Niedersachsen, Norddeutschland, Nordsee, Nordseeküste
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Und Ostfriesland so?

Ostfriesenwitze, Otto Walkes, Tee. Das waren die Dinge, die wir mit Ostfriesland verbanden, bevor wir neulich nach Wangerooge reisten. Wir ergänzten es noch um Jever, als wir die Stadt zum Bier passierten. Genau wie Funnix, einen Ort, den es wirklich gibt. Ebenso wie Altfunnixsiel. Oder Neufunnixsiel. Und last not least Harlesiel, wo die Fähre nach Wangerooge ablegt.

 

Carolinensiel

 

Wir waren frühzeitig angereist. Sicher ist sicher. Und in kleinen Häfen können wir in der Regel spielend Zeit überbrücken. Dachten wir. Sehr abgefahren war schon mal, dass wir bereits vom Parkplatz aus unsere Unterkunft auf Wangerooge erkennen konnten.

 

Blick von Harlesiel

 

Möglicherweise könnte kein Ort der Welt gegen diese Verheißung anstinken. Möglicherweise waren wir übermüdet. Möglicherweise hatten wir zu viel über Ostfriesenwitze, Otto und Funnix nachgedacht. Jedenfalls: Harlesiel fühlte sich an wie ein feuchtkalter Nachmittag Ende der 70er Jahre. (Dabei war es ein traumhafter Herbstvormittag 2015).

 

Schwimmbad Carolinensiel

 

Als ich zur Grundschule ging, gab es noch keine Nerds. Es gab Schlimmeres. Kleine Klugscheißer in Hochwasserhosen, die sämtliche Langspielplatten von Otto im O-Ton rezitierten. Diese alten Sachen. Harry Hirsch. Susi und ihr Fön. Ihnen wird zur Last gelegt, sie hätten an einem Ast gesägt. Usw. Es konnte einem schrecklich auf die Nerven gehen. Aber, naja, Schwamm-drüber (-Blues).

 

Strandkorbversteigerung

 

(Falls hier ein talentierter Otto-Rezitator mitliest: Mit erwachsenen Augen finde ich das ganz niedlich. Also nix für ungut. Und falls Du noch immer ein bisschen spitzfindig drauf bist: Ich weiß, dass Harlesiel streng genommen nicht zu Ostfriesland sondern zum Wangerland gehört. Ich denke aber, das stört keinen großen Geist, da das Wangerland sich auf der Ostfriesischen Halbinsel befindet.)

Zurück zum Thema. Ganz entgegen unserer Art erkundeten wir Harlesiel nur oberflächlich. Wir reihten uns ziemlich früh in die Schlange der Schiffsreisenden ein, was wir normalerweise nie tun würden. Und verließen Harlesiel ohne Bedauern.

 

Kormoran

 

Losfliegen

 

Frei

 

Nach drei wunderbaren Tagen auf Wangerooge, dachten wir auf der Rückreise kurz drüber nach, Harlesiel noch einmal eine Chance zu geben. Aber als wir dann anlegten, konnte wir schon wieder nicht das geringste Interesse dafür aufbringen. Stattdessen ließen wir uns die Küste hinauftreiben bis zum Strand von Schillig.

 

Strand Schillig

 

Über Schillig hatte ich schon häufiger auf Blogs gelesen. Ich hatte sogar gelesen, Schillig sei schöner als St. Peter Ording. Und überhaupt, wenn ein Ort schon behauptet chillig zu sein. Dann prickelt die Erwartung wie ein Song von Fritz Brause.

 

Ostwind

 

Möglicherweise war unsere Erwartungshaltung zu hoch. Möglicherweise kann das Festland nie gegen eine Insel anstinken. Möglicherweise waren wir übermüdet. Jedenfalls: Schillig ist in unseren Augen ein gewaltiger Campingplatz neben einem gewaltigen Parkplatz am Rande eines kleinen Strandes und dem Charme der 80er Jahre.

 

Schillig

 

Eins aber steht fest: Kiter lieben Schillig. Genau wie viele, viele andere Menschen Schillig toll finden. Unsere Meinung ist also absolut nicht repräsentativ.

 

Kiter

 

Ich bin mir immer nicht sicher, ob ich über Orte bloggen soll, die uns nicht so gefallen – anderen aber sehr. Um das nicht auf dem Rücken von Ostfriesland auszutragen, könnte ich auch Grömitz an der Ostsee nennen. Oder Büsum in Nordfriesland.

In Büsum waren wir schon zwei Mal, seit es diesen Blog gibt. Aber wir stehen einfach nicht drauf. Mal abgesehen von zwei, drei Ecken finden wir Büsum nicht gut. Nur die (für uns) schönen Ecken zu zeigen, käme mir irgendwie unlauter vor. Die (für uns) unschönen Ecken wecken nicht einmal Lust zu fotografieren.

Außerdem: was hätte jemand davon, wenn wir schreiben, dass wir nicht auf Büsum stehen? (Oder Grömitz. Oder Schillig.)

 

Shooting in Schillig

Shooting in Schillig

 

Frage an die Blogger unter Euch: Schreibt Ihr über Dinge, die Ihr nicht gut findet?

Frage an die Leser: Mögt Ihr Dinge lesen, die dem Schreiber nicht gefallen?

Das würde mich wirklich mal interessieren.

 

faehre bundesbahn

 

Und was Ostfriesland betrifft: Das gucken wir uns natürlich noch mal genauer an. Spätestens wenn die nächste ostfriesische Insel auf dem Programm steht.

19 Kommentare

  1. Hej Stefanie! Ich lese auch gern mal was über Dinge, die Dir nicht so gefallen. Kann ja schließlich nicht alles immer nur schön sein. Nur so entsteht der richtige, ehrliche Eindruck.

    Liebe Grüße
    Martina

    • Die Mühle finde ich allerdings schön, muss ich sagen. Ich kann mich auch noch gut an Deinen Beitrag über dieses Museum mit den 7 Speeren erinnern. (Insofern könnte man sagen, widersprüchliche Empfindungen können besonders nachhaltig sein.) Liebe Grüße, Stefanie

  2. „Um das nicht auf dem Rücken von Ostfriesland auszutragen…“ Schillig liegt ebenso wenig in Ostfriesland wie Wangerooge und Jever. Spitzfindig, ich weiß, aber als Ostfriese kann ich nicht aus meiner Haut. Wir geniessen es aber, dass Restdeutschland alles, was auf der ostfriesischen Halbinsel liegt, unserem tapferen Freistaat zuordnet.
    Generell finde ich es gut, wenn ich auch lesen kann, wo es dem Autoren nicht so gut gefallen hat. Ich schreibe auch manchmal, wenn ich etwas nicht so berauschend fand, aber ich bin leicht zu begeistern.
    Um noch etwas zu den Orten zu schreiben: Schillig IST ein großer Campingplatz und ich finde St.Peter-Ording ebenfalls schöner (wenn man mit Massen von Hamburger Cabriofahrern klar kommt, die im Sommer den Ort heimsuchen). Harlesiel bzw. Carolinensiel sind im Sommer richtig schöne Küstendörfer, leiden allerdings wie beinahe die komplette ostfriesische Küste etwas darunter, dass die Inseln die schönen Wellen abfangen. Daher war meine Freundin auch stets ein wenig enttäuscht von der Nordsee – bis wir Langeoog und Helgoland besucht haben.

    • Du bist Ostfriese, Stefan? Dann hoffe ich, Du nimmst mir den Kommentar nicht über (wobei ich ja auch gar nicht in Ostfriesland war. Genau genommen 🙂 Also; was weiß ich schon).
      Über Langeoog habe ich jetzt auch schon ganz viel gelesen. Ist bestimmt super. Und Helgoland liebe ich ja sowieso.
      Macht total Sinn, was Du mit den Inseln als Wellenbrecher sagst. Den ganzen Strand haben sie ja auch für sich behalten.

  3. ich fände es sogar ziemlich gut, über hässliche Orte zu lesen. Erstens als Warnung, dort nicht hinzufahren, und zweitens, um mich zu amüsieren…

  4. Moin Stefanie! Du findest Büsum nicht so schön? Alles andere hätte mich auch wirklich gewundert! Bei meinen Gästen hat sich über die Jahre herauskristallisiert, dass es entweder Büsum oder St. Peter ist. Beides mag so gut wie keiner. Liegt eigentlich auch auf der Hand. Allerdings Kult in Büsum ist das KöPi (hoeners-koepi.de), da sollte man mal gewesen sein – vor allem am 2. Weihnachtstag 🙂 Liebe Grüße, Ulrike

    • Hochinteressant, Ulrike – Menschen, die Büsum mögen, St. Peter aber nicht. Hätte ich nicht gedacht, dass es das gibt. Wie selbstverständlich man manchmal von seiner eigenen Meinung ausgeht. Immer wieder erstaunlich!

  5. Gute Frage, liebe Stefanie! Grundsätzlich finde ich ja, dass jeder Ort diverse Aspekte hat und dass es langweilig ist, lediglich das Schöne herauszustellen. Wenn dich ein Ort aber so gar nicht inspiriert, was dann darüber schreiben? Es sei denn, es ergibt sich eine Hammerstory! 😉 Liebe Grüße von der magischen Halbinsel Eiderstedt, wo sich Kuh und Schaf gute Nacht sagen!

    • Ach ja, Elke, da hast Du Recht – es geht um Inspiration. (Gar nicht um schön oder unschön). Da hätte ich auch von selbst drauf kommen können. Aber manchmal hakts ja im Gehirn. 🙂 Komm gut ins Wochenende, Stefanie

  6. Büsum kann ich unterschreiben. In Schillig hab ich als Kind mal einen paradiesischen Camping-Urlaub verbracht, da bin ich also befangen – allerdings war ich seit ca. 30 Jahren nicht mehr da. Ich schreibe auch über Dinge, die ich nciht gut finde und finde es auch gut, wenn andere darüber schreiben – woher soll ich sonst wissen, wo ich unbedingt NICHT hinmuss?! LG Merle

  7. Hallo Stefanie, ich schreibe ständig über Dinge, die ich nicht gut finde 😀 – das liegt in der Natur meines Blogs. Ausgenommen natürlich der Katzenkontent, aber der ist meistens OT. Bei Dir geht es ja im wesentlichen um Orte und Bilder; da kann ich mir vorstellen, daß es schöner ist, über Orte zu schreiben, die einem gefallen – besonders, wenn man so tolle Photos macht wie Du. Als Leserin finde ich Deine Beiträge über schöne Orte lesenswerter als die über Orte, die Du nicht magst. Sie sind immer so begeistert und vermitteln mir immer ein so positives Gefühl für den Ort, über den Du schreibst. Fast immer möchte ich gleich losfahren. – Interessant ist, daß Du so ein eindeutiges Urteil fällen und klar unterscheiden kannst zwischen Orten, die Dir gefallen, und solchen, die Dir bei aller Mühe nicht gefallen. Wir waren in den Herbstferien ganz weit weg, in Marokko. Das ist ein Land voller Gegensätze, in fast jeder Hinsicht fremd und unvertraut. Wir haben unglaublich Schönes, aber auch unglaublich Häßliches und Trauriges gesehen und erlebt. Ich habe sowohl das Schöne als auch das Häßliche photographiert, und wenn ich ein Reiseblog hätte, würde ich beides zeigen, weil es zusammengehört und das eine ohne das andere nicht wahrhaftig wäre. Aber diese Problematik scheint sich in Norddeutschland nicht oder ganz anders zu stellen.

    • Stimmt, Dorothea, wenn ich bei Dir nur lesen würde, wer wann was richtig geschrieben hat, wäre es längst nicht so amüsant. Was Norddeutschland angeht: Das ist genau wie Marokko. Also, nicht das liebliche Zauberland schlechthin. Die Melancholie wartet ja an jeder Ecke. Aber ich mag gerade diese Spannung. Jedenfalls meistens. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Und liebe Grüße, Stefanie

  8. HannoverblickOst sagt

    Hallo Stefanie, ich denke, ab und zu Negatives zu schreiben macht einen Blog persönlich, da subjektiv. Genau das will ich auch lesen. Andernfalls gehe ich auf die Websites der Orte, die alle von sich behaupten, so einzigartig und besonders (gähn!!) zu sein (bis irgendwann das Normale wieder außergewöhnlich wird 🙂 ) Ich bevorzuge auch immer kritische Reiseführer. Dann weiß ich, was mich erwartet und vertrödel meine Zeit nicht unbedingt an Ecken, die meinen Bedürfnissen nicht entsprechen. Was aber nicht bedeutet, dass ich nun nicht auch mein eigenes Bild vor Ort mache. Da ich oftmals wenig Zeit für meine Blogs habe, berichte ich aber überwiegend über meine positiven Erlebnisse, an denen ich andere teilhaben lassen möchte. Das entspricht eher meiner Lebenseinstellung. Viele Grüße in den Norden!

    • Ja, das entspricht auch eher unserer Lebenseinstellung. Deswegen tue ich mich mit der Frage wohl auch so schwer. Umso mehr freue ich mich über Eure Meinungen. Ich habe da jetzt richtig gute Denkanstöße bekommen. Vielen Dank und einen schönen Sonntag, Stefanie

  9. Liebe Stefanie,Ja, so ist das manchmal, man mag manche Orte einfach nicht. Ich werde mit Büsum einfach nicht warm, das ist mir zu 1970er. Davon hat Schillig tatsächlich auch einiges, aber dennoch mochte ich es dort, weil ich so sandstrandhungrig war an dem Tag. Die Nordsee, also das östliche Friesland (grins) und Ostfriesland haben es da tatsächlich schwer, weil die eben so strandlos sind oder Strände künstlich, beides mag ich nur bedingt. Was ich allerdings mag, ist dieses Eigene dort, diese Lebenseinstellung der Menschen, die Kultur. Und das platte Land, das irgendwie anders ist als in Nordfriesland. Im Sommer ist in Schillig bestimmt furchtbar viel los, aber an diesem Septembertag war es perfekt, sogar mit den Containerschiffen in der Ferne, die in die Wesermündung fuhren. Nach dem MSC-Containerverlust allerdings sehe ich das auch nicht mehr ganz so romantisch.
    Ich glaube, dass wir schon vom Typus her gleich sind. Mich haben Orte wie Harlesiel auch abgeschreckt. Doch dann musste ich hin, dort recherchieren, mich tiefer mit ihnen beschäftigen. Und dann kam sie, die Liebe auf den 3. Blick. Man darf nur nicht mit Wangerooge-Erwartungen dorthin reisen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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