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Sturm und Drang und die Steilküste bei Stohl

Stohl

Es gibt da eine knifflige Stelle auf dem Steilküstenpfad bei Stohl. Dort dachte ich neulich über Friedrich Schiller nach. Es ist kein offizieller Wanderweg, das hat der Bürgermeister extra auf ein Schild drucken lassen. Aber auf eigene Gefahr darf man  durchaus am Klippenrand spazieren.

 

Steilkueste Stohl

 

Stohl liegt nördlich von Kiel in der Gemeinde Schwedeneck auf der Halbinsel Dänischer Wohld. Etwas außerhalb der Winzig-Gemeinde erhebt sich die Steilküste, die mich von allen Ostsee-Steilküsten am meisten beeindruckt. Es ist nicht allein die Höhe. Obwohl die beachtlich ist. Bis zu 30 Meter ragt die Abbruchkante bei Stohl über dem Meer auf. Das ist etwa so hoch wie das Rote Kliff von Kampen auf Sylt.

 

Stohl

 

Abgesehen von der Steilküste haben Stohl und Kampen aber nicht gerade viel gemeinsam. So investiert der Bund auf Sylt schon seit den 1970er Jahren Millionen und Millionen in Sandvorspülungen. Darum ist das Kliff zwischen Wenningsstedt und Kampen über weite Strecken nicht mehr als Steilküste zu erkennen, sondern von Dünen bedeckt.

 

Stohl Strand

 

Bei Stohl scheint noch niemand auf die Idee gekommen zu sein, Steilküste oder Strand zu sichern. Regelrecht archaisch kam mir die Landschaft vor, als ich im vorvergangenen Juli auf dem E1 hier wanderte. Damals lag Regen der Luft. Vielleicht war das der Grund, warum ich trotz Hochsaison kaum eine Menschenseele traf. Es gibt über Kilometer nämlich keine Möglichkeit sich unterzustellen.

 

Schwedeneck und die Steilküste bei Stohl

 

Der Fernwanderweg E1 führt exakt dort, wo der Bürgermeister eingangs erwähntes Schild aufstellen ließ, über eine Treppe an den Strand und bleibt im weiteren Verlauf dort unten – bis zum Ostseebad Strande. Vor dem Klippenpfad wird ausdrücklich gewarnt. Natürlich landete er daher direkt auf meiner Bucket List. Zu Recht!

 

Stohl

 

Zu Recht warnt aber auch der Bürgermeister vor dem Steilküstenpfad. Mit kleinen, wilden Kindern würde ich dort zum Beispiel nicht spazieren gehen. Und auch nicht radfahren (wie die Dame, die vor einiger Zeit mehr als zwanzig Meter in die Tiefe stürzte). Ich würde nicht einmal am Wochenende dort sein wollen, denn für Massen von Sonntagsausflüglern ist der Pfad einfach zu schmal. Besonders an der kniffligen Stelle, wo Stacheldraht (!) den Weg auf nicht einmal 50 Zentimeter begrenzt.

 

Kliff Stohl

 

Es mag zwar Raum in der kleinsten Hütte sein, wie Sturm-und-Drang-Vertreter Friederich Schiller behauptete. Aber eben nicht Platz an der kleinsten Küste, wenn alle Welt an die Strände stürmt und drängt. Das ist in Schleswig-Holstein spätestens seit dem letzten Sommer ein großes Thema. Und wird auch in diesem Jahr wieder für viel Kopfzerbrechen sorgen.

 

Stohl

 

Da ich als Freiberuflerin meine Zeit frei einteilen kann, kann ich das Wochenende problemlos denen überlassen, die darauf angewiesen sind. Ich kann allen mit flexiblen Arbeitszeiten, allen Privatiers und allen Rentner nur empfehlen, es ebenso zu halten. Nicht nur im Allgemeinen und weil Rücksichtnahme ein feiner Zug ist. Sondern auch im Speziellen auf dem Steilküstenpfad bei Stohl. Der belohnt nämlich derzeit an Wochentagen mit knapp fünf Kilometern Ruhe, bevor man den frisch grün-weiß-geringelten Bülker Leuchtturm erreicht.

 

Buelker Leuchtturm

 

Normalerweise ist der weiterführende Promenadenspaziergang ins Ostseebad Strande außerhalb der Saison eine stressfreie Sache. Aber weil gerade ja nichts normal ist, ist aktuell das Aufkommen an Spaziergängern, Autos, Campern trotz winterlicher Temperaturen und auch unter Woche recht hoch. Dort wurde mir klar, dass ich Promenaden ab sofort denen überlasse, die nicht über Stock und Stein spazieren können. Ich bin ja nicht auf Barrierefreiheit angewiesen.

 

Buelker Huk

 

Und falls nun wirklich in zwei Wochen Osterurlauber nach Schleswig-Holstein kommen dürfen, werde ich ihnen die Küsten für die Dauer der Ferien ganz und gar überlassen. Denn, genau, ich bin ja nicht darauf angewiesen. Ganz im Gegensatz zu Kindern. (Von denen ich wirklich jedem einzigen ein Strandurlaub nach diesem schweren Jahr wünsche. Also mich wird niemand über Feriengäste schimpfen hören.)

 

Wandern an der Steilküste bei Stohl

 

Worauf ich allerdings durchaus angewiesen bin, sind Meerblicke ab und zu. Daher sammle ich sie gerade, wie Philatilisten Briefmarken. Die Meerblicke bei Stohl sind wirklich allerster Güte. Wer sich davon überzeugen möchte, findet an der Eckernförder Straße einen (kostenpflichtigen) Parkplatz. Von dort windert sich ein Wanderweg etwa 800 Meter durch die Felder bis zum Kliff. An der Treppe zum Strand muss man sich entscheiden.

 

Schwedeneck

 

Entweder gehts in südlicher Richtung zum Bülker Leuchtturm. Oder knapp drei Kilometer die Küste hinauf nach Dänisch-Nienhagen mit seinem wunderbaren Steilküstenwäldchen, vielleicht auch noch drei Kilometer nach Surendorf. Wie man´s macht, macht man´s hier richtig. Hauptsache aber bald.

Ostseeblau

25 Kommentare

  1. Sara Dassau sagt

    Liebe Stefanie,
    Ein wirklich schöner Platz! Wenn man sich an der Treppe für links entscheidet, kommt man nach ca. 2,5km zum StrandHaus Schwedeneck. Ein tolles Restaurant direkt am Strand. Hoffentlich bald wieder geöffnet!

    Du sprichst mir sehr aus dem Herzen, die Küste und die Promenade, am Wochenende und in den Ferien, denen zu überlassen die nicht anders können. Ich kann meine Zeit auch anders einteilen und hoffe auf einen Stress-freien Sommer.

    Viele Grüße von Sara aus Ammersbek

    • Liebe Sara, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich war übrigens gerade auf den Seiten vom StrandHaus, weil ich es verlinkt habe: to-go haben sie schon mal. Die Terrasse ist zwar besser, aber so ganz schlecht schmeckts ja auch nicht auf einem Findling am Strand 🙂 Ganz liebe Grüße zurück, Stefanie

  2. Moin Stefanie, obwohl ich ja die Nordsee (Nordfriesland) vorziehe, habe ich durch deinen Blog schon sehr schöne Ecken an der Ostsee kennen gelernt. Es gibt wirklich sehr schöne Ecken an der Ostsee in Schleswig Hotstein, muß ich zugeben.

    Von der Steilküste in Stohl hatte ich auch noch nichts gehört. Sieht super auf den Fotos aus. Ich muß wohl mal die Halbinsel Dänischer Wohld besuchen…..

    LG und schönes Wochenende, kv

    • Franz Brambrink sagt

      Hallo Stefanie,
      eine sehr schöne Beschreibung. Ich bin den Weg im vergangenen Jahr im August gegangen und war fasziniert von der Steilküste.
      Der extrem schmale Abschnitt mit der Stacheldrahtbegleitung ist leider nicht ungefährlich. Bereits Begegnungen werden zum waghalsigen Abenteuer. Bleibt zu hoffen, dass man bei weiterer Erosion trotzdem eine Durchgängigkeit verhandeln kann (vielleicht auch ohne Stacheldraht).
      Viele Grüße
      Franz

  3. Ich sitze gerade bei Tee und Kerze am Schreibtisch. Draußen stürmt es. und ich sehe das Bild vom schmalen Pfad und dem Stacheldraht. Und in meinem Kopfe spielen sich wilde Szene ab! Vom Winde verweht oder so … : ) Die Treppe ist großartig, der Pfad auch, der Stacheldraht ist nix zum Festhalten bei Sturm, aber dann sollte man dort wohl auch nicht wandern. Oder radeln. Oder überhaupt draußen sein : ) Oder vielleicht doch. Hab Lust auf einen Spaziergang auf so einem Pfad! Hab ein wunderschönes Wochenende, Jutta

  4. Sehr schöne Bilder einer nahezu unberührten Gegend.
    Aber so eine Steilküste ist nix für mich,ich bin so ganz und gar nicht der „Adrenalin-Junkie“,der Nervenkitzel sucht.
    Ich mag´s lieber entspannt und gemütlich und ohne große Kletterei – ich meide derartige Risiken.
    Aber bei virtuellem „Mitwandern“ bin ich gerne dabei,das ist nicht anstrengend.
    viele Grüße
    Ralf

    • Lieber Ralf, dann hoffe ich, dass die Warften auf Nordstrandischmoor ihre Endhöhe erreicht haben. Nicht, dass Du noch zum Bergsteiger werden musst. Hab ein schönes Wochenende, Stefanie

  5. Claudia sagt

    Lieben Dank für die tollen Fotos , wir sitzen beim Frühstück und ich freue mich darauf die Küste bald mal zu erkunden . Ich wünsche allen ein schönes Wochenende .
    Lieben Gruß
    Claudia

  6. Die Küstenstrecke ist von mir noch unbewandert, äusserst interessant. Solche Steilküstenpfade gibt es bei uns ja auch, aber doch eher an der Nordsee.

    Da wir Rentner sind, machen wir es wie du und gehen zu den populärsten Stellen unter der Woche.
    Liebe Grüsse aus Dänemark von Birgit

    • Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, dass das bei Euch in Dänemark überhaupt nötig ist. Soooo viele seid ihr ja gar nicht in Jütland und die Küstenlinie so herrlich unendlich.

      • Im Moment reist ja keiner ins Ausland … in „normalen“ Jahren ist es nur während der Sommerferien überlaufen, aber jetzt auch an den Wochenenden. Beim kleinsten Sonnenstrahl zieht es die Dänen nach draussen, was ja eigentlich gut ist.

  7. Ich habe mir gerade vorgestellt, wie der Weg wohl ohne Zaun aussehen würde und ulkig, ich glaube, er wäre nur halb so schön. Er gibt der Landschaft Kontur und setzt sie noch viel besser in Szene. Wie Wimperntusche.

  8. Viele Dank für die tollen Tipps im Norden. Meine Kunden fragen mich immer nach schönen Plätzen in der Nähe von Hamburg, da sind so Infos goldwert.
    Viele Grüße
    Bernard

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