Binnenland, Norddeutschland, Schleswig-Holstein
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Der Moment ist das Ziel: Gartenrouten in Schleswig-Holstein

Als wir neulich aufs Land gefahren sind, war das Wetter nicht berauschend. Da man gewisse Dinge bekanntlich nicht ändern kann sondern nur die eigene Einstellung zu den Dingen, erklärten wir den Regen zum Konzept und nahmen die Sache quite british. Ausgerüstet mit Gummistiefeln, Regenschirm und Wachs-Jacke. (Jedenfalls ich).

Der Weg zu unserem Landhotel verlief nämlich für einige Kilometer auf einer „Gartenroute zwischen den Meeren“. Und Blumengucken ist ja etwas sehr, sehr Englisches.

 

Venusberg

 

Die Gartenrouten zwischen den Meeren

 

Auf zehn regionaltypischen Routen stellt die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein die Gartenkultur zwischen Nord- und Ostsee vor. Sie tragen so nette Namen wie „Flanieren und Philosophieren in lieblicher Seenlandschaft“ oder „Aus blauer Blüte grüne Kunst.“

Die Gartenroute Nummer 4 verläuft durch den Kreis Pinneberg. 105 km lang und als Fahrradroute konzipiert erzählt sie „Von Baumschulbaronen und Pflanzenjägern“.

Pinneberg ist eben nicht nur der Kreis, dessen Nummerschild nicht genannt werden darf. Sondern auch Europas größtes zusammenhängendes Baumschulgebiet.

Wir hatten uns zwei Stationen ausgeguckt, die auch mit dem Auto angefahren werden können.  Die erste erreichten wir etwa 20 Minuten nach unserer Abreise in Hamburg:

Das Arboretum in Ellerhoop

 

insGruene

 

„Endlich mal jemand aus Hamburg“, rief die Dame im Kassenhäuschen, nachdem wir unsere Postleitzahl genannt hatten.

Sie hätte auch rufen können: „Endlich mal überhaupt jemand.“

Denn das Aboretum in Ellerhop war nicht gerade überlaufen.

Und auch wir waren mit der Vorstellung gekommen, uns ein bisschen bemühen zu müssen, um der Sache etwas abzugewinnen. Wir sind keine Gärtner. Also, ehrlich gesagt, haben wir nicht einmal Zimmerpflanzen.

Auf den ersten hundert Metern fühlten wir uns dann auch wie im Park ums Eck. (Der allerdings nicht 9 Euro Eintritt kostet). Wir sagten unprofessionelle Dinge wie „oh, wie hübsch“ oder „ah, wie interessant“.

Und dann passierte etwas.

 

Lotusteich

 

Das war, als wir nicht mehr zwanghaft zusammenliefen. Sondern jeder so seiner Wege ging. Wie bei einem Mandala, das man von außen nach innen ausmalt, kamen wir – das kann man gar nicht anders sagen – zu unserem Mittelpunkt. Also runter. Und zwar schlagartig. Dabei waren wir eben noch auf St. Pauli gewesen.

 

 

Es hat etwas unglaublich Beruhigendes, sich auf das vermeintlich Unspektakuläre zu konzentrieren. Die kleinen Dinge haben ihre ganz eigene Sensation.

„Ich würde gerne irgend etwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“ (Ikkyū Sōjun, Zen-Meister)

 

Arboretum Ellerhop

 

Das Aboretum Ellerhoop ist voller Geräusche, so leise, dass man sie im Alltag überhört. Getränkt von Duftschleiern. Flüchtigen Erinnerungen. Besonderen Augenblicken im allerwörtlichsten Sinn.

 

Spiegelung

 

Und so schlenderten wir weiter: Roter Garten. Blauer Garten. Bauerngarten. Duftgarten. Bambusgarten. Blindengarten. Gewaltiger (gewaltiger) Hortensiengarten. Rosengarten. Gelber Garten. Japanischer Garten. Weißer Garten. Und zu Volkos allergrößter Freude gibt es im Aboretum sogar einen NDR-Fernsehgarten. Er machte allerdings gerade Sommerpause.

 

Japanischer Garten

 

Aber eine Busladung NDR-Fernsehgarten-Zielpublikum ist dann doch noch gekommen. Kurz bevor wir den Ausgang wieder erreichten.

In welchem Affenzahn sie in kleinen Grüppchen und auf bequemen Sohlen durch die Anlage fegten!

 

NDR-Fernsehgarten

 

Wofür wir 2 Stunden gebraucht hatten, erledigten sie in einem Achtel der Zeit. Denn sie wollten möglichst schnell ins Café, wie wir aufschnappten.

Vielleicht hatten sie schon bessere Gärten gesehen?! Vielleicht ist das Aboretum in Ellerhoop für Connaisseure nichts Besonderes?!

Ich habe da keine Vergleichsmöglichkeiten und kann nur sagen: Uns hat es richtig gut gefallen. Und gut getan.

 

Ellerhoop

 

Das Café übrigens ist das Einzige, was wir im Aboretum Ellerhoop nicht so toll fanden. Es ist dunkel und ausgestattet mit diesen massiven, grüngepolsterten Holzstühlen, wie man sie in Kirchengemeinden und Tagesbegegnungstätten vermutet.

Und sowieso waren wir ja englisch unterwegs. Wollen also keinen Kaffee sondern Tea.

Und den gibt es stilecht nur ein paar Kilometer und unendliche Rosenfelder weiter nördlich.

 

Rosenfeld

 

Das Schlossgefängnis in Barmstedt

 

Das Schlossgefängnis von Barmstedt befindet sich auf der kleinen Schlossinsel im Rantzauer See. Gegründet auf den Resten einer mittelalterlichen Befestigungsanalge stammt das heutige Gebäudeensemble aus dem 19. Jahrhundert und steht komplett unter Denkmalschutz.

 

 

Das Café Schlossgefängnis liegt gleich hinter der kleinen, alten Brücke. Die Kunst des Afternoon-Tea hat die Betreiberin aus ihrer vorherigen Wirkungsstätte, dem Dorchester in London, mitgebracht.

Für 19,50 gibts zum Tee das volle Pipapo: Scones, Marmelade, Clotted Cream, Törtchen, Gurken- und Lachssandwiches. Also in etwa das, was ein sehr, sehr, sehr hungriger Mensch als Hauptmahlzeit verspeisen könnte.

Der Kirsch-Mandel-Schoko-Kuchen und die Schwedische Mandeltorte sind aber auch nicht schlecht. Wer will, kann übrigens in einer Zelle essen. Oder draußen am Wasser. Das Schlossgefängnis gehört zu den absurd wenigen Cafés in Schleswig-Holstein, deren Außenplätze mit einem Sonnensegel vor Regen geschützt sind. Sehr gute Sache das.

 

 

Fürs Gewissen (oder zum Vergnügen) bietet sich anschließend ein Spaziergang um den See an. Länger als 20 Minuten dauert der allerdings nicht.

 

Rantzauer See

 

Falls alle Stationen auf den Gartenrouten so zeitintensiv sind, wie die beiden, die wir gesehen haben, bräuchte man für die Route Nummer 4 wohl gut grei Tage.

Für eine Übernachtung wäre man nach dem Besuch der Schlossinsel gut in der Bokel-Mühle aufgeboben. Aber das sagte ich ja schon.

Als Tagesausflug könnte man es natürlich auch andersherum angehen. Mit einem Brunch in der Bokel-Mühle beginnen und sich dann rückwärts treiben lassen.

Treiben lassen. Toller Begriff, finde ich.

 

Blick aus der Suite

12 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,

    *freu* – endlich kenne ich auch mal was und das schon von mehrmaligen Besuchen!
    Arboretum und Schlossinsel….das muss ich mindestens 1-2*/Jahr haben.
    Seit ich leider keinen Garten mehr habe, ist das Arboretum mein Gartenersatz. 🙂

    http://deichrunnerskueche.de/2010/06/ausflug-ins-arboretum.html
    http://deichrunnerskueche.de/2010/07/flucht-aus-dem-tropenhaus-und-rein-ins-gefaengnis.html

    Aber eure Fotos sind 100mal schön! Profis eben. 🙂
    Verrätst du mir, wie du diese Art Collagen machst, die du im heutigen Beitrag hast?

    Liebe Grüße
    Eva

    • Hallo Eva,

      das Witzige ist, ich wußte, dass Du schon da warst. Hat mir nämlich meine Mutter erzählt, weil sie das letztens bei Dir entdeckt hat. 🙂

      Die Galerie kann ich ganz einfach über das Jetpack-Plug-in basteln.
      Was passiert denn bei Dir, wenn Du auf „Erstelle eine Galerie“ in der Mediathek gehst?
      Oder bist Du gar nicht bei WordPress?

      Und jetzt gehe ich mal Deine Berichte anschauen!

      Bis gleich bei Dir,
      Stefanie

  2. Ach witzig, gerade vorhin erst bin ich am Arboretum vorbeigekommen. Ich finde es immer wieder richtig schön dort (bis auf das Café, da stimme ich dir zu). Das Rosenfeld-Foto ist ganz große Klasse!

  3. Liebe Stefanie,
    Gartenrouten in Schleswig Holstein – warum kenne ich die gar nicht?
    Als „Nicht-Gärtner“ hast Du einen tollen Blick für’s Detail und hast die Blüten superschön in Scene gesetzt. Und clevere Idee, die Pflanzenbildern nach Farben zu benennen 🙂 . Der kleine, strubbelige „braune“ Geselle ist (glaube ich) ein junges Rotkehlchen, das Rosenfeld ist der Knaller. Wunderschöner Bericht und ich werde mich wohl „zeitnah“ auf eine der Gartenrouten begeben.
    Schöne Woche Dir, Ulrike

  4. Hallo Ulrike,

    dass Du die Gartenroute nicht kennst, könnte daran liegen, dass die Seite nicht in irgendwelchen sozialen Medien stattfindet. Ich bin auch nur zufällig darüber gestolpert. Die Präsenz dient offenbar eher zur „Faltblattbestellung“ (steht da wirklich so) :-).

    In unserem Hotel haben wir übrigens gehört, dass die Gartenrouten zunehmend Dänen nach Schleswig-Holstein locken.

    Danke für die Info mit dem Rotkelchen. Deswegen ist das also so süß. Der Nicht-Gärtner mit dem Blick für´s Detail war übrigens Volko und nicht. Schönen Gruß (Danke fürs Kompliment) von ihm und mir – und einen schönen Tag, Stefanie.

  5. Meine Güte, warum hast du hier denn keinen „Drucken“-Button oder bin ich blind? Gärten sind mein Ding (nur japanische Gärten nicht, die wirken immer so abgezirkelt): Je wilder und wuschiger, desto lieber. Aber bitte nicht zu bunt. In Wahrheit bin ich schon mit allen Schattierungen von Grün zufrieden, ein wenig Weiß eingesprenkelt, pastelliges Blau und ein ganz klein wenig Rosa. Und da fällt mir ein, dass ich dir eine Antwort zum letzten Blogpost schuldig geblieben bin: „Das Haus am See“, alternativ „Das Haus am Meer“. Von mir selbst geschrieben, nicht auf Papier, nur in Gedanken. Ich träume von einem klitzekleinen Häuschen mit Blick aufs Wasser : ) Sonnige Grüße, Jutta

    • Hach, ja, so ein winziges Häuschen mit Blick auf´s Wasser! Schade, dass Du den Roman nur in Gedanken schreiben wirst. Ich hätte ihn sonst gern gelesen.

      Du, das mit dem Drucken meinst Du ernst, was? (Ich habe nämlich gerade mal bei Dir vorbeigeschaut, weil ich nicht wusste, ob das nur ein Spaß sein sollte. Aber Du hast so etwas tatsächlich. Es gibt ja so Vieles, von dem ich keine Ahnung habe.)

      Schönen Abend, Stefanie

      • Hallo Stefanie, JAAAA! Ich finde die Druckfunktion super praktisch. Wenn ich etwas Schönes entdecke, brauche ich einen Ausdruck für meine große „Ideen-Kiste“. Eine Notiz mit Adresse reicht mir da nicht. Ich möchte die Geschichte, die Fotos, das, woran ich hängengeblieben bin. Deinen Bericht mitsamt der Bilder habe ich mir herauskopiert. Hoffentlich schimpfst du jetzt nicht : ) Gute Nacht! Jutta

        • Nein, nein. Ich bin natürlich geehrt. (Ich weiß, dass meine Tante das auch schon mal gemacht hat. Aber das war eben meine Tante :). Danke für den Tipp. Ich mach mich mal auf die Suche nach dem Button. Schlaf gut, Stefanie

  6. Hallo! Ein sehr schöner Artikel und die Bilder sind toll =) Die Gartenrouten in Schleswig Holstein kannte ich vorher nicht, aber es scheint mir perfekt für eine Kurzreise, da ich dieses Jahr bereits einen Urlaub im Schenna Hotel gemacht habe. Also vielen Dank für diesen Artikel und liebe Grüße =)

  7. Pingback: Hoteltipp: Die Bokel-Mühle am See

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