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Anreise nach Amrum

Dagebuell Mole

Die Anreise nach Amrum dauert in etwa so lang wie die Anreise nach New York. Für Hamburger. – Für Kölner, Leipziger oder Münchner dauert sie länger, viel länger. Die Nordfriesinnen zieren sich alle ein wenig, das ist ja gerade das Schöne an Inseln und am wenigsten leicht zu haben ist Amrum. Vielleicht hat es deshalb Ewigkeiten gedauert, bis ich mich endlich auf den Weg zur Strandkönigin mache – obwohl ich das doch schon so lange vorhatte.

 

Die Anreise nach Amrum beginnt mit dem Schritt vor die eigene Haustür

 

Wie jede wunderschöne Sache beginnt auch die Anreise nach Amrum mit einem Schritt über die eigene Schwelle und dem prüfenden Blick nach oben. 14. Januar. 09.45 Uhr. Himmel: blau. Luft: kühl. Läuft alles wie geplant bisher.

Die Möwen scheinen etwas gemächlicher durch die Luft zu segeln als wochentags. 3-Zimmer-Wohnung, Goldmarie, Gay-Sex-Kino, Quick Lunch für 5 Euro. Vor einer der letzten noch geöffneten Bars steht eine Gruppe Jungs. Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen. Eine leicht derangierte junge Dame steigt aus einer Stretchlimousine (Junggesellinnenabschied, ganz klar) und stellt eine prall gefüllte Mülltüte an den Straßenrand. Einfach so. Dies ist der Stadtteil, in dem man die Sau rauslässt – im Wortsinn. Sonntagmorgen auf St. Pauli. Trolleys, die über Gehwegplatten rattern. Für viele ist die kleine Freiheit fast vorbei. Für uns beginnt sie. An der S-Bahn wartet V. Es ist 10.00 Uhr.

 

10.30 Uhr. Bahnhof Altona

 

Selbst der Altonaer Bahnhof, der ja immer so aussieht, wie kalter Zigarettenrauch riecht, wirkt gleich ein bisschen freundlicher, wenn die Sonne scheint. Sowieso: irgendwie mag man ihn ja doch (jetzt, wo er bald wegkommt). Und sei´s nur wegen der Durchsage: „An Gleis 7 fährt ein der Regionalzug aus Westerland zur Weiterfahrt nach Westerland“.

 

Altona

 

Wir setzen uns ins Silence-Abteil. Nur wenige Plätze sind besetzt. Los geht’s. Elmshorn. Glücksstadt. Der Blick wird weit. In der Ferne ein Atomkraftwerk. Felder unter Wasser. Sonne im Gesicht. Ruhe. Bis Itzehoe. Dort steigen 3 Ladies in ihren späten 70ern zu.

 

„Was? Kein Vierer mehr frei? So ein Mist!“

„Aber das Wetter wie schön. Herrlich. Guck doch nur mal wie herrlich.“

„Mal sehen, wie lange sich das hält. Geht Ihr da rüber. Ich setz mich hier allein hin. Wollt Ihr einen Bonbon. Dies sind Lakritze. Und dies Karamell. Arschteuer waren die.“

„Mal was anderes. Wie kommen wir eigentlich nach Wennigstedt?“

„Mit der Taxe.“

„Auf gar keinen Fall! Also, ich nehme auf keinen Fall eine Taxe. Ich gehe zu Fuß. Für eine Taxe habe ich kein Geld.“

 

Die, die das gesagt hat, trägt eine Jaeger-LeCoultre ums Handgelenk. Und das ist mal wieder sowas von typisch für eine bestimmte Art von Sylt-Urlaubern. Der Wagon füllt sich mit jeder Haltestelle. In Niebüll ist er bis auf den letzten Platz besetzt. Alle wollen zurück nach Westerland. Wir steigen aus.

 

13.00 Uhr Bahnhof Niebüll

 

In Niebüll scheint es keine Einwohner zu geben – aber zwei Bahnhöfe. Nur eine kleine Gruppe Reisender verlässt den Syltexpress. Unterquert die Geleise. Durchquert das Bahnhofsgebäude. Überquert die Straße. Ums Eck wartet die Regionalbahn Richtung Dagebüll.

 

Zug

 

Heizung ist an. Motoren noch aus. In der stillen Bahn klingt jedes Geräusch unnatürlich laut. Eine Frau kramt in ihrer Tasche. „Ich muss erst mal einen saufen“, sagt sie zu ihrem Begleiter. Na, dann Prost.

 

13.45 Uhr Dagebüll Mole

 

Alles ist blau. Eiskalter Ostwind. Und jede Menge Ausflügler. Was wollen die hier? Viel kann man nicht gerade machen in Dagebüll. Schon gar nicht im Januar. Die niedlichen Badebuden sind weg (im Winterquartier?). Der Deich wird – oder wurde – offenbar gerade erneuert. Die nasse, braune Erde lässt das Strandhotel noch trauriger wirken als ohnehin schon.

 

dagebuelle mole

 

Einmal um die Mole gehört zum Pflichtprogramm. Manche Ausflügler fahren bis an den Kairand. (Auf der Liste der Dinge, die ich nie machen würde, steht das ganz oben.)

 

Dagebuell

 

Zugegeben: wir hätten es – wenn alles nach Fahrplan liefe – auch mit dem nächsten Zug aus Hamburg geschafft. Aber ich bin vorsichtig geworden, was die DB betrifft. Eine Stunde in Dagebüll ist kein Beinbruch. 5 Min. Zugverspätung schon. Dann müsste man 3 Stunden auf die nächste Fähre warten.

 

 

14.35 Uhr An Bord der Schleswig-Holstein

 

Fußgänger dürfen eine halbe Stunde vor Abfahrt an Bord. Autos müssen noch warten. Und das ist super, weil man dann schon mal sein Handtuch auf die Liege werfen kann, will sagen: seinen Rucksack auf die Liegesitze in der ersten Reihe.

 

mit Blick aufs Meer

 

Fähren sind meine Lieblings-Verkehrsmittel. Fähren haben Salons. Mindestens einen. Meistens aber zwei. Dort kann man nicht nur sitzen. Dort kann man auch speisen; gar nicht superschlecht und gar nicht superteuer. Man kann rumstromern. Briefe schreiben (Fähren haben Briefkästen; die Briefe bekommen einen speziellen Stempel). Die facilities – will sagen:  Wasserklosetts – sind auf Fähren sehr viel weniger eklig als an Raststätten, in Zügen oder Flugzeugen. Aber das Wichtigste ist natürlich: Fähren haben Sonnendecks.

 

Sonnendeck

 

Ich bestelle heißen Fliederbeersaft. Obwohl jedes Kind aus Norddeutschland weiß: schlimmer ist nur noch irgendwas mit Schlehen. Aber Fliederbeersaft – das klingt so schön und das passt (phonetisch) so schön aufs winterliche Sonnendeck. Besonders weil Sonnendecks überhaupt nicht so beliebt sind, wie man meinen sollte.

 

Schleswig-Holstein

 

Die wenigen Leute, die sich da rumtreiben, lächle ich schon mal nett an. Denn das sind die Menschen, die ich in den nächsten Tagen sicher an irgendeinem einsamen Strand wiedersehen werde. Bei Schietwetter; wenn alle anderen drinnen bleiben. Und dann werden wir uns wieder zunicken. Wissend. Also, falls die überhaupt nach Amrum fahren. Und nicht nach Föhr.

 

16.00 Uhr: Föhr in Sicht

 

Ich suche die Orte, mit denen ich auf der Insel etwas verbinde. „Guck mal da ist der Leuchtturm und da war doch diese Discokugel und das dahinten ist unser Café.“ Der Löwenanteil der Passagiere sucht derweil die 7-Sachen zusammen. Geht von Bord.

 

Foehr

 

Jetzt wird es ziemlich ruhig auf der Fähre. Die Schleswig-Holstein schippert mich in unbekannte Gewässer. Und nun will ich auch nichts mehr auf dem Schiff erkunden. Jetzt will ich einfach nur noch sein. Noch nicht mal angekommen – und schon im Inselmodus. So lob ich´s mir.

 

Faehre nach Amrum

 

Es gibt einen bestimmten Punkt auf der Fahrt, da kann man zwischen Föhr und Amrum hindurch Sylt sehen. Aber dafür bräuchte es wohl mehr Licht. Womit ich überhaupt nichts gegen den Dämmerturn sagen will. Es ist wunderschön. Und Amrum sieht im Abendlicht exakt so aus, wie eine Insel aussehen muss.

 

Amrum

 

Wegen Niedrigwassers kann die Fähre nicht den üblichen Anleger ansteuern. Fußgänger müssen das Schiff über das Autodeck verlassen. Das Manöver dauert. Und dauert. Autos werden schon mal ungeduldig gestartet. Als würde das was bringen. Und am Ende dürfen doch wieder die Fußgänger als Erstes von Bord.

 

17.00 Uhr: Das Tollste an der Anreise nach Amrum ist die Ankunft

 

Am Hafen wartet der Bus mit laufendem Motor. Ich bin neugierig – auf alles – aber es macht keinen Sinn, sich den Hals zu verrenken. Die Scheiben sind beschlagen. Kinder steigen am Schwimmbad zu. Das Licht da, das müsste vom Leuchtturm sein. Ansonsten scheint Amrum ganz schön dunkel. „Du musst drücken“, sagt V. „An der Nächsten müssen wir raus.“

 

Muehle Nebel

 

Nebel, Mühle. Nur ein paar Schritte sind es jetzt noch bis zu unserem Appartement. Es ist 17.30 Uhr.

 

…to be continued.

20 Kommentare

  1. Liebe Stefanie, mit den Fähren geht’s mir so wie Dir (nur, wenn sie uns im Svendborgsund entgegenkommen, sind sie mir nicht so sympathisch 😉⛵️) Du hast die Stimmung an Bord einfach perfekt beschrieben.Jetzt bin ich total neugierig auf Deine Amrum-Fortsetzung. Viel Spaß beim Erkunden!

    LG Martins

    • Vielen Dank, Martina. Dass es auf einem Segelboot ein bisschen unheimlich ist, wenn so eine große Fähre naht, kann ich mir gut vorstellen. Man merkt es ja als Passagier gar nicht so, aber sie sind doch echt riesig. Liebe Grüße, Stefanie

  2. Liebe Stefanie,
    Diese lange Anreise nach Amrum ist genau der Grund, weshalb ich immer nach Sylt fahre, wenn ich Sehnsucht nach der Nordsee habe…
    Die Fähre tuckert 2.5 Stunden vor sich hin und mir wird leicht schlecht, zumal, wenn ich auch noch Fliederbeersaft trinke.
    Viel Spaß auf Amrum. LG Marianne

    • Oh, wie bedauerlich, Marianne. Mir geht es immer stärker so mit Flugzeugen (also nicht, dass mir übel wird, doch es wird mir ungeheurer). Auf den großen, neuen Fähren merkt man allerdings kaum noch die Dünung. Finde ich (vielleicht bin ich aber auch tatsächlich seefester geworden, als ich es früher war). Vielen Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Stefanie

  3. Liebe Stefanie, danke für die „Reisemitnahme“ nach Amrum! Ich war noch nie da – aber schon mal auf Föhr – aber ich konnte mir die Fahrt durch deine Schilderung lebhaft vorstellen!
    Viele Grüße
    Karin

    • Ging mir wie Dir, Karin. Aber ich hab mich schon nach Amrum gesehen, als ich auf Föhr war. Danke für Deinen Kommentar. Und liebe Grüße ins freie Wendland, Stefanie

  4. Ich mag diese Anreisen an der Nordsee auch sehr, vor allem die Fährfahrten, wenn man ablegt, dann nicht nur vom Festland, sondern auch irgendwie vom Stress, Alltag und dem schnellen Leben, in dem jeder sich selbst so wichtig nimmt. Wie schön ist es dann draußen auf dem Meer und dann noch mit Fliederbeersaft. Er darf nicht anders heißen, ich liebe ihn sehr, denn er ist ein Stück Heimat für mich. Toll, dass du uns mitgenommen hast auf diese Tour.
    Liebe Grüße

  5. Hach, ich freu mich jetzt schon auf die Fortsetzung, Stefanie!
    P.S. Weil die Anreise selbst für Hamburger so ewig dauert, war ich bisher (auch) noch nie auf Amrum, obwohl ich es wahrscheinlich schon mindestens so lange wie du wollte. Na, das Jahr ist ja noch jung… 😉

  6. Sooooo schön! Ich will da hin, schon allein wegen der Anreise. Auch wenn bei uns noch 5 oder 6 Stunden Anfahrt aus Süddeutschland dazu kommen 🙂

    • Liebe Lotte, Du musst irgendwann ganz lange kommen und alle Hot-Spots bereisen. Amrum gehört in jedem Fall dazu. Schönes Wochenende!

  7. Heißer Fliederbeersaft geht eigentlich nur, wenn man krank ist – ganz krank. So krank, dass man nichts mehr schmeckt. Und mit Korn drin … das ist dann wie krank bei Mama.

  8. Amrum habe ich als Tagestourist besucht,angereist bin ich mit dem Katamaran von der Hallig Hooge aus.
    das ging zügig,aber ich bevorzuge ehrlich gesagt doch die großen Fähren wie die „Hilligenley“,wo man sich an Oberdeck frische Seeluft um die Nase wehen lassen kann.
    in sehr guter Erinnerung habe ich einen Fischladen,der direkt in Hafennähe ist-die Krabbenbrötchen waren sehr lecker !
    auf der Bahnstrecke Hamburg-Husum bin ich mittlerweile Stammgast,die Landschaft kenne ich zwar schon bald auswnig,aber sie ist immer wieder aufs neue faszinierend.
    am meisten freue ich mich immer,wenn ich dabei Schafherden entdecke.
    tja,seine Mitreisenden und ihre Konversationen kann man sich nicht aussuchen-es hat sich aber zumindest für mich bestens bewährt,einen mp3-player mitzuführen,so daß man sich Gespräche wie von Dir geschildert sich nicht unfreiwillig anhören muß.
    viele Grüße
    Ralf

    p.s.: nur noch 32 Tage bis zum Halligurlaub !!

    • Oh, 32 Tage – da kann man ja schon mal mit dem Vorfreuen anfangen! (Auf der Strecke Bahnstrecke – eigentlich aber auch mit dem Auto – freue ich mich immer am meisten auf den Nord-Ostsee-Kanal. Dahinter fängt für mich so richtig Norddeutschland an.) Liebe Grüße, Stefanie

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