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Museum Kunst der Westküste: Das Meer zwischen Bergen und Bergen

Wer auf eine Insel reist, will Meer. Wer auf eine nordfriesische Insel reist, will zudem Wetter. Will Sonne. Regen. Wind. Nebel. Niesel. Graupelschauer. Kaum eine Witterung kann Liebhaber der Nordsee von ihren ewig langen Spaziergängen abhalten.

Nur manchmal, wenn ein Orkan über das Wattenmeer braust, wenn die Wogen hochgehen und Sandkörner zu Geschossen werden, muss man sich eben doch geschlagen geben. Und das Meer sich selbst überlassen – ein Sturmlied lang.

 

 

Auf Amrum oder Sylt geht man dann fein essen oder zieht sich in sein Friesenhäuschen zurück. Auf Föhr hält man sich an die Kunst. Denn auf Föhr heißt es: Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur schlechte Museen.

 

Das Museum Kunst der Westküste

 

Obwohl wir Hamburger sind, mögen wir der Sache mit der schönsten Stadt der Welt nie so ganz zustimmen. Wir finden, Hamburg könnte vielleicht die schönste Stadt Norddeutschlands sein – wenn die Hansestädter ein bisschen mehr für die schönen Künste locker machen würden.

Aber so wie die Dinge liegen, ist der schönste Ort des Nordens Alkersum auf Föhr mit seinem ausgezeichneten Museum Kunst der Westküste.

 

Museum Kunst der Westkueste

 

Volkos erster Satz, als wir vom Foyer in den romantischen Innenhof schauen: Hier siehts aus wie in Lousiana (gemeint ist das Kunstmuseum Lousiana in Humblebæk – und ein höheres Lob hat Volko nicht zu vergeben.)

 

Der Alkersum-Effekt

 

Grethjens Gasthof

Im Grunde ist es natürlich seltsam, ein Kunstmuseum in einer 400-Seelen-Gemeinde zu eröffnen. Noch dazu auf einer Insel, die ausschließlich über den Seeweg zu erreichen ist. Aber Kunst hat in Alkersum Tradition.

Das war schon zu Margarethe „Grethjen“ Hansens Zeiten so. Bereits um die Jahrhundertwende trafen sich in ihrem Gasthof Insulaner und Künstler wie der Berliner Secessionsmaler Otto H. Engel

An diese Tradition knüpft das Team des Museum Kunst der Westküste seit einigen Jahren erfolgreich an. Grethjen zu Ehren wird die Musuemsgastronomie unter dem Namen Grethjens Gasthof betrieben. Sie ist das Herzstück des anspruchsvollen Gebäude-Ensembles. Die Besucherzahlen sind prima. Inzwischen kommen immer mehr Gäste extra für den Museumsbesuch auf die Insel (was eine sehr, sehr gute Idee ist).

Und dass auch die Föhrer das Haus als „ihr Museum“ angenommen haben, freut Direktorin Prof. Dr. Ulrike Wolf-Thomsen besonders.

 

 

Überhaupt kommt Ulrike Wolf-Thomsen ziemlich vergnügt daher, während sie uns durch die drei aktuellen Ausstellungen führt. Scheint kein schlechter Job zu sein, so ein Museum zu leiten.

Man ist den ganzen Tag von prächtigen Dingen umgeben. Und wenn einen irgendwo im Rest der Welt etwas schwer beeindruckt, holt man es sich einfach ins Haus. So geschehen mit den großformatigen Werken des Fotografen Denis Rouvre.

 

Low Tide

Achtung Hamburger: 2016 beehrt uns das MKdW mit der Art-Space-Show „Low Tide“ in der Staatsoper

Low Tide – Japan nach dem Tsunami

 

Die Idee zur Ausstellung Low Tide entwickelte Ulrike Wolf-Thomsen, als sie in einer Berliner Buchhandlung auf den Bildband des Fotografen Denis Rouvre stieß. Im Museum Kunst der Westküste wird die mit dem World Press Photo Award ausgezeichnete Serie erstmalig in Deutschland gezeigt.

„Das Meer bedeckt nun den Ort an dem ich lebte“

Es ist schon ein spezielles Gefühl ausgerechnet auf einer Insel in die Gesichter der Menschen zu blicken, deren Leben, Träume, Ziele durch den Tsunami zerstört wurden. Da kommt man ins Denken. Ins Mitfühlen. Und erkennt die Zerbrechlichkeit des Lebens am Meer.

Das passt zum Hauptanliegen des Museum Kunst der Westküste: Die (künstlerische) Auseinandersetzung mit dem Meer; mit seiner Schönheit aber auch Urgewalt.

Das Meer im Museum Kunst der Westküste

 

MKdW Alkersum

 

Zufällig trifft uns das Museum Kunst der Westküste mitten ins Herz. Oder wo immer der Sinn für Kunst auch liegt.

Die Gemäldesammlung folgt der nordischen Westküste von Bergen in Norwegen bis Bergen in den Niederlanden. Speziell dem Zeitraum von 1830 bis 1930 fühlt sich das Haus verpflichtet. Was nicht heißt, dass zeitgenössische Positionen zu kurz kämen.

Ulrike Wolf-Thomsen, schätzt die Irritationen, die manches moderne Werk auslöst. Ein Tisch als Meer, eine nackte Glühbirne als Sonne. Ja, ist das denn wirklich Kunst – oder vielleicht noch gar nicht fertig? Sie lacht.

Die Leute kommen ins Gespräch, erzählt sie, über kaum etwas wird so viel diskutiert wie über Volker Thiemanns Werke. Das ist doch gut.

Ist wirklich gut. Genau wie die gesamte Ausstellung „Das Meer“, in der man jede Menge alte Bekannte trifft.

Namedropping gefällig? Johan Christian Dahl, Max Beckmann, Peder Severin Krøyer und Michael Ancher, Otto Heinrich Engel, Emil Nolde. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

MKdW

 

Zu den bekannten Namen gesellen sich vertraute Motive. Morsum, Kampen, Föhr, Helgoland und natürlich die Skagen-Maler. Hier in Beziehung zu den Niederländern gesetzt. Als Ulrike Wolf-Thomsen uns auf den Unterschied in der Farbgebung aufmerksam macht, wird mir mal wieder so klar, warum ich den Norden liebe. Es ist das Licht. Seine Klarheit.

 

dasMeer

Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit (Thomas Mann)

 

Wie das Museum Kunst der Westküste auf die Insel kam

 

Ausgangspunkt ist die Gemäldesammlung des Musuemsstifters Prof. h.c. Frederik Paulsen, dessen Großeltern von Föhr stammen. Die Geschichte ist wirklich wahr, auch wenn sie wie der Plot eines Hollwood-Blockbusters klingt.

 

Große Woge von Volker Tiemann

Große Woge von Volker Tiemann

 

In den 1920er Jahren verließen die Eheleute Paulsen aus Alkersum die Insel Föhr, um ihren Kindern in Kiel eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Der jüngste Sohn, Frederik, wurde während seines Medizinstudiums aus politischen Gründen von den Nazis 18 Monate ins Gefängnis gesteckt.

Um dem KZ zu entgehen, emigrierte er nach Entlassung in die Schweiz, gründete später in Schweden das Pharmaunternehmen Ferring (abgeleitet von Föhr) und kehrte später – als Mann mit gewaltigem Vermögen – immer wieder nach Alkersum zurück; wo er Ende der 90er auch verstarb.

Genau wie Paulsen senior engagiert sich auch sein Sohn, Frederik Paulsen junior, für die Erhaltung der nordfriesischen Sprache und Kultur. 2009 gründete er das Museum Kunst der Westküste. Dass es sich bei dem gesamten Gebäude-Ensemble um Neubauten handelt, hält man kaum für möglich. (Das liegt auch daran, dass man einen mordsmäßigen Aufwand betrieb, um die Linden im Innenhof nicht zu beschädigen. So wirkt der romantische Garten von Grethjens hundert Jahre alt.)

 

Nan Hoover

Noch bis 10. Januar zu sehen: Die Arbeiten der Videopionierin Nan Hoover

 

Ganz offensichtlich ist Paulsen die Verbundenheit zu Föhr wichtiger als Laufkundschaft. Er hätte es auf dem Festland sicher leichter gehabt. Aber sie kommen ja auch so. Die Besucher. Die Ministerpräsidenten und Königinnen (von Dänmark und Buthan). Am wichtigsten aber: die Föhrer selbst (wie etwa Friede Springer, die ja auch von Föhr stammt und zu den Unterstützern des Museums gehört.)

Der spannendste Raum innerhalb der sechs Saalbauten – der Blau-Raum – ist übrigens ganz den Kindern vorbehalten. So gehört sich das in einem guten Museum. Und das Museum Kunst der Westküste ist wirklich ein extrem gutes Museum. Unserer Meinung nach das Beste in Norddeutschland.

 

Blau Raum

 

PS.: Die hier gezeigten Ausstellungen laufen noch bis zum 10. Januar 2016.

Danach geht das Museum in die Winterpause, um am 28. Febrar 2016 mit 4 Knallern (u.a. Liebermann) in die neue Saison zu starten.

Also, nix wie hin ins Museum Kunst der Westküste.

12 Kommentare

  1. Na, du verstehst es aber wirklich, einem den Mund wässrig zu machen, Stefanie! Da fange ich doch tatsächlich an zu überlegen, wie ich es vor dem 10. Januar noch auf die Insel schaffen könnte… Herzlichen Dank – für die tollen Bilder und das herrliche Video natürlich auch!

  2. Vielen Dank, Maren. Falls Du es dieses Jahr nicht mehr schaffst: die Ausstellungen der nächsten Saison klingen auch großartig. U.a. „Max Liebermann und Zeitgenossen“, „Empty Rooms – die Schönheit der Leere“ und Calogero Cammalleris Lipadusa: http://www.fabrica.it/projects/lipadusa/. Beginnt alles am 28. Februar. Liebe Grüße, Stefanie

  3. Anita Henniss sagt

    Liebe Stefani,
    Du schreibst so wunderbare Geschichten ich lese sie mit Begeisterung, doch sind sie soweit weg von uns, ob ich es jemals schaffe die tollen Plätze die du beschreibst zu besuchen, mal sehen.

    Herzliche Grüße aus dem Schwarzwald

  4. Danke, liebe Anita. Vielleicht legt Du Dir irgendwann eine dicke Strickjacke (gegen den Wind) zu und kommst auf einen Urlaub in den Norden. Grüße von hier, Stefanie

  5. Moin Stefanie,
    ein sehr schöner Artikel mit vielen interessanten Details, wieder mal was dazu gelernt.
    Ich habe die Ausstellung „Das Meer“ im November besucht, war ebenfalls begeistert.
    Freu‘ mich schon auf Eure nächsten Berichte, kannst Du schon verraten was dann anstehen wird?
    Schönen Gruß
    Helmut

  6. Moin Helmut,

    wir werden das Jahr traditionell mit einem Sylt-Urlaub starten. (Hat mich übrigens gewundert, dass es keine direkte Verbindung von Sylt nach Föhr gibt. Liegt wahrscheinlich am Watt, was?). Liebe Grüße nach Nordfriesland, Stefanie

  7. Ganz nach meinem Geschmack Stefanie! Erinnert mich (auch optisch) ein wenig an die Villa Mondriaan im benachbarten Winterswijk (NL): Gelegen in der Disapora, aber trotzdem gut besucht, da die Ausstellungen überzeugen. Ich mag übrigens die Langzeitbelichtung mit den Füßen : ) Habt ein tolles Wochenende!
    Jutta.

  8. An Deinen Mondriaan-Bericht erinnere ich mich noch gut. Scheint auch ein ganz tolles Haus zu sein. Liebe Grüße nach Island(?) oder Zuhause, Stefanie

  9. Ja, ja! Ein großartiges Museum. Ich war diesen Sommer dort und sehr beeindruckt vom Ganzen wie von den aktuellen Ausstellungen. Lohnt sich sicher immer!

    • Wie ich mich freue, das zu lesen! Überhaupt ist die Erinnerung an Föhr ein Grund sich nicht vor dem Ende des Sommers zu fürchten. Wir haben die Nachsaison dort total genossen. Und das Museum ist sowieso großartig. Liebe Grüße, Stefanie

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