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Unperfekt

Unperfekt

In unserem Ferienhaus in Dänemark stieß ich auf ein faszinierendes Kochbuch. Zu den Rezepten kann ich mangels Sprach- und Küchenkenntnissen nichts sagen. Doch der schwarze Wälzer mit dem neongrünen Schriftzug Unperfekt ging mir auch zuhause nicht mehr aus dem Kopf.

 

Ferienhaus

Bei der Ferienhaussuche achte ich immer darauf, welche Bilder an der Wand haengen

 

In der Regel muss ich Sachen eigentlich nicht haben. Selbst superschöne Sachen nicht. Mir reicht, dass sie existieren. Aber dieses Wunderwerk der Ästhetik wollte ich vielleicht doch. Jedenfalls mal googeln.

 

Ferienhaus Fanoe

Ich schau weniger auf die Einrichtung, als auf das, was sich vorm Fenster abspielt. Im besten Fall: nichts.

 

Erstaunlich, was man mit der Wortkombi Dänisches Kochbuch + Unperfekt alles lernt. Z.B.

 

    1. Es gibt kein amazon Dänemark.
    2. Unperfekt ist das neue Perfekt. Behaupten jede Menge Medien für Frauen im mittleren Alter. Damit meinen die Redaktionen perfekte Traumfrauen mit mikroskopischen Makeln oder brandneue Möbel im Shaby Chic Look.
    3. Unter den Kindern der angesprochenen Zielgruppe nimmt ein Phänomen namens Snapchat Dysmorphophobie zu. Es beschreibt den Wunsch, seinem Selfie-Ich zu gleichen. Also Weichzeichner und Filter, die auf den Fotos in den Sozialen Netzwerken angewandt werden, durch Schönheitsoperationen in die Realität zu übertragen. Man könnte auch sagen, ins Gesicht zu schneiden, fräsen, meißeln oder spritzen.

 

Ich persönlich schaue ja lieber in Gesichter mit Ausdruck. Und damit meine ich eben gerade nicht die allseits tolerierten Lachfalten. Sondern alles, was das Leben so in die Züge schreibt. Interessant: mit Ferienhäusern geht es mir genauso.

 

Ferienhaus Seonderho

Das Wichtigste ist fuer mich immer die Lage.

 

Vor Jahren gab ich hier auf dem Blog mal zum Besten, wie man das perfekte Ferienhaus in Dänemark findet. Inhaltlich könnte ich den Beitrag heute noch unterschreiben. Jedoch würde ich ihn vermutlich nicht mehr so übertiteln. Denn Perfektion liegt im Auge des Betrachters.

 

Schlafzimmer

Ein, zwei Stehruemmchen sind ok. Aber es muss auch noch Platz fuer die eigenen Sachen sein.

 

Das wusste ich natürlich auch vor Jahren schon. Doch da hatte ich noch angenommen, unseren Blog würden – wenn überhaupt – nur Leute lesen, die ähnlich ticken wie wir. Dabei ist die Leserschaft der meisten Reiseblogs in der Regel richtig schön heterogen, also individuell. Gerade das macht das Format ja so spannend.

 

Teddy

In den besten Ferienhauesern steckt Kinderkichern. Das spuert man selbst als kinderlose Person.

 

Ich lese selbst gern Blogs von Menschen, die einen anderen Blick auf die Welt haben als ich. Denn das weitet bekanntlich den eigenen. Und was ganz herrlich ist: im Unterschied zu den Kommentarbereichen von online-Zeitschriften und -Zeitungen wird auf Reiseblogs nicht gepöbelt. Trolls sind selten und kaum jemand kommentiert, bloß um den Blogger abzuwerten. Man lässt also die andere Meinung stehen. Und das ist ja immer der erste Schritt, um den anderen zu ver-stehen.

 

Kueche

Unperfekte Ecken sind im Ferienhaus fuer mich kein Makel, sondern ein Zeichen von gelebtem Leben.

 

Und so kann ich mittlerweile sogar nachvollziehen, warum manche Menschen eine funkelnagelneue Küche oder technischen Schnickschnack im Ferienhaus schätzen. Aber mir persönlich sind immer noch die unperfekten Ferienhäuser am liebsten. Am besten sind die, denen man ansieht, dass sie über  Jahre und Jahre bewohnt und Stück für Stück aufgemöbelt wurden.

 

Was ich eigentlich sagen will: I  ♥ Unperfekt

 

Die Bilder in diesem Beitrag zeigen das unperfekte Ferienhaus, das wir neulich auf der Insel Fanø bewohnten. Ich wollte es eigentlich allen empfehlen, denen Lage wichtiger als Luxus ist, musste aber feststellen, dass meine Haltung zu Ferienhäusern wohl doch gar nicht so besonders individuell ist, wie ich glaubte. Ganz im Gegenteil. Das Haus ist bis in den November so gut wie ausgebucht.

 

Soenderho Karte

Eingekringeltes Glueck

 

Wer mit seinem Fanø-Trip nicht bis November warten will, dem sei wenigstens der Ort Sønderho an der Südspitze der Insel empfohlen; speziell die eingekringelten Dünentäler auf der obigen Karte. Die Häuser sind dort recht großzügig gestreut. Ich nehme an, dass es selbst in der Hochsaison nicht zu eng werden kann. Und die Lage ist auch deshalb so super, weil Spaziergänger hier viel besser klarkommen als Autofahrer.  Zum Strand braucht man etwa 10 min. Den Kaufmann erreicht man quer über die Dünen in 5.

 

Ofen

 

Weil ich ganz gerne durch die Fenster fremder Ferienhäuser spähe kann ich außerdem sagen, dass sich hier Häuser jeder Güte, Größe und Preisklasse befinden. Oder anders gesagt: Es ist das perfekte Ferienhausgebiet. Also für mich jedenfalls.

 

Nacht

Als sich meine perfekte Reisebegleitung schon mal um das Feuer im Ofen kuemmerte.

 

Das Kochbuch mit dem Titel Unperfekt habe ich übrigens nicht im Netz gefunden. Dass es so etwas überhaupt noch gibt – gefällt mir auch schon wieder ganz gut. Aber das ist ein anderes Thema.

18 Kommentare

  1. Hallo Stefanie, als ich die Fotos von eurem Ferienhaus sah, dachte ich „Das ist aber schön“ – typisch dänisch eben. Meiner Erfahrung nach wird es mit der Perfektion in Dänemark generell nicht so genau genommen. Schön soll es aussehen, aber es muss nicht perfekt sauber sein und auch nicht perfekt funktionieren…

    Ganz oft, wenn ich deine Artikel lese, werde ich zu eigenen Artikeln inspiriert. Ich glaube, ich muss dringend mal etwas über das gemeine finnische Ferienhaus schreiben. Das ist ebenfalls meist unperfekt.

    Liebe Grüße,
    Heike

    • Au ja. Das würde ich gern lesen. (Meine Vorstellung des allerperfektesten Ferienhauses entspricht ohnehin dem von Tove Jannsson – auf einer kleinen Schäreninsel).

  2. Ingrid sagt

    Hallo Stefanie, so ein schöner Blogbeitrag zum nicht perfekten Ferienhaus!! Danke schön, für uns geht’s Ende März Mal wieder nach Årgab in ein (für uns) neues Ferienhaus, darauf freuen wir uns ychsc sehr! Schade, dass du das Kochbuch nicht gefunden hast, das hätte mich (allein schon) vom Titel auch gereizt! Liebe Grüße Ingrid

    • Argab – toll, da sehe ich auch immer die süßesten Ferienhäuser. Dann weiterhin viel Vorfreude und liebe Grüße, Stefanie

  3. Moin, Ihr Lieben.
    Irgendwo habe ich mal geschrieben „Perfektion ist der Seele Tod…“
    Und die jungen Mädels sollten sich lieber mal an den Fotografen Peter Lindbergh und Jim Rake orientieren, die wirklich international bekannte Models portraitiert haben, bewusst mit unperfekten, mit unfertigen Bildern….
    Ich habe vor etlichen Jahren in Altona mal eine junge Frau getroffen und irgendwie mich auch fast in sie verliebt. Denn so jung sie war, so hatte sie viele Falten um die Augen- Lachfalten. Oder Falten von ihrem so fröhlichen, so lebendigen Gesicht. Schönheit kommt von innen. Und ich selbst habe viele Jahre Räume entworfen und eingerichtet, von Moskau bis Valencia. Was ich daraus gelernt habe, dass man die Seele eines Menschen anhand ihrer Einrichtung erkennen kann. Und als ich mich dann einmal mit einer Frau unterhielt und sie mir ihre Seele ausschütte über ihre Mutter und ihre Tante, habe ich nach meinen Vorstellungen deren Einrichtung beschrieben. Sie holte Fotos heraus und es war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.
    Man spürt in einem Raum die Seele des Eigentümers und entsprechend wird man sich wohlfühlen.
    Aber das wird jetzt zu weit führen und wird bei mir ein schon länger geplanter Beitrag.
    Dass es in Dänemark kein Amazon gibt, freut mich natürlich sehr, denn ich kann nicht verstehen, wie wir alle so eine gefährliche Datenkrake täglich füttern und uns für sie versklaven.

    So, genug nicht gepöbelt:-)
    Liebe Grüße

    Kai

    p.s.
    ein fremdsprachiges Kochbuch ist aus Erfahrung übrigens spannend, ausprobiert zu werden:-)

    • Mmmh, Dein PS klingt reizvoll. Vielleicht liest ja jemand mit, der das Kochbuch kennt?! (Dann würde ich mich über einen Kommentar sehr freuen. Kais Idee gefällt mir ausgesprochen gut.)

  4. Mal wieder sehr schön, Stefanie! Gegen fehlende Sprachkenntnis aber ist ein Kraut gewachsen. Nach vielen Jahren Urlaub in DK war es mir irgendwann allzu peinlich, beim Bäcker und anderswo zu stehen und je nach Örtlichkeit ggf. auf Englisch zurückzugreifen. – Also: Ran ans Dänisch! Meine, wie sich zeigte, gut funktionierende Reihenfolge verlief Startkurse Volkshochschule in D, Aufbau- und weitergehende Kurse in DK. Die Zahl der Anbieter ist erstaunlich.
    Das Lernen habe ich als lustig empfunden – da waren im Startkurs aber auch andere, denen das nicht so ging. Zuerst meinten sie, das sei ja alles fast wie ihr Plattdeutsch – und dann riss leider der Faden, schade.
    Insgesamt kommt ein faszinierendes Ergebnis raus, wenn man den Singsang der Sprache aufnimmt. Immer wieder freut sich „der Däne“, dass da jemand die Sprache eines „so kleinen“ Landes mindestens zu sprechen versucht.

    • Die Peinlichkeit kenne ich gut. Ich will vor allem immer nicht so selbstverständlich davon ausgehen, dass man überall und immer in Dänemark meine Sprache gesprochen wird. Und dann weiß ich eigentlich: er/sie kann vermutlich deutsch… und fange aber trotzdem das Gespräch auf englisch an. 🙂 Dänisch zu lernen wäre schon eine feine Maßnahme. Danke für den Reminder.

  5. Am besten gefällt mir das letzte Foto. Da möchte man sofort eintreten und sich ans Feuer setzten. Schön, dass du deine perfekte Reisebegleitung gefunden hast! Sehr interessant und genauso erschreckend ist es auch, was du da über das heutige (un-) perfekt herausgefunden hast. Vielleicht ist Perfektion so individuell wie Glück. Und genauso vergänglich. Aber zurück zu Dänemark: Ich schätze, irgendwann muss ich da auch mal hin, vielleicht im November 😉 Liebe Grüße von Andrea

    • Liebe Andrea, im Grunde würde ich natürlich laut JA rufen. Aber mit Hund gibt es unterschiedliche Meinungen. Manche finden es dort für ihre Hunde superschön – andere halten es regelrecht für gefährlich. Das kann Dir wahrscheinlich am besten jemand die Details erzählen, der selbst mit Hund nach Dänemark fährt (oder eben nicht fährt). Grüße zurück, Stefanie

  6. Also, für mich sieht Euer Sommerhaus mehr als perfekt und urgemütlich aus. Ich gucke mal nach dem Kochbuch, wenn wir das nächste Mal in Kopenhagen sind. Und beim Übersetzen helfe ich gern. 😉

    Liebe Sonntagsgrüße, Martina 🌷

  7. Ein sehr schönes Thema, das du auf den Punkt gebracht hast. Ja, es sind die Spuren von Leben, die Patina, die den Dingen erst Atmosphäre verleihen und Charme, vielleicht auch ein Herz. Und vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis des Hygge-Hypes?
    Liebe Grüße

    • Könnte sein, Andrea. Da sind wir beide ja eh der Meinung, dass nicht überall hygge drin ist, wo´s drauf steht 😉 Grüße an Dich, Stefanie

  8. Moin Stefanie, ich sehe es auch so: am wichtigsten ist die Lage! Ich liebe Ferienhäuser, in denen man das Meersrauschen hören kann. Ganz dicht hinter der Düne 🙂

    In meinem Beitrag „Dänemark im Februar“ (https://wattundmeer.wordpress.com/2019/02/14/daenemark-im-februar-das-beste-zuerst-2/) fragte mich eine Bloggerin, ob ich keine Angst um den Hund hatte? Ich hab‘ die Frage immer noch nicht wirklich verstanden. Geht’s um die Wellen? Oder was sollte da gefährlich sein?
    Liebe Grüße, Ulrike

    • Falls die Kühe frei waren, meinte sie sicherlich. Denn Kühe erkennen in einem Hund einen Wolf und gehen schnell in Angriffsstellung. Unfälle mit Rindern passieren in der Regel dann, wenn ein Hund dabei ist.
      Aber achten sollte man in der Umgebung auch, wenn es warm wird. Dann haben Hunde in den Dünen nichts zu suchen. Denn dort liegen durchaus mal Kreuzottern. Pro Region an der Westküste gibt es dann durchaus einen Tierarzteinsatz pro Woche. Kleine Hunde verkraften das kaum, für große Hunde kann das ein halbjähriger schmerzhafter Prozess werden.
      Toben im Wasser: Bei starken Wellengang auf Treibholz achten. Weil es wie ein Knüppel wirken kann- nicht nur für Hunde. Ist nicht zu sehen und plötzlich da und kann zur Bewusstlosigkeit führen.
      Irgendwas von dem wird sie gemeint haben….

    • Liebe Ulrike, es gibt da diese Horror-Geschichten. Wenn z.B. ein Hund jemanden beißt, darf die Polizei ihn wohl in Gewahrsam nehmen (und im Zweifel auch töten lassen). Ich weiß nicht, wie oft so etwas passiert. Unter manchen Hundefreunden wird das sehr heiß gekocht. Andere halten es für übertriebene Aufregung. Also, das ist ein ungemütliches Thema. Dennoch: liebe, liebe Grüße, Stefanie

  9. Oh, oh… Bin gerade von einem Jack Russel gebissen worden (nicht doll, aber immerhin), doch so ein Schicksal hätte ich dem kleinen „Mist-Kerl“ dann doch nicht gewünscht. Liebe Grüße, Ulrike

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