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Hamburgs stillster Stadtteil oder: Wie kommt man nach Neuwerk?

Neuwerk

In meiner Vorstellung bin ich immer nach Neuwerk gewandert. Also, wattgewandert – von Cuxhaven über sandigen Boden – bei Sonnenschein versteht sich, mit kühlem Nordseewind im Gesicht.

Aber so einfach ist das gar nicht.

Das hatte ich schon letztes Jahr festgestellt, als ich mir zuerst einen Termin für den Kurztrip nach Neuwerk freischaufelte – und danach den Tidenkalender checkte, um festzustellen: jeden Monat ist die Insel für einige Tage unerwanderbar.

Dieses Jahr stellte ich es schlauer an.

Und wir wären auch ganz bestimmt nach Neuwerk gelaufen, hätte uns nicht das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Regen & Kälte waren angesagt, was nicht so schön ist, weil der Wattwanderweg eben nicht über eine sandige, weite Fläche führt. Sondern durch schlickiges, schlammiges Gluckerwatt und durch Priele, in denen man schon mal bis zum Knie versinken kann. Dazu war ich zu schisserig. Und deswegen nahmen wir das Schiff.

 

Nordsee

 

Die Flipper braucht von Cuxhaven bis Neuwerk etwa 1,5 Stunden. Normalerweise. Bei uns war irgendwas mit dem Wetter. Zunächst bekamen wir davon nichts mit, außer dass es nicht wie angekündigt regnete. Daher war die Laune prächtig. Unsere genau wie die, der etwa 10 anderen Passagiere.

 

Kugelbake

Die Kugelbake markiert die Grenze zwischen Elbe und Nordsee

 

Nach den avisierten 1,5 Stunden waren wir immer noch ziemlich weit von Neuwerk entfernt. Die Motoren der Flipper waren irgendwann gedrosselt worden oder was – jedenfalls kaum mehr zu hören. Was einerseits herrlich war und andererseits die Anreise auf 2,5 Stunden erhöhte.

 

Sandbank

Hier sollten eigentlich Seehunde liegen

 

Es machte einige an Bord nervös. Weil a) keine weitere Info aus der Mannschaft rauszukriegen war und b) die wertvolle Inselzeit zusammenschrumpfte. Umso größer dann die Oh´s und Ah´s, als wir endlich auf die Hafeneinfahrt zusteuerten und die Insel so richtig Gestalt annahm.

 

Neuwerk

Mein Lieblingsplatz auf Neuwerk: davon berichte ich noch mal genauer

 

Zwischen April und Oktober kommen etwa 100.00 Tagesgäste nach Neuwerk – mit dem Schiff, per Pferdekutsche oder zu Fuß. Im Sommer kann es schon mal zu voll (im Sinne von: viel zu voll) werden. Im Frühling und Herbst: nicht.

 

Tagesausflug nach Neuwerk

 

Je nach Verkehrsmittel bleiben Tagesgästen so zwischen ein und drei Stunden Aufenhalt auf Neuwerk. Eine Schiffspassage kostet einfach 20,–; bzw. 28,–, für das Retourbillet. Im Wattwagen zahlt man 22,– pro Strecke. Kombis sind möglich. Natürlich auch für Wattwanderer. Manchmal sogar unumgänglich, weil die Gezeiten nichts anderes zulassen.

 

Neuwerk

 

Auf Neuwerk leben so um die 40 Hamburger. Die Insel gehört nämlich zur Hansestadt. Zur Hälfte bereits seit 1286, als sie noch O hieß und seit 1969 ganz und gar (in den Jahren dazwischen, war´s ab und zu mal anders.) Und es ist irgendwie ganz witzig, nach 5 Stunden Anreise mit der Hamburg-Flagge begrüßt zu werden und sich immer noch im Heimatbezirk zu befinden. Denn Neuwerk ist Teil von Hamburg-Mitte.

 

 

Neuwerk ist recht winzig und platt. Konkret: 3 qkm groß, die höchste Erhebung 7 Meter hoch. Im Normaltempo dauert die Umrundung nicht einmal eine Stunde. Dabei läuft man meistens auf dem Deich. Abgesehen vom Ostvorland, wo ein gekennzeichneter Weg durch die Salzwiesen führt. (Eine wunderschöne Sache, die einen eigenen Bericht verdient).

 

 

Zweiter Pflichttermin für Tagesausflügler ist der Leuchtturm, bei dem es sich um das älteste noch erhaltene Gebäude Hamburgs handelt. Er steht auf der Turmwurt, einer Warft, die als City von Neuwerk gelten kann.

 

 

Auf der Turmwurt befindet sich auch der Inselladen, wo es angeblich alles gibt, was man so braucht. Jedenfalls behauptet das Schild am Eingang: Was es hier nicht gibt, brauchen sie nicht. Dem Angebot nach braucht man auf Neuwerk vor allem „was zu trinken“.

 

 

Der Inselladen scheint der Treffpunkt zu sein. Es saßen dort jede Menge Insulaner in einem Zelt und im Freien sammelten sich einige Schiffspassagiere, um vor der Abreise noch „was zu trinken“. In der Mitte saß der Ladenbesitzer und schnackte mal in die eine, mal in die andere Richtung, wie eine Art Übersetzer.

Wir hatten an einem langen Holztisch Platz genommen, gemeinsam mit einem Mann und zwei Frauen, die wir schon vom Deck der Flipper kannten. Die Frauen erinnerten den Mann immer mal wieder an die Abfahrtzeit, woraufhin der Mann sich cool gab und Sachen sagte wie „ruhig bleiben“ und „das schaffen wir schon“.

Selbst als der Besitzer des Inselladens mahnte: „also, nun müssten Sie aber langsam mal los“, tat er es mit Worten ab – körpersprachlich schien er jedoch langsam nervös. Meiner Interpretation nach wollte er partout nicht hektisch werden, so lange Volko locker blieb. Es gibt ja solche Männer. Die Sache war nur die: Wir mussten überhaupt nicht los. (Als der Mann das hörte, hatte er es auf einmal sehr eilig.)

 

Übernachten auf Neuwerk

 

Auf der Liste meiner Lieblingsgefühle ganz weit oben steht: Auf einer Insel bleiben, wenn die Tagesgäste abreisen. Erst wenn es wieder ruhig wird auf den Inseln, entfalten sie ihren wahren Zauber. Das habe ich auf Helgoland gelernt. Und es bestätigt sich eigentlich immer.

 

Neuwerk

 

Auf Neuwerk gibt es erstaunlich viele Übernachtungsmöglichkeiten. Angefangen von Campingplätzen und Heuherbergen bis zum 4-Sterne Hotel Nige Hus. Und eben dort hatten wir gleich nach Ankunft unser Gepäck abgestellt.

 

 

Unser Zimmer war von der Art, die mich sofort bedauern ließ, dass wir es nur eine Nacht bleiben konnten. Zu gern hätte ich einen ganzen Regentag dort verbracht. Vor allem weil nicht nur das Bett für die Kinder in einem Alkoven untergebracht ist. Sondern auch das für die Erwachsenen. Zwar haben die Erwachsenen nur eine Treppe und keine Leiter wie die Kinder. Aber dafür entschädigt ein Panoramfenster auf Augenhöhe mit dem Blick über weite Wiesen.

 

 

Unsere Gastgeberin, Svenja Griebel, hatte uns auch erklärt, warum das Schiff eine Stunde Verspätung gehabt hatte. Bei bestimmten Wind wird die hier ohnehin superflache Nordsee unpassierbar. Sie nahm an, es sei heute schon einiges Geschick vom Kapitän nötig gewesen, um überhaupt anlegen zu können.

 

Yachthafen Neuwerk

 

Genau darüber wurde jetzt auch am Stammtisch des Inselladens diskutiert. Zwei Segler im kleinen Yachthafen warten am Vortrag nicht weggekommen, mussten heute aber nun unbedingt zurück ans Festland. Einer aus beruflichen Gründen, der andere wegen eines Zahnartztermins. Ein paar Leute machten sich auf den Weg, um mal zu gucken, wie und ob es den Seglern heute glücken würde.

 

 

„Glaub nicht, dass sie es schaffen“, sagte der Besitzer des Inselladens. „Es wird ja schlimmer mit dem Wind. Nicht besser.“ Wir hatten das gar nicht bemerkt, denn man sitzt beim Inselladen so schön geschützt. Doch auf dem Rückweg wurden wir recht famos durchgepustet.

 

Neuwerk

 

Zu Abend aßen wir im Anker. Er gehört zum Hotel Nige Hus bzw. ist er quasi die Urzelle des Ganzen. Eröffnet wurde das Lokal von Herrn Griebel senior, der als letzter Pirat von Neuwerk gilt. Die Spezialität sind Bratkartoffeln. Was muss man mehr sagen?! Vielleicht dass wir nicht eine einzige liegen ließen. Obwohl die Portionen Seebären-gerecht ausfallen.

 

 

Inseltage machen eben hungrig. Und sie vernebeln einem wohl leicht den Kopf. Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir beim Nachtspaziergang zwar launig darüber diskutierten, ob der Segler mit dem Zahnarzttermin nun wohl über die Maßen glücklich oder unglücklich sei – dabei aber die wichtigsten Fragen gar nicht stellten …

 

Sonnenuntergang

 

Zum Beispiel ist doch eine sehr interessante Frage diese: Sollten 2, die mit dem Schiff auf eine Insel gekommen sind, darüber lachen, dass 2 andere mit ihren Schiffen nicht mehr von der Insel wegkommen?!

Dazu dann mehr im

 

Teil 2: Wie kommt man von Neuwerk wieder weg?!

 

 

Offenlegung: Wir wurden von den Griebels ins Nige Hus eingeladen. Ganz unabhängig davon können wir das Hotel wärmstens empfehlen. Genau wie ganz Neuwerk. Zur Homepage des Hotels gehts hier lang: Klick.

19 Kommentare

  1. Tamara Weishaupt-Bülk sagt

    Wie witzig Steffi,
    Julia und ich haben die gleiche Situation mit dem Inselladenbesitzer 2013 erlebt.
    Wir haben im Turm übernachtet, was sehr besonders war. Die Einrichtung war allerdings skurril. Toll war, das wir spät Abends die 138 Stufen hochgekraxelt sind.
    Ein toller Ausblick von dort oben.
    Freue mich schon auf Teil 2

  2. Juliane Jantosch sagt

    Schon wieder im Herbst vier Jahre her, ich fasse es nicht. Ja ja, mit dem Ladenbesitzer und den zwei Dauercampern war es sehr unterhaltsam – das Highlight der Inselunterhaltung, fast wie Improvisationstheater mit Zuschauerbeteiligung. Die Wattwanderung hin fanden wir aber auch sehr schön und die Fahrt mit dem Pferdewagen zurück ziemlich stimmungsvoll.

  3. Ich glaube, da muss ich mal hin. Wenn er Sommer vorbei ist. Hautsaison ist für uns die Nebensaison 🙂
    Freu mich auf den zweiten Teil.
    Lieber Gruß

    Kai

  4. Ein richtiges kleines Abenteuer. Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil. Und das Bett sieht total gemütlich aus!

    Viele Grüße von Bord, wir sind bei schönstem Wetter unterwegs von Årø nach Middelfart. ⛵️☀️

  5. Toll erzählt! Man hat fast das Gefühl, man wäre dabei gewesen. Oder besser gesagt, man wäre gern dabei gewesen. Wenn nur der Norden nicht so weit weg wäre!
    Teil 2 mit Spannung erwartet 🙂

    • So geht mir das mit den Butterblumenwiesen. Wenn nur der Süden nicht so weit weg wäre. Liebe Grüße, Stefanie

  6. Neuwerk ist eben eine grüne Perle vor meiner Haustür. Ich freue mich schon auf meinen ersten Besuch für dieses Jahr 🙂 Mal sehen… es geht ja wieder ins Watt, vlt. mache ich auf dem Weg nach Westen einen zwischenstop. Oder auf dem Rückweg…

    Der Bauernhafen (oder Bauhafen) ist übrigns echt flach! Ich war bei Springtide letztes Jahr drinnen. Bei 80 Zentimetern Tiefgang hatte ich in der Hafenausfahrt nahe Hochwasser nur 20 cm Wasser unter den Kielen. Macht eine Gesamtwassertiefe von einem Meter – bei besten bedingungen. Bei Ostwind wird das schnell (deutlich) weniger…
    Dafür ist er etwas ganz besonderes. Ein wirklich schöner, einfacher Hafen. Trotzdem werde ich bei meinem nächsten Besuch wohl wieder draußen ankern oder am Behördensteiger längsseits gehen.
    Viele Grüße von der Nordsee,
    Sebastian

    • Ja, Sebastian – Deine Haustür… 🙂 das ist natürlich eine ganz große Sache! Vielen Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Stefanie

  7. Schöne Geschichte! Von Neuwerk habe ich zwar schon mal gehört, mir aber noch nie darüber Gedanken gemacht, dass man da ja mal hinfahren könnte. Klingt nach einer witzigen Angelegenheit. Und das Familienzimmer im Hotel sieht ja wirklich schnuckelig aus! Über die Alkoven wären unsere Jungs auch begeistert.

    • Für Kinder ist Neuwerk eh richtig schön. Kein Autoverkehr und jede Menge Sachen zu entdecken. Danke für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Stefanie

  8. Sehr schön. Neuwerk ist demnächst schon fest eingeplant, durch Deinen Bericht wird die Vorfreude natürlich noch deutlich gesteigert! Danke Dir Stefanie.

  9. Pingback: Das Hamburgische Wattenmeer oder wie kommt man von Neuwerk weg

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