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Westerland: Sturm vorm Balkon

Rettungsinsel

Es gibt kein schlechtes Wetter, sagt man. Sondern nur schlechte Klamotten. Doch am Wochenende blies Triton, Sohn des Poseidon, zum Sturm und alle, alle kamen: Felix, Elon, Christian; ein Orkan nach dem anderen fegte über die Insel. Dagegen hilft die dickste Jacke nicht.

Triton Westerland

Die Skulptur des Triton auf dem Hippokamen an der Promenande der Inselhauptstadt gehört zu den wenigen Dingen, die die Abriss- und Neubauwut der 60er Jahre überlebt haben. Westerland muss mal schön gewesen sein, denkt man beim Anblick der letzten Gründerzeitvillen und Logierhäuser. Sie verstecken sich geradezu zwischen den Bausünden der 70er, 80er, 90er usw. Zum Piepen scheußlich präsentiert sich die Flaniermeile Friedrichstraße.

Friedrichstrasse Westerland

Sturm Friedrichstrasse Westerland

Das Einzige, was in Westerland nicht zugeklotzt wurde, ist die Nordsee. Sie brüllt heute, brodelt und zischt und lässt nicht den mindestens Zweifel daran, wer hier die Hauptperson ist. Und dass sie sich nicht bändigen lässt. Gut so, möchte man ihr zurufen. Aber das wäre im Tosen ohnehin nicht zu hören.

sturm

Promenade Westerland Musikmuschel Westerland Möwe im SturmFüttern verbotenSOS WesterlandStrandtreppe Westerland

Vom Strand ist nur ein schmaler Streifen geblieben. Der letzte Sand fliegt uns um die Ohren, sticht wie mit Nadeln ins Gesicht, besonders in die Augen und findet den Weg durch jede Klamotte. Man würde wohl umkehren, wenn die Nordsee nicht so derbe erhaben und mächtig wäre, dass man sich von ihrem Anblick einfach nicht losreißen kann.

Sandsturm Westerland

Meeresschaum Westerland

Promenande Westerland bei Sturm

schwere See

DLRG Stand Westerland

Auf der Plattform des Aussichtpunktes, gleich beim Aquarium, kann ich mich kaum auf den Beinen halten. Der Sturm haut einen aus den Socken. Wie kann es denn nur wirklich, wirklich sein, dass Seeleute sich bei diesem Wetter auf das Meer raus trauen? So viel Mut ist mir unbegreiflich.

Aussichtpunkt Westerland

53 unbekannte Seeleute wurden zwischen 1854 und 1907 an den Stränden Sylts angespült. Ihre letzte Ruhe haben sie auf dem Friedhof der Heimatlosen in der Elisabethstraße gefunden. Einer von ihnen, Harm Müsker, konnte 1890 identifiziert werden.

Friedhof der Heimatlosen

Friedhof der Heimatlosen Elisabehtstraße

Was meinen Mut angeht, ist Sylt gerade mal groß genug, damit ich einen Sturm aushalten kann. Auf einer kleineren Insel würde mir das Herz wohl in die Hose rutschen. Mir reicht schon die schmalsten Stelle bei Rantum, um mich mulmig zu fühlen. Beim Strand von Samoa ist Sylt nur ein paar Hundert Meter breit. Wobei man von Strand im Moment kaum sprechen kann. Fast bis zur Strandsauna reichen die Wellen. Im Restaurant Seepferdchen sind vorsorglich die Fenster verrammelt.

Auch irgendwie schön: Statt Meerblick gibts heute eine besondere Gemütlichkeit – sowie einen 1 a Eintopf (€ 7,90 -) für mich und Lammbratwurst auf Sauerkraut für Volko (€ 10,– + superlecker). Geteilte Freude ist doppelte Freude und Apfelpfannkuchen mit Vanilleeis (€ 7,90) geht immer.

So gestärkt sind wir bereit für das große Sturmfinale: Die Bürgermeisterwahl auf Sylt am Sonntagabend. Wenn 12.500 Wahlberechtigte an die Urnen gerufen werden, kräht normalerweise kein Hahn danach. Aber da es auf Sylt geschah und eine Kandidatin Dr. Gabriele Pauli hieß, wollte sich kein Fernsehsender die große Liveshow im Concgress Centrum Westerland entgehen lassen. (Wir auch nicht).

Am Ende gewann deutlich der nette Herr Niklas Dingsda gegen die Herausforderin, die einst Edmund Stoiber stürzte. Aber das war ja auch in Bayern. War es eine Spitze der amtierenden Bürgermeisterin, als sie Frau Pauli für ihr Engagement dankte und hinzufügte: „Ich hoffe, Sie werden die Insel in guter Erinnerung behalten.“ ?!

Darauf ist genauso wenig der Finger zu legen, wie auf Frau Paulis Replik, sie würde ganz und gar nicht wegwollen sondern auf der Insel bleiben und außerdem freue sie sich, dass jetzt „endlich ein Sylter“ das Bürgermeisteramt inne hat (im Gegensatz zur Vorgängerin, die aus Ulm oder so stammt).

Gabriele Pauli

Das Ganze wirkte wie ein Sturm im Wasserglas angesichts der Tatsache, dass Westerland sich zwischen 1951 und 1964 einen SS-Mann und Kriegsverbrecher als Bürgermeister leistete.  Massentötungen, Massenvergewaltigung und andere Exzesse gehen auf das Konto des  „Henker von Warschau“, der heute posthum in Polen vor Gericht steht.

Aber das ist eine andere Geschichte. Und die kann man sehr schön hier nachlesen.

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