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Wie Hochdonn unser aller Leben für immer veränderte

Hochdonn

Hochdonn ist eine winzige Gemeinde am Nord-Ostsee-Kanal. So winzig, dass man nicht für möglich halten sollte, welchen ungeheuren Einfluss sie auf unser Land genommen hat. Und doch kann es keine zwei Meinungen geben: ohne einen bestimmten Hochdonner wäre Deutschland deutlich weniger lebenswert.

 

Nord-Ostsee-Kanal

 

Wer mal auf der A23 den Nord-Ostsee-Kanal überquerte, hat Hochdonn vermutlich sogar schon gesehen. Jedenfalls das weithin sichtbare Silo am Kanalufer, dass die kleine Gemeinde zu erdrücken scheint. Es wirkt nicht gerade anziehend. Eine Schönheit war Hochdonn wohl höchstens in den ersten vier Jahren nach Gründung.

 

Hochdonn und der Nord-Ostsee-Kanal

 

Dann – das war 1887 – wurde der Kaiser-Wilhelm-Kanal gebaut. Die beteiligten Unternehmen und Arbeiter benötigten Unterkünfte, Waren und Dienstleistungen, so dass Hochdonn zunehmend prosperierte. Der Look ist dementsprechend funktional. Ein bisschen wie der einer Goldgräberstadt (auf norddeutsch, was nicht die romantischste Kombi ist). Für die Romantik ist in Hochdonn der Kanal zuständig.

 

NOK

Morgens am Nord-Ostsee-Kanal

 

Das Netteste an Hochdonn ist Klein Westerland. Der einzige Badestrand am Nord-Ostsee-Kanal erhielt seinen Namen aufgrund der Tatsache, dass Hochdonn auf der Eisenbahnstrecke von Hamburg nach Westerland liegt. Ich freue mich immer, wenn der Zug hier über den Kanal schwebt.

 

Klein Westerland

Klein-Westerland – die einzige Badestelle am NOK

 

Die Eisenbahnhochbrücke wurde 1913 errichtet. Entworfen hat sie Friedrich Voß, der Stahlfachwerk-Spezialist. Auf ihn geht auch die Rendsburger Hochbrücke zurück (bei der es sich um die tollste Eisenbahnhochbrücke Norddeutschlands handelt. Aber das ist ein anderes Thema.)

 

Schilf

 

Die Eisenbahnhochbrücke von Hochdonn ist an ihrer höchsten Stelle 56,38 m hoch. Das ist ziemlich hoch. So hoch, dass selbst unter der ewig langen Auffahrtrampe Häuser bequem Platz haben. Ein Anblick, der mich immer wieder fasziniert. Ich habe leider kein Bild aus Hochdonn, sondern nur eines aus Rendsburg. Aber es sieht in Hochdonn ganz ähnlich aus. Vielleicht aufgrund der ländlichen Umgebung noch einen Trick schräger. Irrealer.

 

Rendsburg

Eisenbahnhochbruecke Rendsburg

 

Überhaupt wirkt die Welt ja immer irrealer, je älter man wird. Selbst Dinge, die man miterlebt hat, die man einmal ganz normal fand, werden irgendwann irreal. Das beste Beispiel ist  Rauchen. Ich weiß es zwar noch, kann mir aber nicht mehr wirklich, wirklich vorstellen, dass die Gäste der NDR Talkshow früher rauchten, was das Zeug hielt. Oder dass die Passagiere in Flugzeugen sich zu diesem Zweck in den hinteren Reihen drängelten. Oder dass in Eisenbahnen quasi überall geraucht wurde – selbst im Restaurant.

 

NOK

 

Ein anderes Beispiel sind Eisenbahn-Toiletten. Das waren früher Plumpsklos. Ohne Auffangbecken. Und jetzt kann man sich ja vorstellen, wie das Leute fanden, deren Häuser unter Eisenbahnbrücken standen. Es war ein Hochdonner, der 1991 dagegen klagte. Der sogenannte Fäkalienprozess verursachte ziemlichen Wirbel und 1995 erging endlich ein Urteil.

 

So hatte ich mir früher das Jahr 2000 überhaupt nicht vorgestellt

 

Die Deutsche Bahn wurde dazu verdonnert, bis zum Jahr 2000 nur noch Züge mit geschlossenen Toilettensystemen über die Brücke fahren zu lassen. Man kann davon ausgehen, dass die Bahn ihr Unwesen ohne Prozess noch erheblich länger getrieben hätte. Jedenfalls bereitete sie sich trotz Prozess extrem schlecht auf etwaige Neuerungen vor. So schaffte sie es zeitlich auch nicht, alles Bordtoiletten bis zum Jahr 2000 umzurüsten. Aber immerhin musste sie ihre Toiletten ab der Jahrtausendwende auf Brücken schließen.

 

Nebelmorgen

 

Es fällt mir schwer zu glauben, dass noch Anfang der 00er Jahre alles Mögliche aus Bordtoiletten auf Schienen plumpste. Tatsächlich ist es aber so, dass es sogar noch heute einige wenige Strecken gibt, wo das geschieht. Zum Beispiel im Allgäu-Express zwischen München und Oberstdorf. Krasse Sache.

 

Hochbruecke Hochdonn

 

Am NOK kann man aber ganz beruhigt unter Brücken hindurchschlendern. Ich finde das auch sehr empfehlenswert. Wer den prognostizierten Altweibersommer demächst für einen Trip an die Nordsee nutzen will, kann einen Besuch ja mal auf dem Hin- oder Rückweg einplanen. Besonders schön ist die Stimmung am Kanal nämlich in den Morgen- und Abendstunden.

 

Tipps für Hochdonn

  • Vom Hochdonner Mega-Silo bis zur Badestelle Klein Westerland spaziert man 1,5 km immer am Kanal lang.
  • In der anderen Richtung erreicht man nach etwa einer Stunde (4 km) das Burger Fährhaus.
  • Dort wird ein super Frühstücksbuffet angeboten und abends speist man ganz herrlich auf der Veranda. Eine vorherige Anmeldung ist ratsam. Alles Weitere hier.
  • In Hochdonn wie auch Burg queren Fähren den Kanal (rund um die Uhr, im Minutentakt, kostenlos), d.h. man kann auf dem Rückweg an der anderen Kanalseite spazieren. So wird´s nicht langweilig. (Wobei es an der meistbefahrenen Wasserstraße der Welt sowieso nie langweilig wird.)

 

Burger Faehrhaus

 

14 Kommentare

  1. rebeccalecka sagt

    Das kann ich eins zu eins bestätigen; man kann offenen Mundes aus dem Staunen nicht mehr rauskommen 😉 Und das Burger Fährhaus sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen. Feinheimisch und mit einem fantastischen Ausblick auf die dicken Pötte aus aller Welt. Mehr Kanalgefühl geht nicht! Danke, dass ich noch einmal so bildlich Revue passieren durfte.

    • Was für ein amüsanter Artikel über einen schrägen Ort, über den ich mit dem Zug schon des Öfteren gerattert bin, den zu besuchen mir bisher aber nie in den Sinn gekommen wäre. Das sich das nun geändert hat, liegt wohl in erster Linie an den wunderschönen Bildern. Womit mag man es verbinden können, wenn man nicht nach Westerland knattert? Auf jeden Fall nehme ich diesen Ort in meine Liste der Orte auf, die ich bewandern möchte.
      Da hast Du mich schon des Öfteren inspiriert, liebe Stefanie, wofür ich Dir an dieser Stelle einmal mehr danken möchte.
      Michael

      • Vielen Dank, lieber Michael, das freut mich… Schau doch mal nach der Westvariante des E1… die verläuft dort in der Nähe. Schönes Wochenende, Stefanie

  2. Ich finde ja die Eisenbahnbrücke in Hochdonn eine der schönsten Brücken überhaupt. Und irgendwie mag ich auch Hochdonn. Ich meine, einst endete sogar die Nordsee irgendwo bei Hochdonn.
    Was ich auf dem Kanal aber nicht vermissen würde, währen die gigantischen Kreuzfahrer, die Euch in Hamburg dieses Jahr auch wieder auf ihrem Lobby-Day die Luft zum Atmen nehmen.
    Wir reden alle von Energiewende und CO2-Ausstoß und begeistern uns noch für die dicken Pötte.
    Lieber Gruß von Kai

    • Lieber Kai, das stimmt – die Höhenzüge bei Burg waren mal ein Nordseekliff. Und die Endung -donn weist auf Dünen bei Hochdonn, St. Michaelisdonn und Diggerdonn hin. Kreuzfahrten ja ja, schwieriges Thema… im Grunde könnten sie ja wohl mit Landstrom deutlich ihren Ausstoß reduzieren. Liebe Grüße nach Bullerbü, Stefanie

  3. Über die Eisenbahnbrücke.die über den NOK führt,bin ich auf den Weg nach Husum zigmal gefahren-einmal fuhr ein großes Kreuzfahrtschiff dort entlang,auf das der Lokführer die Fahrgäste aufmerksam machte.
    Ein ehemaliger Nachbar stammte aus Hochdonn und beschrieb diesen Ort als idyllisch.
    Deine Bilder lassen darauf schließen.
    Mal schauen,was es Anfang November dort zu sehen gibt.
    viele Grüße
    Ralf

  4. Kaum zu glauben. Ich erinnere mich auch noch an viele dieser Dinge. Über die Fäkalien aus den Bahn-Plumpsklos habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Bis heute.

    • Ist ein Ding, nech. Im „Fäkalienprozess“ kam auch ein totes Schaf aufs Tapet… (woran es genau gestorben sein soll, weiß ich aber nicht).

  5. Echt der Wahnsinn, wenn man bedenkt, wie Dinge noch vor Kurzem waren. Mein Studium begann vor 15 Jahren und ich fuhr am Wochenende oft mit der Bahn heim. Dort gab es tatsächlich noch extrem stinkende Raucherabteile im Zug – im Jahr 2004!!! Erst 1 Jahr (?) später kamen neue Züge ohne Raucherabteil. So einen Zug mit Plumpsklo hatten wir auch noch, als wir mit unserer Jahrgangsstufe im Jahr 2003 nach Wien gefahren sind. Und damals hatte ich noch ein Studienbuch aus Papier – alle Scheine nur in Papierform! Und damit habe ich 2010 noch mein Diplom bekommen… bei meinem zweiten Studium, welches 3 Jahre später begann, war alles vollelektronisch… Und im Jahr 2006 fotografierte ich auf Island noch vollanalog. Es ist so viel passiert in den letzten Jahren und wir haben uns so schnell daran gewöhnt. Und in anderen Ländern ist das Tempo teilweise noch viel, viel schneller…

  6. Daran sieht man, wie schnell sich der Mensch eigentlich doch an Veränderungen gewöhnen kann. Ich hoffe, das wir irgendwann sagen können: „Wisst ihr noch damals, als noch überall in der Stadt die Autos all den Platz der Menschen wegnehmen und die Straßen komplett von ihnen verstopft waren?“
    Zauberhafte Fotos und tolle Erinnerungen, liebe Stefanie!

  7. Dieser Artikel ist ja wohl eine Wucht. Einfach herrlich geschrieben. liebe Stefanie, ich komme aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Welch Wortwitz, einfach grandios. Das Thema ist aber auch echt schräg und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie gruselig ich es als Kind schon fand, auf die Schienen zu pinkeln, während der Zug fuhr. Das kann man ja heute noch in der Schweiz erleben, irgendwie merkwürdig. Naja, aber auf vielen Booten ist es ja auch nicht anders, da geht ja alles direkt ins Wasser. Mehr möchte ich jetzt auch gar nicht ausführen.
    Vielen Dank für die vielen Schmunzler und einen wunderschönen Abend. Ich schaue jetzt mal, ob du was zu Spiekeroog hast.

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