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Die Naturpille: 3 X 20 Minuten und alles wird gut

Neulich entwickelten Forscher eine Naturpille gegen Stress, Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-Störungen und eine Reihe weiterer Erkrankungen. Die Naturpille kostet nichts, mindert aber nach Meinung der Forscher die typischen negativen Auswirkungen des Stadtlebens, wie etwa viel Zeit in geschlossenen Räumen oder vor dem Bildschirm. (Vielleicht meinten sie gar nicht Stadtleben, sondern Arbeitsleben).

Jedenfalls: Es handelt sich bei der Naturpille nicht um eine Arznei zum Einnehmen. Sondern den uralten, guten Rat: Geh mal an die frische Luft. Dorthin, wo die Blätter rauschen und es nach Tannennadeln duftet. Idealerweise 3 X pro Woche für etwa 20 Minuten – und alles wird gut oder mindestens besser.

Das ist ja keine schlechte Nachricht. 3 x 20 Minuten pro Woche um entspannt, schlank, fröhlich und überhaupt gesund zu bleiben. Das kann man selbst als Vielbeschäftige/r easy einplanen.

Doch falls es den Forschern tatsächlich um die negativen Folgen des Stadtlebens geht, hat das Konzept auch einen kleinen Fehler: Nicht jeder Stadtbewohner hat einen Wald vor der Haustür. (Sonst wäre er ja Waldbewohner oder wenigstens Waldrandbewohner.) Und wenn man erst mal eine längere Anreise zum nächsten Forst auf sich nehmen muss, wird das Ganze auch schon wieder zeitaufwendig. Dann steigt die Gefahr, dass man´s nicht durchzieht. Man kennt das vom Sport.

 

Statt Natur & Stadtnatur: Kleine Oasen auf St. Pauli (und anderswo)

 

Als Städter muss man sich Substitute suchen. Ich habe mich mal in meiner Nähe auf die Suche gemacht – und könnte mir vorstellen, dass meine Funde, sich auf andere Städte übertragen lassen. Den von den Naturpillen-Entwicklern empfohlenen Duft nach Tannennadeln gibt es zum Beispiel auf St. Pauli nirgends. Es gibt aber einen Ort, der auf andere Weise wahnsinnig gut riecht.

 

1. Riecht so gut: der Apothekergarten von Planten un Blomen

 

Wer Planten un Blomen über den Eingang Messe/ Rentzelstraße betritt, sieht schon von der Treppe aus linker Hand weiße Mauern. Man könnte denken, dass sie den Park begrenzen. In Wahrheit findet man dahinter noch einige verschwiegene, geschützte Plätzchen. Die Mauern sind ein letztes Relikt der Niederdeutschen Gartenschau von 1935 und umfriedeten früher einen Rosengarten, heute die Stauden der Bürgergärten.

 

 

Wo die Mauern nicht mehr von Schindeln gekrönt sind, sondern durchbrochen und geschmückt mit schmiedeisernen Ornamenten, schließt sich der Apothekergarten von 1963 an. Man betritt ihn (mit ein bisschen Phantasie) wie ein Gebäude, vielleicht ein Kloster. Hinter den wabenförmigen Mauern liegen die 7 Höfe der Gesundheit. Jeder ist einer anderen Organgruppe gewidmet und der Duft der entsprechend Kräuter und Heilpflanzen ist wirklich berauschend. Der Rundweg ist mit Schildern in Braille-Schrift ausgestatt, so dass er auch für Blinde erlebbar ist.

 

2. Abgeschiedenheit: der Jüdische Friedhof an der Königsstraße

 

Wer nicht nur in einer Stadt, sondern auch noch in einer bei Touristen total beliebten Stadt lebt, findet nicht viele Orte zum Alleinsein. Parks sind auch nicht immer eine Lösung, gelten sie doch  meist selbst als Sehenswürdigkeit. Friedhöfe allerdings sind weniger frequentiert. Als Zusatznutzen hält man ganz selbstverständlich die Regeln zur Einnahme der Naturpille ein: Tageslicht, kein Sport, kein Social Media, nicht essen, nicht lesen, nicht unterhalten.

 

 

Der Jüdische Friedhof Altona ist der älteste jüdisch-portugiesische Friedhof in Nordeuropa. Wegen seiner Größe und einzigartigen Grabkunst ist er seit 1960 unter Denkmalschutz gestellt. Er ist zu allen Seiten abgeriegelt. Wer zwischen den Gräbern und auf sandigen Pfaden herumbummeln möchte, muss am Eingang klingeln und wird sodann persönlich hereingelassen. Männer erhalten eine Kopfbedeckung. Im gläsernen Pavillon befindet sich eine kleine Ausstellung. Aber naturpillen-mäßig gesehen ist das größte Wunder die Abgeschiedenheit dieses guten Ortes (wie jüdische Friedhöfe genannt werden). Man taucht wirklich vollkommen in eine andere Welt ab.

 

3. Auf manchen Plätzen ist Ruh´: Am Brunnenhof

 

Ein beliebtes Setting in Krimis ist das exotische, eine Tick zu quirlige und zu laute Hafenviertel, das den Held oder die Heldin leicht überfordert, bis er oder sie ganz plötzlich, hinter einer Ecke einen sonnenbeschienenen Platz erreicht, an dem alle Anstrengung abfällt. Solche Plätze findet man dort, wo Leute leben. Etwa auf St. Pauli Nord,  dort, wo alles so aussieht, wie man sich Eppendorf vorstellt. Bloß dass hier einem keine SUV-Fahrer auf die Nerven gehen, die Runde um Runde drehen; auf der hoffnungslosen Suche nach einem Parkplatz.

 

 

Sehr still kann es Am Brunnenhof zugehen. Auf dem Vorplatz der Friedenskirche befinden sich zwar auch einige Spielgeräte. Doch die Stimmung bleibt meistens so entspannt, dass man den Brunnen plätschern hört. Und den Wind in den Baumriesen rauschen. Wenn man mal 20 Minuten zugehört hat, ist aller Streß vergessen.

PS.: Nach der Naturpille darf man auch wieder essen oder trinken. Dann läuft man entweder einige Schritte Richtung Paulinenplatz/ Wohlwillstraße, wo sich immer ein gastronomisches Plätzchen in der Sonne findet und gerade die richtige Menge Trubel. Oder in die andere Richtung – zum Winklersplatz, wo mit dem Café Winklers eine der ruhigsten Einkehrmöglichkeiten von St. Pauli wartet.

5 Kommentare

  1. Na, da hat Hannover ja endlich mal nen klaren Vorteil gegenüber HH! Ich „bade“ nahezu täglich in meinem Glückswald Eilenriede 😊
    Dass mit den Friedhöfen praktiziere ich in allen Städten, wenn ne Ruhepause nötig ist. Kein Gellapper und meist sehr viel Vogelleben. Richtige Oasen. Dir ein schönes Wochenende!

    • Liebe Simone – ich schätze, Hannover hat einige Vorteile gegenüber Hamburg. Sind ja zwei grundverschiedene Städte. Ich würde z.B. zu gern mal in die Herrengärten. Aber das habe ich Dir glaube ich schon mal geschrieben? So eine muss-ich-auch-mal-irgendwann-machen-Liste wird und wird einfach nie kürzer. Viele Grüße in den Süden 🙂

      • Ja, Du erwähntest das bereits 😉
        Der Vorteil von Hannover ist, ein Wochenende oder besser: zwei Tage in der Woche reichen für die Highlights aus. Wäre doch vielleicht ein schöner Stopover!

  2. Ich mußte gerade so lachen: „sonst wäre man ja Waldbewohner“. Genial und so wahr 😉 Aber das mit der Naturpille stimmt. Mir reicht schon mein kleiner Garten, in dem gerade mal zwei Bäumchen stehen neben einem Vogelhäuschen. Aber im Apothekergarten von Planten un Bloomen war ich auch schon und fand das total schön dort. Danke für Deine schönen Tipps immer und die schönen Beiträge und Fotos. Auch damit bekommt man eine kleine Auszeit….einfach mal träumen und ausschwärmen 😉 Schönes Wochenende. LG Ilona

    • Liebe Ilona, obwohl ich überhaupt keine Gärtnerin bin, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er super als Naturpille wirkt. Ich muss mich derzeit echt zwingen, regelmäßig rauszugehen, weil ich vor Arbeit untergehe. Zwar weiß ich theoretisch, dass man gerade dann Auszeiten braucht. Und ich merke auch, wie gut es tut, wenn ich mich dann aufraffe. Aber es flutscht nicht so wie normalerweise. Egal – nächste Woche gehts auf Reisen. Da wirds dann endlich wieder besser. Dir auch ein schönes Wochenende (obwohl es ja nun schon ein Wochenende später ist). Stefanie

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