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Sommer im Listland

Listland

Nördlich von Kampen, etwa auf Höhe der Vogelkoje, beginnt das weite Listland. Die größte Dünenlandschaft der Republik ist im Sommer Schauplatz einer Prozession der Spätmoderne. Pedelecs in erstaunlicher Zahl schnurren dicht an dicht, wie ein einziger, vielgliedriger Organismus durch das urwüchsige Naturschutzgebiet Nord-Sylt.

 

Listland

Durch das gewaltige Listland fuehrt nur eine einzige Strasse

 

Der Wallfahrtsort der Pedelec-Gemeinde heißt Gosch. Ein Fischbrötchen in der «nördlichsten Fischbude“ im Hafen von List gehört zum Sylt-Urlaub einfach dazu. Normalerweise sehe ich das auch so. Aber normalerweise bin ich auch nicht zur Hochsaison auf der Insel. Normalerweise komme ich im Winter. Doch was ist in diesem Jahr schon normal?

 

Sommer auf Sylt

 

Selbst das Publikum ist in diesem Sommer ein anderes, höre ich. Für außergewöhnlich viele Urlauber ist es der erste Aufenthalt auf Sylt oder überhaupt auf einer nordfriesischen Insel. Man kann es ihren Gesprächen entnehmen. Und ihrer Vorliebe, sich an gewissen Plätzen zu konzentrieren. Wie man es eben macht, wenn man zum ersten – und vielleicht auch einzigen Mal – irgendwo ist. Man will die Highlights sehen. Logisch.

 

List Oststrand

Mit Blick auf den Ellenbogen

 

Wer die Hightlights aber schon kennt, hat es diesen Sommer vielleicht besonders einfach, Ruhe zu finden. Man läuft einfach über die Top-Spots hinaus. Vorbei am kleinen Lister Hafen und dem Naturgewalten-Erlebniszentrum bis zu einem kleinen Strand an der Wattseite.

 

Boje

Im Nationalpark Wattenmeer ist die Schutzzone 1 weitgehend der Natur überlassen

 

Der Strand ist vor einigen Jahren durch Sand-Aufspülungen entstanden. Die Küstenschutzmaßnahme beschleunigte auch das Wachstum der Lister Nehrungshaken und einer kleiner Nebeninsel. Uthörn liegt im Königshafen, einer in dieser Form einzigartigen Wattenmeerbucht. Sie darf als wichtiges Vogelschutzgebiet bloß bewundert, nicht aber betreten werden.

 

Deich List

 

So ist es beinahe überall im Listland. Schon seit 1923 steht die Nordspitze der Insel Sylt weiträumig unter Naturschutz. 1.248 Hektar von insgesamt 1.600 Hektar sind daher einigermaßen sicher vor Zerstörung. Das ist im Grunde alles abgesehen von List selbst, einer Straße, die das Listland umrundet und sich zum Ellenbogen zieht und natürlich dem Strand.

 

Das Listland steht weiträumig unter Naturschutz

 

Oberhalb des Strandes sausen Pedelecs über den glatten Asphalt des Deichs. Es sind nicht mehr ganz so viele wie zuvor, einige sind wohl bei Gosch hängengeblieben. Aber immer noch eine stattliche Menge, die es nun zum Ellenbogen zieht. Die 330 bis 1200 Meter breite und langgestreckte Halbinsel streckt sich weit in die Nordsee und bildet den nördlichsten Punkt Deutschlands.

 

 

Wie das gesamte Listland befindet sich auch der Ellenbogen in Privatbesitz. Die rund 40-köpfige Erbengemeinschaft geht auf Jörgen Hansen und Jörgen Jensen zurück. Sie übernahmen 1608 den Hof des ersten Kolonisten, Hans Nielsen. Für die Nutzung der Straße zum Ellenbogen zahlen Autofahrer heute Maut. Mit dem Pedelec darf man umsonst über die abschnittsweise nur mittelmäßig in Schuss gehaltene Piste holpern.

 

Ellenbogen Strand

 

Verglichen mit den Wintermonaten ist der Ellenbogen im Sommer hoch frequentiert. Doch ich habe schon vollere, viel vollere touristische Hightlights gesehen, in Irland oder Indonesien oder Island. Und die habe ich trotzdem genossen. Warum sollte es mir in Deutschland anders gehen? Die Nordspitze Sylts bleibt auch zur Hochsaison wunderbar. Sie ist weit genug, als dass sich die Massen einigermaßen verlieren.

 

Koenigshafen

 

Trotzdem: die schönsten Plätze des Listlands sind im Sommer für mich die weniger bekannten. Es gibt nur eine handvoll Möglichkeiten mitten in die Mondlandschaft zu spazieren. Aber jede verzaubert mich, egal wie oft ich sie schon besucht habe. Es lohnt sich wirklich, das Rad beziehungsweise Pedelec einmal stehen zu lassen. Denn die besten Wege, sind exclusiv den Fußgänger:innen vorbehalten.

 

Wege ins Listland

 

Herrlich ist etwa der Aussichtspunkt am Ortsausgang von List an der Möwenbergstraße. Hinter dem letzten Haus auf der linken Straßenseite führt eine Holztreppe zu einem Plateau. Von hier hat man einen prächtigen 360-Grad-Blick über die Wanderdünen im Listland, den Hafen, das Wattenmeer bis zum Ellenbogen und zur dänischen Insel Rømø.

 

List

Der Blick reicht weit: Listland, Wattenmeer, Ellenbogen, Daenemark

 

Wer die Treppe hinunter ins Dünental nimmt, gelangt auf einen idyllischen Wanderweg. Er schlängelt sich 1,5 Kilometer zur Jugendherberge. Von dort ist es noch einmal die gleiche Strecke bis zu Wonnemeyers Weststrandhalle. Auf einen Tisch muss man im Sommer wie fast überall eine Weile warten. Was aber bei Wonnemeyer überhaupt nicht nervt, denn man wartet auf gemütlichen Holzbänken mit Sonne im Gesicht. Und das Service-Team ist auf Zack.

 

List Aussichtspunkt

 

Ebenfalls eine große Sache ist der Weg durch die Dünenlandschaft beim Süderheidetal. Hier trifft man noch weniger Leute. Es gibt in näherer Umgebung kaum eine Möglichkeit zu parken und der Zugang liegt etwas versteckt, jenseits des Radweges.

 

List

 

Oben auf der Düne warten Bänke mit Blick über zwei Meere. So nennen es die Sylter, wenn man die stille Wattseite und die Brandungssseite gleichzeitig sehen kann. Das habe ich neulich schon in einem Beitrag über Hörnum geschrieben. Und auch dass es natürlich keine zwei Meere sind. Es fühlt sich aber dennoch so an.

 

Wattenmeer

Das stille Wattenmeer

 

Das Listland zwischen den Meeren

 

Weststrand

Der wilde Weststrand

 

Nirgends duftet das Leben sommerlicher als auf den windgeschützten Pfaden durchs Listland. Da hört man die Nordsee schon in der Ferne donnern. Da ist man hin- und hergerissen, ob man lieber die wohlige Wärme der Heidelandschaft noch eine Weile genießen will. Oder schnell, schnell die höchsten Dünen überwinden, damit man endlich die Wellen sehen kann.

 

 

Am Weststrand knallt die Nordsee mit ungebremster Kraft auf die Insel. Da der Strand wunderbar breit und 43 Kilometer lang ist, hat man ihn abschnittsweise selbst im Sommer für sich. Überall dort, wo keine Einkehrmöglichkeiten existieren beispielsweise. Und natürlich bei wechselhaftem Wetter. Also: fast immer. Wer hier in einen Regen gerät, kann sich nämlich nirgends unterstellen. Das hält die Leute wohl ab.

 

Doros Tisch

Wer Doros Tisch mit Strandgut gedeckt hat? Keine Ahnung.

 

Ein kleines Schild verrät, dass es sich bei dem Tisch ganz in der Nähe der Lister Strandsauna um »Doros Tisch« handelt. Wer ihn mit Strandgut gedeckt hat oder wer Doro eigentlich ist, weiß ich nicht. Ich tippe auf eine Meerjungfrau. Denn wo sonst sollten sich Wasserwesen heutzutage überhaupt noch unbeobachtet an den Strand trauen, wenn nicht rund um das Listland?

 

Die Strandsauna ist einer meiner Lieblingsplaetze

 

Womit wir wieder bei den Pedelecs wären, die so dicht an dicht über die Insel rollen wie die Menschen sich in diesem Sommer an fast allen Stränden aalen. Ich will dagegen gar nichts sagen. Und Pedelecs finde ich sogar ganz prima. Man gelangt mit ihnen auch bei stärkstem Gegenwind schnell ans Ziel. Kann dem Regen davon fahren. Oder rasch woanders hin, wenn einem die Meute zu viel wird.

 

Mit dem Pedelec durchs Listland

 

Denn das Schönste bleibt das Ausscheren. Es funktioniert im Listland fast überall, wo man einen Pfad entdeckt. Und nachdem beim ersten Pedelec-Versuch mein Sommerkleid in die Kette geriet, ist mir auch gar nichts Gefährliches mehr passiert.

 

Mellhoern

 

Übrigens: fast alle Räder, die ich bisher E-Bikes nannte, sind eigentlich Pedelecs. Sie bieten nur dann Motorunterstützung, wenn man in die Pedale tritt. E-Bikes fahren ganz ohne Zutun auf Knopfdruck und gelten daher auch nicht als Fahrräder. Auf Pedelecs kann man sich zumindest einbilden, Fahrrad zu fahren. Bloß wenn ein echtes Fahrrad entgegenkommt, wird man noch mal daran erinnert, dass man sich gerade sportlicher fühlt als man eigentlich ist.

 

Pedelec

 

9 Kommentare

  1. Ah, schon das allererste Foto ist der Hammer. Ich war noch nie dort, aber wo es solche Bohlenwege gibt… Ein Traum.

  2. Ich war vor kurzem im Klappholttal auf der Höhe der Vogelkoje. Schon dieses Tal hat mich verzaubert. Ich werde nächstes Jahr wieder dort verweilen und dann werde ich mal das Listland in Augenschein nehmen. Vielen Dank, für die schönen Anregungen.

    • Das Klappholttal ist auch wirklich ein Zauberort. Ich guck auch immer durch das Seminarprogramm, weil gern mal in einem der kleinen Häuschen wohnen würde. Bis jetzt hat´s noch nie die rechte Schnittmenge von Inhalt und Zeit gegeben. Aber ich bleib dran 🙂

  3. „Der Wallfahrtsort der Pedelec-Gemeinde heißt Gosch“? Da hast Du ja wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen, liebe Stefanie. Herrlich! ;))

    Doro’s Tisch finde ich ganz zauberhaft. Was für eine schöne Idee.

    Liebe Wochenend-Grüße, Martina

  4. Ein toller Bericht von Sylt mit ebensolchen Bildern, da bekommt doch Lust, sich auf den Weg zu machen.

    Es geschieht immer öfter, dass ich „deutsche“ Worte nachschlagen muss, wie hier Pedelec, nie gehört. Ich überlegte, ob das wohl Zugvögel sind … 😀 😀 Na, aber es ist wohl auch ein neueres Wort,

  5. kokkinos vrachos sagt

    Moin Moin, die Fotos sind der Hammer. Sylt hat schon eine geile Natur (ich bleibe aber Amrum-Fan).

    Evtl. gehts im November oder Dezember mit der Yoga Gruppe auf eine Fasten und Yoga-Woche nach Sylt.

    vg, kv

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