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Grenzenlos gut: die deutsch-dänische Marsch

„Hilf mir doch mal“, bittet der rüstige Rasenmähermann im blauen Arbeitskombi und deutet auf die schwere Tisch-Bank-Kombination vor dem kleinen Grenzhäuschen. Es steht zwischen dem Rickelsbüller Koog (Deutschland) und dem Margrethen Kog (Dänemark).

Den Rasenmähermann haben wir angesprochen, weil uns nicht klar war, ob wir wirklich, wirklich quer durch das Naturschutzgebiet fahren dürfen. Für uns sieht es eher so aus, als hätte ein Ranger das Tor versehentlich offen gelassen.

 

Rickelsbüller Koog (Deutschland)

Rickelsbüller Koog (Deutschland)

 

„Leute wir ihr fragen das oft“, lacht der Rasenmäher, der sich jetzt als ehemaliger Bürgermeister der nächstgelegenen dänischen Gemeinde zu erkennen gibt. Was er mit „Leute wie ihr“ meint, lässt er offen. Aber seine Erlaubnis zur Weiterfahrt erhalten wir.

Doch erst muss das unhandliche Tisch-Bank-Teil weg, damit der Rasen am kleinen Grenzhäuschen ordentlich gemäht werden kann. Der deutsche und der dänische. Da macht unser Bürgermeister keine Unterschiede. Wie auch überhaupt kaum Unterschiede auszumachen sind in der Marsch von Nordschleswig (Dänemark) und Südtondern (Deutschland).

 

Margrethe Kog (Dänemark)

Margrethe Kog (Dänemark)

 

Wer hier unterwegs ist, wechselt ständig von einem Land ins andere, ohne es zu bemerken. Mit ihrer wechselhaften Geschichte ist die Region ein Paradebeispiel für die Beliebigkeit von Grenzen. Mal war die Gegend dänisch, mal deutsch. Die letzte Grenzziehung erfolgte aufgrund eines Referendums in den 1920er Jahren.

 

Dazwischen die Grenze

Dazwischen die Grenze

 

Während sich Kopenhagen und Berlin nach dem 2ten Weltkrieg eher zögerlich annäherten, waren die Menschen an der Grenze schnell wieder beieinander. Man hat immerhin Vorfahren auf der „anderen“ Seite, Familie oder Freunde. Und wirtschaftlich hat es auch noch nie Sinn gemacht, auf die Politik zu warten. Kopenhagen und Berlin sind weit, weit weg.

 

Die grüne Grenze

Die grüne Grenze

 

Zu seiner Zeit, erzählt uns der Bürgermeister, sei das Grenzhäuschen noch bemannt gewesen. „Stellt Euch mal vor, da saß einer den ganzen Tag rum.“ Er lacht. „Das waren ganz andere Zeiten. Wir mussten uns damals mindestens 36 Stunden in Deutschland aufhalten, um 6 Bier einführen zu dürfen. Heute dürfen wir 10 Liter Alkohol pro Tag und Person kaufen.“

 

Der nördlichste Punkt des deutschen Festlandes

Der nördlichste Punkt des deutschen Festlandes

 

Ein paar Kilometer östlich in Aventoft bekommt man leicht den Eindruck, dass die Dänen sich ins Zeug legen, um die tägliche Menge auszuschöpfen. Das deutsche Minidorf besteht aus Friesenhäuschen und 5 dänischen Supermärkten (einen deutschen Laden gibt es nicht). Angeboten wird das volle Sortiment dänischer Waren, ausgepreist in dänischen Kronen. Aber besteuert mit deutschen Sätzen: 7% auf Lebensmittel statt 25%. Lohnt sich natürlich. Das Personal spricht genauso selbstverständlich dänisch wie die Dänen beinahe alle perfekt deutsch sprechen.

 

Das Grenzland ist schwer im Kommen. Man siehts an den aufghübschten Ferienhäuschen.

Das Grenzland ist schwer im Kommen. Man siehts an den aufghübschten Ferienhäuschen.

 

(Persönliche Beobachtung: Die Dänen sprechen ein Deutsch wie es in meiner schleswig-holsteinischen Heimat gesprochen wird. In Hamburg aber nicht. Mitgefühl etwa wird mit den Worten „Das ist Sünde ist das“ ausgedrückt. Interpunktion unbekannt. Wortwahl und Satzbau findet man so nur nördlich von Kiel.)

 

Die Vida wird fälschlicherweise oft als Grenzfluss bezeichnet

Die Vida wird fälschlicherweise oft als Grenzfluss bezeichnet

 

Über Jahrhunderte haben Dänen, Deutsche und Friesen am Wattenmeer miteinander gelebt. Das Land ist ihr gemeinsames. Sie haben es des Nordsee abgetrotzt. Die ehemalige Halligenlandschaft über Jahrhunderte immer wieder eingedeicht. So sind die typischen Kooge entstanden. Wo früher Wasser war, ist heute fruchtbares Land. Für die Entwässerung sorgen Schöpfwerke, Kanäle, Schleusen.

 

Die Marsch. Unendliche Salzwiesen.

Die Marsch. Unendliche Salzwiesen.

 

Der größte gemeinsame Nenner ist die Natur. Sie braucht den dänischen Schutz genau wie den deutschen. In den Koogen wird sie bewusst in Ruhe gelassen. In der Kernzone darf niemand über den Deich. Außer die Tiere. Unendlich viele Vogelarten rasten hier auf ihren Zügen. Viele überwintern auch. So ist die Population im Januar sogar größer als im Juni. Denn die Vögel finden in den Koogen etwas, das selten geworden ist: Vollkommene Ruhe.

 

Die Grenze dient heute nur noch als Schutz für die Tiere

Die Grenze dient heute nur noch als Schutz für die Tiere

 

Die Hauptsaison der Marsch ist der Herbst. Dann tanzen die Stare in gewaltigen Schwärmen über den Himmel. Bis zu 250.000 Vögel agieren dabei wie ein einziger Organismus.  „Sort Sol“ (schwarze Sonne) wird das Naturschauspiel genannt. Wo und wann die Stare auftauchen, ist nicht zu sagen. Eine fachkundige Führung erhöht die Wahrscheinlichkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

 

Nicht schlecht: Hochsommer ohne Touristen

Nicht schlecht: Hochsommer ohne Touristen

 

Abgesehen davon zieht es nicht viele Touristen an den deutsch-dänischen Deich. Zu groß ist die Strahlkraft der vorgelagerten Inseln Sylt und Rømø mit ihren unendlichen Stränden. Man hat sie vom Festland aus die gesamte Zeit im Blick. Sieht die Fähre von List nach Havneby ziehen.

 

Kaum zu glauben: Auf der anderen Seite des Wattenmeers liegt Kampen.

Kaum zu glauben: Auf der anderen Seite des Wattenmeers liegt Kampen.

 

Ich habe selbst schon etliche Male von Sylt nach Dänemark geschaut und gedacht, dass mich so ungefähr gar nichts rüberzieht. Mir kam das Festland aus der Ferne ganz trostlos vor. Aber auf Sylt bin ich immer nur im Herbst und Winter. Jetzt – im Hochsommer – wünsche ich mich nicht auf die Insel. Jetzt bin ich lieber hier.

 

Das Wattenmeer ist einzigartig auf der Welt

Das Wattenmeer ist einzigartig auf der Welt

 

Jetzt genieße ich die Abgeschiedenheit des Festlandes. Die Landschaft ist von unaufgeregter Schönheit. Still. Es ist eine Gegend zum Denken. Die kleinen Küstengemeinden mit den prunkvollen Kirchen sind typisch dänsich. Gleichzeitig stößt man immer wieder auf Zeugnisse einer deutschen Vergangenheit. Inschriften auf Grabsteinen, an Häuserfassaden oder in Kirchen. Natürlich haben sich mit den Jahren auch Unterschiede herausgeprägt.

 

So sieht es bei Ebbe gegenüber von List aus

So sieht es bei Ebbe gegenüber von List aus

 

Es gibt Dinge, die uns leicht vorkommen – den Dänen aber unmöglich erscheinen. Beispielsweise: Vernünftige Dosenöffner herstellen.

Früher gehörten zu einem Dänemark-Urlaub Schnittverletzungen durch das kleine, sinnlose Metallding, das man in jedem Ferienhaus vorfindet, dazu.

Mittlerweile haben die Dänen allerdings Fähigkeiten entwickelt, die Deutschen unmöglich erscheinen. Nämlich: Ein vernünftiges WLAN-Netz bereitstellen.

So kann man heute jederzeit im Übungsvideo lernen, wie das denn nun eigentlich funktioniert mit dem dänischen Dosenöffner. Das nenne ich einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung.

 

Wind auf den Wegen

Wind auf den Wegen

 

So ist das eben. Irgendwas kann ja jeder. Und irgendwas kann jeder nicht. Wir zum Beispiel können uns keine schönere Himmelsrichtung vorstellen als den Norden. Und seine grenzenlose Weite.

21 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,

    ein sehr schöner Bericht von einer Landschaft, die uns ebenfalls total in den Bann gezogen hat. Die Grenzregion ist so schön, da könnte ich mir vorstellen zu wohnen. Wie oft haben wir schon Leute in ihren Garten sitzen sehen,mit einem Gläschen Wein in der Hand und den Blick auf die unendliche Weite gerichtet. Eine Weite, die aufgrund der Grenze wohl auch niemals verbaut werden wird. Ach ja Rømø, auf die Insel bin ich auch schon so gespannt.

    Liebe Grüße und viel Spaß weiterhin auf eurer Tour,
    Claudia

    • Vielen Dank – wir sind aber schon wieder zuhause. Es waren nur 4 Tage. Die allerdings fühlen sich an wie 10. Herrlich war das. Würde am liebsten sofort wieder hin. Liebe Grüße, Stefanie

  2. Ja, so ist das mit der Marsch und dem Koog – der Nordsee abgerungen. Wenn ich bei mir im Garten buddle, stoße ich nach bummeligen 50 cm auf Muscheln. Liebe Grüsse aus dem Wesselburenerkoog 🙂 Ulrike

  3. Juliane Jantosch sagt

    Kein Baum, kein Strauch – und trotzdem sooooo schön!
    Was für unaufgeregte aber tolle Erlebnisse in nächster Nähe.

    • Du meinst die Färöer, oder? Das kann ich total verstehen. Daneben denke ich aber auch, dass Massentierhaltung nicht weniger grausam ist. Das ist ein schweres Thema. Kann jeder nur mit sich selbst abmachen. Und darüber nachzudenken, scheint mir der erste Schritt zu sein. Darum: Danke für den Einwand! Und liebe Grüße, Stefanie

  4. Herrlich. Und so entspannt, wenn man schon Stunden vorher sehen kann, wer zum Kaffee kommt. Zum Kuchenbacken bleibt reichlich Zeit, und nicht mal einen Dosenöffner braucht man dazu. Habt ihr eigentlich schon mal daran gedacht, eure wunderbaren Reisegeschichten zu einem Büchlein zu verarbeiten?

    • Mensch, Maren, da fühle ich mich aber sehr geschmeichelt. Vielen Dank. (Dran gedacht haben wir zwar noch nie. Aber wer weiß…)

  5. Erika Stumm sagt

    Super, die Idee mit dem Buch-ich bin sicher, das kann nur erfolgreich sein/werden -so schöne Berichte/Bilder müssen einfach gefallen.Groß aus Osterby

  6. Ja, sehr schöne Landschaft! Doch die Grenze endet im Digitalen, da kam ständig die Meldung, dass ich nun in Dänemark bin, dabei war ich noch ne Ecke weg von der Grenze

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