Norddeutschland, Ostsee, Schleswig-Holstein
Kommentare 10

4 Gründe, nicht nach Heiligenhafen zu fahren

Dieser Post richtet sich an alle, die im Prinzip schon lange mal nach Heiligenhafen wollten, es aber irgendwie nicht gebacken kriegen.

Ich dachte darüber morgens um 07.00 Uhr nach, als ich einen Filterkaffee im Restaurant Nordpol trank. (Ein seltsamer (absolut empfehlenswerter) Schuppen direkt im Fischereihafen.) Die Sonne schien mir ins Gesicht. An den Nebentischen schnackten Saisonkräfte über ihre Jobs in Cafés, Fischbuden und Souveniershops. Fischer werkelten an Kuttern. Möwen stritten um Fischabfälle. Und mir wurde mal wieder bewusst, wie gut mir Reisen in die Naehe tun. Selbst die allerkürzesten, selbst die allerunspektakulärsten.

 

Boot

 

Heiligenhafen steht im Folgenden symbolisch für alle Orte in Deiner Naehe. Orte, die Du schwuppsdiwupps erreichen kannst. Orte, an denen Du Kraft tanken und ein bisschen über den eigenen Tellerrand blicken kannst. Solche Orte gibts überall in Deutschland. Aber eigentlich wollte ich ja darüber schreiben, warum man nicht nach Heiligenhafen fahren sollte. Also:

 

1. Du hast keine Zeit, nach Heiligenhafen zu fahren

 

Man kennt das: Das Leben macht manchmal atemlos. Die Arbeit frisst einen auf. Tante Tilly hat Geburtstag. Die Küche müsste dringend mal wieder gestrichen werden. Gründe, nicht nach Heiligenhafen zu fahren, gibt es genügend. Denn irgendwas ist ja immer.

Bevor wir diesen Blog starteten, ging es mir auch so. Nach 18 Kurzreisen in 18 Monaten kann ich jedoch resümieren: Kein Kunde hat sich deshalb von mir abgewandt. Kein Projekt ist gescheitert. Niemand aus meiner Familie oder dem Freundeskreis war je beleidigt, wenn ich wegfuhr. Gut, meine Küche wartet noch immer auf ihren Anstrich, aber was soll´s.

 

EinigkeitHeiligenhafen

 

Viele sind ja so sozialisiert, dass sie ständig den Druck verspüren, die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als die eigenen. Das Widersprüchliche daran: diesen Druck auf andere auszuüben, liegt den meisten fern. Rein rechnerisch muss es also so sein, dass wir uns den Druck häufig selbst machen. Zu streng mit uns sind. Päbstlicher als der Pabst. Oder calvinistischer als Luther. Je nachdem.

Letztlich ist es eine Binsenweisheit, aber nichtsdestotrotz wahr: Weder meine Kunden, noch Tante Tilly und schon gar nicht meine Küche werden mir je „erlauben“, dass ich mich selbst wichtig nehme. Es ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Das muss ich allein erledigen. Wenn ich für mich und meine Bedürfnisse sorge, ist das nicht egoistisch. Sondern erwachsen.

 

Heiligenhafen Hafen

 

Ich brauche dafür noch immer eine Krücke. Mir hilft: Planen. Ich buche unsere Kurztrips in der Regel zwei, drei Monate im Voraus. Verbindlich. Ohne Stornomöglichkeiten. Ich nehme das mittlerweile genauso ernst wie jeden anderen Termin.

Obwohl ich Zeit finden muss, wo früher keine Zeit nötig war, ist mein Leben nicht gedrängter geworden. Sondern langsamer. Als hätte es sich entzerrt. Aufatmen mit Ansage.

 

2. Du hast kein Geld, um nach Heiligenhafen zu fahren

 

Seit eineinhalb Jahren treiben wir uns in der Naehe herum. Wir haben großartig übernachtet und super-duper-einfach. Wunderschöne Edelherbergen haben etwas für sich. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber einfache Unterkünfte auch. Gerade dort bekommt man oft ein echtes Gespür für den Ort.

In Heiligenhafen hatten wir uns der Lage wegen für ein eher einfaches Hotel entschieden. Wir wollten mal mittendrin sein. Das Zimmer war tadellos. Dafür haben wir 21,25 pro Nacht und Person bezahlt. Das entspricht einem Kino-Film mit Überlänge, Getränk und Popcorn in einem Mulitplexkino.

 

 

 

Solche Unterkünfte gibt es in Norddeutschland zu Tausenden. Sie sind nicht schlechter als Pauschalangebote auf Ibiza oder an der Algarve. Viel luxuriöser als Strandhütten in Thailand oder Goa. Günstiger als Hostels auf der Isle of Skye oder Island. Und wenn ich in allen genannten Etablissements gern übernachten mag: Warum sollten meine Ansprüche in Norddeutschland höher sein?

 

 

Als St. Paulianerin weiß ich sehr genau, dass selbst 21,50 für manche Menschen schwer abzuzwacken sind. Für diese Lage existieren einige Vereine und Insititutionen; wie z.B. das Deutsche Erholungswerk.

Die Feriendörfer in Golsmaas (Ostsee) und Schneverdingen (Heide) habe ich mir angesehen. Sie liegen toll! Falls Du also eine missliche Phase hast: Scheu Dich nicht, die Angebote zu nutzen oder Unterstützung zu beantragen.

 

3. Das Wetter ist im Moment so schlecht

 

Auf besseres Wetter zu warten, ist keine gute Idee in Norddeutschland. Wartet man auf ein stabiles Hoch, kann das bis zum St. Nimmerleinstag dauern. Oder man erhöht aktiv die Wahrscheinlichkeit, dass man ausgerechnet wenn die Sonne scheint, wirklich keine Zeit hat (siehe Punkt 1) bzw alle Zimmer ausgebucht sind oder die Preise sich ins Unermessliche schrauben (siehe Punkt 2).

Über das Wetter mache ich mir mittlerweile gar keine Gedanken mehr. Es ist nicht die Hauptsache. Weil ich regelmäßig in die Naehe reise, muss der einzelne Trip nicht alle erdenklichen Wünsche für mich erfüllen. Alles-jetzt-sofort – den Anspruch habe ich nicht. Der macht sowieso nur undankbar oder gierig. Man denke bloß mal an den Fischer un sin Fru.

 

FishandChips

 

Als ich da morgens um 07.00 Uhr im Nordpol von Heiligenhafen saß, dachte ich: Wenn das mit der Sonne so bleibt, lege ich mich nachher an den Strand. Ziehen mehr Wolken auf, gehe ich spazieren. Und falls es zu regnen beginnt, kuschel ich mich in den Sessel und lese. Alles gut. Schön, dass ich hier bin.

 

4. Ich will aber lieber nach Xanadu als nach Heiligenhafen

 

Ganz ehrlich: Ich auch. Und wenn ich nur zu meinem Vergnügen lebte, keinerlei Einschränkungen und Verpflichtungen unterworfen, dann würde ich den gesamten Juni durch Skandinavien wandern und mich von Moltebeeren ernähren. Und heute, am 21., würde ich Mittsommer feiern. Mit einem gewaltigen Feuer am Strand.

Stattdessen besteht mein Juni aus drei (bereits vergangenen) Urlaubstagen in Heiligenhafen und 28 volle-Kanne-Arbeitstagen. Ohne einen weiteren freien Tag dazwischen. Mein Juni ist also eigentlich eher schauderhaft. So was hat ja jeder mal. Aber wenn man drin steckt, kann es sich leicht so anfühlen, als laste das Elend der Welt auf den eigenen Schultern.

Vor diesen Gedanken schützt mich ein bestimmter Moment aus Heiligenhafen. In der ersten Nacht wachte ich nachts auf. Und konnte nicht glauben, was ich vorm Fenster sah:

 

Sommernacht

 

Es war 3.44 Uhr. Eine perfekte Juninacht in Norddeutschland. Ich trage das Bild wie einen kleinen Spatz in meiner Hand. Das war ein wunderbarer Grund, nach Heiligenhafen zu fahren.

In diesem Sinne: Habt eine schöne Mittsommernacht!

10 Kommentare

  1. Ein wundervoller Bericht, mit grossartigen Fotos…Du hast die Gründe auf den Punkt gebracht, man muss einfach nur richtig schauen und planen. Dein Vergleich: Übernachtung mit Kinobesuch stimmt absolut. Wir müssen auch unbedingt mal nach Heiligenhafen…Liebe Grüße und einen schönen Sonntag, Andrea

    • Freut mich, dass es Dir gefällt – man fürchtet ja immer zu klugscheißern 😉 Auch einen schönen Sonntag, Stefanie

  2. Hallo Stefanie,
    das mit dem „In-der-Nähe-Bleiben“ & Co., die kleinen großen Schönheiten vor der Haustür entdecken und genießen ist herrlich. Ich mache das. Wir machen das. Mir reicht beispielsweise auch schon ein Tag jenseits der „Dorfmauern“ oder eine lange Wanderung durch den Wald, um mich vom Alltags-Ballast zu befreien. Haben wir gestern gemacht. Direkt vor der Haustür und trotzdem an einem für mich noch ganz unbekanntem Ort.
    Schönen Sonntag!
    Jutta
    PS: Ich mag die rote „Tanja“!

    • Liebe Jutta, ich bin so oft ganz erstaunt, was ich in der Naehe alles nicht kenne. Das Entdecken ist dann wunderbar. Für Deine Waldwanderung habe ich übrigens was für Deine Zitatesammlung: „Über viele Jahre unter großen Kosten reiste ich durch viele Länder, sah die hohen Berge, die Ozeane. Nur was ich nicht sah, war der glitzernde Tautropfen vor meiner Tür.“ Ist von Raibindranath Tagore. Schönen Sonntag, Stefanie

      • Oh, Stefanie, lieben Dank! Das ist ja ein Zufall: Gestern habe ich ein Bild auf Instagram (Bist du dort übrigens?) mit folgendem Zitat von Tagore gepostet: „You can’t cross the sea merely by standing and staring at the water“ Ich hatte nach Zitaten über die See gesucht und war dabei auf Tagore gestoßen. Seinen Namen hatte vorher nie gehört! Da muss ich nun tiefer eintauchen… Herzliche Grüße, Jutta

        • Oha. Wenn indische Denker so auf einen zukommen, dann steckt was dahinter! (So gesehen ist Instagram für mich eine See, in die ich endlich stechen sollte).

  3. herschelmann sagt

    Hallo Jutta,
    sehr schöner Bericht ! Ich kann dann noch empfehlen das nächste Mal in Oldenburg ( SchleswigHolstein) zu übernachten und dann langsam durch die Felder Richtung Süssau (Hamburger Gutshof) an die Ostsee zu fahren, Schiebedach und Fenster weit auf und eine gute CD ….
    Lieber Gruss, Jürgen

  4. Pingback: Wie St. Pauli - bloß eben am Meer: Bretterbude Heiligenhafen -

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.