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Egebergparken

Ekebergparken – unser Lieblingsplatz in Oslo

Ich habe mich in einen Park verliebt. Einen Wald voller Skulpturen hoch über Oslo. Mit unfassbaren Ausblicken auf Stadt, Fjord, Badeinseln und Berge ist der Ekebergparken ein Glücksgarant für alle, die es nordisch mögen. Und falls man dazu noch Interesse an Kunst hat, wird ein Besuch dort oben zu einem überwältigenden Erlebnis.

 

Oslo

 

Die Kombination von Kunst und Natur ist ja immer eine feine Sache. Aber der Einklang von Landschaft und Skulpturen im Ekebergpark, ist definitiv eine Klasse für sich. Man muss kein großer Kunstkenner sein, um das zu spüren. Ein wenig Neugier reicht schon. Den Rest macht der Park.

 

Ekeberg_Pavillon

Dan Graham: Ekeberg Pavillon

 

Die bewaldeten Hänge im Südosten von Oslo sind seit Urzeiten ein wichtiger Rückzugsort für die Bevölkerung gewesen. 2013 kam ein norwegischer Milliardär auf die Idee, einen Park mit 30 Kunstwerken anzulegen (und zu finanzieren). Irgendwann einmal sollen es 80 Skulpturen und Installationen werden; derzeit sind es 39. Sie liegen weiträumig verstreut; mal versteckt, mal spektuaklär inszeniert.

 

 

Norweger haben wirklich was übrig für Kunst – im ideellen wie auch monetären Sinne. Darum steht im Ekebergparken auch nicht irgendwas von irgendwem in der Gegend herum. Sondern man wandert von Auguste Rodin zu Auguste Renoir, von Jenny Holzer zu Salvador Dali, von Marina Abramovic zu Markus Lüpertz – oder anders gesagt: durch das who-is-who der Kunstszene.

 

Damien Hirst

Damien Hirst: Anatomy of an Angel

 

Zum Lachen bringt einen der Park, wenn eine Frau sich im Näherkommen als Skulptur entpuppt. Und das, was man bis eben für eine Skulptur hielt, als Mülleimer. Oder der Moment in dem man realisiert, dass die Gesprächsfetzen, die man schon eine ganze Weile im Hinterkopf wahrgenommen hat, gar keine Besuchergruppe ankündigen. Sondern von einer altmodischen Straßenlaterne stammen, die vor sich hinmurmelt und flüstert.

 

Walking Woman

Sean Henry: Walking Woman

 

Das große Dilemma im Ekebergpark: Soll man sich lieber überraschen lassen oder nach Plan vorgehen? (Was, wenn man etwas verpasst?) Soll man auf den Wegen bleiben oder querfeldein spazieren, wo man tatsächlich das Gefühl hat mitten in der Natur zu sein? (Was, wenn man etwas verpasst?)

 

 

Soll man weiter, weiter (damit man nichts verpasst!) oder doch besser eine Weile sitzenbleiben, um den Moment zu genießen? Lieber die Bank mit Blick auf die Stadt? Oder den Felsen mit Blick auf den Fjord? Oder mit Blick auf die Inseln? (Ein Dilemma, das sich wie ein roter Faden durch einen Oslobesuch zieht).

 

 

Schon während man durch den Park stromert, wünscht man sich, noch einmal wiederzukommen. Vielleicht zu einer anderen Jahres- oder Tageszeit. Im Winter, im Sommer, morgens, mittags, abends, an ruhigen Werktagen und trubeligen Wochenenden. Oder mitten in der Nacht.

 

Beste Zeit für den Ekebergpark: Immer

 

Der Ekebergpark ist täglich und rund um die Uhr geöffnet. Nachts sind die Wege beleuchtet. Nur im Dunklen lassen sich Tony Ourslers Projektionen bewundern, die dann in die Baumkronen geworfen werden.

 

 

Der Nebel, der sechs mal pro Tag für 15 min aus dem Wald aufsteigt, sieht jedes Mal anders aus. Abhängig von Wetter und Wind wabert er als schmaler Schwaden auf eine Lichtung und verdichtet sich an anderen Tagen zu einer einzigen Wolke.

 

James Turell: Skyspace – the Colour Beneath

 

James Turells Skyspace glänzt vor allem im Morgengrauen und der Abenddämmerung. Die eigentliche Attraktion liegt aber im Inneren des ehemaligen Wasserreservoirs: das Lichterlebenis Ganzfeld ist nur an Sonntagen begehbar.

 

 

Wer das Museum zum Park besuchen möchte, muss zwischen 11.00 Uhr und 16.00 Uhr kommen. Das benachbarte Restaurant Karlsborg schließt um 17.00 Uhr. Will man später noch etwas speisen, muss man ein paar Kronen mehr auf den Tisch legen. Das Ekeberg-Restaurant ist etwas für besondere Anlässe.

 

 

Die schneeweiße Schönheit von 1929 liegt nicht weit entfernt von der Stelle, die einen Maler zu einem der berühmtesten Gemälde der Welt inspirierte. Und das ist irgendwie ulkig. Denn sollte ich sagen, welches Kunstwerk den Ekebergpark am aller-, aller, allerschlechtesten beschreibt, dann wäre es wohl „der Schrei“ von Edvard Munch.

 

 

Mit Dank an regiomaris und Color Line, die unsere Recherchereise nach Oslo unterstützt haben.

Der Besuch des Ekebergparks ist kostenfrei. Die Anreise mit der Straßenbahn (Linie 18 oder 19) dauert aus der City nur wenige Minuten (und ist für sich genommen schon wieder erlebenswert). Mehr Infos gibts hier.

Nordermeldorf

Mehr Garnichts geht nicht – und wem das jetzt guttut

Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Menschheit es für völlig egal hält, ob man die Badestelle Elpersbüttel südlich des Sperrwerks am Speicherkoog aufsucht – oder die nördlich gelegene Badestelle Nordermeldorf. Sie unterscheiden sich auch wirklich nur in Nuancen. So sind im September beide Badestellen nicht gerade überlaufen und die Kioske meistens geschlossen. Während in Elpersbüttel manchmal (es ist nicht genau zu sagen, wann) Park- und Strandgebühr zu entrichten sind, ist das in Nordermeldorf nicht der Fall.

 

 

Für beide Badestellen gilt: Im Bereich hinterm Deich ist die Natur hier wild und üppig.  Vorm Deich ist dann gar nichts mehr.  Also wirklich gar nichts. Kein Baum. Kein Strauch. Kein Haus. Kilometerweit geht das so. Ob das im klassischen Sinne schön ist? Hand auf´s Herz: auf den ersten Blick nicht zwingend für jeden.

 

 

Dithmarschen kann man nur schwer weiterempfehlen, da es so speziell ist. Man kann Dithmarschen auch nicht recht erklären. Dithmarschen kann man nur fühlen. Und fühlen können das wohl nur Menschen mit einem bestimmten Gemüt. Gehört man zufällig zu dieser Gruppe, wirken Stille und Weite derart intensiv, dass man sich vollkommen eins mit der Welt fühlt. Keine Übertreibung jetzt.

 

Nordermeldorf tut gut, wenn man runterkommen muss

 

In Dithmarschen habe ich immer das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben. Vielleicht ist das so, weil man hier fast nichts machen kann. Für mich ist das großartig, weil ich den seltenen Zustand, gar nichts machen zu müssen, enorm genieße. Ich spüre nicht einmal den Druck, möglichst früh in Hamburg aufzubrechen. So bin ich schon entspannt, bevor ich überhaupt losgefahren bin.

 

 

Aber irgendwas kann man ja selbst am ereignislosesten Ort unternehmen. Z.B. von der Badestelle Nordermeldorf  (wo kein Kiosk geöffnet hat) zur Badestelle Wawerort spazieren. Dort warten ein Strandbistro (das aktuell nur unzuverlässig öffnet) und der Imbiss des Campingplatzes Seeschwalbe (noch bis 15. Oktober). Das eigentliche Ziel ist aber der Spaziergang selbst – durch etwa 3,5 km Garnichts am Stück.

 

 

Wo Garnichts ist, kann einen natürlich auch gar nichts an das Sommerende erinnern. Da die wahnsinnsweite Watt- oder Wasserfläche der Meldorfer Bucht die Sonne ganz erheblich  reflektiert, wird es (bei Windstille) ziemlich schnell warm. Da kann man sich noch einmal wie im Juli fühlen. Das Szenario ist perfekt, um sich bewusst vom Sommer zu verabschieden. So innerlich.

 

Nordermeldorf ist prima, um dem Sommer Tschüß zu sagen

 

Ob man überhaupt der Typ ist, der einen bewussten Abschied vom Sommer braucht, läßt sich leicht herausfinden: einfach den Text „Einmal noch“ von Meertau lesen – dann spürt man schon, ob es für einen persönlich wichtig ist.

 

 

Wenn die Ostsee bereits den Punkt überschritten hat, an dem sie einen zwingend ins Wasser zieht, animiert das Wattenmeer noch einige Wochen länger, ernsthaft übers Baden nachzudenken. Soll ich? Soll ich nicht? Darüber siniert man am besten bei Ebbe.

 

Nordermeldorf: Place-to-be für alle, die noch einmal baden wollen

 

Idealerweise denkt man übers Baden in den warmen Nachmittagsstunden eines himmelblauen Tages nach, wenn die Sonne aufs Watt knallt. Dann läuft man und läuft man dem glitzernden Meer entgegen und wünschte, der Moment würde nie enden.  Ist das matschig? Aber Hallo! Ist das kalt? Kein Stück!

 

 

Während man durch Tümpel und Prile tappst, verliert die Nordsee jeden Schrecken. Sie wird im Gegenteil so wohlig angenehm, dass man gar nicht mehr an Land gehen möchte – selbst wenn die Flut kommt. (Ob man sich am Ende wirklich fallen läßt, ist Nebensache.)

 

 

Noch so ein Vorteil der Westküste: die Tage sind hier am längsten. Bis die Sonne untergeht, scheint sie einem frontal ins Gesicht. Und weil vorm Deich ja Garnichts ist, kann auch nichts Schatten werfen. So läßt sich der letzte Sommertag bis zur letzten Neige auskosten. Und wenn man Lust hat, wagt man zwischen Bad und Sonnenbad eine kleine Vorschau auf den Herbst.

 

Wer Vorfreude auf den Herbst sucht, ist in Nordermeldorf goldrichtig

 

Jenseits des Deichs zwischen Nordmeldorf und Wawerort liegt das Naturschutzgebiet Wöhrdener Loch. Genau wie das benachbarte NSG Kronenloch im Rücken der Badestelle Elpersbüttel ist es kein verschwenderischer Urwald, indem man sich verlieren könnte, sondern eher eingezäuntes plattes Land mit Wasserstellen. Nur wer sich Zeit nimmt genauer hinzuschauen – vielleicht eine Weile an einem Aussichtspunkt abwartet – wird belohnt.

 

 

Die krassestens Glücksschauer rasen Tierfreunden über den Rücken, wenn Koniks in der Ferne auftauchen oder ein gewaltiger Vogelschwarm aufsteigt. Da beginnt man doch tatsächlich, sich über das Sommerende zu freuen, die Zeit der großen Vogelzüge. Wunderbar (und viel ausführlicher) beschreibt Andrea auf ihrem Blog indigoblau den Zauber des Speicherkoogs.

 

Koniks

 

(Nebenbei gesagt: Ich hätte mir bei Schaffung der Naturschutzgebiete – das war erst im Jahr 1985, nachdem die Meldorfer Bucht eingedeicht war – romantischere Namen ausgedacht. Aber Dithmarscher sind wohl recht pragmatisch. Kronenloch und Wöhrdener Loch hießen die alten Arme des Gezeitenstroms – und so heißt jetzt eben auch das neue Land. Nicht lang schnacken und so.)

 

 

Apropos nicht lang schnacken: Meinen Erfahrungen nach kann man das Sommergefühl in der Meldorfer Bucht noch bis in den Oktober hinein finden. Es braucht aber wolkenlose Windstille. Wenn also demnächst die berühmten zwei südlicheren Tage aus Rilkes Herbstgedicht anstehen, wäre es ratsam, alles stehen und liegen zu lassen und zur Badestelle Nordermeldorf aufzubrechen. Falls man der Typ für Garnichts ist.

 

Wattenmeer

 

PS.: Hier geht´s zu den eingangs erwähnten Nuancen, in denen sich die Badestelle Elpersbüttel von der Badestelle Nordermeldorf unterscheidet: Klick.

Surendorf

Cyanea Capillata – Norddeutschlands „weißer Hai“

Seit Wochen knallt die Sonne vom Himmel und hat das Meer auf 23 Grad erwärmt. Kristallklar ist das Wasser heute; beinahe unbewegt. Oder anders gesagt: ein Traum. Und doch wagt sich niemand hinein. Nicht einmal mit den Füßen.

Wenn jetzt Roy Scheider und Richard Dreyfuss wild diskutierend an den Strand spaziert kämen, würde mich das gar nicht wundern. Denn genau wie auf Amity Island sind sich auch an den deutschen Küsten die Experten uneins über das Ausmaß der Bedrohung. Und man weiß ja (wenn man den weißen Hai kennt), wohin das führen kann.

Bisher weht nur die gelbe Flagge über dem Strand von Surendorf. Das bedeutet noch kein Badeverbot, sondern lediglich: Achtung, Achtung, die Situation ist brenzlig. Im wortwörtlichsten Sinn. Denn Cyanea Capillata ist ausgeschwärmt, besser bekannt als Feuerqualle.

 

 

Feuerqallen sind an Nord- und Ostsee nichts Außergewöhnliches. Bei auflandigen Winden driften sie zu Tausenden vom offenen Meer an die Küsten. Nur sind sie diesen Sommer auffallend groß.

„Wir haben diesen Sommer besonders warme Temperaturen, wie jeder mitbekommt. Von daher wachsen die Tiere schneller“, sagte Ulrich Bathmann vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde. Es gebe an den Stränden aber nicht unbedingt mehr Feuerquallen als üblich.

Wirklich nicht? Im August berichteten die Gazetten: 50 Verletzte auf Fehmarn. 90 in Heiligendamm. 120 in Travemünde. 600 zwischen Scharbeutz und Timmendorf. Badeverbot in der Lübecker Bucht. Badeverbot in Plön. War das schon immer so? Reines clickbaiting?

 

 

Quallen lassen sich schlecht zählen. Aber man geht davon aus, dass sich ihr Bestand in Nord- und Ostsee seit den 1990er Jahren verdreifacht hat. Durch Nährstoffeintrag (also Umweltverschmutzung) und Überfischung haben Quallen gut zu essen und wenig Feinde. Das ist weltweit zu beobachten und mancherorts ein Problem. So sterben durch Quallenverbrennungen  jährlich 100 Menschen (zum Vergleich: durch Haie 10).

Norddeutschlands „Weißer Hai“ ist eine „Gelbe Haarqualle“

 

Zu Tode kommt man durch Cyanea Capillata, die Gelbe Haarqualle, nicht. Sagt die Quallen-Expertin des GEOMAR-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel:

Sie selbst habe vor Kurzem, beim Baden in der Strander Bucht, Verbrennungen erlitten. „Ich bin durch Seegraswiesen geschwommen, in denen sich wohl mehrere Quallen verhakt hatten. Kontakt mit Nesselzellen am ganzen Körper, das war schon eine andere Nummer als der Kontakt mit nur einer Feuerqualle.“ Es habe sich so angefühlt, „als ob man sich in eine Wiese voller Brennnesseln gelegt hätte“. Aber: „Ich gehe weiterhin jeden Tag in der Strander Bucht baden, nur bei Niedrigwasser sollte man die flacheren Seegraswiesen meiden“, so Cornelia Jaspers.

Mich bringen bei Feuerquallenalarm jedoch keine 10 Pferde ins Wasser. (Ich schwimme allerdings auch nie durch Seegraswiesen; ob nun mit Quallen oder ohne). Es ist eine Typfrage, würde ich sagen.

 

Feuerqualle

 

Es ist auch eine Typfrage, ob man die gelbe Flagge ignoriert. Der Mann, der in Sichtweite unseres Strandkorbs bis zum Bauch im Wasser steht, wünschte sicherlich, er hätte zweimal drüber nachgedacht. Ein kleinerer Schwarm ist aus dem Nichts in seine Richtung gedriftet und nun versuchen Frau und Tochter vom Ufer aus, ihn durch die Medusen zu lotsen. Dabei ist das nur die halbe Miete: auch abgerissene Tentakel verursachen Verbrennungen (bei denen es sich eigentlich um Vergiftungen handelt). 70 bis 150 dieser haarfeinen Fäden besitzt die Feuerqualle – sie können bis zu 30 Meter lang werden.

 

Was tun bei Feuerquallen-Alarm?

 

Außerhalb des Wassers vereenden Quallen schon nach einigen Stunden. Das Drama ist also ganz auf ihrer Seite, wenn sie an die Küsten getrieben werden. Obwohl Feuerquallen wirklich hochinteressant und faszinierend sind, ist es keine gute Idee, sie zu beerdigen oder zu sezieren. Die Nesselzellen sind noch tagelang aktiv. (Falls es mal zum Kontakt gekommen ist, hilft die Apotheken-Umschau).

 

 

Eine gar nicht so kleine Gruppe von Badegästen versucht, das Problem zu umgehen. Die Surendorfer Strandgastronomie kracht heute aus allen Nähten. Aber so richtig Partystimmung will nicht aufkommen. Denn eine zweite Art macht klar, dass sie drauf pfeift „dem Menschen Untertan“ zu sein. Wespen haben diesen Sommer ebenso sensationelle Bedingungen wie Quallen. Und so wird mir dieser Tag am Meer als kleine Lektion in Sachen Demut in Erinnerung bleiben.

 

Sonnenuntergang

 

Was ich mich frage: Wenn der Wind an der Ostsee in Schleswig-Holstein auflandig weht, weht er dann an der Nordsee (immer) ablandig? Weil… wenn es so wäre, hätte man ganz oben im Norden ja immer mindestens ein Meer in der Nähe, wo garantiert keine Feuerquallenschwärme auftreten. Falls hier einer mitliest, der sich damit auskennt, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

 
Abendstimmung
 

Aschauer Lagune

Die Aschauer Lagune: Sex & Crime & SEO

Der erste Blick auf die reale Aschauer Lagune unterscheidet sich eklatant vom ersten virtuellen Eindruck; also ihrer Darstellung im Internet. Mir ist schon häufig aufgefallen, dass das Netz keine allzu verlässliche Informationsquelle darstellt. Das gilt nicht nur für politische Fragen.

Was Suchmaschinen auf den ersten Seiten anzeigen, hat nämlich wenig mit Güte, Aktualität oder Beliebtheit der Texte und Seiten zu tun. Sondern vorwiegend mit Suchmaschinen-Optimierung, kurz SEO (von search engine optimization). Eine langweilige Sache, bei der sich alles um Google dreht, denn über 90% aller europäischen User nutzen den Marktführer.

 

lagune

 

Vereinfacht gesagt läuft SEO so: Google gibt vor, wie ein idealer Text auszusehen hat. Je gehorsamer ich mich Googles Vorgaben unterwerfe, desto höher wandert mein Text im Ranking der Suchergebnisse nach oben. Im besten Fall wird er auf Seite 1 gebracht.

 

Aschauer Lagune

 

Analytische Menschen sind dabei klar im Vorteil. Googles Kriterien sind durchaus figelinisch und auch nicht bis ins Allerletzte bekannt. Eher hinderlich hingegen ist eine gewisse Sprachverliebtheit oder Phantasie. „Nun komm mal zum Punkt“, sagt die Suchmaschine. Sinnbildlich jetzt.

 

Eckernfoerder Bucht

 

Weil Viele texten, wie Google das will,  hat sich im Internet ein bestimmter (ich finde: unschöner) Schreibstil entwickelt. Ein gutes Beispiel sind Überschriften. Selbst renomierte Magazine (ganz krass: GEO) schrauben ihr Niveau ins Bodenlose und fluten das Netz mit Massenware, wie „Die 5 schönsten Wanderwege mit Hund“ oder „8 Geheimplätze, von denen Du garantiert noch nie gehört hast.“

 

 

Die Superlativ-Texte halten selten, was sie versprechen. Genau wie die Vorschläge der Suchmaschinen selten die gewünschten Ergebnisse bringen. Suche ich z.B. einsame Strände an der Ostsee, schlägt Google mir als erstes einen Beitrag vom NDR vor, der unter der Überschrift „ruhige Strände an Nord- und Ostsee“ die Strände von Sylt, Amrum und SPO empfiehlt. Tolle Strände, keine Frage –  bloß eben nicht an der Ostsee oder einsam – also das Gegenteil dessen, was ich suche.

 

 

Was ich unter dem Suchbegriff einsame Strände an der Ostsee nicht finde, ist die Aschauer Lagune. Dabei hätte sie es wirklich verdient. Was sie nicht so verdient, sind die Ergebnisse, die Google mir vorschlug, als ich Aschauer Lagune  ins Suchfeld tippte. „Sodom und Gomera“, hätte Else Kling gerufen, angesicht von Sex & Crime am Ostseestrand.

 

Sodom & Gomera in der Aschauer Lagune

 

Sex sells. Gerade im Internet. 2009 Jahren machte die Aschauer Lagune offenbar im großen Stil von sich reden. „Der Ferkelstrand – ein Insider packt aus“ titelte die Mopo vor 9 Jahren – und so steht es bis heute auf Seite 1. Wer sich weiterklickt, wird von der „Schweinebucht“ lesen, von Sex-Alarm und Swinger-Orgien. Aber ich glaube, das ist keine aktuelle Information.

 

Aschau

 

Crime geht ebenfalls gut. Der Artikel über Naturfrevel in der Aschauer Lagune hält sich noch nicht ganz so lange auf der ersten Seite. Doch es ist immerhin auch schon 3 Jahre her, dass Unbekannte 33 Stranddisteln zerstörten.

 

 

Die restlichen Links, die mir auf Seite 1 vorgeschlagen wurden, führten zum Campingplatz. Campingplätze klicke ich selten an – und gehe noch seltener hin. Aber der Campingplatz auf dem perfekten Nehrungshaken der Aschauer Lagune ist wirklich wunderschön!!! Ganz klein, ganz ruhig, ganz lässig – und nebenbei der erste Campingplatz in Deutschland, der Menschen mit Behinderung vorbehalten ist.

 

Liebesgrüße aus der Aschauer Lagune

 

Was ich mir nach diesen Suchergebnissen nicht hätte vorstellen können: Die unglaubliche Ruhe in der Aschauer Lagune und die unzähligen Wasservögel. Die Dünen. Den Strand. Und dass wir bei unserem Besuch an einem Hochsommertag nur 7 Menschen treffen sollten. Konkret: 2 Radfahrer, 2 Spaziergänger und eine internationale Kombo von jungen Männern; 2 davon in Taucheranzügen.

 

 

Die jungen Männer testeten hier ihre neueste James-Bond-artige Erfindung; ein Mini-U-Boot für 4 Personen. Kein Quatsch jetzt. Bisher seien sie nur mit Zweisitzern auf dem Markt, erzählten sie. Unter ihren Abnehmern befänden sich Streitkräfte verschiedener Nationen, Off-Shore-Firmen und zu etwa 10% Superreiche, denen ein weiterer Ferrari keinen Kick mehr verschafft.

 

Steg

 

Unterm Strich bleibt es erstaunlich, was es alles gibt. U.a. eben Strände, ganz in der Nähe, von denen man noch nie gehört oder gelesen hat, selbst wenn man sich ständig mit Stränden befasst. Und insofern ist es eigentlich gut, dass Suchmaschinenen anders ticken als Menschen. Sonst müsste man gar nichts selber entdecken. Dabei ist das ja der größte Spaß. Und eine Stippvisite in der Aschauer Lagune kann ich nachdrücklich empfehlen.

 

Strand Aschau

 

Aschau gehört zur Gemeinde Altenhof und liegt bei Eckernförde. Das Auto muss man in etwa 1,5 km Entfernung loswerden (daher vermutlich auch die relative Einsamkeit am Strand). Oder man kommt gleich zu Fuß; auf dem Europäischen Fernwanderweg E1 sind es von Ecktown City aus gute 8 km.

Wellenreiter Sylt

Mixtape: Ich kann schon das Meer hören

Enthält Werbung | Als Kind diskutierte ich gern mit meinen Freundinnen darüber, ob wir „lieber“ blind, taub oder stumm wären. Blind war das Gruseligste. Stumm ganz schön unpraktisch. Taub schien am „besten“, denn da fielen mir nicht nur Nachteile ein. Auf bestimmte Geräusche hätte ich nämlich schon damals verzichten können. Und das hat sich mit den Jahrzehnten noch verstärkt.

Knallt z.B. ein Jet Ski in Timmendorf übers Wasser, raubt mir das den letzten Nerv – selbst wenn ich in Scharbeutz liege.

Andersherum beamen mich wohlklingende Töne – sagen wir: Ozeanwellen – direkt in die Entspannung; egal wie es um mich herum aussieht.

 

Ostsee

 

Je gestresster ich mich fühle, desto sensibler reagiert mein Hörsinn. Ich merke das, wenn ich beruflich mit der Bahn unterwegs bin. Auf der Hinreise nehme ich die Geräuschkulisse in meinem Abteil zumeist kaum wahr. Nach einem anstrengenden Job aber kann ich die Telefonate der Mitreisenden, ihre Unterhaltungen und (shame on me, aber so isses nun mal) Kindergeschrei einfach nicht mehr ausblenden.

 

Mixedtape: Ich kann schon das Meer hören

 

Wenn ich einer zu lauten Umgebung nicht entfliehen kann (wie z.B. auf Zugreisen), funktioniert nur noch der Rückzug unter die Kopfhörer. Aufgrund meiner norddeutsche Seele dürfen natürlich möglichst düstere Krimis nicht in der Audiothek fehlen. Skandinavienkrimis gelten hier ja beinahe schon als Synonym. Je unwirtlicher die beschriebenen Landschaften und je kälter die Meere, desto besser. (Darum liebe ich besonders die Isländer, allen voran Arnaldur Indridason und Yrsa Sigurðadóttir.) Aber es muss nicht immer Nordic Noir sein.

 

schaereninsel

 

Mindestens ebenso verlässlich komme ich bei den Biographien & Erinnerungen aus dem Ankerherz Verlag zur Ruhe. Wenn Kapitän Schwandt so schön hamburgisch seine Stumwarnung in die Welt schickt oder 18 Insulaner vom Inselstolz auf Borkum, Helgoland oder Hallig Hooge erzählen, dann fühle ich mich gleichermaßen angekommen – wie inspiriert für den nächsten Trip ans Meer.

 

Robben

 

Ginge es nach mir, wäre mein Leben ohnehin ein einziger Strandspaziergang. Doch wie jeder andere Mensch habe auch ich missliche Situationen zu überstehen. Etwa Aufräumen, Putzen, Bügeln. Dann sind die Reisetitel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Löffelchen voll Zucker, das bittere Medizin versüßt. Höre ich etwas über „Die deutsche Ostseeküste: von Flensburg bis Zinnowitz“, darf ich auch mal 2 Minuten abgelenkt sein oder kurz etwas ins andere Zimmer bringen, ohne dass ich den Faden verliere.

 

Ostsee

 

Wobei ich lesend leider immer wieder den Faden verliere sind Klassiker. Das ist jammerschade. Denn einen bestimmten Teil von Nordfriesland versteht man erst, wenn man Theodor Storm kennt. Und für Dithmarschen braucht es Friedrich Hebbel.

 

Hallig Suedfall

 

Ganz leicht wird die Kunst der großen Dichter, wenn man sich an einem Regentag in einen Sessel kuschelt und den Nordseezyklus von Heinrich Heine in der Hörversion lauscht, beginnend mit seinen Eindrücken von Norderney und den Worten:

Die Eingeborenen sind meistens blutarm und leben vom Fischfang, der erst im nächsten Monat, im Oktober bei stürmischem Wetter, seinen Anfang nimmt.“

Da höre ich direkt die Wellen tosen. Den Wind pfeifen. Die Möwen schreien. Und merke, das Hören eben nicht nur Hören ist. Sondern fühlen. Und darauf könnte ich vermutlich am allerschlechtesten verzichten.

 

Nordsee

 

Offenlegung: Dieser Artikel ist in Kooperation mit Audible entstanden.

 

Priwall

Ich urlaube halbtags: Rundwanderung auf dem Priwall

Italienische Gefühle waren das Letzte, was ich mir von einer Rundwanderung auf dem Priwall versprochen habe. Doch als ich über den Markt von Travemünde zur Fähre schlendere, wehen mich so alte Erinnerungen an. Es ist kurz nach 08.00 Uhr. Und schon unheimlich warm.

Die Marktstände verwandeln die Vorderreihe an der Trave in eine Duftgalerie. Es riecht nach südlichen Früchten und frischem Gemüse, nach Brot, Kräutern und geräuchertem Fisch.

In den Cafés und Restaurants werden gerade erst die Tische hergerichtet. Körbe mit Sonderangeboten und Kleiderständer werden die vor die Geschäfte gerollt.

Und es geht doch nichts darüber, ab und zu seine Vorurteile zu überprüfen. Denn dass ich an einem hochsommerlichen Morgen freiwillig und vollkommen entspannt durch Travemünde flaniere und mich dabei wie im Urlaub fühle, hätte ich nicht gedacht.

 

88 km jenseits von St. Pauli: Urlaubsgefühle und der  Priwall

 

Normalerweise meide ich die Lübecker Bucht in der Hochsaison. Sie ist mir dann zu voll, zu laut, zu unromantisch. Nur ist in diesem heißen Sommer ja nichts normal. Er ist ein einziger Ausnahmezustand. Da ist mir die Hauptsache, dass ich regelmäßig eine Meeresbrise spüre. Und wenn man wenig Zeit hat, bleibt Hamburgern gar nichts anderes übrig als Timmendorf oder Travemünde ansteuern. Denn dort ist man eben am schnellsten.

 

Priwall

 

Ich war drauf eingestellt, mich an der Fähre in eine lange Schlange einzureihen. Aber es sind nur wenige Autos, Radfahrer und Fußgänger, die mit mir über die Trave schippern. Gleich beim Anleger schickt mich ein Wegweiser auf den  „Rundweg Südlicher Priwall„. Der 8,5  km lange Spaziergang rund um die Halbinsel eignet sich hervorragend für heiße Tage. Er führt einmal um die Halbinsel und endet am Strand. Besser geht es ja eigentlich nicht.

 

 

Hat man erst einmal die Seniorenresidenz Rosenhof auf der Rosenhofpromenade passiert, übernimmt die Natur. Der Weg führt dicht an der Trave entlang mit Blick auf den Skandinavienkai, wo Fähren nach Malmö, Trelleborg, Liepaja oder Windau ablegen. Ich träume mich auf den Dampfer nach Helsinki. Es fällt mir gar nicht schwer, denn in die Einsamkeit von Finnland habe ich mich schon oft gesehnt – und auf den ersten 1,5 km begegnet mir keine Menschenseele.

 

 

Erst an der Inselspitze treffe ich auf ein gut gestähltes, älteres Paar, das hier seine Morgengymnastik absolviert. Auf dem anschließenden Bohlenweg durch mannshohes Schilf kommt mir ein Jogger entgegen. Allmählich verklingen die Schiffsmotoren in der Ferne. Das Zirpen der Grillen wird zum lautesten Geräusch.

 

 

Die Wetterpropheten haben für heute einmal mehr den großen Regen angekündigt. Ich hoffe, sie behalten Recht. Anfang August sollte ein Naturschutzgebiet aus Feuchtwäldern, Brackwasserröhrichten und Salzwiesenresten doch sicher nicht so herbstlich aussehen, so verdorrt – so griechisch. Denke ich. Um gleich darauf in eine Szenerie der Geschwister Löwenherz zu stolpern.

 

Priwall

 

Die 4 Mädchen, die in der Pötenitzer Wiek mit ihren Pferden schwimmen, sind die letzten Menschen, die ich auf dem südlichen Teil der Rundwanderung auf dem Priwall sehe. Und da es affenheiß ist und der nördliche Teil ohnehin durch bebautes Gebiet führt, kürze ich ab – direkt an den Strand.

 

 

Es ist etwas ernüchternd, dass ich dafür das Schrecklichkeitsprojekt „Priwall Waterfront“ passieren muss. Nicht nur, weil sie (wer immer „sie“ auch sind) so furchtbar phantasielos und unsensibel bauen. Mich gruselt auch die Vorstellung von 1.500 zusätzlichen Betten (also Leuten).

 

Priwall Strand

 

Noch kann man am Strand des Priwalls ganz gut atmen. Und baden! Ich tue das auch einige Mal auf meinem Weg den Strand hinauf und wieder hinunter. Denn die Ostsee ist warm wie das Mittelmeer. Wie ungewohnt das ist, ohne zu zögern ins Wasser zu schlendern. Und ohne Zittern hinaus. Das Abtrocknen übernehmen Sonne & Wind.

 

 

Es ist erst Mittag, als ich mit der Personenfähre von der Südermole zurück nach Travemünde übersetze. Sie pendelt noch bis Oktober im Minutentakt von einer Promenade zur anderen. Und falls bis dahin noch einmal sehr heißes Wetter & ein sehr voller Schreibtisch bei mir zusammentreffen, weiß ich, wo ich spontan halbtags urlauben kann.

 

Leuchtturm Travemuende

 

Rundwanderung auf dem Priwall und dann? …. Weiterwandern

 

Wer einen ganztägigen Urlaub einrichten kann, hat 2 tolle Möglichkeiten:

Vom Priwall aus ab in die herrliche Einsamkeit von Pötenitz.

Von Travemünde aus über die idyllische Brodtener Steilküste nach Niendorf oder Timmendorf.

StrandHaus

Das StrandHaus in Dänisch-Nienhof: Platz für Sommerkinder

Man müsste im August geboren sein, dachte ich neulich bei einem Geburtstagsessen im StrandHaus Schwedeneck in Dänisch-Nienhof.

An meinem eigenen Geburtstag hätte über die Einladung wohl niemand „Hurra“ gerufen. Nicht mal ich selbst. Dabei wollte ich schon ewig in den winzigen, winzigen Ort zwischen Eckernförde und Kiel.

Aber wer wäre schon scharf drauf, im winterlichen Feierabendverkehr über die Autobahn zu zockeln, nur um am Ende irgendwo im Dunklen zu speisen?

Eben.

 

Man müsste im Sommer Geburtstag haben

 

Dann würde kein Gast wegen Grippe absagen oder aufgrund von vereisten Straßen. Ganz im Gegenteil. Alle würden sich ein Bein ausreißen, um über-rechtzeitig einzutreffen (so dass sie vorm Essen schnell noch in die Ostsee hüpfen könnten). Und überhaupt – ein Dinner am Sommermeer – das gehört doch zu den allerbesten Dingen im Leben. Gerade auch im StrandHaus Schwedeneck.

 

Wald Daenisch Nienhof

 

Dänisch-Nienhof scheint auf den ersten Blick wenig spektakulär. Eine Ansammlung von Häusern bloß, die durch nichts Spezielles im Gedächtnis bleiben. Und das ist aus dramaturgischen Gründen auch gut so. Es dämpft für einen Moment die Erwartungshaltung. Um sie im nächsten Augenblick zu übertreffen. Denn dann! Geht es auf der Strandstraße durch dichten Wald zu einem kleinen sandigen Parkplatz, gleich beim „Schloss am Meer“.

 

Klingt romantisch: Dänisch-Nienhof in der Gemeinde Schwedeneck

 

Das wunderschöne ehemalige Gutshaus, spätere Kriegsblindenheim, noch spätere Hotel & Restaurant wird heute z.T. fest bewohnt, zum anderen Teil an Feriengäste vermietet. Kein Zeremonienmeister könnte den Auftakt festlicher inszenieren, als der Weg, der vom Parkplatz zur Steilküste führt. (Er war einem Korrespondenten des Deutschlandfunks sogar einen eigenen POD-Cast wert: Here me.)

 

 

Ist es nicht seltsam: Trotz hunderter und hunderter Küstenkilometer gibt es auf dem Festland von Schleswig-Holstein gar nicht so viele richtige Strandrestaurants. Ich meine solche, die wirklich am Strand liegen und nicht durch eine Promenade, Wiese, Düne oder Steilküste getrennt (was auch schön sein kann, aber eben nicht das Gleiche ist).

 

 

Hätte ich im Sommer Geburtstag, würde ich meine Gäste genau hierhin bitten. Allein wie der Wind in den Bäumen rauscht. Allein wie der Wald duftet. Und dann der Strand, an dem es so viel entspannter zugeht als in Grömitz oder Büsum. Was erstaunlich genug ist, denn Dänisch-Nienhof ist für Hamburger schneller zu erreichen. Von St. Pauli aus sind es exakt 114 km. (Man müßte an einem Montag Geburtstag haben. Oder an einem Dienstag. Denn das sind die ruhigsten Tage. Sagte die gut gelaunte junge Dame, die an unserem Tisch servierte.)

 

StrandHaus

Top-Lage: das StrandHaus Schwedeneck in Dänisch-Nienhof

 

Die klassischen Gastgeberängste kann man sich in einem Strandrestaurant sparen. Es wurden schon bessere Tappas serviert? So what! Der wahre Genuß liegt ja im Salz in der Luft. Anfänglich treten Gesprächspausen auf? Das wäre ein Glück! Dann könnte man die Wellen besser an den Strand rollen hören. Es sind extrem aktive Kinder mit von der Partie? Na, ist doch herrlich – die können sich hier austoben, bis sie müde werden wie nie.

 

 

Selbst das Wetter – die Ur-Angst aller norddeutschen Gastgeber – wird zur Nebensache. Im StrandHaus sitzt es sich drinnen beinahe eben so schön wie draußen. Wobei gutes Wetter schon was Feines ist. Dänisch-Nienhof gehört zu den vom Glück geküssten Stränden, an denen man den Sonnenauf- wie auch den -untergang zelebrieren kann.

 

 

Hunde sind übrigens willkommen – allerdings nur im Restaurant; nicht am Strand. Das macht aber weiter nichts, denn Gassi kann man auch oberhalb der Steilküste gehen. Die Richtung ist egal. Um Dänisch-Nienhof herum gibts wenig (vielleicht auch nichts), das einem missfallen könnte.

 

Schwedeneck

 

Läuft man Richtung Eckernförde, erreicht man nach 4 km den beliebteren und belebteren Strand von Surendorf, den wir  im vergangenen Sommer mal als perfekt beschrieben haben.

Richtung Kiel sind es etwa 10 km bis zum Leuchtturm Hein Bülk im Seebad Strande. Auch das ein Ort, der uns in allerbester Erinnerung ist. Dabei besuchten wir den Leuchtturm nicht einmal im Sommer, sondern im Herbst – bei mittelmäßigem Wetter.

Und wenn ich mir die Winterfotos vom Reiselurch ansehe, muss ich zugeben: auch dann ist Dänisch-Nienhof auf eine eigene (mystische) Art bezaubernd.

 

Sommernacht

 

Aber eine Sommernacht ist eben doch noch mal was anderes. Man denke nur an Abendsonne im Gesicht. Und Meeresrauschen zum Essen. Und einen abschließenden, gemeinsamen Strandspaziergang in die Dunkelheit hinein. Wirklich, man müsste im August geboren sein. Oder sich mit Augustgeborenen so gut stellen, dass man eine Einladung erhält.

Wer keins zur Hand hat, muss aber sicher nicht verzweifeln. Hochsommernächte tragen die Tendenz zur Festlichkeit ja sowieso in sich. Es funktioniert bestimmt auch an einem stinknormalen Abend im StrandHaus.

Eider

Der Sommer ist ein langer, ruhiger Fluss: Weekender an der Eider

Enthält Werbung | Die Eider ist Schleswig-Holsteins längster Fluss. Von der Quelle in Holstein bis nach Rendsburg wird sie Obereider genannt. Hier fließt sie durch den Nord-Ostsee-Kanal, um im Nirgendwo von Dithmarschen als Untereider westlich wieder abzuknicken. In unzähligen Windungen strömt sie durch eine ruhige, weitgehend unverbaute Wiesenlandschaft, bis sie am Eidersperrwerk in die Nordsee mündet. Menschen trifft man mir hier in den wenigen Orten und Dörfern, an kleinen Badestellen, Campingplätzen oder Sportboothäfen – aber selten dazwischen.

 

Bargen

 

Unweit einer größten Schleifen der Eider, etwa bei Flusskilometer 50, liegt das kleine Dorf Glüsing. Golfern ist es vielleicht wegen des Clubs Gut Apeldör bekannt, der zu den anspruchsvollsten Plätzen in Schleswig-Holstein gehört. Ansonsten gibt es wenig, womit Glüsing von sich reden macht.

 

Refugium an der Biegung der Eider: das Chip-Inn in Glüsing

 

An der gleichen Straße wie Gut Apeldör, exakt 1,1 km entfernt, befindet sich der aufwendig restaurierte Resthof von Anja Wienecke, die uns eingeladen hatte, ein Wochenende in Glüsing zu verbringen. Über solche Einladungen freut man sich natürlich immer. Ganz besonders aber, wenn die Stadt vor Hitze kocht.

 

32,9 Grad in einem hundertjährigen Resthof fühlen sich sehr viel besser an als 33 auf St. Pauli unterm Dach.

 

Chip-Inn heißt die Ferienwohnung – die vielmehr wie ein Ferienhaus wirkt. Und wenn ich für Anjas Gastgeberinnenqualitäten ein einziges Wort finden sollte, dann wäre das: Großzügigkeit. Sie spiegelt sich in allen möglichen Details wieder, in der hochwertigen Ausstattung, in der Raumaufteilung und auch in Anjas Fähigkeiten zum Weglassen.

 

 

Im Weglassen liegt für mich eine Kunst. Speziell Ferienobjekte wirken ja manchmal ohne Gäste viel besser als mit. Im Chip-Inn sieht alles immer noch toll aus, wenn man mit Sack und Pack eingezogen ist. Und das läßt einen so wunderbar atmen.

 

 

Dass man sein eigenes Zeugs so toll integrieren kann, hat auch Anjas Schwester Wiebke zu verantworten. Die Tischlerin hat einige Spuren im Haus hinterlassen. U.a. eben auch jede Menge maßgeschneiderten Stauraum. Durchdacht, wirkt das. Und auf eine lässige Art luxuriös.

 

 

Als routinierte Dänemark-Urlauber rechnen wir grundsätzlich damit, dass sich ein Ferienhaus für 6 Personen als gerade groß genug für 2 Menschen erweist. Im Chip-Inn kann man aber wirklich mit 6 Erwachsenen logieren – ohne sich dabei auf die Füße zu treten.

 

 

(Ich bin schon mit Erwachsenen verreist, die irgendwie seltsam wurden, als es um die Auswahl der Zimmer ging. Das ist ein peinlicher Moment und kann die allgemeine Stimmung trüben. Gut, dass im Chip-Inn niemand fürchten muss, das „doofe“ Schlafzimmer zu erwischen. Alle 3 Schlafräume sind gleichermaßen super; wirken clean wie heimlig).

 

 

Kinder sind selbstverständlich willkommen. Hunde auch. Auf beide wartet Spielzeug und Platz, Platz, Platz. Der Garten ist riesig und uneinsehbar. Weil es gleich zwei mit Gartenmöbeln ausgestattete Terrassen gibt, kann man quasi rund um die Uhr wahlweise in der Sonne oder im Schatten meditieren. So könnte man spielend ein Wochenende glücklich sein, ohne das Grundstück zu verlassen.

 

 

Andererseits würde man dann natürlich auch eine Menge verpassen. Die Eiderregeion ist u.a. ein klassisches Radfahrer-Paradies. Von Glüsing aus gelangt man schwupps-di wupps auf den Eider-Treene-Sorge Radweg, einen 240 km langen Rundkurs durch das größte Niederungsgebiet Schleswig-Holsteins.

 

Ausflugstipps an der Eider

 

Durch gut ausgeschilderte Querverbindungen kann man die Tour/en gut an die eigenen Möglichkeiten anpassen. Von Glüsing aus sogar besonders gut – denn es sind nur ein paar Minuten bis zur nächsten Badestelle in Delve. Dort legt die kleine Personenfähre nach Bargen ab (wo es auch einen Fahradverleih gibt).

 

Eider2

 

Landschaftlich gesehen, ist es egal, welche Richtung man einschlägt. Die Untereider ist überall idyllisch, bietet immer wieder menschenleere Uferplätze, erdig duftende Moore, stille Deiche. Gefühlsmäßig gefällt es mir besser, einem Fluss zu seiner Mündung zu folgen. Von Glüsing wäre dann nach knapp 20 km Friedrichstadt erreicht.

Friedrichstadt wie Elke Weiler es sieht

Das Holländerstädtchen, von Grachten durchzogen und der Eider wie der Treene  umarmt, muss laut Bloggerin Elke Weiler unbedingt vom Wasser aus erkundet werden. Ob Ausflugs- oder Ruderboot, Kajak, Kanu oder SUP-Boad das größere Vergnügen versprechen, läßt sich in ihrem Reisebuch nachlesen (siehe Literaturtipps weiter unten).

 

 

Wochenender

Tönning wie Yvonne Schmedemann es sieht; mehr unter Literaturtipps

Von Friedrichstadt aus ist es nicht mehr weit nach Tönning. Hier kann man die Nordsee beinahe schon riechen. Die Eider wird wunderbar weit, so dass die Seele sich gleich anpassen  kann. Tönnings kleiner Hafen gehört zu unseren Lieblingszielen für ein Krabbenbrötchen oder ein typisch Schleswig-Holsteiner Abendessen; etwa „Scholle satt“.

 

Von Tönning aus führt eine tolle Wanderung (etwa 10 km) durchs Katinger Watt bis zum Eidersperrwerk. Im Mündungsgebiet der Eider treiben sich gern Robben herum und die Natur gibt sich noch einmal sehr üppig, bevor sie in diese seltsame Reduziertheit der Küstenlandschaft übergeht.

 

Eidersperrwerk

Als wäre man auf einem fremden Planeten gelandet

 

Direkt beim Eidersperrwerk liegt die Badestelle Wesselburenerkoog. Dort kann man in die Nordsee hüpfen. Falls sie gerade da ist. Denn in Dithmarschen oder Nordfriesland kann man beinahe überall nur bei Flut baden.

 

Zwar nicht Eider – aber Eiderstedt: SPO

 

Wer sich an der Nordseeküste von Schleswig-Holstein nicht um die Tide kümmern möchte, muss auf eine Insel – oder nach St. Peter-Ording. Das trifft sich aber ganz gut, weil man sowieso nach St. Peter-Ording muss.

 

SPO

 

Die Sandbank auf der Halbinsel Eiderstedt liegt zwar 50 km vom Chip-Inn in Glüsing entfernt, aber man sollte sich die unendliche Weite nicht entgehen lassen. St. Peter-Ording lohnt sich immer. Zu jeder Tages- oder Jahreszeit. Bei jedem Wetter oder Unwetter. Und ganz besonders nachdem man sich einen trägen, heißen Sommertag lang, die Eider hinabtrudeln ließ.

 

Eider

Die Eider, konkret die Untereider bei Delve in der Nähe von Glüsing

 

Fehlt noch ein Ausflugstipp die Eider hinauf. Das ist auch nicht schlecht, weil es Richtung Nord-Ostsee-Kanal geht. Nur war das an einem Wochenende natürlich nicht zu schaffen. Macht nichts. Diese Ecke hat schon Lena Marie mit ihrer Rasselbande erkundet – mehr dazu gibts auf ihrem Blog Family 4 Travel.

 

Regen

 

Interessanterweise hat Lena Marie einen Regenmoment im Chip-Inn besonders genossen. So ging´s mir auch. Klar, man freut sich diesen Sommer sowieso über jeden Tropfen für Bäume und Wiesen. Doch es war noch mehr. Ich hätte Stunden durch die Räume spazieren können, mir alles ganz genau ansehen mögen, jede Lampe anknipsen, mich mal hier, mal da ans Fenster stellen, die großzügigen Bäder ausgiebig genießen, die Sauna einheizen, den Feuerkorb im Garten entzünden wollen – oder den Ofen in der Diele mit dem wunderschönen Terrazzoboden.

 

 

Vor dem Ofen in der Diele steht ein gemütlicher Lehnsessel, der mir geradezu perfekt für einen Leseabend scheint. Dafür möchte ich zwei Reisebücher für die Region ganz besonders empfehlen.

 

Reise-Literatur-Tipps für die Eider

 

Outdoor-Freunde werden in Elke Weilers Buch aus der Dumont-Eskapaden-Reihe auf jeden Fall fündig. Der Titel „52 kleine & große Eskapaden von St. Peter-Ording bis Sylt“ ist vielleicht ein bisschen schwer zu merken und läßt auch nicht gleich vermuten, dass die Draußen-Tipps auch an den Nord-Ostsee-Kanal, die Dithmarscher Küste oder eben an die Eider führen – alles andere an dem Buch ist aber genauso schön geschmeidig wie Elkes uneheuer beliebter Meerblog. Dort findet ihr auch mehr Infos über das Buch.

 

Eskapaden Nordsee

 

Für Schöngeister & Genießer ist das Buch „Wochenender – Nordseeküste“ aus dem Hopp-und-Frenz-Verlag ein must-have. Bei Elisabeth Frenz (Text) und Yvonne Schmedemann (Bild) stehen eher die Städtchen im Vordergrund. Sie zeigen ihre Lieblingsorte, Lieblingsläden und Lieblingslokale in Dithmarschen und Nordfriesland in traumhafter aufgeräumter Optik. Da wird schon beim Durchblättern der Kopf beinahe so frei, als hätte ein Dithmarscher Wind die Gedanken durchgepustet.

 

Hopp und Frenz

 

Apropos Dithmarscher Wind. Am allerschönsten stelle ich mir das Chip-Inn als Herbstrefugium vor. Der Herbst ist ja ohnehin die Reisezeit für Dithmarschen. Dann überschlagen sich Gastronomie und Hofläden im Rahmen der Kohltage und man kann Drinnen & Draußen gleichermaßen genießen. Ob es noch Kapazitäten gibt, kann man auf Anja Wieneckes Internetpräsenz checken: Klick.

 

Gluesing

Road to Glüsing

Offenlegung: Dieser Beitrag begann mit dem Wort Werbung. Das muss aus rechtlichen Gründen so sein – auch wenn es sich nicht um eine klassische Anzeige handelt; also wir bekommen dafür kein Geld oder so.

Allerdings wurden uns die vorgestellten Bücher vom DuMont Reiseverlag und dem Hopp und Frenz Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank.

Ganz besonders bedanken wir uns bei Anja Wienecke für die Einladung ins Chip-Inn. Liebe Anja, Deine Gastfreundlichkeit und so unkomplizierte, nette Art waren das Sahnehäubchen bei dem ohnehin extrem schönen Trip an die Eider!

Wesselburenerkoog

Wesselburenerkoog: Windräder & Wattknistern

Die Ferienhäuser am Ende der Dammstraße im Wesselburenerkoog wirken wie eine Musterhaussiedlung in der Mohave-Wüste. Wiesen, Felder, Deiche – alles, was normalerweise grün leuchtet, ist verbrannt. Längst zählt man hier oben die regenfreien Tage nicht mehr in Wochen, sondern in Monaten.

 

Deich

Brennendheißer Nordseedeich

 

Nur wenige Autos parken am Zugang der letzte Badestelle vor der Eider. Das Strandbistro Deichkate liegt verwaist. Später wird eine „Geschlossene Gesellschaft“ erwartet. In einiger Entfernung formiert sich eine Gruppe Wattwanderer. Man erkennt es an dem Mann mit dem Spaten in der Hand, auf den sich die Leute sich sternförmig zubewegen – im gleichen Schneckentemop wie die Windkraftanlagen, die sich nirgends zahlreicher in den Himmel zu strecken scheinen als im Wesselburenerkoog.

 

Eidersperrwerk

Als wäre man auf einem fremden Planeten gelandet

 

Dithmarschen – ohnehin nicht arm an schräg-schönen und ganz schön schrägen Orten – gibt an seiner Nordgrenze noch einmal alles, was diesen Landstrich speziell macht, bevor jenseits des Sperrwerks die gefälligere Halbinsel Eiderstedt beginnt. Wer sich abseits des Mainstreams wohlfühlt, ist diesseits der Eider gut aufgehoben.

 

Badestelle Wesselburenerkoog

 

Auf der Plusseite des Wesselburenerkooges stehen: keine Parkplatzgebühren, keine Kurtaxe und eine menschenleere Badestelle – so eine Kombi ist selten an einem Sommer-Sonnabend um 10.00 Uhr. Zugegeben: die Nordsee ist mal wieder weg und wenn sie zurückkommt, wird es ganz bestimmt auch hier voller werden. Doch ich bin trotzdem ein einziges Aufatmen, als wir den ersten Schritt in die Salzwiesen tun.

 

Salzwiesen

 

Wie ein englischer Rasen sehen die Salzwiesen zwar auch nicht gerade aus, aber sie sind doch sehr viel grüner als der Rest von Norddeutschland. Dieser Anblick tut genauso gut wie die Luft, die mir nicht kühler scheint als im überhitzten Hamburg, sich jedoch deutlich frischer anfühlt.

Ich habe irgendwo gelesen, die Sommer von 2003 und 2006 wären eigentlich heißer gewesen. Interessanterweise finde ich weder in meinen Erinnerungen noch meinen Tageüchern auch nur den leisesten Hinweis darauf. Es liegt wohl daran, dass man ab einem gewissen Alter absolut nicht mehr jünger wird.

Stück für Stück entfernt man sich von der Egozentriertheit, die das Leben so schön einfach macht. Sorgt sich immer mehr um´s Große. Ganze.

 

Nordsee

 

Man liest dieser Tage ja dauernd, dass Wetter nicht mit Klima zu verwechseln ist. Aber ich finde, die Erwärmung der Welt ist so greifbar geworden mit diesem Sommer. Mit jedem wolkenlosen Tag vorstellbarer. Realer mit jedem Bericht von Fischsterben und Waldbränden und Badeverboten und braunen Blättern, die schon seit Juli von den Bäumen fallen.

 

Norddeutschland – eine Sommerdystopie

 

Gerade wer nicht als Leugner des Klimawandels in Erscheinung tritt, muss sich von diesen Gedanken ab und zu erholen. Man wird ja sonst ganz schwermütig. Und dafür ist Dithmarschen wie gemacht. Weil man hier nur einen Deich überwinden muss, um die Welt zu vergessen. Für den Moment.

 

Wattenmeer

 
Dithmarschen hört auf wie es beginnt, denke ich. An der Mündung eines Flußes. Mit langgestreckten Salzwiesen und Windkrafträdern am Horizont. Mit unendlicher Leere. Und diesem Moment, in dem der Streß von Wochen urplötzlich einfach von einem abfällt, als wäre nichts gewesen. Das funktioniert an der Elbmündung genau wie an der Eider. Oder irgendwo dazwischen.

 

Dithmarschen – die Nordsee zwischen Elbe und Eider

 

Es funktioniert auch in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Da muss man nur mal auf Ulrikes Blog Watt & Meer stöbern. Sie wohnt in Wesselburen, ist zur Zeit aber am Pazifik unterwegs. Ich hatte versprochen, während ihrer Abwesenheit, mal nach der Nordsee zu schauen. Urlaubsvertretung sozusagen. Und obwohl die Flut das Wasser erst in Stunden zurückbringen wird, habe ich doch das Gefühl am Meer zu sein.

 

Watt

 

Die Wattwanderer defilieren in langer Prozession an uns vorbei – weit hinaus auf den Meeresboden. Der Wind trägt noch Sprachfetzen und Kinderlachen an Land, als die Menschen schon lange zu kleinen Pünktchen geworden sind. Das Wattknistern ist lauter als die Autos in der Ferne.

 

Wesselburener Koog

 

Fuhlensee

Und da verzichtete sie weise… Wanderung von Preetz nach Plön

Solotour auf dem E1, Tag 2, Frühstück war super, Laune ist bestens, auf dem Zettel: Wanderung von Preetz nach Plön (25 km). Exakt um 08.00 Uhr erreiche ich die kleine, weiße Brücke zwischen Küchensee und Lanker See, an der ich gestern vom E1 Richtung Hotel abgebogen bin.

Ich freue mich generell immer auf den zweiten Tag einer Wanderung – heute aber ganz besonders. Denn Preetz ist ein Tor zur Holsteinischen Schweiz. Und ich bin ein erklärter Fan.

 

 

Die Holsteinische Schweiz ist für mich die drittschönste Region Schleswig-Holsteins. (Dicht gefolgt von der Halbinsel Eiderstedt (Platz 4). Übertrumpft nur noch von der Region Angeln (Platz 2) und den Nordfriesischen Inseln (Platz 1). Die Plätze 5 – 10 variieren je nach Wetter, Jahreszeit und Laune).

Schon auf den ersten Schritten durch ein Wohngebiet in Schellhorn und dann entlang der Landstraße setzt das typische Holsteinische-Schweiz-Feeling ein. So richtig ist es dann da, als der Weg gegenüber der Halbinsel Freudenholm in einen Mischwald führt. Uralte Baumriesen, romantische Seeblicke, eine leicht schläfrige, nostalgische Stimmung. So empfinde ich das Östliche Hügelland von Holstein.

Bis jetzt war ich noch immer hin und weg, wenn ich einen weiteren der insgesamt 200 Seen kennen gelernt habe. Und so ist es auch heute beim Lanker See, den ich auf den ersten Kilometern fast immer im Blick habe und dessen westliches Gebiet nahezu komplett unter Naturschutz steht.

 

Durchs 200-Seen-Land: Wanderung von Preetz nach Plön

 

Kurz vorm Stiftungsland Lanker See nähert sich im Schritttempo eine Limousine. Ob ich auf dem E1 unterwegs sei, fragt der Fahrer nach kurzer Begrüßung. Ja? Dann erkläre er mir am besten mal, wie ich „dahinten über die Koppel“ komme.  Denn „das Schild sieht man nicht so gut. Is´n büschn verwittert, nech.

Er hat diese typische – gar nicht mal unnette – Schleswig-Holsteinische Gutsherrenart drauf und ich frage mich, ob er vielleicht von seiner eigenen Koppel spricht. Jedenfalls scheint er sich gut auszukennen auf dem Reiterhof, den der E1 im Zickzack durquert. Die Erklärungen führen mich sicher über einen Parours, an Ställen vorbei und über Weiden.

Ich komme mir vor wie in England, wo es ja recht normal ist, dass Wanderwege durch Privatbesitz mäandern. Dazu passt die Behauptung, die Ausschilderung sei ein „büschn verwittert“, denn das ist gelinde gesagt ein büschn untertrieben, geradezu britisches Understatement .

 

E1

Beispiel für ein gut erkennbares Andreaskreuz. Andere sind viel schlechter zu finden oder fehlen gleich ganz.

 

Jenseits des Reiterhofs liegt das Camp Lanker See. Ich hatte vor der Wanderung mit dem Gedanken gespielt, auf dem Campingplatz zu übernachten, das Ganze dann allerdings verworfen, weil ich  Schwierigkeiten mit Gemeinschaftstoiletten habe. (Für kernigere Typen ist aber alles im Camp, was man braucht, inkl. Kiosk/ Kneipe. Die Stimmung scheint mir recht entspannt. Und man kann Pods inkl. Bettwäsche mieten.)

Ich pausiere am kleinen Badestrand und beneide die Robustrinder,  die am gegenüberliegenden Ufer baden. Es ist wirklich heiß. Dabei ist es erst 09.00 Uhr. So bin ich nicht unzufrieden, als der Weg mich wieder in waldgrünen Schatten führt.

 

Camp Lanker See

Badestrand Camp Lanker See

 

Der folgende Abschnitt ist wie verzaubert. Und gar nicht wie Norddeutschland. Wanderschuhe sind hier durchaus angebracht. Es geht ganz schön auf und ab. Und eine Karte wäre auch nicht schlecht, denn die Beschilderung ist spärlich. Besonders schwierig ist das, wo Armeen kleinster Fröschlein über den Weg hüpfen. Da muss man aufpassen, keinen zu zertreten und wenn man eine Sekunde zu lang auf den Boden schaut, kann man den Weg leicht verlieren.

 

Keine gute Idee: Wanderung von Preetz nach Plön ohne Karte

 

Völlig unvermutet schlängelt sich der E1 irgendwo hinauf oder hinunter, wo man es nie für möglich gehalten hätte. Einmal laufe ich echt lange in die falsche Richtung und merke es erst, als der Weg sich in einem Feld verliert. Danach bietet mir mein Schrittzähler keine Kontrollmöglichkeiten mehr. Es ist nun unmöglich zu sagen, wie viele der gelaufenen Kilometer ich wirklich von der Strecke abziehen kann. D.h. ich weiß nicht, wie viele ich noch vor mir habe. Für mich ein irritierendes Gefühl.

 

Wielener See

Jenseits von Jedem und verborgen in dichtem Wald: am Wielener See kam ich mir vor wie einem Märchen.

 

Die heutige Etappe gleicht einer Schnitzeljagd für Erwachsene in traumhaft schöner Kulisse. Zeitweise jagt ein Andreaskreuz das andere. Dann wieder kann ich über lange Distanzen keines entdecken. Taucht endlich eine Wegmarkierung auf, fällt es mir manchmal schwer zu deuten, in welche Richtung sie weist. Nicht, dass ich große Stücke auf meinen Orientierungssinn hielte. Aber ich bin schon Wanderwege gelaufen, ohne mich zu verirren. Also ausschließlich an mir kanns nicht liegen.

 

Fuhlensee

Das Bistro am Fuhlensee ist sicher ein schöner Rastplatz, wenn es geöffnet hat.

 

Gegen 11.00 Uhr tauche ich aus dem Waldschatten in die offene Hügellandschaft. Mir ist sofort zu warm. Umso lieber mache ich einen kleinen Abstecher die Lindenalle hinunter zum Fuhlensee. Ein Wegweiser verspricht Kaffee, Eis und Fischbrötchen.

Ich hatte bei oberflächlicher Recherche aufgeschnappt, dass es sich bei dem Bistro am Fuhlensee um eine beliebte Station von Wasserwanderern handelt. Nie wäre ich darauf gekommen, die Öffnungszeiten für einen Freitag im Juli zu checken. Aber hinterher ist man natürlich immer schlauer. Das Bistro hat leider geschlossen. Sehr schade ist das. Die Holzbude liegt wunderschön (und hat entweder keine Internetpräsenz oder diese gut versteckt).

 

Durststrecke zwischen Fuhlensee und kleinem Plöner See

 

So bin ich also auf meinen eigenen Wasservorräte angewiesen und lerne: bei Hitze reichen 1,5 Liter gar nicht besonders lange. Auch in anderer Hinsicht folgt eine Durststrecke. Mehrmals bin ich vollkommen sicher, dass ich eine Abzweigung verpasst habe. Denn es kann doch nicht sein, dass ein Wanderweg über 5 km der Landstraße folgt?! Denke ich. Doch genau so ist es.

Die Straße ist zwar wenig befahren und die Aussicht über weite, geschwungene Felder herrlich. Doch es ist auch ziemlich heiß so ganz ohne Schatten. Und dass es keinen Fußweg gibt, ist auch nicht so toll. Erstens federt Asphalt nicht besonders. Zweitens heißt es nicht umsonst: Gott schütze uns vor Sturm und Böen und Wagen aus dem Kreise Plön. Immer wenn einer kommt, möchte ich in die Böschung springen. Sie heizen wie die Wahnsinnigen hier oben. Besonders ältere Damen.

 

Linden

 

Es ist 12.30 Uhr als ich nach nunmehr 17 km von der größeren Landstraße auf eine kleinere Straße geleitet werde und dann endlich wieder in die Walachai bzw. auf einen superschönen Birkenpfad gelange. Der sieht ein bisschen zu angelegt, um wirklich Natur zu sein. Besser vorbereitete Wanderer würden jetzt ihr Butterbrot an einem der süßen Uferplätze auswickeln. Und mir tun langsam die Füße weh.

 

Kleiner Ploener See

Kleiner Ploener See

 

Am Ende des Uferweges fehlt mal wieder die Beschilderung. So laufe ich in die falsche Richtung und lerne auf diese Art Gut Wittmold kennen, gelegen auf einer Halbinsel im kleinen Plöner See. Ich würde den Schlenker nicht unbedingt als Fehler bezeichnen.

 

Gut Wittmold

 

Auf Gut Wittmold treffen seit einigen Jahren Landwirtschaft, Kunst und verschiedene Seminarangebote aufeinander. Und das Gutshaus selbst wäre das perfekte Etappenziel gewesen. Hätte ich eines der 5 Zimmer gemietet – könnte ich jetzt so wunderbar den Rest des Tages auf oder im See verbringen.

 

Zwischenfazit: Wanderung von Preetz nach Plön

 

  • Alleine Wandern ist super.
  • Sich nicht ordentlich vorbereiten, geht gar nicht.
  • Das gilt speziell für Karten.
  • Oder eben GPS-Daten.  (Die verweigerte ich bisher, weil es mir zu organisiert vorkam – ich dachte, man könne nichts erleben, wenn man total auf Nummer Sicher geht –  aber inzwischen denke ich, das Gegenteil ist der Fall. Die Befürchtung, den Weg zu verlieren, hat mich über weite Strecken so sehr beschäftigt, dass ich die Natur gar nicht genug würdigen konnte.) Jedenfalls: Ich verlinke diesbezgülich zum Blog draussenlust.de von Alex. Er ist die Etappe umgekehrt gelaufen, also von Plön nach Preetz – und zwar im Winter.
  • Ausdrücklich sei auch noch auf Silkes guten Rat in den Kommentaren hingewiesen, die Etappen im Sommer kürzer zu stecken, damit Zeit für alle Badestellen bleibt.

 

Fehlt noch mein unrühmliches Ende: Nach dem Abstecher über das Gut gelange ich zurück auf die Landstraße, gar nicht so weit von der Stelle entfernt, wo ich sie verlassen habe. Wieder geht es am Straßenrand entlang. Wieder brausen ältere, einheimische Damen an mir vorbei. Wieder ist kein Schatten in Sicht.

Nach knapp 20 km erreiche ich die B76. Ich habe keine Ahnung, wie weit es von hier auf dem E1 nach Plön ist. Entlang der Hauptverkehrsstraße sind es 4 km. Die scheinen zwar alles andere als verführerisch. Aber ich habe den Eindruck, dass ich mehr heute nicht hinkriege. Also mache ich es wie die 2 Ameisen in Altona auf der Chaussee: Ich verzichte auf den letzten Teil der Reise. Ein bisschen weiser als zuvor.

 

Ploen

Den schönsten Bahnsteig Schleswig-Holsteins hat der Prinzenbahnhof mit Blick auf den Großen Plöner See

 

PS: Wäre ich nicht an der B76 abgeknickt, wäre es im ganz im Sinne von Murphys Law so weiter gegangen:

Nach deren Überquerung geht es weiter zum schönsten Abschnitt dieser Etappe mit ständigen Ausblicken auf Plön und die umliegenden Seen.

So sagt es die offizielle E1-Hompage. Aber was soll´s. Nach Plön komme ich sowieso zu und zu gern zurück. Und irgendwann hole ich den schönsten Teil dann nach.