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Kreidegruben Lägerdorf (schon mal locker für 2035 vormerken)

Kreidegruben Lägerdorf

Aus Hamburg kommend ragt an der A23 kurz vor Itzehoe rechter Hand ein Zementwerk aus der flachen Landschaft. Ein Schandfleck eigentlich. Doch es hat meine Phantasie lange beflügelt. Denn wann immer wir an die Nordsee fuhren, sagte V.: «Ich glaube, da war´s» Und ich wußte, er meinte ein Fotoshooting in den Kreidegruben Lägerdorf, denen er einen geradezu karibischen Look bescheinigte. Nun war ich neulich mal da.

 

Lägerdorf

 

Die Kreidgruben Lägerdorf gehören zu den letzten Zeugen des Kreidemeers. Das subtropische, flache Gewässer dehnte sich vor 145 Mio Jahren von Jütland bis in die Champagne. Von Dover bis nach Rügen. Ich stellte mir die Kreidgruben Lägerdorf zwar nicht ganz so spektaktulär vor wie die weißen Klippen Südenglands, Mecklenburg-Vorpommerns oder der Insel Møn. Aber einen kleinen Schatz am Silbersee erwartete ich doch. Womit ich vollkommen danebenlag.

 

 

Eine Verzahnung von Industrie und Leben wie in Lägerdorf gibt es in Schleswig-Holstein nur selten. So wie im Ruhrgebiet ganze Regionen auf Kohle zugeschnitten sind, dreht sich in der kleinen Gemeinde seit 1740 alles um Kreide. Heute sind Menschen und Häuser nicht mehr von Staub bedeckt wie noch in den 1960er Jahren. Aber die Unterordnung ist dennoch spürbar.

Alsenhof LägerdorfDas große Geld wird natürlich nicht mit Tafelkreide gemacht. Sondern mit Kalk und Zement. Die ersten Lägerdorfer Zementfabrikanten waren ein Ire namens Edward Fewer und sein englischer Geschäftspartner Wiliam Aspdin. Mit ihnen hielt 1862 die Industrialisierung Einzug. Seitdem verändert das »weiße Gold« Land und Gemeinde fortwährend. Gruben entstehen und werden aufgegeben, füllen sich mit Wasser oder liegen brach.

Die  erste, die »Englischen Grube« etwa wurde bis 60 Meter unter NN abgebaut. Nachdem 1913 das Pumpenwerk abbrante, war sie nicht mehr zu halten und verwandelte sich bis 1945 in einen klaren Kreidesee. Er ist heute wieder verfüllt. Das Land sieht aus wie vor 160 Jahren. Aber tief, tief unter der Erdoberfläche soll massenhaft Munition der Wehrmacht liegen. Unzählige Autos und Kühlschränke und anderer belasteter Schrott von Privatleuten und Industrie.

 

Alsenhof

Der See ist weg. Der Alsenhof im Stil der Heimatschutzarchitektur steht noch (und unter Denkmalschutz)

 

Zu meiner allergrößten Enttäuschung sind die Gruben in Lägerdorf strengstens abgeriegelt. Aktuell wird in der Grube Heidestraße abgebaut. In den angrenzenden inaktiven Gruben Alsen (1913 – 2002) und  Schinkel (1864 – 1977) schimmern bereits Kreideseen in den schönsten Blau-, Grün- und Türkistönen.  Dafür sorgt ein etwa 400 m mächtiger Untergrund sehr reiner Kreide.

Die Kreidegruben Lägerdorf sind ein seltsames aber nicht uninteressantes Ausflugsziel

 

Kreide besteht aus abgestorbenen mikroskopischen Meerestierchen. Z.B. bewimperten Einzellern, einzelligen Wurzelfüßlern, kalkgepanzerten Planktonalgen und Kalkflitter von Meeresbakterien. Das macht die Kreidegruben Lägerdorf für Geologen und Fossilienfreunde hochinteressant. Die Holcim GmbH führt regelmäßig Grubenführung und Sammlertage durch.

Auf Spaziergänger warten am Aussichtspunkt Heidestraße ausführliche Infotafeln, der beste Panoramablick auf die Gruben und ein umlaufender Wanderweg. Das Areal ist riesig. Mir persönlich wurde es nach einer Weile langweilig, immer am Zaun lang zu laufen.

Das wird sich erst 2035 ändern. Wenn die Vorräte abgebaut sind, zieht die Karwane ein paar hundert Meter weiter. Dann werden in der Heidestraße die Pumpen abgestellt. Und es wird ein 170 Hektar großer Kreidesee entstehen.

 

Kreidesee

 

Es lässt sich an einigen Stellen schon erahnen, wie die Kreidegruben Lägerdorf einmal aussehen werden. Aber das dauert eben noch 15 Jahre. Bis dahin reichen kurze Blicke von beiden Seiten des eingezäunte Areals. Und im Anschluss geht´s ins nur 15 km entfernte Bokel zum Kaffeetrinken am See. Seine Umrundung ist nämlich ein wunderbares, wenn auch kurzes, Vergnügen und die Bokel-Mühle gehört ohnehin zu den Orten, die man in Schleswig-Holstein gesehen haben muss.

 

Bokel Muehle

 

Fun Fact: Wer kein Auto hat, kann zwar nicht die Kreidegruben Lägerdorf besuchen – aber immerhin die Anlagen und Gebäude des Zementwerkes im Modelleisenbahn Miniatur Wunderland Hamburg bestaunen. Das Werk diente als Vorbild für eine Produktionsanlage im Abschnitt Schweiz.

6 Kommentare

  1. Danke für den Tipp, Stefanie!
    A23 – Itzehoe, komme ich so oft vorbei, ist mir überhaupt noch nie aufgefallen. Werde ich in den nächsten Wochen mal anschauen.
    Lieben Gruß, Helmut

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