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Holsteinische Elbmarschen – Vorfrühlingsgefühle

Holsteinische Elbmarschen

Als Holsteinische Elbmarschen werden die Landschaften am nördlichen Ufer der Unterelbe bezeichnet. In etwa also das, was zwischen Hamburg und dem Meer liegt und bei Reisenden längst nicht so hoch im Kurs steht wie Hansestadt und Nordsee. Die meisten überspringen die Holsteinischen Elbmarschen. In etwa wie ich aktivitätsmäßig den Vorfrühling überspringe, bzw. im Wesentlichen darauf hoffe, dass er endlich vorbeigeht.

(Nur zur Einordnung: als Vorfrühling bezeichnet man die Frühphase von Mitte Februar bis Ende März. Dann sollte eigentlich mal der Lenz einziehen, doch kann der sogenannte Märzwinter – eine kurze Kältewelle – den Vollfrühling noch weiter herauszögern. Das Schrecklichste: der Märzwinter kann durchaus erst im April einsetzen. ((Menschen aus schneereichen Gegenden können vielleicht nicht nachvollziehen, was daran so schrecklich sein soll. Spannt sich bei ihnen doch ein dunkelblauer Himmel über weiß-glitzernde Berge. Aber für Norddeutsche ist das so nicht. Für Norddeutsche ist der Vorfrühlig eine Zitterpartie. Jedes Jahr wieder.))  

 

Holsteinische Elbmarschen: perfekt für Frühlingsausflüge

 

Andererseits ist der Vorfrühling die Zeit mit dem größten Lichtzuwachs. Jeden Tag wird es spürbar heller. Um die Tagundnachtgleiche (dieses Jahr am 20. März) verlängert sich der norddeutsche Tag innerhalb nur einer einzigen Woche um 30 Minuten (zum Vergleich: in Bozen nur um 23). Und in bestimmten Momenten, bei Windstille und Sonnenschein, fühlt sich das Ganze auch schon gut an. Besonders in schattenlosen Gegenden – wie am Meer. Oder in den Holsteinischen Elbmarschen.

 

Binnenelbe
Haseldorfer Marsch, Seestermühemarsch, Krempermarsch, Wilstermarsch: alle vier Elbmarschen sind einen Tagesausflug wert und nur ein HVV-Ticket entfernt. Weil die Elbmarschen im Gegensatz zur Nordsee aber kein klassischer Sehnsuchtsort sind… und weil man sie im Gegensatz zum Vorfrühling überspringen kann… wird es dort auch nicht so voll wie in beispielsweise Büsum (das jetzt schon aus allen Nähten kracht, wie ich neulich feststellte). Dabei funktionieren die Elbmarschen ganz ähnlich.

 

Vier Holsteinische Elbmarschen im März, April und Mai

 

Abgesehen von der Nordsee selbst findet man an der Unterelbe Vieles, was die Küste so anziehend macht. Deiche, Dünen, Reetdachkaten, Schafe, Leuchttürme, Strände, glitzernde Wellen, sogar Robben, heißt es immer wieder und Scharen von Zugvögeln, Wiesenvögeln, Wildgänsen, Enten und auch Möwen. Die Ausflugsmöglichkeiten reichen locker für die Wochen zwischen Vorfrühling und Badewetter.

 

Ein Platz an der Sonne ist das Wichtigste im norddeutschen Fruehling

 

1. Die Kleinste: Haseldorfer Marsch

 

Die Haseldorfer Marsch erstreckt sich von Wedel bis zur Pinnau (ein Flüsschen, das vermutlich nicht jedem ein Begriff ist. Aber das ist gerade das Tolle. Hier kann man noch mal etwas entdecken!).

 

 

Solange die Bäume noch kein Grün tragen, ist es in den Marschen am Schönsten am Elbufer. Es steht in der Haseldorfer Marsch allerdings weitgehend unter strengem Naturschutz. Man kommt also nicht überall ran an den großen Strom. Eine superschöne Ausnahme ist der Strand an der Hetlinger Schanze, der einst dem dänischen König Christian V als Privatstrand diente.

 

 

Wer gern ausgedehnte Spaziergänge unternimmt, startet im Hafen von Haseldorf (4,5 km) oder in Haseldorf selbst (7,5 km; beides einfache Strecke). Wer´s im Vorfrühling nicht mehr schafft, sondern erst im Vollfrühling, wird ein kleines Amazonien vorfinden. Obwohl die Nordsee noch ein ganzes Stück entfernt ist, wirken Ebbe und Flut deutlich. So werden Strand und Zauberauenwäldchen regelmäßig überschwemmt.

 

 

Mit Kindern empfiehlt sich in Haseldorf das Elbmarschenhaus mit kleiner Ausstellung und großer Außenfläche zum Spielen. Geöffnet ist nur am Wochenende. Meist gilt das auch für die wenigen Einkehrmöglichkeiten.

 

Hetlingen, Haseldorf, Holm

 

Am Sonnabend und Sonntag belebt sich die Haseldorfer Marsch. Aber nicht so sehr wie andere Hamburger Ausflugsziele. Das alte Land etwa ist im Frühling sehr viel voller, obwohl die Obstblüte am Schleswig-Holsteinischen Ufer vielleicht noch schöner ist. Den fast geheimen Garten alter Obstsorten in Haseldorf sollte man jedenfalls nicht verpassen.

 

 

Birdwatcher brauchen ein Fernglas oder gutes Objektiv. Neben den in den Marschen hunderten Wiesenvogelarten und tausenden und tausenden Zugvögeln, gibt es in Haseldorf noch eine Kormorankolonie zu bewundern; kurz hinterm Haseldorfer Hafen, etwa auf halbe Strecke zum Vogelbeobachtungsturm. Und eine  Graureiherkolonie beim Haseldorfer Schloss. Das Schloss ist nicht wirklich ein Schloss, sondern ein Herrenhaus und befindet sich in Privatbesitz. Ein paar Schritte darf man aber in den Park tun. Von einem umlaufenden Deichweg am Rande einer Eichenallee gibts den besten Blick auf die Graureiher.

 

 

Landeinwärts wird die Haseldorfer Marsch vom Geestrand zwischen Uetersen und Holm begrenzt. Dort nehmen Zauneidechsen ihre Sonnenbäder in den Dünen der Holmer Sandberge. Der Rundweg durch das größte Binnendünengebiet Schleswig-Holsteins ist etwa fünf Kilometer lang und besonders schön, wenn die Birken ihre Blätter entrollen. Das geschieht irgendwann zwischen März und April.

 

 

Im Mai beginnt die Hochsaison von Uetersen. Im Rosarium stehen dann die Hochzeitsgesellschaften Schlange vor der Hochzeitsinsel. Dort finden Trauungen im Viertelstundentakt statt und eine Bank im Rosengarten ist noch vergnüglicher als die erste Reihe bei den Modenschauen von Paris. Sehr romantisch wird es im Adeligen Kloster mit verwunschenem Garten, Jungfernfriedhof, Teehaus der Priörin und Klosterkirche.

 

Beste Zeit für Uetersen: Sonnabend- und Sonntagsnachmittag

 

Die Klosterkirche ist nur Sonnabend und Sonntag zwischen 14.00 und 16.00 Uhr zu besichtigen. Ein wenig (aber nur ein wenig) weiter ist das Zeitfenster im Museum Langes Tannen geöffnet. Sind die Türen des ehemaligen Landsitzes der Industriellenfamilie Lange geschlossen, stromert man durch den Park und pausiert im Café Langes Mühle. Mehr Infos gibts hier: Klick.

 

An der Pinnau

 

Vor der Toren Uetersens in Neuendeich spannt sich die älteste Drehbrücke Schleswig-Holsteins über die anfangs erwähnte Pinnau. Sie bildet die Grenze zur Seestermühemarsch, der niedlichsten unter den Elbmarschen.

 

2. Wunderschöne Seestermühemarsch

 

Nirgends schmiegen sich süßere Katen an die Deiche, nirgends blühen die Gärten bunter, nirgends scheinen die Tiere glücklicher und der Frühling lieblicher. Unweit der Infotafel zur Drehbrücke startet ein preisgekrönter kulturhistorischer Wanderweg, den man im Idealfall mit dem Rad ansteuert.

 

 

Als Startpunkt bietet sich der Bahnhof von Elmshorn an. Von dort trudelt man durch Wiesen, Felder und kleine Dörfer zu den touristischen Highlights der Gegend: die kleinste Fähre Deutschlands und die historische Lindenallee des Guts Seestermühe.

 

 

Ein gefüllter Picknickkorb kann in den Elbmarschen nicht schaden, besonders wochentags. Dann findet sich manchmal keine Einkehrmöglichkeit. Alle naselang aber entdeckt man traumschöne Stellen, um die Picknickdecke auszubreiten. Im Anschluss hat man dann gleich Platz im Korb für die guten Sachen der Hofläden und Straßenstände.

 

Fahr-Rad-Paradies Holsteinische Elbmarschen

 

Eine Gemeinsamkeit der vier flunderflachen Elbmarschen ist das prima ausgebaute Radwegnetz, das früher oder später auf den Elberadweg trifft. Damit empfehlen sich die Marschen nicht nur für Tagesausflüge, sondern auch für Radlerkurztrips. Dafür wartet man am besten auf die erste Wärme und das 49-Euro-Ticket im Mai und logiert idealerweise in einer der schönsten Kleinstädte Schleswig-Holsteins: Glückstadt.

 

 

Zugreisende brauchen von Hamburg eine gute Dreiviertelstunde nach Glückstadt. Zum Marktplatz sind es vom Bahnhof nur einige Schritte. Wer bloß für einen entspannten Kleinstadt-Bummel kommt, mag sich vielleicht Dienstag und Donnerstag vormerken. Dann biegen sich die Marktstände unter Obst und Gemüse aus den Nachbargemeinden, die so tolle Namen tragen wie Blomesche Wildnis und Engelbrechtsche Wildnis.

 

Exkurs: Stadtdenkmal Glückstadt

 

Glückstadt wirkt großbürgerlich und maritim zugleich, ist bekannt als Traum des dänischen Königs Christian IV und Hot-Spot der Heringsfischer. Die App »Glückstadt erleben« führt zu den wichtigsten historischen Orten in der Alststadt und am Binnenhafen. Der liegt der Sonne zugewandt, also gerade richtig für outdoor-Fischbrötchen und/ oder einen Drink im Liegestuhl.

 

 

In Glückstadt scheint man endgültig raus aus dem Hamburger Dunstkreis. Nordwestlich wird es spürbar ländlicher und man trifft auch nicht mehr auf so viele Leute, die aussehen, als wären sie gerade von Ottensen aufs Land gezogen. (Was auch daran liegen kann, dass man in der Krempermarsch überhaupt nicht sehr viele Leute trifft).

 

3. Krempermarsch, Krempe, Kremperheide

 

Wer die Krempermarsch zu Fuß entdecken möchte, steuert zwei Bahnstationen an. Vom Bahnhof Kremperheide stolpert man direkt in das fabelhafte Naturschutzgebiet Binnendünen Nordoe mit tollen Wanderwegen und den Deckmannschen Kuhlen, in denen man auch baden kann.

 

 

Zum Essen geht es dann in die zweitkleinste Stadt Schleswig-Holsteins, nach Krempe. Der Ratskeller des vielleicht schönsten norddeutschen Rathauses wird von einem griechischen Restaurant bespielt. An warmen Tagen sitzt man draußen auf dem hübschen Marktplatz und wundert sich, dass man noch nie von Krempe gehört hat. Dabei ist die Geschichte der tiny town illuster und genau wie Glückstadt das Werk eines dänischen Königs; dieses Mal Christian III.

 

Borsfleth, Basfleth, Beidenfleth

 

Auf verschiedenen Rundwegen lassen sich historischer Stadtkern und alte Festungsanlage erwandern. Wer gut zu Fuß ist, nimmt den längsten, den Störwanderweg, durch die Marsch über Borsfleth. Borsfleth ist auch für Radfahrer:innen ein Spitzenetappenziel. Von Glückstadt gestartet, verlässt man den Elberadweg beim Störsperrwerk und erreicht schnell den Miniort, an dem vielleicht der Landgasthof Zum Aukrug mit Biergarten direkt an der Stör geöffnet hat.

 

 

Es lohnt sich, der mäandrierenden Stör weiter über Basfleth nach Beidenfleth zu folgen. Der Marschfluss ist eine echte Schönheit und stellt die Verbindung zur Wilstermarsch dar. Dorthin pendelt Störfähre Else.

 

4. Wilstermarsch – der beste Tiefpunkt

 

Wie alle Fähren ist auch Else (beziehungsweise Beidenfleth) ein klassisches Sonntagsausflugsziel. Dann gibt´s auch Latte Macciato und Feta Hot Dog an der Fährbude. Wochentags herrscht selbst bei Heldenwetter die absolute Ruhe im Karton.

 

Stoerfaehre Else

 

Der bekannteste Spot der Wilstermarsch ist sicherlich Brokdorf. Wobei Kernkraftwerke ja nicht jedermann anziehen. Und das ist vielleicht auch so ein Grund, warum die Gegend nicht überlaufen scheint. Touristisches Higlight ist ein Schild (kein Scherz) in Neuendorf, das die tiefste natürliche Landstelle Deutschlands markiert. Es steht im Ortsteil Sachsenbande (auch kein Scherz) und liegt 3,54 Meter unter Null.

 

Holsteinische Elbmarschen: Zwischen Hamburg und Brunsbüttel

 

Der eigentliche Grund, warum die Wilstermarsch unbedingt auf den Ausflugszettel gehört, ist für mich der Nord-Ostsee-Kanal. Er lässt sich hier an drei Fährstellen überqueren. Die östlichste ist vom Bahnhof in Wilster mit dem Rad in einer Dreiviertelstunde erreicht. Wer mag, kann sich dabei auch gleich das Schild angucken und hat immer noch genügend Luft für eine Stippvisite in Dithmarschen.

Burger Faehrhaus

Die Fähre pendelt von der Wilstermarsch rüber zum Burger Fährhaus, eine meiner Lieblingslocations am Nord-Ostsee-Kanal. Der Luftkurort Burg thront noch 2,5 km entfernt auf der Geestkante und mindestens den Friedhof sollte man mal gesehen haben. Von Burg kann es mit der Bahn zurückgehen.

 

Kudensee

Wer lieber am Kanal bleibt, erreicht westwärts nach acht Kilometern die Fähre bei Kudensee. Die Gemeinde Kudensee liegt in der Wilstermarsch, der namensgebende Kudensee himself allerdings auf Dithmarscher Seite. Er lässt sich auf einer wunderbaren zwölf Kilometer langen Runde umwandern. (Ich komme darauf demächst mal zurück).

 

Mole IV BrunsbuettelVon Kudensee ist es noch einmal eine halbe Stunde nach Brunsbüttel. Streng genommen befindet man sich hier noch an der Elbmündung. Gefühlt ist das aber schon Nordsee. Sie ist auch wirklich nicht mehr weit. Doch das kann man sich für den Sommer vornehmen. Im Frühling ist genauso herrlich mit Fähre und Rad zurück in die Wilstermarsch zu tuckern.

 

Holsteinische Elbmarschen – für schnelle Leserinnen

 

  • Haseldorfer Marsch, Seestermühemarsch, Krempermarsch, Wilstermarsch: alle Holsteinischen Elbmarschen sind an die Bahn angeschlossen und einen Tagesausflug wert.
  • Das beste Fortbewegungsmittel in den Elbmarschen ist das Rad.
  • Falls man nicht in Tagesausflugsnähe lebt, bietet sich Glückstadt für einen Kurztrip an. Dort gibt´s auch alles, was Radfaher:innen brauchen.
  • Die beste Zeit der Elbmarschen beginnt am nächsten strahlenden Sonnentag und dauert bis Ende August, mit Verlängerungsmöglichkeit im September.
  • Wer Landpartie & Landgasthof in einem Atemzug denkt, wird am ehesten am Wochenende glücklich. Wer Einsamkeit sucht, findet sie von Montag bis Freitag.

 

 

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