Allgemein, Neulich im Norden
Schreibe einen Kommentar

XXXVI. Travemünde: Bäderstil(e)

Travemuende

Läge Travemünde in Mecklenburg-Vorpommern, ginge es als stinknormales Seebad durch. In Schleswig-Holstein aber ist Travemünde einzigartig. Nur hier – am südlichsten Ostseestrand – findet sich der Mix aus Klassiszismus, Historismus und Jugendstil, der als Bäderarchitektur bezeichnet wird.

Kur- und Konzerthäuser häuser, Bädervillen und Strandhotels, Seebrücken und so weiter hat es in Schleswig-Holstein nie in dem Maße gegeben wie in Mecklenburg und Pommern. Dort urlaubte ja auch der Hochadel, solange es ihn noch gab, während in Norddeutschland eher Großbürgertum und aufstrebende Mittelschicht Ferien machten.

Ästhetisch gesehen war das kein Manko. Wie man auf alten Fotografien erkennen kann, passte die bescheidenere Variante der Bäderarchitektur gar nicht schlecht zu Schleswig-Holsteins regionalen Bauweisen, Klinker und Reet.

 

Travemuende Kurhaus

 

Nach dem zweiten Weltkrieg jedoch stand die junge Bundesrepublik mit ziemlich wenig Ostseeküste da und einer ausgehungerten Bevölkerung in jedem Sinne. Spätestens mit dem Wirtschaftswunder mussten daher unzählige historische Gebäude den funktionalen Massenunterkünften weichen, die bis heute Schleswig-Holsteins Küsten und Inseln prägen.

(In der DDR, wo für gar nichts Geld da war, nicht mal für Abriss, kamen derweil die Seebäder auf den Hund. Pünktlich zur Wiedervereinigung war der Zeitgeist dann soweit, den Wert epochentypischer Architektur zu begreifen. Inzwischen strahlen Mecklenburg-Vorpommerns Seebäder wieder wie zur Kaiserzeit.)

Über die Bettenburgen der 1960er und 70er Jahre werden leidenschaftliche Debatten geführt. Schrecklich, rufen die einen. Demokratisch, kontern die anderen. Denn tatsächlich galt in Schleswig-Holstein einige Dekaden lang »Meerblick für alle«. Urlaub an der Ostsee wurde sogar so normal, dass er einen biederen Beigeschmack bekam.

Travemünde: Stippvisite, Ausflugstag, Kurzurlaub

Seit den 2010ern baut man an den Küsten verstärkt wieder hochwertiger, also exklusiv, also ausschließlich für Vermögende – gern als Geldanlage. Dann stehen die betongoldenen Meerimmobilien oft leer. Manche Orte werden darüber zu Geisterdörfern (bekanntestes Beispiel: Kampen auf Sylt).

Andere Orte sind ständig so überfüllt, dass Leerstand nicht weiter auffällt. Zum Beispiel: Travemünde (und jeder andere Ort in der südlichen Lübecker Bucht.) In den Sommerferien halten sich täglich zwischen 30.000 und 50.000 Gäste in Travemünde auf, bei Sonderveranstaltungen – wie der Travemünder Woche – auch mal 80.000.

Da wohl kaum eine:r gezwungen wird, sich unter die Massen zu mischen, kann es nur bedeuten: echt vielen Menschen gefällt das. Falls man selbst nicht dazu gehört, kann man schnell flüchten. Extremer Hochbetrieb herrscht meist nur der in der ersten Reihe.

 

(158) Stippvisite: Promenieren an Trave und Ostsee

Promenade TravemuendeTravemünde ragt wie ein Dreieck in die Travemündung mit dem Leuchtfeuer auf der Nordermole als Spitze. Ein zwei Kilometer langer Travebummel unter Kastenlinden auf der Vorderreihe mit Geschäften, Cafés und Touristenfallen führt zur historischen Altstadt. Die Strandpromenade begleitet die Ostsee ebenso lang nach Norden.

(159) Tagesausflug: Strände auf dem Priwall und in Meck-Pomm

Priwall

Zwei Fähren pendeln auf den Priwall, eine Halbinsel in der Travemündung. Der Sand ist nicht ganz so fein wie am Kurstrand, dafür geht es luftiger zu. Einige Schritte weiter beginnt schon Mecklenburg-Vorpommern. An den folgenden Naturstränden bei Rosenhagen, Barendorf und im Klützer Winkel ist noch jede Menge Platz frei.

(160) Kurzurlaub: Brodtener Steilufer und Lübecker Bucht

BrodtenerUferDer Wanderweg am Brodtener Steilufer   von Travemünde nach Niendorf ist ein Klassiker und daher stets gut (bis zu gut) frequentiert. Er funktioniert prima als tagesfüllende Rundtour (hin auf der Steilküste, zurück am Strand), one-way durch gute Busverbindung. Wer Schleswig-Holstein rund reist, ist da schon auf dem richtigen Weg.

 

Bevor man Travemünde zu schnell verlässt, lohnt es unbedingt noch, sich auf einen Stein zu setzen und die Bucket-List zu füllen. Vielleicht beim Möwenstein, ganz am Ende der Strandpromenade. Das fand schon Thomas Mann, der Tony Buddenbrook in Travemünde Freiheit schnuppern ließ.

„Ich sitze hier und schaue in die Ewigkeit“, sagte Tony.
Morten blickte aufs Meer hinaus. „Sie ist sehr groß“, antwortete er.

Es rauscht wie Freiheit. Es riecht wie Welt: Fähren ab Travemünde

 

Travemünde ist nicht nur für Schleswig-Holstein-rund-Reisende das Tor zur Ostsee. Hier dampfen eine Menge Fähren in die weite Welt ab. (Fähren sind keine Kreuzfahrtschiffe. Sie sind nicht luxuriös, dafür aber relativ umweltfreundlich. Wer eine Reise mit Zug und Fähre statt Flugzeug bestreitet, verringert seinen ökologischen Fußabdruck um fast 90%).

 

(161) Exkurs zur See: Litauen

FaehrenStatt Auto lieber Rad einpacken – oder in Klaipeda mieten. Litauens Ostseeküste ist nur 150 km lang. Davon entfallen 90 aufs Festland, der Rest auf die Kuhrische Nehrung, wo Thomas Mann ein Sommerhaus besaß. Auf die lange schmale Sandsichel gelangt man vom Fährterminal in wenigen Minuten; ebenfalls per Fähre.

(162) Exkurs zur See: Lettland

Jurkalne

Nirgends ist der Ostseestrand feinsandiger als in Liepaja im Südwesten von Lettland. In der Sowjetzeit streng abgeriegelt, ist die lettische Ostseeküste bis heute kaum zersiedelt. Wer sie in Gänze ablaufen möchte, etwa auf dem Baltischen Küstenwanderweg, wäre gut 30 Tage unterwegs – weitgehend durch einsame Natur.

(163) Exkurs zur See: Schweden

Malmoe2.500 km feste Küste, inklusive Insel und Buchten 7.000 km – Schweden hat die längste Ostseeküstenlinie. Ab Travemünde werden Trelleborg, Karlshamn und Malmö angesteuert. In allen Häfen kann man von der Reling gleich auf top Wanderwege wechseln oder z.B. auf dem Sydkustleden von Trelleborg nach Malmö radeln.

(164) Exkurs zur See: Finnland

OsteseeKarte1Leute von der Westküste tun gern so als sei die Ostsee eine Badewanne. Und tatsächlich ist sie ja auch ein Binnenmeer, mit den Ozeanen nur über das Kattegat (Katzenloch) verbunden. Auf der längsten Fährfahrt von Travemünde wird aber klar, dass die Ostsee in Wahrheit gewaltig ist. 611 Seemeilen, ca. 1.130 Kilometer, tuckert die Fähre von Travemünde quer über die Ostsee nach Helsinki. Das bedeutet in der Regel zwei Nächte an Bord, bevor man bei den Mumins an Land springen kann.

 

 

Dies ist ein Beitrag der Serie »Schleswig-Holstein rund«, die einmal um das nördlichste Bundesland führt, immer dicht am Wasser lang und möglichst auf ideale Weise. In der Lübecker Bucht bedeutet das ab Travemünde: zu Fuß. 

Du hast was zum Thema beizutragen? Darüber freue ich mich sehr.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.