Inseln, Niedersachsen, Norddeutschland, Nordsee
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Die Entdeckung der Einfachheit auf Wangerooge

Sich einer Insel nähern. Auf einer windgeschützten Bank an Deck eines Dampfers. Die Hände in den Taschen. Das Gesicht der Sonne zuwenden. Die Augen schließen. Das Stampfen des Schiffsmotors. Die Schreie der Möwen. Salz in der Luft.

 

 

Wir sind auf dem Weg nach Wangerooge, der östlichsten bewohnten Insel Ostfrieslands. Von den sieben Perlen im niedersächsischen Wattenmeer ist sie die zweikleinste. Gerade mal 8,5 km lang. Zwischen einem und 2,2 km breit. Gut zu überblicken in drei Tagen. Kein Grund hastig zu werden.

 

Krabbenkutter

 

Das Schnelle ist ohnehin am Festland geblieben. Das Komplizierte auch. Dieses Wochenende soll es ganz einfach werden: in einer Jugendherberge. Und weil uns das so fremd ist, fühlt es sich an wie ein Workshop für Simplifying.

 

Seehundsbank

 

Simple Living, Downshifting, Minimalismus. Fragt man Zukunftsforscher Matthias Horx steckt hinter dem Trend zum Einfachen Leben ein fundamentaler Wertewandel. Er bedeutet die Befreiung von unnötigem Ballast für ein Mehr an Lebensqualität, an Sinn, an wirklichen Beziehungen, an jener Kreativität, die aus Langsamkeit wächst. Was das betrifft, gleicht der Hafen von Wangerooge der Pole Position.

 

Schmalspurbahn

 

Unser Schiff war das letzte von insgesamt zweien, die heute Wangerooge anpeilten. Das Leben richtet sich auf der Insel nach der Natur, bzw. der Tide. Und das ist auch gut so, denkt man. Die Ruhe ist göttlich.

 

HafenWangerooge

 

Wer auf der knapp einstündigen Fahrt von Harlesiel nach Wangerooge noch nicht runtergekommen ist, wird am Hafen daran erinnert, seine innere Uhr auf Inselzeit zu stellen.

 

Guter Rat

 

Hektik hat hier genauso wenig Platz wie Autos. Ein Zug bringt die Urlauber ins Inseldorf, das ganz ohne eigenen Namen auskommt, da es das einzige Dorf auf der Insel ist.

 

 

Wir haben es noch einfacher. Denn wir bleiben im Westen Wangerooges. Wo es beinahe nichts gibt, außer einigen Schullandheimen, einer Sternenwarte, einem Leuchtturm und die Jugendherberge im Westturm. Das 55 Meter hohe Wahrzeichen Wangerooges war schon von Land aus deutlich zu erkennen. Jetzt ist er nur noch einen kurzen Spaziergang entfernt.

 

Weststrand

 

Sich einer Jugendherberge nähern. Auf einem Weg, der sich durch Dünen und Salzwiesen schlängelt. Das Gepäck ist leicht, weil man nur das Notwendige dabei hat. Noch einmal den Sommer riechen. Und feststellen, dass Rucksäcke keinen Krach machen. Ganz anders als Rollkoffer.

 

Duenenweg

 

Ist doch seltsam: Ich kenne ein paar Hostels auf dieser Welt, war schon im Ashram, skandnavischen Wanderheimen und Pilgerherbergen. Aber seit Jahrzehnten habe ich keinen Fuß in eine deutsche Jugendherberge gesetzt. Dabei ist mir schon häufig aufgefallen, dass sie stets an den allerschönsten Plätzen liegen.

 

Jugendherberge Wangerooge

 

Als Erwachsener in die Jugendherberge?

 

Wir sind keine Asketen. Für uns darf es gern gut aussehen, gut schmecken, sich gut anfühlen. Und irgendwie assoziiere ich Jugendherbergen vor allem mit Früchtetee aus gewaltigen Blechkannen.

 

Neubau Jugendherberge

 

Ums mal vorweg zu nehmen: Gewaltige Blechkannen gibt’s nicht mehr. Dafür aber Holunderbrause. Statt strenger Herbergseltern empfangen uns zwei gut gelaunte Sympathieträgerinnen an der Rezeption. Katja Garbe und Sigrid Schlumm haben 7 Monate Hochsaison hinter sich. Aber sie wirken, als wären sie selbst im Urlaub.

„Das macht die Insel“, sagt Sigrid Schlumm. „Man wird ruhig hier.“

Glauben wir sofort. Da muss man nur mal die Kinder beobachten, die überall herumwuseln. Die scheinen alle so zufrieden. So ausgeglichen. Fast zu schön, um wahr zu sein. Selbst das Huhn auf der kleinen Wildblumenwiese wirkt entspannt.

 

Spielplatz

 

Unser Doppelzimmer liegt im 7. Stock des Westturms. 125 Stufen ohne Fahrstuhl. Und ja, es hat Etagenbetten (ich schlafe oben, d.h. ich muss nicht einmal den Kopf heben, um bis Spiekeroog zu sehen). Das Bad ist super. Die Laune auch. Nichts wie raus in die Herrlichkeit.

 

BlicknachSpiekeroog

 

Der Wilde Westen Wangerooges

 

Die Sturmspitze der Insel ist das Westdeck. Hier wütet die Nordsee am heftigsten. Hier verändert sich die Silhouette mit jedem Orkan. Wangeroge sieht übrigens aus wie ein kleines Sylt um die Achse gedreht. Diesem Vergleich folgend, wären wir in List. Das Westdeck ist ein besonders guter Platz, um Vögel zu beobachten.

 

 

Ans Westdeck schließt sich der Weststrand an. Er zieht sich über die gesamte Brandungsseite der Insel. Nach einer knappen Stunde würde man das Wangerooge-City erreichen. Das heben wir uns aber für morgen auf. Nur so viel: Es ist ein ausgsprochen kurzweiliger Spaziergang. Nie haben wir so viele Schiffe von einer Insel aus gesehen.

 

Auf Reede

 

Drei wichtige Schiffahrtswege führen an Wangerooge vorbei. Direkt am Horizont liegen die fettesten Pötte auf Reede. D.h. da ist eine Art Parkplatz im Meer. Die Liegeplätze in den Häfen sind teuer. Und so wartet man auf den richtigen Zeitpunkt, um möglichst auf den letzten Drücker zur Löschung zu kommen.

 

 

Wir sind Stiller

 

Deine Stille ist mir irgendwie zu laut, hat neulich eine von mir geschätzte Person gesagt. Und wer das verstehen kann, ist im Westen Wangerooges nicht gut aufgehoben. Hier gibts nicht viel Zerstreuung. Ein Café, einen Kiosk und ganz am Ende noch das Inselgasthaus. Mit Plastikstühlen zwar. Doch sei´s drum. In der Wärme der Dünen ist das Inselgasthaus perfekt für einen Sundowner. Uns kann es nämlich gar nicht still genug sein.

 

 

Das Inselgasthaus ist berühmt für seine süßen sowie herzhaften Pfannkuchen. Und Birnen, Bohnen und Speck. Es ist ein wunderschöner Fleck, wie das gesamte Inselinnere. In seiner Urwüchsigkeit erinnert es uns sehr an Dänemark. Trotz Herbstferien kann man überall für sich sein.

Katja Garbe von der Jugendherberge hat uns erzählt, dass sie den Winter über bleiben wird; obwohl die Jugendherberge schließt. Sie hat Respekt vor den Monaten, in denen es noch stiller werden wird. Aber sie freut sich auch schon darauf. Ich kann sie genauso verstehen, wie jemandem, dem das zu wenig Action ist. Ich selber bin wohl irgendwas dazwischen.

 

 

Einen Speisesaal betreten. Überhaupt nichts erwarten. Und dann von einem imposanten Riesen namens (ehrlich) Herrn Brummer Fischfilet serviert bekommen. Denken, dass es schmeckt, als hätte die eigene Oma es gebraten. Genauso reinhauen wie die Kinder an den Nebentischen. Die ladyliken Holländerinnen, die zum Inselhopping hier sind. Der rüstigste 80jährige der Welt (ein Pastor) mit seiner gemischten Truppe. Das junge Paar. Und all die Eltern sowieso.

Kann sein, dass manche des Preises wegen in der Jugendherberge einchecken. (Unser Zimmer kostet 45 Euro pro Nacht und Person inklusive 3 Mahlzeiten). Aber ich glaube, genauso viele sind hier, weil sie ihren Kindern etwas Wertvolles vermitteln wollen. Oder vielmehr ermöglichen. Denn die Kinder sind ohnehin auffallend höflich und engagiert und fröhlich. Laut nur, wenn sie sich über irgendwas kaputtlachen. Das gehört sich ja auch so. Aber kein Kind nervt seine Eltern, weil es irgendetwas anderes haben oder tun will. Mir kommt das so gleichberechtigt vor. Alle nehmen Rücksicht.

 

Sogar das Wetter. Der Blick aus unserem Zimmer ist gigantisch.

 

 

Auf diesen Moment muss übrigens niemand verzichten. Auch wenn man nicht in der Jugendherberge wohnt, kann man sich den Schlüssel zum Turm ausleihen. Eine Spende wird gern gesehen. Die (geschätzten) 175 Stufen lohnen sich tausendfach. In der allerhöchsten Turmspitze befindet sich ein kleiner Raum mit Falltür. Dort saust der Wind ums Gemäuer und man fühlt  sich so geborgen in der Wärme, wie ich mir das Leben als Leuchtturmwärter vorstelle.

 

Turmspitze

 

Als wir uns später noch ein Bier holen ( ja, das gibts in Jugendherbergen) sind Sigrid Schlumm und Katja Grabe noch immer im Dienst. Und immer noch gut gelaunt. Das macht wohl die Insel.

 

Sonnenuntergang9

 

Wie wir da so auf dem Westdeck die dunkelschwarze, stille Nordsee betrachten, denke ich, Jugendherbergen heißen Jugendherbergen, weil sie für die da sind, die Jugend in sich spüren.

Ach, sind wir froh, dass wir hier sind. Und das ist ja erst der Anfang.

 

PS.: Die Jugendherbergen im Nordwesten haben uns zu diesem Aufenthalt eingeladen. Wir fühlten uns von vorn bis hinten verwöhnt. Vielen Dank.

18 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,

    schöner Beitrag der Mut macht, denn auch wir haben ein Wochenende in Etagenbetten und Mehrbettzimmern vor uns. Ein wenig mulmig ist uns. 😉

    Liebe Grüße,
    Claudia

    • Echt? Keine Angst. Wir fanden es toll (hatten allerdings ein Zweibettzimmer). Ich bin gespannt auf Eure Erlebnisse!!! Liebe Grüße, Stefanie

  2. Verena sagt

    Ich bewundere Menschen, insbesondere Dich, die in der Stille zu sich finden. Sich mit sich selbst und nur der Natur beschäftigen zu können ist ein großes Gut, welches ich leider nicht habe. Du bist ein toller Mensch, weißt Du das eigentlich?

  3. Wunderbar, liebe Stefanie! Beim Lesen deiner Wangerooge-Eindrücke und beim Betrachten der großartigen Bilder breitet sich tiefe Ruhe wie von selbst aus. „Kein Grund, hastig zu werden.“ Für den Moment wenigstens. Liebe Grüße!

    • Ja, das ist auf Inseln speziell. Vielleicht weil man sich so unerreichbar fühlt; mitten im Meer. Komm gut in den Tag, Stefanie

  4. Anita sagt

    Sehr schöne Aufnahmen, da kommt Sehnsucht auf das einmal zu sehen, wir rennen immer in den Süden und der Norden ist so schön, was mich bis jetzt immer abgehalten hat ist der Wind.
    Grüße Anita

    • Hallo Anita. Ja, wenn man es nicht so mit dem Wind hat, sind Nordseeinseln nicht das beste Reiseziel. Es gibt sie zwar, diese ganz warmen, windstillen Tage. Aber das Gegenteil eben auch. (Mit der richtigen Jacke ist es natürlich gar kein Problem. Du müsstest Dich von der Modefachberaterin Deines Vertrauens ausstatten lassen. :-)) Liebe Grüße, Stefanie

  5. Liebe Stefanie, Wangerooge stand bisher nicht auf meiner Bucketlist. Das hat sich gerade geändert. Für die Kinder es dort ja auch super zu sein. Liebe Grüße, Sabrina

    • Für Kinder ist Wangerooge ein Traum! (Für Eltern auch, weil die Kinder so schön fröhlich und entspannt sind). Komm gut in die Woche, Stefanie

  6. HannoverblickOst sagt

    Hallo Stefanie. Schön, dass Du mich gefunden hast! 🙂 Bin mit Deinem Bericht völlig bei Dir. Es wird nur immer schwieriger, solche Oasen der Ruhe zu finden. Aber es gibt sie noch. Selbst in unseren nordischen Großstädten. LG Simone

    • Stimmt, Simone. Die ein oder andere Stelle gibts noch. Man muss sich nur auskennen (oder Blogs lesen). 🙂 Liebe Grüße, Stefanie

  7. […] Wie bereits erwähnt, wurden wir von den Jugendherbergen im Nordwesten nach Wangerooge eingeladen. Und im letzten Abendlicht zum Westturm zu radeln, ist auch keine schlechte Sache. […]

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