Norddeutschland, Ostsee, Schleswig-Holstein
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Schnogholm, Tiefkühlgemüse und der Brief meiner Urgroßmutter

Die Geltinger Bucht, die den Übergang von der offenen Ostsee zur Flensburger Förde markiert, liegt in der Region Angeln. Dort wurde ich geboren. Genau wie alle meine Eltern, fast alle meiner Großeltern und einige meiner Urgroßeltern. Also, es ist meine Heimat, würde ich sagen. (Auch wenn mein Zuhause seit fast 20 Jahren St. Pauli ist, aber das hat ja damit nichts zu tun.)

 

Ostseeblau

 

Reist man dahin, wo man herkommt, ist das irgendwie auch immer eine Begegnung mit sich selbst. Neulich in der Geltinger Bucht bin ich mal wieder davon ausgegangen, dass ich nichts Neues entdecken würde. Schließlich erstreckt sie sich gerade mal über 15 km Küstenlinie. Und ich war schon tausend Mal dort.

Ich habe mich natürlich geirrt. Als Erstes entdeckte ich einen Wegweiser, den ich nie zuvor sah.

 

Entdeckung 1: Schnogholm

 

Ernsthaft, Schnogholm. Da halte ich mich nun seit Jahrzehnten für eine phantasievolle Person – aber nie habe ich den wunderbaren Wegweiser nach Schnogholm wahrgenommen!? Mein Selbstbild wankt.

 

Ohrfeldhaff

 

Schnogholm ist eigentlich nur eine Straße. Doch fährt man sie zuende, trifft man auf den steinigen Strand von Ohrfeldhaff. In vollkommener Stille liegt er da. Als wäre er nicht von dieser Welt. Und als würde gleich der Schnockolm von Schnogholm pfeifend um die Ecke spazieren. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Einen Kieselstein kickend.

 

Morgens in Ohrfeldhaff

 

Ich lerne daraus, dass ich öfter mal abbiegen sollte, wo ich noch nie abgebogen bin. Am allerbesten morgens, abends oder im Winter (wenn kein anderer abbiegt.)

 

Morgennebel

 

Entdeckung 2: Norddeutsche sind keine Italiener

 

Geht man dahin, wo man herkommt, tauchen Kindheitserinnerungen en masse aus dem Unterbewusstsein auf. Je älter man wird, desto dankbarer guckt man auf das, was die Eltern richtig gemacht haben. Ich habe schon als Kind irre tolle Reisen gemacht. Speziell meine Mutter hat mir beigebracht, auf Reisen das Ursprüngliche zu suchen. Sie hat ein besonderes Näschen für schrabbelige Tavernen und Trattorien in den Bergen, hoch über den Küstenorten Südeuropas, betrieben von alten Männern mit Zauberkraft im Kochlöffel. Anselmo in Ligurien. Savas auf Kreta. Das sind für mich so wunderbare Erinnerungen.

Nach solchen Orten kann man in Norddeutschland aber lange suchen. Oder ich habe einfach kein Gespür dafür. Jedenfalls habe ich in der Geltinger Bucht mal wieder festgestellt: Die traditionellen Gaststätten Norddeutschlands machen mich nicht froh. Sie servieren Tiefkühlgemüse. Und Eisbergsalast mit einer Tomatenscheibe plus Fertigdressing.

 

Spar

 

Ich kann das mit dem Tiefkühlgemüse im Jahr 2015 eigentlich nicht fassen. Muss es aber wohl endlich so hinnehmen: In Norddeutschland isst man am besten dort, wo´s etwas teuerer ist. Oder beschränkt sich auf Kleinigkeiten in Bistros, wo´s das Gleiche gibt wie in jeder x-beliebigen Stadt. Was ja nichts Schlechtes sein muss. Empfehlenswert sind beispielsweise der Kiosk in der Geltinger Birk und die Marina Lounge in Wackerballig.

 

 

(Den Jachthafen Wackerballig sollte man sich ohnehin nicht entgehen lassen. Schon allein weil man dort so schön in der alten Leuchtturmspitze des Leuchtturms von Kalkgrund sitzen kann. Und die Geltinger Birk ist sowieso ein Muss. Das erzähle ich aber ein anderes Mal, weil das absolut keine neue Erkenntnis ist.)

 

Strand bei Norgaardholz

 

Was jetzt kommt, ist auch keine neue Erkenntnis. Hat sich aber für mich in der Geltinger Bucht noch mal ordentlich intensiviert: Reist man dahin, wo man herkommt, ist das oft auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Manche finden Heimat herrlich, andere fürchterlich, einige Menschen lässt der Heimatbegriff vollkommen kalt und sehr viele sind ambivalent unterwegs. So wie ich.

Rein landschaftlich finde ich meine Heimat unheimlich schön. Besonders schön ist der Strand bei Habernis, dem nordwestlichen Ende der Geltinger Bucht.

 

SteilkuesteHabernis

 

Vielleicht sorgt genau der Kontrast zwischen Schönheit und Brutalität dafür, dass es mich so intensiv berührt, als ich dort eines Morgens auf eine Gedenktafel stoße.

 

Entdeckung 3: Ich kann so glücklich sein

 

Gedenkstein

 

Ich hatte von diesen jungen Männern noch nie gehört. Aber schon als Kind wusste ich, dass ein paar Tage zuvor 47 U-Boote in der Geltinger Bucht versenkt wurden, damit sie nur ja „der Feind“ nicht in die Hände bekam. Den Befehl gab Dönitz von Flensburg aus.

Dönitz war von Hitler in der Vorwoche testamentarisch zu seinem Nachfolger ernannt worden. Er telegrafierte dem Toten: „Mein Führer, meine Treue zu Ihnen wird unabdingbar sein.“

 

Steg Nordgaardholz

 

Während drei junge Männer also hingerichtet werden, bringt KZ-Architekt Speer seine Familie nur eine Bucht weiter in Sicherheit. Bevor er selber bei Dönitz unterkriecht. Und meine ostpreußische Urgroßmutter erreicht mit 6 Töchtern und einem Sohn ein weiteres Lager auf ihrer unendlichen Odysee. Es wird das letzte sein, bevor sie hier ein Zuhause findet. Aber das weiß sie noch nicht. Sie weiß im Moment nicht einmal, ob ihr Mann noch lebt und ihre älteste Tochter, die beim Roten Kreuz Dienst tut. Nur dass der fünfjährige Fritz von einer Granate zerfetzt worden ist, das weiß sie sehr genau.

Jeder ist seines Glückes Schmied? Dass ich nicht lache. Man hat Schwein oder unendliches Pech. So ist das. Immer gewesen.

 

Anleger Gelting Mole

 

Vielleicht hat meine Urgroßmutter ja mal hier gestanden in der Zeit, über die sie später in einem Brief an ihre jüngste Tochter schrieb:

„Inzwischen hatte ich mehrere Flüchtlingsfamilien kennengelernt. Insbesondere schlossen sich drei Schwestern aus Ostpreußen uns an. So saßen wir oft beieinander des Abends zusammen und dachten an die Heimat und unsere Lieben. Es gab so viel Not und Elend im Flüchtlingslager … Ich fuhr oft nach Kappen, Flensburg, Schleswig, las dort die ausgehängten Suchlisten und hoffte immer, von meinen Lieben oder von Bekannten etwas zu hören. … So war der 7. September hereingekommen. Frau Larsky bat mich, mit nach Kappeln zu kommen. Ich hatte aber wie so oft so geweint und wollte nicht mit verweinten Augen fahren. Frau Kaiser, die Frau, die bei uns mit lebte, war bei mir. Plötzlich kam Siegfried: „Mutti. Papa. Papa ist da.“ Ich hatte Dich gerade auf dem Arm. Ich war so bleich und erschreckt, dass Siegfried sagte: „Nein. Nein. Ist kein Papa.“ Ich guckte durchs Fenster und sah alle Kinder zur Brücke laufen. Ich lief hinterher, die Treppe herunter, brach mir die Absätze ab. Mitten auf der Brücke er; dein Vater. Wir fielen uns in die Arme. Von allen Seiten die Kinder. Die meisten Leute, die das sahen, brachen in Tränen aus. „

 

Nichts in Gelting Mole deutet darauf hin, dass hier für fünf Minuten mal die Weltgeschichte wütete. Man kann es sich auch gar nicht vorstellen. Es ist zu friedlich.

 

Gelting

 

Es soll mir immer bewusst bleiben, dass ich zu denen gehöre, die Schwein haben. Bzw eine Urgroßmutter, die es schaffte ihre Kinder nach Schleswig-Holstein zu retten. Gerade jetzt will ich das nicht vergessen, wo so viele Menschen entsetzlichem Elend ausgesetzt sind. Heimat ist nichts als Zufall. Wir haben ja gar nichts dafür getan. Wir haben es uns nicht verdient oder so, dass wir in vollkommener Sicherheit leben. Und es steht uns nicht zu, sie jemand anderem zu versagen.

 

Segelboot Gelting

21 Kommentare

  1. Ich bin zutiefst gerührt vom letzten Teil…Und ich finde Wackerballig und Snogholm sollten eine Geschichte werden…

    • Vielen Dank, Claudia. Ich hoffe, Ihr habt die Möglichkeit diese herrliche Woche irgendwo draußen zu genießen!? Liebe Grüße, Stefanie

  2. Schön, dass ich deinen Blog gefunden habe! (Oder hattest du mich gefunden?)
    Auf jeden Fall bin ich beeindruckt von der Qualität deiner Texte und Bilder. Für so etwas hat man das Bloggen erfunden 😉
    Beste Grüße
    R

    • Rainer; vielen Dank – das ist aber ein Riesen-Kompliment.
      Und wer wen fand, weiß ich nicht. Aber Hauptsache ist ja immer, es klappt!

      Schönen Abend, Stefanie

  3. „Für so etwas hat man das Bloggen erfunden“ – zutreffender kann man es nicht schreiben!

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag, liebe Stefanie!

    Liebe Grüße Eva

  4. Ich finde kaum Worte. Danke für diesen wundervollen Text und die sehr persönlichen Einblicke. Ganz besonders berührt mich der letzte Teil: „Heimat ist nichts als Zufall. … Und es steht uns nicht zu, sie jemand anderem zu versagen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Herzliche Grüße,
    Nicole

  5. Ganz in der Nähe geblieben und doch – so weit gereist in Raum und Zeit. Gefällt mir sehr, wie du gerade Erlebtes, längst Vergangenes, Erinnertes, Eigenes und Fremdes zu einem feinen Ganzen gesponnen hast, Stefanie. Den Spuren in der Geltinger Bucht werde ich bald einmal folgen.

  6. Also, Ihr Lieben, ich bedanke mich mal ausnahmsweise „en bloc“. Danke Jutta, danke Paleica, danke Nicole, danke Maren. 🙂 Stefanie

  7. Verena Kleffner sagt

    Du hast es wieder mal geschafft, mich mit unserer Familiengeschichte zum heulen zu bringen.
    Und sogar meinen Mann, der unsere Eltern, Großeltern ja gar nicht mehr kennt.
    Wenn man Omas Brief liest, der ist ja im Original sehr lang, sieht man, was sie auch Dir alles mitgegeben hat. Und auch heute ist es noch so: das wichtigste auf der Welt ist unsere Familie.

  8. Erika Stumm sagt

    Liebe Steffi,nach langer Zeit habe ich heute mit Julia telefoniert und sie hat mich auf die Snogholm-Seite verwiesen-beim Lesen wurde mir wieder einmal bewusst,wie nahe doch Freude und Trauer sein können.Freude beim Anblick der schönen Bilder, Nachdenklichkeit und Trauer bei dem was war und leider immer noch ist. Danke für den schönen Artikel und schau mal wieder rein, wenn du in Gegend bist.

    • Mum nun wieder 🙂 Auf die Seite verwiesen 🙂 Ich freue mich sehr über Deinen Kommentar, Erika. Finde das auch so toll, dass Du Dich für Intergration engagierst. Da ist das Freude-Trauer-Thema ja wahrscheinlich auch immer präsent…

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