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Sometimes it snows in June: am Rande der Hardangervidda

Hardangervidda

Røldal, am Rande der Hardangervidda, gilt als der schneereichste Ort Europas. Dabei liegt die kleine Ortschaft in der Kommune Odda gar nicht weit entfernt von Norwegens sonnigstem Süden. Von (bzw. nach) Kristiansand, wo die Fähre aus Dänemark anlegt (bzw. ab), sind es gerade einmal 294 Kilometer.

 

 

294 Kilometer entsprechen in Norwegen etwa 294 Wundern. Oder 294 Momenten, in denen man mit der Fassung ringt. Und weil ich nicht in der Lage bin, 294 Wunder in einem Beitrag zu verdeutlichen, greife ich mir einfach mal 50 km raus. Beginnend in Røldal, wo wir an an einem von hellgrünen Birken gesäumten Seeufer aufwachten, in direkter Nachbarschaft zu einem Gräberfeld aus der Eisenzeit. Es war der letzte Morgen im Mai.

 

Baumgrenze

 

Über Nacht hatte jemand die umliegenden Berge mit Puderzucker bestäubt. Die Wolken hingen sehr tief. Und es war ehrlich gesagt ganz schön kalt. Ich befand mich innerlich noch an den schönsten Stränden, die ich je gesehen habe. Denn dort hatte ich mir am Vortag noch die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. (Konkret: auf der Insel Karmøy. Aber das ist einen eigenen Beitrag wert.) Während ich fröstelte, versetzte die Szenerie den Mann an meiner Seite in die allerbeste Stimmung.

 

 

Ebenso diebisch freute ihn die Aussicht auf den Haukelivegen, eine uralte Straße aus der Wikingerzeit. Sie ist längst zu einer der wichtigsten Verbindungen von ganz Norwegen ausgebaut und ganzjährig befahrbar. Doch darf man sich die Europastraße 134 nicht vorstellen wie eine deutsche Autobahn. Sie ist das Gegenteil. Ziemlich schnell gelangten wir über die Baumgrenze hinaus.

 

Blockhaus

 

Zwischen Røldal und Haukeli schrammt die E134 haarscharf am Rande der Hardangervidda entlang. Der Nationalpark ist die größte Hochebene Europas. 8.000 Quadratkilometer Natur. Und zwar unberührter Natur. Es führen so gut wie keine Wege durch die Hardangervidda.

 

Tausende Kilometer unberührte Natur – die Hardangervidda

 

Eine derart gigantische Einsamkeit ist für mich unvorstellbar. Da ich die  „meistbefahrenen“ Straße nun aber auch nicht besonders belebt fand, bekam ich immerhin eine kleine Ahnung. Und natürlich auch ein wenig Sehnsucht, mal hinauszustiefeln. Ein paar Kilometer jedenfalls. Im Sommer.

 

Fjell

 

Im Sommer kann man wohl nirgends schöner an der Einsamkeit scheitern als in der Hardangervidda. Das lässt sich bei Pia Roeders Beitrag für die Reisedepschen nachlesen. Nico und Ina empfehlen den Nationalpark hingegen besonders für Familien mit Kind mit Rucksack

 

Bergsee Norwegen

 

Aber der Sommer ist wohl sehr kurz. Am Tag bevor der Juni begann, war von ihm jedenfalls weit und breit nichts zu sehen. Nicht ein Sonnenstrahl durchbrach die dichte Wolkendecke. Aber das machte die Landschaft nicht öde und grau, wie man das aus Norddeutschland kennt. Die Farbvielfalt des Fjells ist unfassbar.

 

Haukelivegn

 

Fjell wird die Bergtundra Skandinaviens genannt. Die Vegetation besteht im Wesentlichen aus Moosen und Flechten. In der urzeitlichen Landschaft scheint die Welt vollkommen still zu stehen. Und es ist unmöglich die Schönheit des Fjells jemals wieder zu vergessen.

 

Moos

 

Ich sage das übrigens als waschechte Winterverächterin. Ich habe nicht viel übrig für Schnee und Eis. Und Kälte kann mir in der Regel gestohlen bleiben. Aber als ich spürte, dass der Haukelivegen nicht mehr anstieg, sondern leicht abschüssig zurück in den Frühling führte, war mir dann doch für den Augenblick ganz wehmütig.

 

Haukelivegen

 

Natürlich hält in Norwegen Bedauern nie länger als eine Minute an. Denn in der nächsten folgt das nächste Wunder. Und so war das auch nachdem bei Haukeli den Winter und die Hardangervidda hinter uns ließen. Denn es folgte das romantische Setesdal. Aber das zeige ich ein anderes Mal.

 

Setesdal

 

Heute bleibe ich gedanklich noch einmal im Winter, mindestens bis übermorgen und wünsche allen Leserinnen und Lesern einen entspannten vierten Advent – mit Schnee oder ohne – in jedem Fall aber frohe Weihnachten.

8 Kommentare

  1. Daa ist lustig. Ihr seid in Røldal rechts abgebogen und wir links, und haben den Hardangerfjord umfahren.Bin gerade am Texten:-)
    Es wirkt ein wenig wie im Saudafjellet. Im nächsten Jahr werden wir auch die Hardangervidda ansteuern
    Am Fuße der Hardangervidda gibt es übrigens ein herrliches Ski- und Skilanglaufgebiet: im Rauland. Dort haben wir vor Jahren drei erholsame Wochen verbracht.
    Euch auch einen beschaulichen vierten Advent.

    • Liebe Kai – es ist ganz bestimmt ganz herrlich dort Skiurlaub zu machen – aber ich bin generell nicht so ein Schneehase. Ich ziehe Frühling bis Herbst vor. Und im Winter fahre ich dann ins schneefreie Dänemark 😉 Liebe Grüße, Stefanie

  2. Einfach nur „traumhaft“!
    Norwegen ist auch für mich der schönste Flecken der Welt (auf jeden Fall von den Landschaften die ich bisher sehen und erleben durfte)…
    Guten Rutsch und viele tolle Reisen in 2020.

  3. Liebe Stefanie,
    deine Bilder von der Hardangervidda, die Farben sind zum Niederknien. Rückt auf der Sehnsuchtsziele-Liste geich noch ein paar Punkte nach oben. Trotzem bin ich sehr froh, die erste lange Familientour mit Rucksack und Zelt nicht dort, sondern ohne Schnee und Nässe im harmlosen Elbsandsteingebirge gemacht zu haben…
    Liebe Grüße und nur das Beste für 2020!
    Anke

    • Liebe Anke,

      ehrlich gesagt klingt für mich das „harmlose“ Elbsandsteingebirge zum Zelten abenteuerlich genug. Muss aber toll sein. Dir auch das Beste für die Zwanziger. Mal angefangen mit tollen Zahlen für das wunderbare Buch. Liebe Grüße, Stefanie

  4. Norwegen und seine Wunder, da hast du etwas sehr Wahres geschrieben. Ich habe das alles noch nicht formulieren können und so bleiben die Wunder noch eine zeitlang meine, bevor ich sie öffentlich teile. Aber das mit dem Schnee ist einfach wunderbar. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich das vor Ort auch noch so empfunden hätte, man freut sich im Mai ja eher auf den Sommer und erwartet ihn ja auch. Aber mit Erwartungen ist das immer so eine Sache… Liebe Grüße und hab ein wunderbares 2020

    • Liebe Andrea, Dir auch ein glückliches 2020. Wie viel Material (Gedanken, Erlebnisse) man von einem Norwegen-Trip mitbringt, ist schon irre. Gerade wenn man ansonsten viel in der Nähe bleibt, also darauf trainiert ist, den kleinsten Dingen größte Beachtung zu schenken. Ich bin aber schon sehr gespannt auf Deine/ Eure weiteren Erlebnisse. Komm gut in die Woche, Stefanie

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