Alle Artikel in: Norden im Westen

Scarborough

A Gentle Guide to Scarborough (South Bay)

Scarborough klingt nach Möwen und Wellen. Nach dem Tuckern von Schiffsmotoren und Kinderlachen. Nach Hold me now von den Thompson Twins und Slot Machines in den Spielhallen unten am Strand. Scarborough klingt nach harter Arbeit und noch härterer Arbeitslosigkeit. Klingt nach silbernen Löffeln, die in Teetassen rühren. Öffnet sich downtown – egal zu welcher Uhrzeit – für Sekunden die Tür eines Pubs, klingt Scarborough wie die betrunkenen Reste einer Party morgens um 5.   Are you going to Scarborough fair?   Scarborough klingt liebevoll wie die zittrigen Stimmen älterer Badegäste, die ihre Hunde zu sich rufen. Klingt nach der Stille in den Parkanlagen, wo es zum guten Ton gehört, jedem Entgegenkommenden einen schwärmerischen Gedanken über die Schönheit des ersten Seebads Großbritanniens mitzugeben. Und wenn man sich in Nordengland noch kurz über das Wetter austauscht, klingt „lovely“ wie „loovleeeh“ und aus „nasty“ wird „naasteeeh“. Nur nach Simon & Garfunkel klingt Scarborough, die Königin der Yorkshire Coast, nicht.     Das Ballade vom Scarborough fair ist uralt. Ihr Verfasser unbekannt. Bereits 300 Jahre nach Gründung der Wikinger-Siedlung Skarðaborg wurde …

Yorkshire

Dem Frühling entgegen: Tipps für die Yorkshire Coast

Yorkshire?, echote meine Lieblings-Budni-Verkäuferin und das Lächeln, mit dem sie eben noch die Shampoo- und Duschgelfläschen in Handgepäcksgröße über den Scanner gezogen hatte, bekam etwas Ratloses. Sie zögerte einen winzigen Augenblick, so als hätte sie zunächst nach einer netteren Formulierung gesucht, sich dann aber doch für die Wahrheit entschieden. Also, da beneide ich Dich jetzt ehrlich gesagt nicht. Denn wer möchte den März schon in Nordengland verbringen; konkret an der Yorkshire Coast – wo der Ostwind ungebremst auf Großbritannien trifft? Nicht die Masse, so viel ist klar.   Der Nordosten im Nordwesten: Yorkshires wilde Küste   Zwar behauptet ein englischer Wikipedia-Eintrag, es würde sich bei der Yorkshire Coast um einen weltberühmten Küstenabschnitt handeln, aber ich habe den Löwenanteil meines Lebens verbracht, ohne überhaupt von seiner Tauglichkeit als Urlaubsziel zu ahnen. Mit knapp 100 km Länge eignete sich die Yorkshire Coast eigentlich super für einen Kurztrip, wäre sie nicht so gespickt mit Highlights. Wer alles sehen will, braucht mindestens eine Woche. Wer weniger Zeit hat, muss sich entscheiden.     Tipp für Melancholiker: Abgesehen von Oscars …

Flamborough

Die weißen Klippen von Flamborough Head

Einer Theorie (unter vielen) nach leitet sich der Name Flamborough vom sächsischem Begriff Flaen – für Pfeil – ab. Folgte man diesem in geradem Flug von der charakteristischen Landspitze 700 km über die Nordsee, würde man auf Helgoland treffen.     Obwohl ich das erst später im Hotelzimmer nachlesen werde, fühlen wir uns schon an Deutschlands einzige Hochseeinsel erinnert, als wir dem Pfad vom Leuchtturm zur alten Nebelsignalstation folgen. Natürlich, die Klippen von Flamborough Head sind etwa drei Mal höher; auch sind sie nicht rot sondern weiß. Und so ist es wohl eher das Gefühl von Abgeschiedenheit und Weite, das uns an Schleswig-Holsteins Außenposten denken lässt.     Es ist nicht viel los auf dem Wanderweg zwischen den Seebädern Filey und Bridlington, der die Kreideklippen auf einer Länge von 13 km begleitet. Dabei werden jetzt jeden Tag die ersten Papageientaucher erwartet. Nirgends in Britannien brüten sie in größerer Zahl als bei den höchsten Klippen des Landes.     Flamborough Outer Headland: Puffins Paradise     Papageientaucher sehen zwar drollig aus, gehören aber zu den geheimnisvollsten …

Wales Coast Path

Wales Coast Path: Wandern mit Meerblick (Abschnitt 1)

Der Fernwanderweg Wales Coast Path bleibt 1.400 km lang konsequent am Meer. Auf acht Abschnitten unterschiedlicher Länge führt er vom äußersten Norden in den Süden des Landes. Der erste Abschnitt ist mindestens 109 km lang. Oder auch um einiges länger, da an verschiedenen Stellen Alternativrouten möglich sind. Jedenfalls eignet sich die Strecke ganz gut für einen Kurztrip nach Wales. Hier unsere – mal wieder voll subjektiven – Tipps für Abschnitt 1:   North Wales Coast & Dee Estuary   Der Wales Coast Path beginnt in Queensferry an der Mündung des River Dee, durch den die Grenze zwischen England und Wales verläuft. Anfangs ist die Gegend noch durch Industrie geprägt. Das macht die ersten Meilen nicht unbedingt gruselig – aber doch weniger schön, als die folgenden. Wer also nicht aus Prinzip jeden Zentimeter eines Wanderweges beschreiten muss, nimmt vom Flughafen (in Liverpool oder Manchester) besser gleich den Bus nach Mostyn und steigt bei KM 20 ein.     Steigt man in Mostyn auf den Weg ein, dann ungefähr beim Geisterschiff Duke of Lancaster. Die Passagierfähre von 1956 wurde 1978 …

Snowdonia

Soweit das Auge reicht: die kühle Schönheit von Snowdonia

Als ich zum ersten Mal von Snowdonia hörte (und das ist noch gar nicht so lange her), elektrisierte mich allein der Name augenblicklich. Allerkürzeste Recherche später war der Nationalpark bereits zum Sehnsuchtsziel geworden. Denn auch im virtuellen Wales führt kein Weg vorbei am Snowdon, dem höchsten Berg des Landes, und einer großartigen Art, ihn zu bezwingen: nämlich mit der Snowdon Mountain Railway.     Wenn die einzige Zahnradbahn Großbritanniens den Wagon den Berg hinaufschiebt, kann man die Anstrengung der alten Lady geradezu spüren. Was ok ist, so lange sie durch kleine Schluchten und über weite Ebenen zockelt. Tun sich direkt neben den Schienen Abgründe auf, fühlt es sich schon etwas ulkiger an (nicht unbedingt im Sinne von witzig).     Von Mai bis Anfang November lautet die große Frage: Hüllt sich der Gipfel in Wolken, Nebel, Regen, Schnee? Oder hat man etwa freie Sicht vom Panorama Café des visitor centres. Es ist eine Art Glücksspiel. Bei zu schlechten Bedingungen und in der Vorsaison (Mitte März & April) lässt die Mountain Railway es nach etwa 3/4 der Strecke gut …

Llandudno

Als wir uns einmal in alles verliebten: Llandudno

Llandudno wird mit 99%er Wahrscheinlichkeit nicht so ausgesprochen, wie Du gerade denkst. Es sei denn, Du kannst walisisch (wofür ich Dich über die Maßen bewundern würde). Falls nicht: LL wird bei den Walisern zu th-l. Das U meist zu i. Also, Llandudno heißt nicht Landadno sondern Thlandidno und galt bei seiner Entstehung als „finest seasideresort in Western Europe“.     Das Besondere an Llandudno: Bis heute ist die Promenade vollkommen verschont geblieben von Spielhallen und weiteren Vergnügungsbetrieben, wie man sie sonst so gern in Britanniens Seebädern findet. Es ist auch nicht nur die erste Hotelreihe, die sich Mühe gibt. Sondern der gesamte Ort.     Nicht alle Hotles und Pensionen halten von innen, was sie von außen versprechen. Allen voran das ehemals erste Haus am Platz.     Das Grand Hotel Llandudno   Das Grand Hotel erscheint Realisten ziemlich auf den Hund gekommen. Für Träumer hingegen als eine Wahnsinnskulisse; nicht umsonst ist der Bau von 1901 ein beliebter Drehort. Also: ruhig mal auf einen Tea (oder eine Partie Bingo am Abend!) vorbeischauen. Es scheint dort …

Nordwales

Lieblingsplätze im Norden von Nordwales

Merke: Du sollst keinen deutschen Supermarkt besuchen, wenn Du soeben erst aus Nordwales zurückgekehrt bist! Mir ist das passiert. Und der Kulturschock könnte gar nicht größer sein. Es ist für viele in unserem Land wohl unverständlich, doch Waliser rammen ihre Einkaufswagen nie in die Hacken eines anderen! Sie drängeln nicht an der Käsetheke vor. Sie verdrehen nicht die Augen, wenn einer an der Kasse nach Kleingeld sucht, um passend zu zahlen. Sie finden es vollkommen in Ordnung, wenn man seine Einkäufe in normalem Tempo statt im Akkord verstaut. Waliser sind gechillt. Und vielleicht färbt das ab?! Vielleicht haben wir deshalb viel weniger von Nordwales „geschafft“ als wir dachten. Bzw. auf viel kürzerer Strecke viel mehr erlebt, als wir für möglich gehalten hätten. Daher können wir auch nicht unsere Lieblingsplätze in Nordwales vorstellen – sondern nur unsere   Lieblingsplätze im Norden von Nordwales   Selbst das ist gar nicht so einfach. Obwohl wir nur einen Zipfel von Wales gesehen haben, scheint es uns das Land vielfältig wie kaum ein anderes. Nordwales lässt sich schlecht mit anderen …

Vanilla Manchester

Immer der Musik nach: Manchester

Der Rochdale Canal Tow Path ist ein Spazierweg im Souterrain von Manchester. Er führt unter Straßen, Gebäuden und uralten Brücken hindurch, windet sich um schummrige Ecken, passiert frisch gentrifizierte Luxusappartements und Bars, Bars, Bars, Bars, Clubs, Clubs und Bars. Nachts ist hier die Hölle los. Morgens braucht man keine Menschenseele zu erwarten. Höchstens vielleicht Jack the Ripper.     Ein gutes Jahrzehnt schlug am Rochdale Canal das musikalische Herz dieser ohnehin hochmusikalischen Stadt; der legendäre (inzwischen abgerissene) Club The Hacienda. Finanziert wurde er von einer Band, die bereits in den 1970er Jahren unter dem Namen Joy Divison den Ruf Manchesters als Musikmetropole maßgeblich beeinflusste. Nach dem Tod des Frontmannes Ian Curtis benannten sich die verbliebenen Bandmitglieder aus Respekt vor ihm in New Order um. 1982 eröffnet, entwickelte sich die Hacienda schnell zum Epi-Zentrum der Rave-Bewegung, die als Madchester die britische Musiklandschaft beherrschte.     Anfang der 1990er Jahre hatte der Madchester-Sound seinen kreativen Zenit überschritten. Etwa zur selben Zeit feuerte die Rockband Rain ihren Sänger und ersetzte ihn mit einem bisher eher erfolglosen Schulabbrecher und …

Peak District

Hey Duke: Chatsworth House im Peak District

Im Anflug auf Manchester erblickt man England in Gestalt des Peak District; einem Hochland-Gebiet, das aus der Luft einer kargen Mondlandschaft gleicht; von unten betrachtet aber so lieblich erscheint wie das Auenland. Kurz hinter den Toren von Manchester City liegt Englands ältester Nationalpark mit hügeligen Weiden und Feldern durchzogen von Steinmauern, Schafen, Schafen, Schafen, Flüssen und Bächen, Bilderbuchdörfern, stillen Wälder.     Auf den baumlosen Gipfeln des Peak District lag bei unserem Besuch am 1. Mai noch Schnee. Ich denke, das ist ungewöhnlich. Denn höher als 600 Meter sind die eigentlich nicht und bei unseren bisherigen Besuchen auf den Inseln haben wir „den Norden im Westen“ immer viel wärmer wahrgenommen als „den Norden im Norden“. Doch dieses Mal war´s wirklich genau so, wie man sich England vorstellt: extrem wechselhaft und sobald die Sonne verschwand richtig kalt.     Kälte und Regen allerdings können keinen englischen Spaziergänger dazu verleiten, eine Jacke zu tragen. Offenbar kleiden sich Engländer nicht nach Witterung sondern nach Datum. Zum Spring Bank Holiday also frühlingshaft wenig Stoff und unter Röcken auf gar …

Rain Bar Manchester

Von der (Un)wahrscheinlichkeit, Manchester zu mögen

Die beiden Frauen um die 40 tragen Bademäntel über Flanellpyjamas und wirken, als hätten sie eine anstrengende Nacht hinter sich. Im Prinzip keine übergroße Sache. Es sei denn, man befindet sich im Frühstücksraum eines Mittelklassehotels. Fasziniert beobachte ich, wie die Damen in Puschen zum Buffet schlurfen. Sich Eier, Speck, Würstchen, Bohnen und gegrillte Tomaten auf die Teller häufen. Das Glas der einen gerät in gefährliche Schieflage. Orangensaft schwappt auf den Boden. Sie merkts nicht. Oder vielleicht ist es ihr auch egal. Und was mich am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass niemand außer mir Bademäntel und Pyjamas im Frühstücksraum für ungewöhnlich hält. Keine Frage: Ich bin in England, dem Land der unglaublichen Outfits. Konkret in Manchester, Wiege der Industrialisierung und verbauteste aller Städte. Es ist nicht leicht hier aufzufallen. Mancunians (wie die Einwohner Manchesters genannt werden) scheren sich nicht unbedingt um Moden, (Schönheits)-ideale oder Zeitgeist. In Manchester setzt man auf Individualität.     In Manchesters Straßencafés könnte man den ganzen Tag sitzen, ohne sich eine Minute zu langweilen. So bunt ist Leben in dieser Stadt, …