Inseln, Norddeutschland, Nordsee, Schleswig-Holstein
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Am Anfang gehen die Touristen: Helgolands beste Stunden.

Schild

Ein Kurztrip nach Helgoland gehört zu den absoluten Highlights in Norddeutschland. Ein Tagesausflug hingegen wird Deutschlands einziger Hochseeinsel nicht gerecht. Zur Mittagszeit schwappt ein Tagestouristen-Strom über Ober- und Unterland und zerstört im Grunde jede Stimmung.

Die freizeitgekleidete Horde entert Duty-Free Shops, knipst Hummerbuden, pilgert zur Langen Anna, isst schnell noch ein Fischbrötchen und dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Bepackt mit Plastiktüten voller Zigaretten, Schnaps und Parfum marschieren sie zu den Anlegern oder lassen sich von Börtebooten auf die Seebäderschiffe bugsieren.

 

Musikpavillon Helgoland

 

Das ist kein schlechtes Schauspiel. Zumindest wenn man selbst zu den Glücklichen gehört, die auf der sich rasant leerenden Promenade sitzenbleiben dürfen. Gar keine Frage: Man muss wenigstens eine Nacht, besser zwei oder drei, auf Helgoland verbringen. Denn jetzt beginnen die besseren 20 Stunden der Insel.

 

Lady von Büsum

 

Die Lady von Büsum tutet zum Abschied, gefolgt von der Funny Girl, der Atlantis und schließlich dem Halunder-Jet und ich fühle mich schon wieder wie in meiner Kindheit. In meiner Geburtsstadt spielten Butterfahrten eine große Rolle. Tagestouristen sind mir vertraut, auch bei uns gabs eine Atlantis und unsere Funny Girl hieß Seute Deern. 

 

Unvergessliches Abenteuer: ein Kurztrip nach Helgoland

 

Ganz wie dort & damals schließen die Geschäfte auf Helgoland um sechs. Und dann muss auch bald zu Abend gegessen werden. Die Sonne geht heute um 20.36 Uhr unter. Das will man natürlich draußen erleben.

 

Knieper

Helgoländer Nationalspeise: Knieper

 

Bis dahin ist man gut im Restaurant des Hotels Rickmers Insulaner aufgehoben. Wir bestellen Knieper, also Kneifer, womit die Scheren von Taschenkrebsen gemeint sind. Die Helgoländer Spezialität gibts fast überall auf der Insel und ist im Gegensatz zum Helgoländer Hummer nicht vom Aussterben bedroht sowie erschwinglich.

Zu den Kniepern werden klassicherweise Weißwein, Baguette und drei Saucen gereicht. Im Rickmers Insulaner werden sie mit den Worten serviert, um die man hier nicht rumkommt:

 

Grün ist das Land, rot ist die Kant, weiß ist der Sand – das sind die Farben von Helgoland.

 

Wobei grün uns ein wenig zu sehr nach Wasabi (= neumodisches Zeugs) schmeckt.  Ansonsten ein Gedicht. Das wir beinahe schweigend verspeisen, da man sich a) konzentrieren muss, um das Krebsfleisch aus den Scheren zu befreien und b) wirds draußen auf der Promenade wieder etwas lebhafter. Es gibt was zu gucken:

Die Katamarane  von den Windparks laufen ein. Seit Helgoland zur weltweit ersten Offshore-Serviceinsel erklärt wurde, sind neue Arbeitsplätze in die Region gekommen – und mit ihnen neue Bewohner.

„Noch richtig echte Kerle“, sagt Volko.

Früh morgens schippern sie die 23 km zu den Windrädern hinaus, wie anderswo die Angestellten mit der S-Bahn in die Innenstadt. Kehren sie am Abend zurück, wird die erste Reihe der Insel zum Tomcat-Walk.

 

Men Staff Helgoland

 

Die Entwicklung ist nicht unumstritten auf der Insel. Zwar scheinen sich die Robben an dem neuen Windpark nicht zu stören, wie von manchem zuvor befürchtet. Aber ob die Urlauber ähnlich entspannt reagieren, steht noch nicht fest.

Fest hingegen steht: Helgoland braucht neue Einnahmequellen. Die Touristenzahlen sind seit Jahren rückläufig. Da kommen den Hoteliers die zusätzlichen Übernachtungsgäste natürlich gut zupass. Das einzige Luxus-Hotel, das Atoll, ist sogar für die nächsten zehn Jahre komplett von der WindMW geblockt. Das wirkt zugegebener Maßen seltsam: Der Designer-Tempel befindet sich am prominentesten Teil der Promenade, dort wo man den größten Trubel annehmen sollte. Doch es ist tagsüber vollkommen unbelebt. Kein Mensch auf der Terrasse, kein Mensch hinter der Glasfassade. Einfach leer steht es da. Ganz anders als unser Hotel gleich ums Eck.

 

Übernachtungstipp für einen Kurztrip nach Helgoland

 

Dort geht es in den frühen Morgenstunden sehr viel turbulenter zu, als wir erwartet hatten. Ein Großteil der Zimmer scheint an Offshore- und Hafenarbeiter vergeben. Somit kann man das Aparthotel Klassik Helgoland auch nur denjenigen empfehlen, die sich nicht daran stören, ihr Frühstücksbuffet mit mehr oder weniger raubeinigen Typen in Ölzeug zu teilen. Gegen 05.30 Uhr schlagen Türen, rauschen Duschen und im Speisesaal erklingt Englisch mit dänischem, deutschem, schwedischem, isländischem oder gar keinem Akzent. Sind die Männer erst einmal zu den Windrädern abgedampft, wird´s osteuropäisch – die Landarbeiter sind an der Reihe. Ruhe kehrt erst gegen 09.00 Uhr wieder ein.

Wer´s gelassen nimmt, wird im Klassik Hotel mit ebensolcher Gelassenheit und 50-Jahre-Schick belohnt.

 

Aparthotel Klassik Helgoland

 

In den Zimmern ist das nicht so konsequent durchgezogen wie im Empfangsbereich und im Frühstücksraum. Gott sei Dank gibts neue Betten, neue Bäder, Flatscreens, 1a Wlan, Kaffeemaschinen und Mikrowellen für jeden. Jedoch die Anmutung bleibt: geborgen wie an einem Wochenende bei Oma & Opa.

 

Aparthotel Klassik Helgoland Zimmer

 

Leider konnten wir das aufgrund von extrem lauten Bauarbeiten nicht sonderlich genießen. „Neue Balkone“, erfuhren wir bei unserer Ankunft. „Es tut uns leid, aber wir hatten viel schlechtes Wetter. Die Handwerker sind einfach nicht rechtzeitig fertig geworden“. Wir machten lange Gesichter. Womit wir auf vollstes Verständnis beim wirklich netten Personal stießen.

 

Helgoland ist rau wie die See

Lauter als die Bauarbeiten an unserem Hotel ist nur noch der Hubschrauber, der wichtige Offshore-Herren transportiert. Womit wir wieder beim Thema wären.

 

Hubschrauber Helgoland

 

Fünf mal am Tag darf der Helikopter starten und landen. Das macht 10 X Krach pro Tag. Helgoland ist eben kein Heile-Welt-Eiland sondern echt. Hier wird richtig gearbeitet und nicht nur für Touristen aus Folklore-Gründen so getan als ob.

Mir scheint das passend. Helgoländer waren so Vieles in ihrer bewegten Geschichte. Beispielsweise Schmuggler und Walfänger und Piraten. Sie ertrugen Militärstützpunkte, Zerstörung und Evakuierung. Mal galt die Insel als mondänes Seebad, mal wurde sie Fuselfelsen gescholten. Und nun passiert eben wieder etwas Neues.

Gemeinsamer Nenner bleibt: Helgoland ist nichts für solche, die auf andere herabsehen. Hier rümpft man nicht die Nase wegen schlecht gekleideter Touristen, schon gar nicht über schwer schuftende Männer, ja, nicht einmal Raucher werden bekrittelt.

 

Auf Helgoland wird geraucht wie in der 70ern

 

Wo sonst noch bekommt man mit der Kuchenkarte einen Aschenbecher gereicht? Das ist uns heute nachmittag beim Kaffeetrinken im Hotel Hanseat passiert. „Ach, Entschuldigung“, sagt die Bedienung, als wir lachen. „Sie wollten wohl gar nicht…“ Das kommt vermutlich nicht besonders häufig vor. Es muss Jahre her sein, dass wir so viele Raucher gesehen haben. Und dabei leben wir immerhin auf St. Pauli.

Leben und leben lassen, ist uns daher stets willkommen. Im Geiste gehen wir schon mal die Single-Ladies in unserem Bekanntenkreis durch, denen wir eine Happy Hour in der Bunten Kuh empfehlen würden. Vor der Hafenkneipe kriegt man besonders lang etwas von der Sonne ab, so dass sie sich erstklassig für einen Drink zum Defilee echter Kerle eignet.

Gleich danach wartet bereits der nächste, der absolute, Höhepunkt des Tages: Die Sonne geht unter.

 

 

Viel Schöneres als Helgolands Blaue Stunde bei absoluter Windstille kann es wohl nicht geben auf der Welt. Außer vielleicht: Basstölpel bei absoluter Windstille zu Helgolands Blauer Stunde.

 

 

Warum wir mal wieder einen Kurztrip nach Helgoland machen müssen

 

Als wir das letzte Mal auf Helgoland waren, gab es noch die legendäre Disco Krebs. Die immerhin  älteste Disco Deutschlands gehörte quasi zum Pflichtprogramm auf Helgland. Wie das Nachtleben aktuell aussieht, wissen wir nicht. Hinweise sind mehr als willkommen.

 

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11 Kommentare

  1. Birga Liebenow sagt

    Die Reisebeschreibung gefällt mir so gut, dass ich gleich packen möchte, um einige Tage bei natürlich sonnigem Wetter auf der Insel zu verbringen! Birga

    • Hej Birga,

      das freut mich zu hören! Du kannst ja mal Deine beste Freundin fragen: Ich glaube, die will auch hin.
      Volko hat schon Angst, dass jetzt alle losdüsen und wir hinterher Schuld sind, wenn´s nicht gefällt.
      Dann schieben wir´s auf´s Wetter. Wetter weiß man ja nie an der Nordsee. Aber wem sage ich das.

      Liebe Grüße
      Steffi

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