Allgemein, Hamburg
Kommentare 18

Im Grunde bin ich Optimist

Mittelpunkt von Hamburg

Während die Alster der emotionale Mittelpunkt von Hamburg ist, befindet sich der tatsächliche einen kurzen, hübschen Spaziergang entfernt. Ich unternahm ihn vor einigen Tagen. Wann genau, müsste ich überlegen. Aber wozu. Daten haben für mich ihre Bedeutung verloren. Fast alles, was ich zu tun habe, könnte ich auch „morgen“ (oder nächste Woche oder am St. Nimmerleinstag) erledigen.

 

Alsterwiese

Am Schwanenwik mündet die Eilbek in die Alster.

 

Wochenenden unterscheiden sich höchstens durch eingeschränkte Einkaufsmöglichkeiten und viel zu volle Grünanlagen – falls man Social Distancing ernst nimmt. Darum ist auf einmal der Montag viel wichtiger als der Sonntag. Denn dann kann ich wieder raus.

 

Mundsburger Bruecke

Beidseitig begleiten Fußpfade das dicht bewachsene Kanalufer.

 

Mein (wochen)-täglicher Spaziergang ist derzeit meine sinnvollste Beschäftigung. Auch wenn ich mich manchmal regelrecht aufraffen muss. Aber ich weiß: es ist noch nie geschehen, dass ich mich hinterher schlechter fühlte. Oft allerdings ging es mir danach viel besser als zuvor. Und im Mittelpunkt von Hamburg zu stehen, stand seit längerem auf meiner Liste.

 

Kuhmuehlenbruecke

 

Das mit der Liste meine ich wortwörtlich. Ich notiere schon seit längerem meine Ausflugsideen und kann das nur weiterempfehlen. So muss ich mir gar nicht das Hirn zermatern, wohin ich heute gehe. Sondern einfach nur den nächsten Punkt auf der Liste ansteuern – ohne es zu hinterfragen oder mich gar stundenlang mit „soll ich/soll ich nicht“-Fragen zu beschäftigen. Die könnten bei mir nämlich dazu führen, dass ich nicht rausgehe. Und das wäre ein Fehler. Für mich. Also lass ich das mit dem Abwägen direkt.

 

St. Gertrud

Das Ziel schon im Blick: Auf dem Kirchhof von St. Gertrud liegt der Mittelpunkt von Hamburg

 

Und seltsam: Obwohl ich meine Liste durchaus ambitioniert abhake, wird sie nie kürzer. Denn wenn man sich erst mal auf den Weg macht, entdeckt man vor Ort meistens eine weitere kleine Fluchtmöglichkeit ins Grüne. Und so war das auch dieses Mal. Aber erst einmal erlebte ich noch eine kleine Überraschung, kaum dass ich einige Minuten unterwegs war.

 

Die Maiboomsche Liebesbuche

 

An der Eilenau/ Ecke Lessingstraße stand in der Franzosenzeit das Gartenhaus der hamburgischen Kaufmannsfamilie Maiboom. Der junge Clemens Maiboom traf sich hier heimlich mit Clothilde Gauthier. Er schwor der Tochter eines französischen Gesandten tiefe Liebe und ewige Treue. Zum Angedenken des Beginns ihrer glücklichen Liebe pflanzten die beiden im hohen Alter eine Buche.

 

 

Der Überlieferung nach gehen an der Liebesbuche geäußerte Liebeswünsche in Erfüllung. Ehrlich gesagt, bin ich nicht einmal sicher, ob es sich bei Clemens Maiboom und Clothilde Gauthier überhaupt um reale Personen handelt. Möglicherweise sind sie auch bloß Romanfiguren. In dem Fall wäre Thomas Einfeldt, Autor des Romans »Die Tochter des französischen Gesandten«, auch Verfasser des folgenden Gedichts, das Clemens Maiboom zugeschrieben wird.

 

Im Grunde bin ich Optimist,
der gerne seine Muse küsst.
Noch besser aber, denke ich,
ist das Ergebnis, küsst sie mich.

Und an den allerschönsten Tagen,
wenn wir zugleich uns gut gefallen,
dann küssen wir voll Wohlbehagen
und lassen unsere Küsse knallen.

 

Ob es Clemens und Clothilde nun gab oder nicht, soll niemanden davon abhalten, seine Liebeswünsche an der Liebesbuche zu hinterlassen. Denn das haben Wünsche mit Spaziergängen gemeinsam. Sie können nie schaden. Und sowieso. »Gottes höchste Gabe ist, ein fromm, freundlich, gottesfreundlich und häuslich Gemahl haben.« Das jedenfalls hat Luther gesagt. (Kein Tippfehler).

 

Wartenaubruecke

Ueber die Wartenaubruecke geht es in den Kuhmuehlenteichpark

 

Diesen und weitere Sinnsprüche Luthers findet man auf acht gotisierenden Obelisken auf dem Kirchhof von St. Gertrud. Sie bilden einen Ring um die Luthereiche und symbolisieren die althamburgischen Kirchspiele: St. Petri. St. Nicolai. St. Catharinen. St. Jakobi. St. Michaelis. und St. Gertrud sowie die Vorstadtkirchen St. Georg und St. Pauli.

 

Luthereiche

Irgendwo auf dem Kirchhof von St. Getrud soll sich der Mittelpunkt von Hamburg befinden

 

Irgendwo zwischen St. Gertrud und dem Kuhmühlenteich soll das geografische Zentrum von Hamburg liegen. Vielleicht ist es ja sogar die Luthereiche. Eine Hinweistafel o.ä suche ich allerdings vergebens. (Und psssst: nach neuesten Berechnungen ist gar nicht die neogotische Kirche der Mittelpunkt der Stadt – sondern das in der Nähe gelegene Gymnasium Lerchenfeld.) Aber immerhin: in St. Getrud wurde Helmut Schmidt konfirmiert.

 

SUP

 

Und noch etwas wird mir klar, als ich Seite an Seite mit einer Stand-up-Paddlerin zurürck zur Alster flaniere. Ich war in der vergangenen Stunde ganz bei mir. Mein mein eigener Mittelpunkt von Hamburg quasi. Und das ist noch so ein Grund, warum ich derzeit jeden Tag einen Spaziergang unternehme.

 

Reise zum Mittelpunkt von Hamburg

 

Länge: 2,5 km
Dauer: 30 min bis 1,5 Stunden, je nach Verträumtheit

 

Eilbekkanal

Am Eilbekkanal, der im weiteren Verlauf zur Wandse wird, kann man uebrigens bis nach Rahlstedt wandern. Schwupps auf die Liste.

18 Kommentare

  1. Eine gute Idee diese Liste. Viele Dinge hier in Hannover habe ich zwar im Hinterkopf, aber wenn ich denn mal Zeit habe, dann überlege ich ständig hin und her und blockieren mich selbst.
    Ich hoffe, es geht Euch ansonsten gut, liebe Stefanie!?
    Bleibt gesund und immer optimistisch bleiben… GLG Simone

    • Danke der Nachfrage, liebe Simone. Es geht mal so, mal so und das ändert sich quasi stündlich. (Unterm Strich aber alles gut. Alles verkraftbar. Nur immer noch so seltsam). Ich hoffe, Du genießt weiterhin Stadtwald und Garten, alles Liebe, Stefanie

  2. kokkinos vrachos sagt

    Moin Stefanie, freue mich immer sehr, wenn es einen neuen Bericht über Hamburg oder Umgebung von dir gibt .Es gibt ja nichts schöneres als draußen an der frischen Luft in der Natur zu sein.

    „Während die Alster der emotionale Mittelpunkt von Hamburg ist….“. Das habe ich so ja noch nie über die Alster gehört. Siehst du das auch so? Woran machst du das fest, an der zentralen Lage? Genauso gut, könnte ja auch Planten un Blomen oder der Stadtpark, der „emotionale“ Mittelpunkt von Hamburg ist. Oder die Reeperbahn, der Hafen, der Michel oder die Eckkneipe. Ich würde behaupten, dass es in Hamburg keinen offiziellen „emotionalen“ Mittelpunkt gibt. Es kommt sicherlich auch darauf an, wo man in Hamburg wohnt. Für mich ist der „emotionale“ Ort, bzw.Lieblingsort (die Bezeichnung gefällt mir besser) der Wohlerspark. Für andere ist es vielleicht, die schon erwähnte Eckkneipe oder das Gängeviertel.

    Die von dir erwähnte Wandse, habe ich gerade vor ein paar Tagen abgeklappert. Startpunkt war der Bahnhof Tonndorf. Vom Bahnhof bist du in 10-15 Minuten an der Wandse. Dann immer an der Wandse lang, bis zum S-Friedrichsberg. Ist ein kleines unbekanntes Idyll. Wahrscheinlich nur den AnwohnerInnen bekannt.

    schönen 1. Mai dir, kv

    • Interessante Frage, liebe/r kv. Ich meinte mit emotionalem Mittelpunkt nicht unbedingt den Lieblingsort. Sondern die gefühlte Mitte. Wenn man sich „in der Stadt“ verabredet, dann meint man die Gegend um die Binnenalster. So ist das jedenfalls meiner Wahrnehumg nach bei den unterschiedlichsten Hamburgern. Aber vielleicht ist auch die Beobachtung nur eine individuelle Sicht?! Jedenfalls: Ich freue mich auch schon sehr, sehr auf die Neueröffnung des Wohlerspark. Bzw. warte sehnsüchtig darauf. Einen schönen 1. Mai auch Dir – in so ungewohnter Ruhe, lg, Stefanie

    • Ja, liebe Liane, das kann ich mir vorstellen. Denn Du läufst ja wohl gerade mit Herzchen in den Augen durch die Welt 🙂

  3. Liebe Stefanie, das kenne ich nur zu gut (das mit der Liste). Das ist bei mir genau so. Ich habe gleich mehrere Listen. Auch mein Vater schreibt mir immer wieder solche Listen (von seinen früheren Wanderungen und Reisen). Und wenn ich dann die Orte dieser Listen ansteuere und losgehe, vergesse ich manchmal sogar, weswegen ich eigentlich hingefahren bin, weil es so viele interessante „Abzweigungen“ gibt, denen ich folgen muss. Ich lerne da ja immer sehr viel von meinem Hund Bobby, Der kann einen einzigen Grashalm auf eine intensive und ausdauernde Art untersuchen, als ob er darin die ganze Welt entdecken könnte – immer in seinem eigenen Mittelpunkt 😉 In einem älteren Artikel hatte ich mir dazu mal Gedanken gemacht: https://anwolf.blog/2016/04/24/mein-hund-entdeckt-100-der-welt-in-einem-grashalm/.

    Und übrigens: Auf meinen nie endenden Listen stehen auch jede Menge Orte im Norden, inspiriert durch deine Berichte. Danke dafür und einen schönen 1. Mai wünsche ich dir! Liebe Grüße von Andrea

    • Ein superschöner Beitrag, liebe Andrea – ich hoffe es ist ok, wenn ich meinen Lieblingssatz hierherhole?! „In manchen Momenten, ganz früh morgens wenn der Tag erwacht und die Sonne ganz zaghaft durch die noch vorhandene Kälte der Nacht blinzelt, und manchmal, wenn ich nach einer anstrengenden Wanderung einfach nur da sitze und in die Welt schaue, der Körper müde, die Seele frei, dann gibt es plötzlich keine Fragen mehr, dann suche ich keine Antworten, dann betrachte ich einfach die Schönheit der Welt. “ Das hast Du echt toll auf den Punkt gebracht. Einen schönen 1. Mai auch für Dich – und Bobby!

  4. Hallo, liebe Stefanie.
    So eine Liste habe ich auch. Das ist wie ein dreiköpfiger Drache, dem man einen Kopf abschneidet und zwei neue wachsen nach. Natürlich viel schöner 🙂

    Ich bin dort, wo Du warst, mal mit dem Kanu unterwegs gewesen. Auch von der Wasserseite ist die Umgebung traumhaft und bei Kanufahren kann man so herrlich bei sich sein. Vielleicht fällt ja jetzt auch die bessere Luft durch den reduzierten Schiffsverkehr wohlwollend auf.

    Es gibt Dinge, die kann man nicht bezahlen, die darf man einfach annehmen. Die kosten nichts und sind so wertvoll.

    Liebe Grüße nach Hamburg.
    Kai

    • Hej Kai, guter Vergleich – ein dreiköpfiger Glücksdrache 🙂 Und aufs Wasser – ja, darauf freue ich mich schon. Ich will diesen Sommer unbedingt Kanu, Tretboot und Dampfer fahren! Im Moment ist es in HH noch so, dass man zwar mit Boot oder Board aufs Wasser darf, aber die Verleiher dürfen noch nicht öffnen. Angeblich ändert sich das am 4. Mai. Schreibt jedenfalls heute zeit online (auf den offiziellen Seiten finde ich diesbezüglich allerdings noch nichts.) Grüße nach Bullerbü und einen schönen ersten Mai, Stefanie

  5. Da kommt Nostalgie auf … ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr in Barmbek gewohnt, ziemlich direkt am Osterbekkanal. Von dort konnte man anfangs noch den Alsterdampfer in die Stadt nehmen, aber später wurde der Anleger nicht mehr angefahren.

    Ein etwas längerer Spaziergang wäre, die Alster in Richtung Ursprung zu verfolgen. Das ist auch eine sehr schöne Wanderung. Wahrscheinlich hast du sie schon gemacht. Das ist eines der Dinge, die ich in Hamburg gerne noch einmal machen würde. Wir waren Anfang Juni 2019 zuletzt in Hamburg und haben uns mit Freunden aus Farmsen getroffen. Sie haben uns die ganze neue Entwicklung im Hafen gezeigt. Als ich aus Hamburg wegging, war da noch Freihafen …

    Das mit der Ausflugsliste haben wir dieses Jahr auch angefangen, weil wir dachten, dass uns ansonsten etwas durch die Lappen geht. Wir machen es wie du, wenn uns unterwegs etwas auffällt kommt es gleich auf die Liste und zuhause forsche ich dann etwas im internet. Bei uns dreht es sich ja meistens um Naturschutzgebiete oder spezielle Sehenswürdigkeiten, die meistens alle so um die 10-20 km weit weg sind (mindestens). Wir wählen daher auch etwas je nach Wetter aus.

    Danke für die schönen Fotos und den Nostalgie-Trip! Liebe Grüsse aus dem Norden Jütlands von Birgit (aka Stella)

  6. Ralf Jöckel sagt

    Die einzige Liste,die geführt wird,ist die Einkaufsliste *g*
    Ansonsten verfahre ich getreu dem Motto: Alles kann-nix muß.
    Seitdem ich die Lektüre von Sean Brummel gelesen habe (Einen Sch… muß ich) erst recht.
    Klar plane auch ich meine „großen“ Urlaube weit vor dem Antritt und habe meist mein Quartier auf der Hallig ein Jahr im voraus bereits reserviert.
    Bei Kurzurlauben (1 oder 2x im Jahr ein langes Wochenende)entscheide ich spontan,wohin es geht,Anregungen nehme ich immer gerne an.
    Der hiesige virtuelle Spaziergang durch Hamburg war wieder ganz nach meinem Geschmack-Danke dafür !
    Für heute habe ich sogar mal was geplant:
    Ich machs wie Max Raabe. ich tu´einfach gar nix-und der perfekte Moment wird gleich verpannt-Zeit für ein Mittags-Schläfchen
    viele Grüße aus Duisburg
    Ralf

  7. Herzlichen Dank, liebe Stefanie,
    für diesen schönen Rundgang im Mündungsbereich der Wandse in die Alster! So erinnere ich mich an interessante „alte Zeiten“ – viele Jahre, in denen ich im Bezirk Wandsbek die Umwelt mit vielen Engagierten verbessern durfte! – Irgendwann, ganz schön lange her, ein kleines Jubiläum dieses Jahr, geht auch so etwas zu Ende.
    https://osmerus.wordpress.com/2015/05/31/geburtstag-in-hamburg/
    Aber … alles geht weiter. 🙂

  8. Ach toll, liebe Stefanie, danke für die Anregung! 1000 Mal vorbeigelaufen, aber auf dem Kirchhof und an der Liebesbuche war ich tatsächlich noch nie.

  9. Sehr schön!
    Freue mich schon auf deine weiteren Hamburger Ausflugsideen. Bereits so einige deiner letzten Hamburgtipps waren mir bisher noch unbekannt (dieser Beitrag, Friederike-Klünder-Weg, Boberger Dünen, Baakenhafen, …). Bitte weiter so, Stefanie!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.