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Wandern am Seenebelmeer – von Hörnum nach Rantum

Hoernum

Wanderungen, die mit einem Highlight beginnen, sind eine feine Sache. So wie der Wattwanderweg von Hörnum nach Rantum. Der startet nämlich mit dem Drei-Insel-Blick. Bzw. einem der drei Drei-Insel-Blicke. Denn eins haben Sylt, Föhr und Amrum gemeinsam: ein wunderbares Inselende von dem aus man die Nachbarinseln sehen kann. Normalerweise.

 

Seenebel

 

Heute jedoch lässt sich von der Promenade nicht einmal die Nordsee ausmachen. Dabei ist der Oststrand von Hörnum gar nicht besonders breit (für Sylter Verhältnisse jetzt). Ich höre bloß die Wellen glucksen. Und irgendwo im Hafenbecken Motorengeräusche. Soweit zu dem für heute angekündigten Sonnenschein.

 

 

Ich muss das Positive sehen: Den Wattwanderweg von Hörnum nach Rantum kann ich gar nicht verfehlen. Es geht einfach immer am Hafenrand um das Hotel Budersand herum (dabei nicht die Kaianlagen hinunter stürzen) und im Anschluss 12,6 km geradeaus. Das sollte selbst im Nebel zu schaffen sein. Zumal ich den Weg bereits kenne.

 

Die Wanderin am Seenebelmeer

 

Und noch was Positives: Ich bin ganz allein. Vermutlich hat kein Mensch Lust, durch diese dicke Suppe zu stapfen. Hätte ich selbst vielleicht auch nicht getan. Ich bin nur hier, weil der Himmel blitzeblau war, als ich in List vor einer halben Stunde losfuhr. In Kampen durchstieß ich jedoch eine regelrechte Nebelwand. Die Insel dahinter hat mit der Insel davor nicht die geringste Ähnlichkeit.

 

Inseltrasse Sylt

 

Dass Seenebel die Insel in zwei Hälften teilt, ist nichts Ungewöhnliches und ein typisches Frühlingsphänomen an der Nordsee. Es passiert, wenn die Lufttemperatur deutlich wärmer ist als die Wasseroberfläche. Dort wo der Nebel durch die Dünen wabert oder sich in dichten Schwaden festsetzt, kann die Temperatur urplötzlich um einige Grad fallen. Seenebel kann die Welt blitzschnell in ein Laken hüllen oder langsam auf einen zukriechen. Er kann sich länger einrichten. Oder nach Minuten wieder verschwinden.

 

 

Mein heutiger Seenebel scheint mir unentschlossen. Ab und zu ist da eine blassblaue Ahnung in der Luft und ich bin fast sicher, dass der Himmel gleich aufreißen wird. Doch dann verdüstert sich die Welt wieder. Und ich spüre mikrokospische Tröpfchen im Gesicht, als würde mich gigantische Wasserzerstäuber benetzen. Eigentlich ist das gar nicht unangenehm.

 

Salzwiese

 

Andererseits gehöre ich zu den Menschen, die das Wort Nebel nicht mal denken können, ohne gleichzeitig „The Fog“ im Kopf zu haben. Also, den Nebel des Grauens. Und so ist es auch ein bisschen unheimlich. Auf diese nicht wirklich bedrohliche, sondern kindische Art, bei der man immerzu über sich selbst lachen muss, aber gleichzeitig eben auch nicht ganz sicher ist, ob der Mann dahinten wirklich ein echter Mensch ist.

 

 

Der Wattwanderweg von Hörnum nach Rantum führt nicht zu jeder Jahrezeit und bei jedem Wasserstand direkt am Ufersaum entlang. In der Brutsaison oder bei Flut muss man hin- und wieder eine Salzwiese umrunden oder einen Schlenker über die Inseltrasse machen. Und so mäandert meine Stimmung wie der Weg. Mal versuche ich, mit der Kraft meiner Gedanken „besseres Wetter“ herbei zu zaubern, mal bin ich seltsam fasziniert.

 

 

Und ich merke: für mich selber stört mich der Nebel gar nicht. Mich nervt nur, dass ich nicht den Südseelook fotografieren kann, denn die Nehrungshaken entlang der Rantumer und Hörnumer Dünen bei Sonnenschein wirklich (ich schwöre) drauf  haben. Und dass die Vögel, die in dichten Wolken vor mir aufsteigen, auf dem Foto bloß kleine, irreale Windgeister bleiben, missfällt mir ebenso. Darüber fällt mir ein, was Andrea in einem lesenswerten Beitrag auf ihrem ohnehin abo-werten Blog indigoblau vor einigen Tagen geschrieben hat:

„Ich habe festgestellt, dass Reisen in erster Linie ein Statussymbol ist. Es tat meinem Ego gut, damit zu prahlen, wo ich schon überall war. Aber das war nicht ich, es war nur mein Bedürfnis nach Anerkennung von anderen, das heute mehr denn je gefüttert wird, vor allem auf Kanälen wie Instagram.“

Nicht, dass ich großartig mit meinen Reisezielen prahlen könnte. Schließlich liegen sie alle in der Nähe. Aber das Bedürfnis etwas zu zeigen, kenne ich auch. Ich finde es sogar echt schwer, dem Wunsch zu wiederstehen, alles in den schönsten Farben zu zeigen. Und verstehe gleichzeitig gar nicht, warum. Es ist ja nicht so als hätte ich etwas davon, wenn irgendeiner denkt: hatte die aber ein Glück mit dem Wetter.

 

 

Wobei: so ein Seenebel kann durchaus auch als Glück gewertet werden (falls man sich nicht gerade im Watt befindet. Dort ist er eher eine Art Todesurteil.) Als sich am allerletzten Strandabschnitt kurz vor Rantum die Sonne endlich durchsetzt, ist augenblicklich alles, schön und warm und prächtig. Doch es dauert auch höchstens Minuten, bis die ersten Radfahrer eintreffen. Dicht gefolgt von den Fotografen, Spaziergängern und Familien. Nach einer Viertelstunde ist die besondere Atmosphäre bereits dahin.

 

Rantum Strand

 

Der Wattwanderweg von Hörnum nach Rantum lohnt sich also in jedem Fall. Bei Sonnenschein weil alles so prächtig aussieht. Bei „schlechtem“ Wetter wegen einer geradezu mystischen Stimmung.

 

8 Kommentare

  1. Sylt ist eben bei jedem Wetter schön, auch bei Nebel.
    Danke für den Wandertipp, habe mir fest vorgenommen in diesem Jahr endlich mal wieder Sylt zu bereisen…

    • Lieber Helmut, ich hoffe natürlich, dass Du keinen Nebel hast. Denn ich freue mich jetzt schon auf Deine Fotos! Schönen Sonntag, Stefanie

  2. Christina Seibert sagt

    Ich bin schon seit vielen Jahren ein glühender Sylt-Fan -allerdings nur außerhalb der Saison, wenn der Massentourismus andere Ziele vorzieht und mein Hund und ich ungestört kilometerlange Wanderungen genießen können.
    Diese Wanderung kenne ich noch nicht und freue mich sehr darauf, sie bei meinem nächsten Besuch (möglichst hin und zurück) zu entdecken und zu genießen, mit oder ohne Seenebel!
    Danke für einen weiteren schönen Beitrag!

    • Gern geschehen, liebe Christina. Ich bin normalerweise auch nur noch im Winter auf Sylt und jetzt bloß im Frühling dort gewesen, weil ich mit drei Frauen unterwegs war. Aufgrund der außergewöhnlichen Kälte sind meine Spaziergänge dabei genauso einsam ausgefallen wie im Januar. Nur in den Restaurants und Cafés war es viel, viel voller. 🙂 Liebe Grüße, Stefanie

    • Juliane jantosch sagt

      So einigermassen voll ist es ja eigentlich nur an den touristischen hotspots gewesen Steffi – wenn man möchte, kann man die Einsamkeit noch an vielen Stellen genießen. Während du im Nebel des Grauens unterwegs warst, sassen wir drei Frauen ja einige km nördlich genüsslich in der Sonne

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