Fragt man die KI, ist Niendorf ein idyllisches Seebad in der Lübecker Bucht, bekannt für seinen ruhigen Sandstrand. Vielleicht hat sie das auf offiziellen Tourismusseiten aufgeschnappt, denn die sprechen sogar von »der Ruhe selbst«. Und Wikipedia nennt Niendorf beschaulich.
Klingt gut?!
Bloß, dass es eben nicht stimmt.

In Wahrheit gibt es keine ruhigen Sandstrände in der Lübecker Bucht, keine idyllischen Seebäder und beschaulich geht es höchstens mal am nördlichen Ende zu. Aber garantiert ist das auch nicht. Deswegen haben Tourismusveranwortliche sogenannte Strandampeln oder Strandticker eingeführt. Über die online-Informationssysteme wird an Sommerwochenenden regelmäßig Massenalarm ausgelöst, das heißt »Bitte nicht anreisen. Hier geht wirklich gar nichts mehr.«
Gleichzeitig locken die selben Tourismusverantwortlichen mit immer mehr TamTam immer mehr Leute in die Gegend – in Bezug auf Overtourism, also Übertourismus, verhalten sich Politik und Tourismuswirtschaft in Schleswig-Holstein hochambivalent. Genauso interessant wie die Frage, warum sie nicht einfach weniger Events planen, ist die Frage, warum sie nicht einfach die Wahrheit sagen. Zum Beispiel: in Niendorf fühlen sich diejenigen wohl, denen es gefällt, wenn richtig was los ist. Das sind ja durchaus einige und so wäre niemand enttäuscht.

Wer es nun nicht so gerne mag, wenn richtig was los ist, muss auch nicht auf die Lübecker Bucht verzichten. Es gibt Möglichkeiten, sie zu genießen. Selbst im Sommer. Zum Beispiel auf der Durchreise. Am besten zu Fuß. (Nicht ganz so gut, aber auch ok: mit dem Rad. Ebenfalls möglich: ÖPNV, der funktioniert hier für Schleswig-Holsteinische Verhältnisse recht ordentllich).
Wandern in der Lübecker Bucht
Eine Wanderung in der Lübecker Bucht muss man sich wie einen außergewöhnlich schönen Stadtspaziergang vorstellen; fast ausnahmslos dicht am Wellenrand und mit Wind um die Nase – auf Promenanden, Steilküstenpfaden, Deichen, am Strand. Man badet, wo immer es einem gefällt. Man speist mit Meerblick, wann immer einem danach ist. Man beobachtet Leute, mischt sich vielleicht eine zeitlang darunter. Und wenn sie einem zu viel werden, zieht man weiter. Herrlich.
Nordermole Travemünde KM 0
Seebrücke Niendorf KM 7
Seebrücke Timmendorf KM 10,5
Seebrücke Scharbeutz KM 14
Seebrücke Haffkrug KM 17
Promenade Sierksdorf KM 20
Hafen Neustadt KM 26
Seebrücke Pelzerhaken KM 30,5
Seebrücke Grömitz KM 41
Seebrücke Kellenhusen KM 50
Leuchtturm Dameshöved KM 53
Im Sommer verwandeln sich dabei noch die vollsten Abschnitten in phantastische Kulissen. Im Winter eignet sich dank verlässlich geöffneter Einkehrmöglichkeiten sogar kaum ein Küstenabschnitt Schleswig-Holsteins besser für eine Weitwanderung. Bei der Planung lohnt es sich, großzügig zu stricken.
Stippvisite, Ausflugstag, Kurzurlaub: Niendorf/ Ostsee
Seebäder wollen immer auch erkundet werden, Seebrücken abgelaufen, Kurparks durchschritten, Naturschutzgebiete erforscht. Startet man z.B. in Travemünde hat man ziemlich sicher schon einige Kilometer und/ oder Stunden mehr auf dem Zähler, als die reine Wegstrecke nach Niendorf verspricht. Und für Niendorf gilt dann wieder dasselbe.
(158) Stippvisite: Hafen
Auch wenn nur noch zwei Fischer in Niendorf ihre Netze auswerfen, bleibt der Fischereihafen ein Anziehungspunkt. Insbesondere am Abend. Die Sonnenuntergänge sind legendär. Gegessen wird natürlich Fisch – in allen Variationen und Preisklassen und am liebsten an der Kaikante, mit Straßenmusik und Möwengeschrei.
(159) Tagesausflug: Strand und Promenade
Vom Seebrückenvorplatz, dem Niendorfer Balkon, zieht sich die Promenade rund 1,5 km bis zum Hafen. Hier stehen einige der ältesten Seebädervillen der Lübecker Bucht. Niendorf war nämlich der Vorreiter des Badetourismus. Seit 1855 aalen sich Badegäste am teils feinen, teils steinigen Sandstrand.
(160) Kurzurlaub: Aalbeck Niederung
Obwohl Journalist, Dichter und Dandy Hermann Löns Heide und Harz als ideale Landschaften verstand, urlaubte er auch gern in Niendorf an der Ostsee. Es heisst, dass er sich oft in die geschützte Niedermoorlandschaft der Aalbeck Niederung zurückzog. Heute ermöglicht ein Aussichtsturm den »Hermann Löns Blick«
Niendorf ist eigentlich ein Ortsteil von Timmendorfer Strand, wirkt aber eigenständig und wie aus einer anderen Welt. Erst nach Umrundung des Hafens, im Park »An der Acht« beim Yachtclub, zeigt Niendorf für einige hundert Meter den Look aus früherer Mondänität, 80er-Jahre Schickimicki und ewiger Fancyness, für die Timmendorf steht. Man ist ja auch schon fast da.
Dies ist ein Beitrag der Serie »Schleswig-Holstein rund«, die dicht an der Waterkant um das nördlichste Bundesland führt.


[…] Dies ist ein Beitrag der Serie »Schleswig-Holstein rund«, die einmal um das nördlichste Bundesland führt, immer dicht am Wasser lang und möglichst auf ideale Weise. In der Lübecker Bucht bedeutet das ab Travemünde: zu Fuß. Und als nächstes nach Niendorf. […]
Danke für diesen schönen und vor allem ehrlichen Beitrag. Niendorf ist eigentlich wunderschön, aber eben nicht ruhig zu Tourismuszeiten. Allein schon, weil man sich im Sommer durch die Blechlawinen wühlen muss, um überhaupt hin zu kommen. Früher gab es Schleichwege. Dank Navi und Google sind die mittlerweile auch verstopft und ich habe manch verzweifeltem Urlauber schon mal gesagt: „Fahren Sie einfach hinterher, ich bring Sie hier wieder raus“. Aber am Abend oder außerhalb der Ferien- und Urlaubszeiten ist Niendorf und überhaupt die Lübecker Bucht wunderschön. Danke Stefanie für Deine immer so wundervollen Beiträge. LG Ilona von Katzenflüstern
Liebe Ilona – den Dank gebe ich gleich zurück: für Deine immer so herzlichen Kommentare. Ganz liebe Grüße, Stefanie
Besten Dank für die „Reisewarnung“ .“Strandampeln“ – echt jetzt ? Nö danke, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es Massentourismus. Ich bin bekennender Individualist und tue gerne das ,was die Massen nicht machen. Zugegebernermaßen schauen einige Bilder recht schön aus aber zu viel an Mensch ist eben nicht meins