Norddeutschland, Ostsee, Schleswig-Holstein
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Heimat I: Kappeln an der Schlei.

alles in OrdnungDiese Woche habe ich meine Geburtsstadt besucht. Konkret: meine Oma, in deren Garten alles seine Ordnung hat und sich im Großen und Ganzen nichts verändert. Ihr Haus ist das letzte, das ich schon mein Leben lang kenne und heute noch betreten kann.

Heimat – was ist das eigentlich?

Dass ich zunehmend um den Heimatbegriff kreise, ist bei all den Nahreisen keine Überraschung. Mittlerweile bin ich so gefiltert, dass er mir überall entgegen springt. Heimat ist ja etwas total Vielschichtiges, Zwiespältiges, teils höchst Privates. Laut Wikipedia existiert auch keine einheitliche Definition. Muss man sich also selber den Kopf zerbrechen.

In den 70ern wurde in Poesiealben unheimlich gern gemahnt: „Vergiss nie die Heimat, wo Deine Wiege stand. Du findest in der Ferne, kein zweites Heimatland.“ Ein merkwürdig altkluger Schnack, den ich gar nicht mit meiner Generation verbinden kann. Meine Generation knickte doch lieber die Ecken um, verwandelte sie zeichnerisch in winzige Briefumschläge, versehen mit dem Hinweis: Nicht gucken. (Unter den Eselsohren dann der Wahnsinnswitz: „Hast ja doch geguckt.“ Manchmal stand da ursprünglich gekuckt. Das k wurde „weggekillert“. Nach einer Weile kam es aber wieder durch.)

Schleswig-Holstein – der echte Norden?

Ich stelle mir vor, die Aufforderung, meine Heimat nicht zu vergessen, der erhobene Zeigefinger, stammt gar nicht von meinen Mitschülern. Sondern von Müttern mit Müttern aus der „kalten Heimat“, Vertriebene aus Ostpreußen oder Masuren, in Schleswig-Holstein auch gern Polacken genannt. (Den Polacken sei Dank ist Schleswig-Holstein heute nicht ausgestorben. Den Polacken (Großmutter mütterlicherseits) sei Dank gibt es z.B. auch mich. Daneben auch den Schweden (UrUrgroßmutter väterlicherseits) sei Dank. Und ansonsten den Dänen, wenn man berücksichtigt, dass die Provinz Schleswig erst seit 1864 zum Deutschen Bund gehört.)

Aber „Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich.“ Im Norden hat man sich schon immer schwer getan mit Neuerungen. So auch mit der aktuellen Imagekampagne „Schleswig-Holstein- der echte Norden“, die es just am Tag meiner Heimatreise in die Süddeutsche schaffte. Demnach komme ich also aus dem echten Norden. Ganz engstirnige Schleswig-Holsteinerin würde ich das Thema noch mal enger fassen wollen: Der echte, echte Norden fängt erst hinter Rendsburg an (kann man prima auf die Melodie von Truck Stops wilden, wilden Westen pfeifen).

Jedenfalls kommt man „zu mir nachhause“ so: Man verlässt die A7 bei Büdelsdorf, um anschließend noch mal bummelig 50 km über Land zu eiern (oft hinter Treckern). Es lohnt sich aber, die Zeit zu investieren. Denn die 50 km führen nicht nur durch eine ausnahmslos traumhafte Landschaft. Sie haben meinen Geburtstort  auch vor dem Schicksal von z.B. Timmendorf bewahrt.

Schleswig-Holstein

Timmendorf ist gefühlt ja ein Stadtteil von Hamburg. In der Saison für meinen Geschmack viel zu voll und viel zu teuer. (Es gibt Ausnahmesituationen. Ich werde im Laufe des Sommers hoffentlich darauf zurückkommen.) Außerdem heizt sich die Lübecker Bucht zu schnell auf. Pi-warm, sagt der echte Norddeutsche und vermisst den typischen Ostsee-Kälteschock.

Ganz anders als Timmendorf also meine Heimat: Kappeln an der Schlei war, ist und bleibt irgendwas zwischen Bullerbü und Picket Fences (in der Alfred Tetzlaff -Version).

Touristen nennt man in Kappeln Urlauber. Und die freuen sich immer unheimlich, wenn sie um „viertel vor“ irgendwas die Stadt erreichen. Um „viertel vor“ jeder Stunde wird nämlich die Brücke aufgemacht, damit die Segler passieren können. Dann steht man im Stau und kann so herrlich den ersten Blick auf Kappeln genießen (Kappler haben einen inneren Takt, der sie nie um „viertel vor“ an der Brücke stehen lässt). Aber ich bin ja auch nicht mehr wirklich Kapplerin. Und so darf ich um „viertel vor“ auf der Brücke stehen und meinen Kopf langsam, langsam von links zur Mitte wenden.

Kappeln an der Schlei

früher war das Nestle

Jetzt ist mein Kopf ungefähr in der Mitte und ich wende ihn langsam, langsam nach rechts. (Die Brücke blende ich aus. Sie ist neu und grottenhäßlich und gehört zu den Dingen, die ich an Kappeln nicht mag. Früher mal war da eine eiserne Drehbrücke von zeitloser Schönheit.)

Kappeln a. d. Schlei

ein Denkmal für die Fotomöwe

Dahinter das Meer

Und das war´s auch schon.  Kappeln ist nicht sehr groß. Auch nicht nach „hinten raus“ übrigens. Bei jedem ersten Blick auf die Stadt denke ich: „Mensch, wie gern würde hier jetzt Urlaub machen.“

Warum ich´s nie tue, weiß ich eigentlich selbst nicht. Es ist aber eine interessante Frage. „Heimaturlaub“ – auch schon wieder so ein aufgeladenes Wort. Ich werde mal drauf rumdenken.

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8 Kommentare

  1. I love it. Als Jugendliche wollten wie weg, in die “ große, weite Welt.“ Erst als wirklich Erwachsene haben wir gelernt, wie schön unsere Heimat ist. Besonders ich, die jetzt im unechten Norden nahe Bremen zu Hause ist. Mir fehlt die Ostsee…als Ostseekind zieht es einen eben immer ans Wasser…

  2. Juliane Jantosch sagt

    Ostseekind, Schleikind, Kappelnkind – man legt es nie ab! Auch wenn man schon viel länger in der großen weiten Welt lebt als es je in Kappeln an der Schlei der Fall war.

  3. Juliane Jantosch sagt

    Will ich nicht unbedingt sagen – aber diese innere Verbindung – die bleibt doch immer.

  4. Anita Henniss sagt

    Das schönste was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Und so denken wir auch über die Heimat nach, als wäre es etwas geheimnisvolles, aber wo man die Lieben hat ist nun meine Heimat mein Zuhause

  5. Pingback: Jetzt komm ich noch einmal und dann nimmermehr: Olpenitz

  6. E.S. sagt

    Durch Zufall auf diese Seite gestoßen, und JA wir lieben den Norden, erst recht auch in der Nähe 😊. Immer wieder Dänemark – seit über 30 Jahren – und gerade träume ich von Kappeln und Umgebung. Am liebsten mit dem Rad und natürlich auch mal auf der Schlei.
    Ich halte es mit dem Zitat „Heimat ist da, wo mein Herz ist „.
    Danke für diese schöne Seite.

    • Ja, dann herzlich willkommen auf dem Blog. Ganz aktuell reicht es mir von Kappeln zu träumen … wettertechnisch … aber so ab nächste/ übernächste Woche sieht das ganz bestimmt ganz anders aus. Und dann ein langer Sommer! Liebe Grüße, Stefanie

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