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Schnee in Schleswig-Holstein

Insel Sterin

Gewisse kindliche Vorstellungen sind doch erstaunlich hartnäckig, dachte ich neulich an einem regnerischen Morgen in Neustadt i.H. (also Neustadt in Holstein). Etwa, dass es sich bei Gott um einen älteren Herrn mit Bart handelt. Oder dass es zu Weihnachten grundsätzlich schneit. Es muss an den Weihnachtskarten, Adventskalendern, Bilderbüchern… liegen. Denn die kommen nie ohne tief verschneite Landschaften aus. Und irgendwann glaubt man wohl einfach dran.

 

Neustadt i. H.

Dezembermorgen in Neustadt – als es einen ultrakurzen Moment lang nicht regnete, dachten wir kurz darueber nach zu warten, bis der Weihnachtsmarkt (der hier Meerchenwald heisst) um 11.00 Uhr oeffnet. Aber dann schoben sich wieder Wolken vor die Sonne. Und es begann zu nieseln…

 

Ab einem gewissen Alter, sollte man es eigentlich besser wissen. Denn dann man hat es ja unzählige Male erlebt: es schneit zu Weihnachten gar nicht besonders häufig. Das war übrigens auch früher nicht anders. Jedenfalls nicht, wenn man mit „früher“ die letzten 66 Jahre meint. Und ausnahmsweise ist der Norden zur Weihnachtszeit nicht einmal am schlechtesten dran.

 

 

In den letzten 66 Jahren schneite es z.B. in Hamburg an Weihnachten nur 12 Mal. Noch schlechter lief´s allerdings in Frankfurt (11 x) und am allerschlechtesten in Köln (4x). Selbst München kriegt bloß jedes dritte Jahr weiße Weihnachten hin.

 

Bank Neustadt

Mussu mal hin, wenn Du in Neustadt bist: das Cafe Gluecks in der ehemaligen Fabrik von Karl Lagerfelds Vater

 

In Wahrheit regnet es in der Weihnachtszeit sehr viel häufiger als dass es schneit. Wie es eben auch an diesem Morgen in Neustadt regnete. Wie es auch am Tag zuvor geregnet hatte. Mal mehr, mal weniger, aber beinahe immerzu und vor allem von allen Seiten.

 

Let it rain, let it rain, let it rain: mittags in Plön

 

Selbst wer (wie ich) Schnee im Allgemeinen nicht weiter vermisst, gerät da ins Grübeln. Vor allem in der Holsteinischen Schweiz. Sie gleicht mit ihren Hügeln und Wäldern und Seen in etwa der perfekten Kulisse eines perfekten Wintermärchens.

 

 

Wer Plön an einem Adventssonnabend gegen 13.00 Uhr erreicht, wird staunen. Es gibt nicht einen einzigen Glühweinstand und mindestens Dreiviertel der Geschäfte und Gastronomiebetriebe haben geschlossen. Das ist ganz typisch für Schleswig-Holstein. Weil alle Welt nach Hamburg, Kiel, Lübeck oder Flensburg eiert, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen oder sich auf den Weihnachtsmärkten zu drängeln.

 

Ploen

Twieten heissen die schmalen, verwinkelten Gassen, die sich vom Schloss zum See hinunter ziehen.

 

Vielleicht ist es auch anders herum. Mag sein, dass die Leute in die größeren Städte flüchten, weil die kleineren ausgestorben sind. Aber wie auch immer, Henne oder Ei, Norddeutschland kann schon gespenstisch wirken in der Vorweihnachtszeit. Oder eben: herrlich gottverlassen. Es ist eine Typfrage, wie man es empfindet.

 

Insel Sterin

Sieht aus wie Schnee. Ist aber (sorry) Kormoran-Kot. Die Insel Sterin loest sich allmaehlich in Amoniak auf.

 

Nur wenige kleinere Städte halten dagegen an. Etwa Eutin. Die Rosenstadt verwandelt sich in der Weihnachtszeit traditionell zur Lichterstadt. Dann erstrahlen Gebäude, Bäume und der See in bunten Farben. Die Illuminationen werden noch bis zum 31. Dezember täglich ab 16.30 Uhr angeknipst.

 

 

Abends in der Lichterstadt Eutin

 

 

Falls es aus Kübeln regnet, drängt sich allerdings die Frage auf: Warum sind norddeutsche Weihnachtsmärkte eigentlich nicht auf Regen eingestellt? Haben die Organisatoren vielleicht noch gar nicht gemerkt, dass Regen die wahrscheinlichste aller Optionen ist?

 

 

Dieser Fehler wäre ihnen vielleicht nicht unterlaufen, wenn sie – sagen wir vor 100 Jahren – in Schönwalde am Bungsberg zur Schule gegangen wären. Wie ich letzte Woche berichtete, verbrachten wir dort eine Nacht im Dorf- und Schulmuseum. Und so hatte ich ausreichend Zeit, mich mit dem hochspannenden Schulbuch „Naturbeobachtungen des Schülers in der Heimat“ aus dem Jahr 1915 zu befassen.

 

Nachts in Schönwalde am Bungsberg

 

Verfasser Ernst Piltz; Professor an der Oberrealschule in Jena, sah in der Auseinandersetzung mit der eigenen Umgebung, den heimischen Pflanzen, den Tieren, also der Natur schlechthin und der eigenen Rolle in eben dieser, nicht nur intellektuelle, sondern auch charakterliche Notwendigkeit.  Wer die Schönheit erkennt, wird sie achten, so sein Ansatz. Darum ersann er 753 Fragen und praktische Aufgaben, die paragraphenweise „vom Himmel, von der Luft, vom Erdboden, vom Wasser“ usw. handelten. U.a. eben auch:

 

Abschnitt A, § 20 Schnee

146. Wenn es zu schneien anfängt, lege eine Schiefertafel in die kalte Luft, lasse, wenn erstere erkaltet ist, Schneeflocken auf sie fallen und betrachte sie nach Größe und Gestalt!

147. Hast Du in den Schneeflockengestalten etwas Übereinstimmendes gefunden?

148. Zeichne verschiedene Schneesternformen!

149. Fällt der Schnee immer in Form zierlicher Sterne?

150. Weshalb sieht man es gern, wenn im Winter die Saaten bald und dauernd mit Schnee bedeckt sind?

151. Schreibe im kommenden Winter die Schneetage auf!

152. Fällt nur dann Schnee, wenn das Quecksilber des Thermometers unter 0 steht?

153. a) Schüttle den Schnee von stark beschneiten Zweigen eines Baumes!
b) Wie tief waren die Zweige durch die Schneelast nierdergebeugt?

154. An welchen Bergseiten und an welchen Dachseiten hält sich der Schnee am längsten?

155. Fange im Regenmesser den Schnee auf, welcher in einer gewissen Zeit in denselben fällt, lasse den Schnee zu Wasser werden und miß die Menge des letzteren!

156. Wie wirkt Wind auf den Schnee, der im Niederfallen begriffen ist?

157. Wie wirkt der Wind auf die Schneedecke des Bodens?

158. Beobachte an Schneewehen in Hohlwegen oder an Abhängen, wieviel Erdreich der Wind von den Äckern verweht hat!

 

Wäre ich nach den Naturbeobachtungen von Professor Piltz unterrichtet worden, wüßte ich heute vermutlich mehr über Schnee, als ich im Sachkundeunterricht gelernt habe. Und es gibt noch einen zweiten Grund im Winter nach Schönwalde zu fahren; nämlich den höchsten Punkt im nördlichsten Bundesland, den Bungsberg. Dort schneit es zuerst in Schleswig-Holstein. Das versicherten uns die Wirtsleute der Waldschänke. Dann sei es „hier oben bei uns“ traumhaft schön. Wir fanden es auch bei Sturm und Regen ganz gemütlich; und skurill, weil wir die einzigen Gäste waren.

 

Bungsberg

 

Was ich mit all dem sagen will: ich hätte gar nichts gegen ein bisschen Schnee & Eis demnächst. Oder jedenfalls Raureif. Und/oder blauen Himmel. Und wenn das alles nicht möglich sein sollte, vielleicht wenigstens ab und zu eine Regenpause. Dann kann ich Ostholstein schwerstens für einen stimmungsvollen Winterausflug empfehlen. Neustadt, Plön und Eutin sind bequem mit dem Zug zu erreichen.

10 Kommentare

  1. Das ist so, liebe Stefanie,
    sehr schön beschrieben!
    Aber der wirkliche, wahre Schnee kommt doch bei uns im Norden oft genug erst zur Jahreswende.
    Gerade steht der 40. Jahrestag dessen an, das als „Schneekatastrophe in Norddeutschland“ benannt wurde.
    Hier eine launige Beschreibung
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8649270.html
    und hier die sachliche Darstellung
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8649270.html

    Hoffen wir mal, dass es diesmal zum Jubiläum nicht gar so arg kommt.
    Weiter eine schöne Vorweihnachtszeit wünscht
    Ludwig

    • Die Schneekatastrophe ist schon 40 Jahre her?! Herrjeh… Danke Dir für die Links, Ludwig; ich gehe gleich mal stöbern… LG, Stefanie

  2. Schnee zu Weihnachten in Schleswig-Holstein. Wie wahr, das gibt es nicht allzu oft und doch ist es schön, wenn die Schneeflocken vom Himmel tanzen und die Landschaft weiß ist. Irgendwie hat man sich das als Kind schon gewünscht. Ein schöner Beitrag über Neustadt i.H. Ich bin oft dort, weil ein Teil unserer Familie in Pelzerhaken wohnt. Die Marien-Hofanlage inkl. Café kann ich auch wärmstens empfehlen….immer wieder schön dort. LG Ilona

    • Liebe Ilone – die Marien-Hofanlage habe ich im Vorbeifahren gesehen. Das Ensemble sieht wirklich extrem niedlich aus. Merk ich; dank für den Tipp. Stefanie

  3. Ingrid Jansen sagt

    Ein toller Artikel, danke schön! Es stimmt schon, Weihnachtsmärkte können weder Plön noch Eutin richtig, aber Eutin Wil es nächstes Jahr Mal wieder mit einem versuchen, wir sind gespannt! Vielleicht kommt ihr dann Mal wieder, die Beleuchtung dieses Jahr finden wir auch ganz gelungen! Liebe Grüße und noch eine schöne Vorweihnachtszeit Ingrid

    • Liebe Ingrid, ich fürchte ich habe mich was den Eutiner Weihnachtsmarkt betrifft, nicht ganz klar ausgedrückt. Ich fand das wunderschön im Innenhof vom Schloss. (Wir waren da, als der KIWANIS Club Ostholstein für Kinder gesammelt hat). Es war nur so schade, dass man sich nicht unterstellen konnte. Genieße die herrliche Weihnachtsstimmung in Eutin – und liebe Grüße, Stefanie

  4. Liebe Stefanie, Du hast ihn herbeigeschrieben, den Schnee. Bei uns hat es letzte Nacht geschneit und heute liegt sogar noch ein wenig. Nur der blaue Himmel fehlt – für die schönen Fotos. Aber macht nichts, ich genieße das Weiß dann auch mal ohne Bild und Blogbeitrag. LG Ulrike

    • Liebe Ulrike, etwas „ohne Bild und Blogbeitrag“ zu genießen, habe ich in diesem Jahr auch häufiger gemacht. Ist glaube ich auch ganz wichtig, damit man nicht „das Eigentlich“ verpaßt. Liebe Grüße an die Nordsee (ich freue mich extra für Deine Langzeitgäste über den Schnee). Stefanie

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