England, Noch nördlicher, Norden im Westen, Nordische Nachbarn
Kommentare 11

Im Herzen des Lake Districts

Etwa in der Mitte des Lake Districts schimmert der Derwent Water wie ein Osternest im Frühlingsgarten. Mit seinen Inseln, bewaldeten Uferhängen und Wasserfällen ist er für mich der schönste See im Nationalpark. Man kann ihn umfahren, umwandern oder mit dem Boot entdecken. Man kann sich auch in direkter Nähe einmieten – für größeres oder kleineres Geld – oder einfach nur still an seinem Ufer sitzen. Hauptsache man nimmt sich Zeit für den Derwent Water und das gesamte Borrowdale.

 

DerwentWater

 
Tag 3 im Lake District
 

An einem Sonntag im März machen wir uns relativ früh auf, um den Derwent Water aus der Vogelperspektive zu betrachten. Die Wanderung auf den Mini-Mountain Catbells ist ein echter Klassiker. Reiseliterat Alfred Wainwright beschrieb Catbell in seinem siebenbändigen Standardwerk Pictorial Guide to the Lakeland Fells als

… one of the great favourites, a family fell where grandmothers and infants can climb the hills together. A place beloved.

 

ÜberdemDerwentWaterIm Frühtau zu Catbells

 

Folgt man Wainwrights Beschreibung besteigt man den Catbells von Skelgill aus. Wer mit dem dem Auto kommt, kommt möglichst früh. Der Parkplatz am Fuß des Skelgills fasst maximal 12 Autos. Dafür, dass Wainwright den Aufstieg Großmüttern und Kinder empfiehlt, geht es schon beim vorgelagerten Skelgill relativ steil zur Sache. Finde ich. Doch es kommt wohl auf die Kinder und Großmütter an.

 

Aufstieg zum Skelgill

Tatsächlich wandern Kinder und Großmütter und jede Menge anderer Wanderer mit uns hinauf. Wir stellen fest: Dies ist eine Massenwanderung. Ein Flashmop für Bergsteigerbeginner. Allerdings haben nicht alle die gleichen Ambitionen.

Geschätzt die Hälfte macht auf halber Strecke kehrt. Von den 50%, die bis zur Spitze mitmarschieren, sind wiederum geschätzte 50% nun mit ihrem Tagwerk zufrieden. So befinden wir uns dann doch nicht mehr im Pulk, als wir vom Sattel zur Nose of Skelgill zurückschauen.

Blickzurück

Blick nach Norden. Das liegt hinter uns. In der Ferne der Skiddaw

Blick nach vorn zum Catbells

Liegt noch vor uns: Der Catbells (auf diesem Bild haben sich zwei kleine Wanderer versteckt. Findest du sie?)

Blick hinab

Liegt unter uns und wird immer schöner: Der Derwent Water

Mäh

Die Ureinwohner kennen keine Höhenangst

Höhe ist mir nicht so recht geheuer. Und das letzte Stück kurz vom Gipfel ist meinem Empfinden nach gar nicht ganz ohne. Man muss sogar ein bisschen überlegen, wo denn jetzt der Weg sein soll.

Deswegen guck ich auch ziemlich sparsam, als eine Dame im Jogging-Dress mit Rucksack und Hund volles Karacho über den Gipfel gesprungen kommt. Solche trifft man immer mal wieder in den Fells. Sie rasen die Berge rauf und runter – es ist unfassbar.

WanderungCatbells

Knifflige Stelle kurz vorm Gipfel des Catbells

Warum man Engländer lieben muss

The Greatest: Joss Naylor

The Greatest: Joss Naylor

Briten sind herrlich speziell. Sie machen lauter seltsame Sachen. Und tun dabei, als sei es ganz normal. (Auch wenn jemand anderes seltsame Dinge tut, tun sie, als sei es ganz normal.)

Fell Running ist eine beliebte Sportart im Norden Großbritanniens. Erfunden haben es die Schotten. Wie der Name schon sagt, rennt man dabei über Berge. Und das möglichst schnell.

Den Rekord im „Gipfel sammeln“ hält derzeit Mark Hartell, mit 77 Gipfeln in 23 Stunden und 26 Minuten. Im Lake District findet jährlich ein offener Wettbewerb statt. Auf der sogenannten Bob Graham Route, bei der er 42 Gipfel möglichst schnell errannt werden müssen. Die Besten schaffen das in unter 14 Stunden. Als King of the Fells gilt Schafsfarmer Joss Naylor. 2006, da war Naylor bereits 70 Jahre alt, rannte er auf 70 Gipfel in 21 Stunden.

Zum Vergleich: Wir haben jetzt eine gute Stunde gebraucht, um einen (Mini)-Gipfel zu erklimmen. Es geht jedoch noch langsamer. Diese Lady hat beispielsweise keinen Runner zum Herrchen. Aber die Pausen sind ja sowieso das Schönste, wenn die Aussicht herrlich ist.

DertreusteFreund

Freundschaft ist, wenn du geduldig auf den Schwächeren wartest

Marylins & Munros

Munros werden in Schottland Berge über 3.000 Fuss genannt. Davon abgeleitet bezeichnen die Engländer ihre wesentlich kleineren Berge (für Schotten sind es Hügel) als Marylins. Ich liebe den englischen Humor.

Ich bin mein eigenes Gipfelkreuz

Ich bin mein eigenes Gipfelkreuz

Der Marylin Catbells misst nur 1.480 Fuss. Ist trotzdem cool, dort oben zu stehen.

CatbellsTop

 

Beim Abstieg kommen uns die ersten Wanderer entgegen, die den Catbells von der anderen Seite erobern. Sie pusten und schwitzen. Mittlerweile ist es nämlich ziemlich warm geworden. Und der Aufstieg kommt mir aus dieser Richtung auch steiler vor (= anstrengender).

Wandern

 

Muss toll sein, es hinter sich zu haben, stöhnt ein Herr. Und was soll ich sagen: It is! Es läuft sich so beschwingt hinunter zum Manesty Wood.

AbstiegCatbells

 

Von den 50 Dingen, die man laut National Trust getan habe sollte, bevor man 11 3/4 wird, kann man gleich eine ganze Hand voll im Manesty Wood erledigen. Eine Sache möchte ich (ganz ohne Altersbeschränkung) ergänzen: Picknicke in einer kleinen Bucht am Derwent Water.

FastwieSchären

 

Hier unten am See fühlen wir uns an skandinavische Schären erinnert. Eine kleine Bucht ganz für sich findet man leicht. Was hingegen ziemlich schwer fällt ist, sich wieder loszureissen.

DerwentWaterCumbria

 

Wer nicht gern spazieren geht, kann den See übrigens auch per Boot erfahren. Die Boote laufen auf dem Derwent Water 7 Stationen an, darunter eine Insel. Das Tagesticket des Keswick Launch erlaubt es, überall auszusteigen und mit einem späteren Boot weiterzugondeln.

LakeDistrictDerwentWater

 

Unser Rückweg führt fast bis zum Parkplatz immer am Ufer entlang. Insgesamt haben wir am Ende nur knapp 8 km auf der Uhr. Dennoch brauchten wir 4 (entspannte) Stunden. Während Wainwright den Catbells Großmüttern und Kindern empfiehlt, klassifiziert die Zeitschrift „Cumbrian Life“ ihn als „difficult“. Die Wahrheit liegt wohl – wie so oft – in der Mitte.

UferwegDerwentWater

 

Lieblingsstadt am Lieblingssee: Keswick

Wenn man sich länger in der Natur aufhält, sinkt bei den meisten ja das Bedürfnis, sich wie die Axt im Wald zu benehmen. Da trifft es sich gut, dass am Nordufer des Derwent Water die quirlige Kleinstadt Keswick liegt. Denn Keswick gilt als Fairtrade Town.

CrowPark

 

Rund 150 Geschäfte, Pubs, Restaurants, Hotels bieten ökologische und fair gehandelte Waren und Dienstleistungen an. Besonders lebhaft ist Keswick am Sonnabend, wenn der Markt sich durch die gesamte Stadt zieht.

 

 

Zwischen Keswick und dem Derwent Water liegt der Crow Park. Dort starten die erwähnten Bootstouren.

 

CrowParkKeswick

 

Und von dort hat man auch noch mal einen hervorrangend Blick zum Catbells. Meinem Lieblingsberg.

 

AbendstimmungKeswick

11 Kommentare

  1. Wunderschön!!!
    Wie gerne wäre ich da auch hinaufgewandert!!
    Aber mit einem behinderten Partner sind solche Sachen nicht mehr möglich, aber ist schon okay…….ich kann ja bei euch virtuell mitgenießen/mitwandern/mitschauen.

    DANKE dafür!!

    Tolle Ostern für euch und ganz liebe Grüße
    Eva

    • Stefanie sagt

      Weißt Du was, Eva – zufällig ist mir im Lake District total aufgefallen, dass man dort selbstverständlicher auf Behinderungen eingerichtet ist. Etwa, dass überall ausgeschildert ist, welche Bootsanleger und Wanderwege für Rollstühle geeignet sind: http://www.lakedistrict.gov.uk/visiting/planyourvisit/accessforall. Da müssen wir in Deutschland noch viel nachholen. Wir wünschen Dir – Euch – auch schöne Ostertage. Liebe Grüße, Stefanie

  2. Verena sagt

    Ich bin gerade mit einer Kollegin unterwegs in Madras, die im Lake District lebt. Der werde ich morgen erstmal diesen Hammer Blog empfehlen, vielleicht lernt sie ja noch etwas über ihre Heimat…
    Fest steht: da will ich hin!

    • Stefanie sagt

      Nun, einer Lake-Bewohnerin werde ich wohl keine besonderen Geheimtipps präsentieren 🙂 Aber anderesherum: Deine Kollegin kann Dir bestimmt sagen, wann es zu wuselig wird. Ich würde ja vermuten – Jetzt; Ostern. So dass eine Reise sich erst wieder ab Spätsommer anbietet. Doch da kann ich mich täuschen. Würde mich freuen, wenn Du hier noch einmal schreibst, was sie dazu sagt…

  3. Picknicken am See ist mein Ding! Und „Fellrunning“ könnte auch etwas für mich sein. Das „Fellfalling“ habe ich nämlich schon ausgiebig praktiziert. Ich bin sozusagen reif für den nächsten Level! England, mein England … so schön. Happy Easter! Jutta

    • Stefanie sagt

      Oh ha! Fellfalling klingt gefährlich. Da betreibe ich doch lieber Easteregg-Collecting. In diesem Sinne: Frohe Ostern; Stefanie

  4. Zettelwahnsinnige sagt

    Das macht richtig Lust auf Urlaub!
    Für den kommenden Oktober steht der Lake District auf der Wunschliste…werde bestimmt noch weiter auf Deinem Blog stöbern.
    🙂

    • Stefanie sagt

      Liebe Zettelwahnsinnige, ich freu mich, falls Du hier noch 1 bis 2 Ideen für Deinen Urlaub findest. Im Oktober muss der Lake District auch wahnsinnig schön sein. Wenn ich mir das Farbenspiel der Bäume vorstelle, möchte ich gleich selbst im Herbst wieder hin. Stattdessen werde ich mich aber wohl mit englischen Zetteln auf Deinem Blog begnügen müssen. Darauf bin ich jetzt schon gespannt.

  5. Pingback: Bei Fernweh, Sehnsucht & Reisefieber: in der Nähe bleiben 2015; Teil 1 -

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.