoppt etwa 1 Minute später.

 

Regen

 

Aber frieren tust Du eigentlich nicht. Dafür bist Du wohl zu schnell gelaufen. Der schlimmste Moment, fällt Dir wieder ein, ist immer der, bevor man vollkommen durchweicht. Das hattest Du schon in Kindertagen gelernt – Du hattest es nur vergessen. Genau wie das wunderbare Gefühl danach.

 

Nordsee

 

Da niemand außer Dir so unklug war, während des Unwetters rauszugehen, kann jetzt auch niemand außer Dir erleben, wie der Wind die Wolken fortjagt. Am Strand gibt es nur Dich und die Sonne und wenn Du Schwein hast einen Schweinswal, denn der Sylter Weststrand gehört zum ersten Wal-Schutzgebiet Europas. Ganz schön viele Dinge, die glücklich machen.

 

Return on Invest: Aufwärmen bei Königs

 

Von der Aussichtsplattform auf dem Ellenbogenberg, beobachtest Du, wie die ersten Gäste vor die Tür der Weststrandhalle treten. Die armen Leute, denst Du. Sie haben das Beste verpasst. Und dann machst Du Dich selbst auf zu Königs, um die vielleicht leckerste heiße Schokolade Deines Lebens zu trinken. Du hast sie Dir redlich genug verdient.

 

Ellenbogenberg

 

Mehr Tipps für Sylt bei Regen

 

Falls Dich das Konzept vom Rausgehen bei Regen nicht überzeugt, schau doch mal bei Genussbummlerin Ina vorbei. Den ersten 3 ihrer Schietwedder-Empfehlungen schließe ich mich absolut an.

 

List

 

PS.: Regelmässige LeserInnen könnten annehmen, dass wir gerade auf Sylt sind. Sind wir aber nicht. Vielmehr bereite ich mich gerade auf eine andere Nordseeinsel vor. Das Barometer steht auf Regen. Insofern: Alles wird gut!

Blogbilanz: In der Naehe bleiben 2016

Früher war es ein typisches Vorhaben für die Zeit „zwischen den Jahren“:  Fotos sortieren. Umgesetzt habe ich das allerdings selten. Ich besitze Schachteln über Schachteln mit Bildern und Negativen und Disketten und CDs sowie jede Menge Dateien auf drei Laptops. Wie  praktisch ein Blog dagegen ist. Ein Klick und ich sehe: 2016 sind wir auf 14 Kurztrips in der Naehe geblieben. 3 mal weiter weg gewesen. Und haben jede Menge Tagesausflüge unternommen.

 

 

Das ist erstaunlich, schon rein quantitativ, weil wir früher gar nicht besonders häufig ins Blaue gefahren sind. Ganze Sommer vergingen, ohne dass wir es auch nur einmal an die Ostsee schafften. Inzwischen scheint mir das undenkbar. Der Blog hat doch tatsächlich unser Leben verändert – genau wie wir unsere Einstellung zum Bloggen. Es ist uns selbstverständlich geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, es erklären oder rechtfertigen zu müssen. Will sagen, ich fürchte nicht mehr, man könne glauben ich hätte keinen Friseur, dem ich das alles erzählen kann. Ich blogge einfach. Ganz selbstverständlich.

 

Wir bloggen. Selbstverständlich.

 

2016 war unser drittes Bloggerjahr. Nie hätte ich gedacht, dass Norddeutschland dafür groß genug ist. Doch tatsächlich ist Norddeutschland sogar viel, viel größer. Noch immer ist die Liste der Orte, die wir gern sehen würden, länger als die Liste der Orte, die wir bereits besucht haben.

 

 

Dabei ist unser Radius im vergangenen Jahr sogar noch kleiner geworden als in den zwei Jahren zuvor. Wir haben es 2016 nur 1 X in den Osten (Mecklenburg-Vorpommern) geschafft und 1 X  in den Süden (Niedersachsen). Wir waren gar nicht in Sachsen-Anhalt oder Brandenburg; obwohl uns in den beiden Bundesländern einiges interessiert und wir sie bei der Entstehung des Blogs durchaus im Blick hatten. Und doch sind wir fast nur in Schleswig-Holstein unterwegs.

 

Uns zieht es es nach Norden

 

Ehrlich gesagt, ist Mecklenburg-Vorpommern landschaftlich großartiger als Schleswig-Holstein und die Menschen sind in Niedersachsen viel freundlicher. Trotzdem zieht es uns immer wieder ins nördlichste Bundesland. Das muss wohl irgendwie Liebe sein.

 

 

Denn Schleswig-Holstein kann beinahe abweisend wirken. Ganze Landstriche drängen sich nicht auf. Die rufen nicht: Sieh. Mich. An. Manche Regionen sind so krass irgendwo zwischen den 50ern und 70ern hängengeblieben, dass man es nicht für möglich hält. Aber gerade das finden wir ungeheuer inspirierend.

 

Aber Werber werden wir nie

 

Unsere Vorliebe für Verschrobenheiten kann schwierig sein, wenn Kooperationspartner ins Spiel kommen. Das haben wir 2016 gemerkt. Wenn man zu bloggen beginnt, wagt man ja kaum zu glauben, dass man selbst irgendwann eingeladen wird (wie „richtige“ Blogger). Aber irgendwann passiert es. Bis dahin weiß man längst, dass die Destinationen wie in einem Landlust-Magazin präsentiert werden möchten. Manchmal passt das auch. Aber meistens ist das nur die Schokoladenseite. Und die interessiert uns gar nicht so. Also haben wir dieses Jahr manche Kooperation nicht angenommen. Wäre nicht fair gewesen. Und so werden wir das weiterhin halten.

 

 

Vielleicht haben wir deshalb auch kein Media-Kit auf dem Blog. Wir hatten uns immer vorgenommen, den Button einzurichten, wenn wir 10.000 Klicks im Monat überschreiten. Das geschah im Sommer. Steigerte aber auch nicht unsere Lust, den Blog zu professionalisieren (wie der Blogger es nennt, wenn er sich nach Social-Media-Gesetzen ausrichtet).

 

Erfolgreich gebloggt?

 

Im Grunde ist der Erfolg eines Blogs berechenbar. Man muss nur bei anderen gucken, wie´s geht. Ich staune, wie sich die Blogs entwickeln, denen ich folge. Manche sind über die Maßen beliebt in Sozialen Netzwerken. Andere finde enorm viele Fans in der Bloggerszene. Und es gibt auch welche, die steigern sich inhaltlich von Monat zu Monat bis die Beiträge funkeln wie Diamanten. Einige Maßnahmen (like for like, Werbung bei facebook oder die totale Suchmaschinenoptimierung) wurden dieses Jahr unter Bloggern sehr kritisch diskutiert; gelten als ein bisschen unfein (im Sinne von schleimerisch oder gefallsüchtig). Doch ich sehe das anders.

 

 

Egal für welche Form des Wachstums man sich als Blogger entscheidet – man muss es immer auch noch machen; also jede Menge Zeit investieren. Und zwar kontinuierlich. Das empfinde ich als eine Leistung. Insofern denke ich, a) dass jeder Blog seinen individuellen Erfolg verdient hat. Und b) die wichtigste Frage für einen Blogger lautet: Was bringt mir eigentlich Spaß? Nur wenn man richtig Lust hat, einen Kanal zu bespielen, lohnt sich die Chose.

 

Kleiner Blog und große Medien

 

Mir zum Beispiel bringt facebook gar keinen und pinterest nur wenig Spaß. Ich komme einfach nicht dahinter, was der Witz an der Sache sein soll. Mein Engagement ist im Laufe des Jahres aufs Minimalste geschrumpft. Volko hat vor einigen Wochen immerhin entdeckt, dass instgram ihn entspannt. Könnte gut sein, dass wir 2017 dort endlich stattfinden werden. Ist aber absolut kein Muss. Denn auch wenn unsere Reichweite nicht gerade der Hammer ist, haben uns die guten alten Printmedien gefunden. Ich fasse es nicht, fasse es nicht, fasse es nicht – aber es sieht so aus, als würden im kommenden Jahr gleich zwei Projekte anstehen, von denen ich nicht mal zu träumen gewagt hätte. (Mehr dazu hier, wenn mehr dazu erzählt werden darf.)

 

 

Die größte blogthematische Überraschung war für mich dieses Jahr die Insel Pellworm. Herrlicher als ein Sonnentag auf Pellworm scheint mir wenig auf der Welt. Zumindest Hamburger, Schleswig-Holsteiner und Nordfriesland-Urlauber können das relativ spontan im Rahmen eines Tagesausflugs testen. Mein erster Tipp für 2017 wäre, auf einen klaren Tag im Mai oder Juni zu warten.

 

Das Beste am Norden sind Inseln

 

Überhaupt Inseln. Mir schwebte eine Weile vor, 2017 zu einem reinen Inseljahr zu machen, um dahinter zu kommen, warum sie mich so maximal beglücken. Das klappt nun nicht aus unterschiedlichen Gründen und ich muss mich darauf beschränken, was Goethe sagte: „Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhältnis zur Welt.“ Immerhin und mindestens zwei Mal werde ich im kommenden Jahr darüber nachdenken können. Gleich im Januar gehts los; meine zweite ostfriesische Insel steht auf dem Plan.

 

 

Mit unseren Auslandreisen haben wir uns 2016 mal wieder als perfekte Durchschnittsreisende gezeigt. Die 12,6 Tage, die der Deutsche durchschnittlich verreist, haben wir schön auf die Himmelsrichtungen verteilt. Wir verbrachten drei Frühlingstage in England, eine gute Sommerwoche in Lettland, ein paar Stunden in Dänemark und unternahmen einen winterlichen Kurztrip nach Schweden. So waren wir also im Norden im Westen, im Norden im Osten und noch nördlicher. Perfekt!

 

Das Beste am Norden sind die Nachbarn

 

Als Freiberufler wissen wir selten im Voraus, wann und ob Urlaubsreisen in unsere Auftragslage passen. Aber träumen geht ja immer. Stand heute würde ich mich 2017 für 4 Tage Wales im Frühsommer, 6 Tage Norwegen im Spätsommer und 2,6 Tage Polen im Herbst entscheiden. Mal sehen, was wird.

 

 

Was 2016 garantiert nicht das Beste im Norden war, war das Wetter. Im August gab ich es auf, auf den Sommer zu warten. Woraufhin er im September eben doch noch kam. Für drei lange Wochen. In denen wir lästigerweise ziemlich viel arbeiten mussten.

 

Der Sommer 2016

 

Weil nicht viel Zeit war, sind wir im Sommer noch näher an Hamburg geblieben als üblich. Dabei entdeckten wir unsere zweite große Überraschung des Jahres: Grünstrände.

 

 

Aus 1.000 Gründen finden die Leute Grünstrände nicht so gut. Soll uns mehr als Recht sein. Denn so haben wir mehr Platz für uns. Garantiert werden wir 2017 wieder direkt vom Deich in die Nordsee hüpfen. (Mein zweiter Tipp für unsere Leser wäre: probiert es mal (wieder)).

 

Das Beste am Bloggen sind die Leser

 

2016 ist mir sehr klar geworden, was ich mit dem Blog eigentlich will. Neben der Freude am Entdecken gehts mir um die Leser – also um Dich. Ich will Dir gar nicht erzählen, was wir machen. Ich möchte zeigen, was Du machen kannst. Manchmal vielleicht auch etwas wieder in Dein Gedächtnis rufen. Deswegen ist es uns auch so wichtig, immer hübsch bei der Wahrheit zu bleiben; selbst wenn sie trist ist.

 

 

Mir ist schon klar, dass wir damit nicht jeden ansprechen. Menschen ticken eben unterschiedlich. Aber es gibt da so eine kleine, feine Zielgruppe, die gewisse Schnittmengen mit uns hat. Immer wieder spannend finde ich, wie die zu uns finden. Meistens läuft das bei uns über Google. Ich hab schon mal erzählt, dass ich das über den Blog rausfinden kann.

 

Unsere Lieblingssuchanfragen 2016

 

Manche sagen ihrer Suchmaschine total genau, was sie wissen wollen. Zum Beispiel tippte neulich jemand: „Ich möchte gerne wissen, ob es in Holstein einen Immenhof gibt“. (Die Antwortet lautet: ja, Gut Rothensande in Malente). Andere geben sich kryptisch. Etwa: „Moin… still ruht die Nordsee.“ Oder „Mit Frau Frie wohl auch ausgehen.“

 

 

Wieder andere landen vermutlich durch Schreibfehler bei uns. Jedenfalls glaube ich, dass der Mensch, der „gruselige Weisenhäuser“ suchte, Kinderheime meinte und nicht Weissenhäuser Strand, den wir als gruselstigen aller Strände beschrieben haben.

 

Was wir gern über Norddeutschland wüssten

 

Und dann sind da noch die Fragen, die ich selbst gern beantwortet hätte. Etwa:

Warum gibt es auf Sylt keine Katzen?
Fährt ein Zug von Wedel nach nirgendwo?
Sauerfleisch Westerhever?

Wir sind gespannt, ob einer hier mitliest, der die Antworten weiß. (Das mit dem Sauerfleisch interessiert mich ganz besonders.)

 

 

Und das ist jetzt die beste Gelegenheit, um uns für die zahlreichen und spannenden und ergänzenden Kommentare zu bedanken, die den Blog überhaupt erst zum Blog machen. Wir haben uns mal wieder über jede einzelne Wortmeldung riesig gefreut.

Auch bei den „stillen Lesern“ möchten wir uns bedanken. So viele Infos brettern fortwährend auf uns alle ein – da ist es echt eine Ehre, wenn jemand ausgerechnet bei uns Zeit verbringt.

Über-über-morgen trinken wir einen auf Euer Wohl.

Kommt gut raus und gut rein – wir lesen uns nächstes Jahr.

 

Liseberg

Ehrfürchtig hopsen: Weihnachten in Liseberg

Zu den unzähligen Vorzügen einer Kindheit in Göteborg gehört Liseberg, Schwedens ältester Vergnügungspark. Während für Kinder in Norddeutschland die Zeit spätestens ab dem Nikolaustag quälend langsam vergeht, verfliegt sie in Liseberg wie eine Schneeflocke im Wind. (Witzigerweise ist es für Erwachsene genau anders herum: In Norddeutschland rast der Dezember dahin; in Liseberg bleibt die Uhr stehen. Oder wird sogar zurückgedreht. Um ein paar Jahrzehnte.)

 

Liseberg

 

Jedenfalls fühle ich mich maximal 8 Jahre alt, als wir uns um 14.55 Uhr in die Mega-Menge vor den Pforten Lisebergs einreihen. Innerlich stöhne ich. Am liebsten würde ich mich vordrängeln. Aber ich lasse mir – auf eine vermutlich Mr. Bean-artige Weise – nichts anmerken. Erstens bin ich eigentlich erwachsen. Zweitens verhalten sich in Schweden selbst winzigste Besucher ausgesprochen manierlich. Und drittens möchte ich Volko keine Gelegenheit geben, die Frage zu stellen, die absolut auf der Hand liegt: Sag mal, müssen wir wirklich hier rein?

 

liseberg weihnachten

 

Was für eine Frage! Klar, müssen wir. Unbedingt. Schnell. Dabei würde ich in Deutschland lieber Gras essen, als einen Vergnügungspark zu betreten. Aber in Skandinavien ist das was anderes. Vor allen Dingen in Liseberg, wo in der Weihnachtszeit Licht- und Deko-Künstler sich mal so richtig ins Zeug legen. Als wir – endlich – die Tickets in der Hand halten, ist es 15.05 Uhr. 10 Minuten hat das elende Anstehen gedauert. Eine Ewigkeit (die man sich sparen kann, denn nach dem Anfangsandrang bilden sich keine Schlangen mehr vor den Kassenhäuschen).

 

Heissahoppsa Liseberg

 

 

Von 1923 bis 1999 war Liseberg ein reines Sommervergnügen. Im Jahr 2000 fand der erste Weihnachtsmarkt statt. Inzwischen ist er der größte Skandinaviens. Er öffnet Mitte November mit Einbruch der Dämmerung. Und ja, das ist alles künstlich. Doch das stört keinen großen Geist, wie Karlsson vom Dach weiß. Kinder kümmern sich ohnehin nicht um Moden und Zeitgeist. Sie haben eine Schwäche für Künstliches und Blinkendes (selbst wenn ihre Eltern viel Wert auf Stil legen. Vielleicht gerade dann).

 

 

Man muss Liseberg aus kindlicher Perspektive betrachten. Beobachten, wie Fünfjährige ehrfürchtig durchs Hasenland, Winterland, Lappland und Tomteshuset hopsen. Ehrfürchtig hopsen, stellt man dann fest, ist eine Fähigkeit, die sich mit zunehmendem Alter verliert. Das kriegt man nur noch in Ausnahmefällen hin, wenn die Gegebenheiten direkt aufs Gefühl zielen – ohne Umwege über das Gehirn. Da Licht und Musik bei mir relativ verlässlich wirken, bin ich in Liseberg kurz abgetaucht in diesen Ausnahmezustand – erleuchtet von 5 Mio LED-Leuchten; mit schwedischen Weihnachtsliedern im Ohr.

 

Liseberg: wer, wie, was und warum?

 

Wann: Die reguläre Saison in Liseberg läuft von April bis Oktober. Nur dann sind alle Fahrgeschäfte geöffnet. Von Mitte November bis 30. Dezember ist Liseberg in ein Winterwunderland umgestaltet.

Wie lange: Gut 2 Stunden muss man mit An- und Abreise (Straßenbahn oder zu Fuß) schon einplanen.

Wie teuer: Unter 110 cm, ist der Eintritt frei. Größere zahlen 100 Kronen (etwa 10 Euro) für das Basis-Ticket (das nicht zum Besuch der Fahrgeschäfte berechtigt).

Wer und warum: Wer ein Alibi-Kind im Schlepptau hat, ist fein raus. Der Rest heuchelt Interesse an schrecklichen Achterbahnen bzw. an den Saison-Specials; etwa Gartentage im Frühling, Konzertnächte im Sommer, Zombie-Sachen zu Halloween oder eben Weihnachten.

Und apropos Weihnachten: wir wünschen Euch friedliche, frohe Tage.

 

weihnachtsstern